"Überraschend wenig komplett Wahnsinnige"

08.08.2011

Interview mit Christian Rickens über Reiche in Deutschland

Der Schriftsteller und Journalist Christian Rickens hat für sein neues Buch Ganz Oben - Wie Deutschlands Millionäre wirklich leben eine Reihe von sehr Wohlhabenden besucht und dabei recht unterschiedliche Menschen getroffen, die sich aber in gewissen Charakterzügen extrem gleichen. Er konnte dabei Einblicke gewinnen, wie verschiedene Ausprägungen der hiesigen Oberschicht ticken und wie sie sich ihre Zeit vertreiben. Ein Gespräch über die oberste Kaste Deutschlands.

Herr Rickens, Sie haben für die Recherchen zu Ihrem Buch mehrere richtig Reiche getroffen. Wie vielen Wahnsinnigen, Supereitlen und Vollpfosten sind Sie dabei begegnet?

Christian Rickens: Ich bin überraschend wenig komplett Wahnsinnigen über den Weg gelaufen. Die meisten Millionäre sind recht rational mit ihrem Reichtum und ihrer Position umgegangen. Den total Verrückten, der sein Geld verschleudert und den komplett paranoiden Millionär, welcher der Welt misstraut, habe ich nicht kennen gelernt. Was allerdings viele Millionäre verbindet, ist ihr ausgeprägtes Selbst- und Sendungsbewusstsein: Alle glauben, dass sie ihr Geld zurecht besitzen, selbst wenn sie es nur geerbt haben. Die Reichen sehen sich selbst als überdurchschnittlich verantwortungsvolle und leistungsbereite Stützen der Gesellschaft. Gleichzeitig würdigt aber die Gesellschaft diese Rolle nicht so, wie sich die Reichen das wünschen.

Dann wird aber in den Medien ein falsches Bild von den Reichen vermittelt. Dort kommen bei der Darstellung der Oberschicht fast ausschließlich oben genannte Personengruppen vor ...

Christian Rickens: Ich versuche das Bild der Reichen in meinem Buch ein wenig aufzuschlüsseln und nach verschiedenen Oberschichtmilieus zu unterteilen. Die Reichen, die man normalerweise in den Medien sieht, stellen genau ein Oberschichtmilieu dar, nämlich die statusorientierten Vermögenden oder salopp gesagt, die Neureichen. Die sind sich ihres eigenen frischerworbenen Status noch nicht so sicher und zeigen dementsprechend her, was sie besitzen, um von ihrer Umgebung eine Rückversicherung über ihre gesellschaftliche Stellung zu erlangen.

Diese Gruppe macht nur ein Fünftel der deutschen Millionäre aus, sie ist aber die lautstärkste. Natürlich findet man in dieser Gruppe nicht wenig Menschen, die ziemlich überspannt wirken. Aber wahnsinnig? Ist nicht eher ein Millionär wahnsinnig, der seinen gesamten Reichtum versteckt? Ich habe in meinem Buch den Fall eines Hamburger Multimillionärs geschildert, der in einer ganz normalen Reihenhaussiedlung wohnt und in einer geheimen Tiefgarage seine Autosammlung beherbergt.

Waren Kriminelle und Vorbestrafte auch dabei?

Christian Rickens: Genau einer! - Ein [zensiert]-Magnat aus [zensiert], den ich auch am ehesten noch in die Kategorie "Wahnsinniger" eingeordnet hätte, der aber nicht unsympathisch war. Dieser extrem extrovertierte Herr ist sehr schnell sehr reich geworden,. Nach meinem Besuch wurde er wegen Konkursverschleppung und Betrugs verurteilt. Vielleicht bin ich auch kriminellen Steuerhinterziehern begegnet, aber das haben mir die Leute natürlich nicht erzählt.

Und wie viel Neunmalklugen sind sie über den Weg gelaufen?

Christian Rickens: Deutlich mehr Neunmalklugen als Wahnsinnigen, Supereitlen und Vollpfosten, wie sie es vorher formuliert haben. Dieses Selbstbewusstsein, genau den richtigen Weg gegangen zu sein, ist Millionären schon zu eigen und das ist auch ganz verständlich: Der typische deutsche Millionär ist ein Familienunternehmer in der zweiten oder dritten Generation, er wächst also bereits in einem Unternehmerhaushalt auf, vielleicht auch noch in einer Kleinstadt, wo man der wichtigste Arbeitgeber am Ort ist. Natürlich fressen so jemandem alle von frühester Jugend an aus der Hand. Da gibt es auch später wenig Korrektiv fürs eigene Ego.

Gibt es spezielle Charaktereigenschaften, die Sie bei den Reichen beobachten durften, die diese Leute am meisten vom sogenannten Otto Normalverbraucher unterscheiden?

Christian Rickens: Reiche haben gegenüber Normalsterblichen vier besonders ausgeprägte Charaktereigenschaften, und zwar vollkommen unabhängig davon, ob sie ihr Geld selbst erwirtschaftet oder geerbt haben. Das ist schon bemerkenswert. Jeder kann sich vorstellen, dass es gewisse Charaktereigenschaften geben muss, die es einem leichter machen, reich zu werden. Aber die gleichen Charaktereigenschaften finden sich auch bei denen, die ihr Geld geerbt haben:

Das ist einmal überdurchschnittliche Extrovertiertheit; ferner eine Offenheit für neue Ideen und damit auch Geschäftsmodelle. Und drittens eine große Toleranz gegenüber Unsicherheit. Diese Menschen können, was unternehmerische Tätigkeit angeht, extrem gut auf einem schmalen Grat balancieren. Sie suchen von Zweifeln unangefochten das Risiko und das wird oft auch belohnt. Das eigene Geld immer wieder für riskante Unternehmungen einzusetzen, muss man erst einmal mental aushalten. Mir zum Beispiel würde das gar nicht so liegen.

Viertens schließlich eine hohe Konfliktbereitschaft, die Fähigkeit, sich gegenüber anderen durchzusetzen und Autorität auszuüben. Diese Eigenschaften bejahen Millionäre bei sich und versuchen sie auch bei ihren Kindern in der Erziehung zu fördern. 

Wie wird man denn in Deutschland zum Millionär und was muss man mitbringen, um in Deutschlands oberste Kaste aufzusteigen?

Christian Rickens: Ganz klar: Man wird als Unternehmer zum Millionär oder indem man ein Unternehmen erbt. Das sind die klassischen zwei Wege zum Reichtum, wobei die Zahl der Erben gegenüber den Unternehmern in erster Generation immer weiter zunimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es eine ganze Generation von Self-Made-Milliardären, wie die Aldi-Brüder, die mit dem Wirtschaftswunder aufgestiegen sind. Solche Biographien gibt es heutzutage immer seltener. Niemand steigt noch von ganz Unten nach ganz Oben auf. Millionäre arbeiten nicht als Angestellte und Angestellte werden auch nicht Millionäre. 

Welche Einstellung hat die Oberschicht zu ihrem Reichtum? Denken diese Menschen zum Beispiel, dass dieser genetisch bedingt ist?

Christian Rickens: So weit würde ich nicht gehen. Aber sie denken definitiv, dass sie ihren Reichtum durch ihre vorher skizzierten Charaktereigenschaften selbst verdient haben und dieser Erfolg sie auch dazu berechtigt, politischen Einfluss auszuüben. Wobei ich aber schon einigermaßen erschüttert war, wie einfach Millionäre politische Prozesse sehen. Den Satz: "Wenn ich mein Unternehmen so führen würde wie Frau Merkel ihr Kabinett, wäre ich längst pleite" habe ich wahrlich nicht nur einmal gehört. Dahinter steckt die Annahme, dass die ganze Welt so tickt wie ein mittelständisches Unternehmen und das man in Berlin das Land wie ein Provinzpatron regieren kann.

Das hat Gerhard Schröder mit seiner Basta!-Politik getan ...

Christian Rickens: Mental fanden die Millionäre Schröder auch viel besser als Merkel. Da war endlich mal einer am Ruder, der so tickte wie sie.

Können Sie eine Einschätzung abgeben, ob das Verächtlichmachen der Armen in den Medien sich in der Sicht der Reichen über sie spiegelt?

Christian Rickens: Das glaube ich nicht. Das Hartz-IV-Bashing in den Medien sehe ich als ein Mittelschichtphänomen. Das hat eher ein vom Abstieg bedrohtes Angestelltenmilieu nötig, das sich sehr bewusst von den Verlieren der Gesellschaft abgrenzen möchte, nach dem Motto: "Meine Tochter spielt Klavier und nicht Play-Station, heißt Sophie-Charlotte und nicht Cindy und wird deswegen auch nie Hartz-IV beziehen."

Diese Notwendigkeit zum Sich-Abgrenzen nach ganz unten sieht ein Millionär gar nicht. Klar unterschreibt ein Wohlhabender Sätze wie: "Wer in Deutschland Arbeit finden will, der findet auch Arbeit", aber eine konkrete Verachtung für die Armen habe ich bei ihnen nicht mitbekommen. Dafür ist man sich seines eigenen Status viel zu sicher und mental vom Hartz-IV-Bezieher auch viel zu weit weg.

Was halten diese Menschen von Erbschaftssteuer und Steuerzahlungen überhaupt? 

Christian Rickens: Die meisten Millionäre sagen, sie würden gerne Steuern zahlen, wenn das Geld dann für die richtigen Zwecke ausgegeben würde. Das ist ebenfalls eine Mentalitätssache: Da man es als deutscher Unternehmer gewohnt ist, in seinem Umfeld, dem eigenen Unternehmen, dem eigenen Haus sehr autonom zu bestimmen, quält es sie geradezu, wenn sie über die Gelder nicht mehr bestimmen dürfen. Es bedeutet für sie einen ganz gravierenden Autonomieverlust, weswegen sie lieber Stiftungen einrichten, um letztendlich genauso viel zu zahlen, aber über die Verwendung bestimmen zu können.

Erbschaftssteuer wird hingegen von den meisten regelrecht als Enteignung empfunden. Hier habe ich oft das Argument gehört, das Vermögen wäre ja bereits versteuert worden, als man es verdient hatte. Das halte ich aber für ein Schein-Argument, schließlich werden in Deutschland viele Dinge mehrfach besteuert,. Allerdings existiert hier eine Minderheit von aufgeklärten zumeist Super-Reichen, die eine höhere Erbschaftssteuer oder sogar eine Vermögenssteuer fordern.

Sie schreiben, dass das deutsche Stiftungswesen "ein Stück Entdemokratisierung" mit sich brächte. Können Sie uns das erklären?

Christian Rickens: Eine Stiftung funktioniert so, dass man Gelder, die man normalerweise versteuern würde, an eine Stiftung abgibt, die diese Gelder dann für gemeinnützige Zwecke ausgegeben muss. Die Definition des Begriffs "Gemeinnützig" geht aber in Deutschland sehr weit: Vom Einrichten eines Kunstmuseum oder eines Wildreservates, bis zu irgendwelchen Stipendien, die man vergibt. Der Mensch, der diese Stiftung einrichtet, ist in der Verwendung so gut wie nicht eingeschränkt. Müsste er aber diese Beträge als Steuern zahlen, würden Parlamente und damit indirekt Wähler entscheiden, wofür das Geld ausgegeben wird. So bringst das rapide wachsende Stiftungswesen in der Tat einen Verlust von Demokratie mit sich.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Zunahme von Reichtum und zugleich Armut in Deutschland eine schwerwiegende gesellschaftliche Krise auslösen kann. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen und was würden Sie vorschlagen, um die strukturellen ökonomischen Ungerechtigkeiten zukünftig politisch zu kompensieren?

Christian Rickens: In der Tat ist die Reichtumsverteilung ein Problem, dass sich, wenn man es so weiterlaufen lässt, immer weiter verschärft. Ein wesentliche Grund für die Reichtumskonzentration in Deutschland liegt in der Möglichkeit, Vermögen steuerbegünstigt weiter zu vererben, gepaart mit der jahrzehntelangen gesellschaftlichen Stabilität: Hier wurde seit 60 Jahren kein Vermögen durch Inflation oder Krieg zerstört. Das führte dazu, dass von Generation zu Generation immer größere Vermögen ohne nennenswerte Abzüge weitervererbt werden.

Sofern alles linear so weiterläuft, wird in zehn Jahren der überwiegende Teil des deutschen Volkseinkommens aus Kapitaleinkünften entstehen und nur mehr der kleinere aus Arbeit generiert. Wir wären in einer Gesellschaft angelangt, in der Arbeit nicht mehr die wesentliche Quelle des Wohlstands bildet, in der es aber der Faktor Arbeit ist, der hoch besteuert und mit Sozialabgaben belegt wird. Das dürfte für erhebliche Frustration bei denen sorgen, die nur die eigene Arbeit als Quelle ihres Wohlstands haben.

Ich würde deswegen dafür plädieren, Erbschaften und Kapitalerträge genauso hoch wie Arbeitseinkünfte zu versteuern, also in der Spitze knapp unter fünfzig Prozent. Das steuerfreie Vererben von Familienbetrieben wurde einmal eingeführt, um es Unternehmern zu ermöglichen, ihr Unternehmen an die nächste Generation weiterzugeben, ohne dass diese Familienbetriebe schlagartig pleite gehen. Dieses Argument ist auch stichhaltig, dem kann man aber mit der Möglichkeit begegnen, die Erbschaftssteuer über einen Zeitraum von 20 oder 30 Jahre abzustottern. Die knapp 50 Prozent Erbschaftssteuer müssten also gezahlt werden, man hätte dafür aber auch eine Generation lang Zeit.

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