Templer-Narcos

25.07.2011

Im mexikanischen Bundesstaat Michoacán beansprucht ein neues Kartell offen die Rolle einer Ordnungsmacht

Der Templerorden war ein Kreuzritterorden, der 1312 aufgelöst wurde. Im 19. Jahrhundert gründete sich im Zuge der Mittelalterromantik ein neuer Templerorden, der von Napoleon III. die Genehmigung zum Verwenden der alten Symbole bekam. Das als Verein eingetragene "Großpriorat Deutschland" dieses "Ordo Supremus Militaris Templi Hierosolymitani" (OSMTH) bemüht sich nach eigener Darstellung "die christlichen Werte der Nächstenliebe, verbunden mit der alten Weltoffenheit und Toleranz [sic] der Templer zu erhalten und zu fördern". Dieses Anliegen manifestiert sich aktuell in einem Kreuzzug gegen "negative" Computerspiele, den die Neo-Templer mit einer angeblich dadurch hervorgerufenen "Verrohung" begründen.

Doch der OSMTH ist nicht die einzige Organisation, die sich dem Erbe den Tempelritter verbunden sieht: In Mexiko macht derzeit ein neues Verbrecherkartell Schlagzeilen: Los Caballeros Templarios. Es ging aus dem Kartell La Familia hervor, das den Bundesstaat Michoacán dominierte.

Historisches Templer-Siegel.

La Familia wurde von Nazario Moreno angeführt, der im Dezember 2010 bei einer Schießerei mit Sicherheitskräften ums Leben gekommen sein soll, dessen Leiche allerdings nie gefunden wurde. Moreno, ein ehemaliger Zeuge Jehovas, der den Spitznamen "El Más Loco" (der Verrückteste) trug, predigte eine vom evangelikalen Autor John Eldredge beeinflusste religiöse Ideologie, in der Gott und die Familie ganz oben stehen und das Töten von Feinden ein Selbstbehelf zur Verwirklichung "göttlicher Gerechtigkeit" ist.

In seinem Herrschaftsgebiet verbot Moreno angeblich die Zuhälterei und den Konsum von N-Methylamphetamin, für dessen Export in die USA die Familia bekannt war. Und wer unter ihm Karriere machen wollte, der musste Medienberichten zufolge nicht nur schießen können, sondern auch regelmäßig an Gebetstreffen teilnehmen.

Was die Familia besonders von anderen Kartellen unterschied, war ihre PR: In Zeitungsanzeigen warb die Organisation damit, dass sie Kredite an Bauern und Geschäftsleute vergeben und Geld für Schulen und Kirchen spenden würde. Auch den Anspruch darauf, Ordnungsmacht zu sein, machte das Kartell ganz offensiv geltend: 2009 und 2010 bot es der Regierung öffentlich seine Auflösung an, wenn diese es schaffen würde, die anderen Kartelle in Michoacán von Verbrechen abzuhalten und der Familia-Manager Servando "La Tuta" Gómez meine in einer Radiosendung, bei der er anrief, seine Organisation sei ein "notwendiges Übel" sei, um das Volk zu schützen.

Nach Morenos Verschwinden brach ein Kampf um die Macht aus: Eine vom (mittlerweile festgenommenen) Familia-Manager Jesus Mendez angeführte Gruppe, die den Namen weiterführte, kämpfte gegen eine zweite Gruppe um die ehemaligen Moreno-Mitstreiter Servando Gomez und Enrique Plancarte – eben jene Caballeros Templarios, die sich im März auf Plakaten als Nachfolger der Familia ausriefen. Auch sie nehmen für sich in Anspruch, die Ordnungsmacht in Michoacán zu sein und die Bevölkerung durch das Fernhalten anderer Kartelle vor "Diebstahl, Entführung [und] Erpressung" zu schützen, wie Werbebanner in der Region seit März verkünden.

Ihre Templer-Anleihen zeigen sie nicht nur auf ihren Abzeichen, auf denen unter anderem zwei Hellebarden, eine Axt, ein Morgenstern, eine Krone, ein Ritterkreuz und ein Jesusbild zu sehen ist, sondern auch mit Kostümen und einem bebilderten Codex mit Verhaltensregeln, den die Polizei nach einer Schießerei am 14. Juli im Dorf Santa Gertrudis fand.

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