"Nürnberg 2.0"

29.07.2011

Wenn sich die "Mitte" aufmacht, Prozesse über "Islamisierer" zu führen

Die "Anklagebank" des Internetprangers ist noch "in Bearbeitung". Namen von Politikern, Juristen, Journalisten, Kirchenvertretern, Wissenschaftlern und anderen öffentlichen Personen, die sich auf der Anklagebank wiederfinden könnten, werden in der Rubrik Verantwortliche aufgelistet. Zu den Vorläufern der Schaujustiz, zu der die Website Nürnberg 2.0 einlädt, könnte man Campus Watch des amerikanischen Islam-Gegners Daniel Pipes zählen.

Dort geht es seit mehreren Jahren darum, Professoren anzuprangern, deren Lehrveranstaltungen oder Schriften den Islam "verharmlosen". Nach anfänglicher Aufregung über Pipes Neuauflage des McCarthyismus wird die Webseite von der größeren Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen.

Mit Achselzucken hätte man auch vor kurzem noch das "Anklageplattforum Nürnberg 2.0" kommentiert. Nach Breiviks Massenmord hat sich das geändert. Zumal sich die Idee zu einem neuen "Nürnberger Prozess" auch in seinem Manifest findet. Auf der Gerichtsbank eines "möglichen neuen Nürnberger Prozesses" wollte Breivik jene sehen, die der "islamischen Kolonisierung Europas" den Weg bereiten. Er unterteilte die Anklagen in verschiedene Kategorien: "prosecution of category A, B and C traitors".

Solchen Verbindungen zum norwegischen Attentäter würden sich die Betreiber des Prangers Nürnberg 2.0 wahrscheinlich widersetzen. Dass sie von der Aufmerksamkeit, welche den prononcierten Islamgegnern seit Breivik zukommt, profitieren, liegt auf der Hand.

Aus der "Mitte der Gesellschaft"

Die Betreiber von Nürnberg 2.0 stellen sich als "Mitte der Gesellschaft" vor. Aufgezählt werden Berufsgruppen wie Ärzte, Juristen, Arbeiter, Lehrer und Angestellte. Extremisten gebe es keine, so die Eigendarstellung des "Netzwerk Demokratischer Widerstand". Die Betreiber wehren sich gegen "Verleumder, die diesem Projekt 'Gewalt' und 'Rechtsextremismus' unterstellen", gleichzeitig regt man selbst zum Verleumden an und spielt Tribunal - mit namentlicher Referenz auf den "Nürnberger Prozess", wo Todesurteile verhängt wurden.

"Projekt Nürnberg 2.0" - Aufbau einer Erfassungsstelle zur Dokumentation der systematischen und rechtswidrigen Islamisierung Deutschlands und der Straftaten linker Faschisten zur Unterdrückung des Volkes.
(..) Die Islamisierung Deutschlands war und ist nur dadurch möglich, dass deutsche Politiker, Juristen, Journalisten und andere Berufsgruppen massiv gegen Inhalt und Geist unseres Grundgesetzes verstoßen haben und weiterhin verstoßen.
(...) Aufgabe des Projektes "Nürnberg 2.0" ist es, diese Rechtsverstöße zu erfassen, die Verantwortlichen zu benennen und sie zu einem geeigneten Zeitpunkt öffentlich dafür, nach dem Muster des Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunals von 1945, mit rechtstaatlichen und demokratischen Mitteln zur Verantwortung ziehen.

Manchen, die ebenfalls die Gegnerschaft zum Islam auf ihre Fahnen geschrieben haben, werden Verbindungen zu Nürnberg 2.0 nun anscheinend unangenehm. Zu denen, die mit dem "Netzwerk Demokratischer Widerstand" in Verbindung standen, gehört etwa Political Incorrect (PI).

Die Verbindung ist der PI möglicherweise nun zu heikel geworden. In einem Beitrag vom 28.Juli distanziert sich der PI-Autor Frank Furter "ausdrücklich" von Nürnberg 2.0. Der Beitrag wurde aber offenbar wieder von der PI-Seite entfernt; er ist derzeit nur noch im Cache zu lesen.

Ideologische Gemeinsamkeiten

Ganz offen mit Nürnberg 2.0 sympathisiert dagegen Michael Mannheimer, ein Exponent der nationalkonservativen Szene der Islamgegner. Zwischen Mannheimer und PI gibt es gute Verbindungen. "Der mutigste Journalist Deutschlands" (PI) und deutsche "Fjordman" (PI) war z.B. Leiter einer Lehrveranstaltung der PI-Gruppe Stuttgart.

Mannheimer ist mit "politisch inkorrekten Gedanken zum Norwegen Massaker" über Szenekreise hinaus bekannt geworden. Die Gewalt wird in seinem Beitrag angesichts des Feindes relativiert, Mannheimer stellt sich auf die Seite des Täters:

Der Terrorakt Behring Breiviks (sollte er tatsächlich der Täter sein und die Tat sich so abgespielt haben - zum gegenwärtigen Stand ist noch nichts sicher) kann als der Auftakt eines sich längst abzeichnenden und von den meisten westlichen Geheimdiensten prognostizierten Bürgerkriegs aufgefasst werden.
(...) Dass er im Islam einen der schlimmsten Feinde der Menschheit - vergleichbar dem Kommunismus und Nationalsozialismus - erblickt, macht diesen richtigen Befund angesichts seines Terrorakts nicht weniger valid.

Die wahren Verantwortlichen das Norwegen-Massaker sind in den politisch inkorrekten Gedanken Mannheimers "die westlichen Verteidiger des Islam", die er als "Kollaborateure der islamischen Hassideologie" bezeichnet. Das Thema Kollaboration - ohne dass das Wort explizit verwendet wird, man versteht auch so - dominiert auch Nürnberg 2.0. Die Site wird auf Mannheimers Blog jubelnd vorgestellt: Der Widerstand gegen die Islamisierung habe einen "neuen Höhepunkt" erreicht.

Die ideologischen Gemeinsamkeiten sind offensichtlich. Wie die Zusammenarbeit zwischen Mannheimer und den Tribunalbetreibern tatsächlich aussieht, wird verschleiert. So stand Mannheimers, in der national ausgerichteten Islam-Gegner-Szene famos gewordener "Aufruf zum Widerstand" vom April dieses Jahres auch auf der Artikel 20GG-Seite der Betreiber von Nürnberg 2.0. Mannheimer spricht dort von einem "bewaffneten Widerstand". Mittlerweile ist er nur im Cache der Website zu finden (Auch hierzulande rufen Gleichgesinnte von Breivik öffentlich zum Bürgerkrieg und zum bewaffneten Kampf auf).

Ist dem "Netzwerk Demokratischer Widerstand" solch allzu große Nähe unangenehm? Versucht man sich doch als "Mitte" und gut bürgerlich zu präsentieren. Mannheimer selbst betreibt unverhohlene Werbung für die Gleichgesinnten:

Islamkritiker haben offenbar eine Internetplattform errichtet namens Nürnberg 2.0, auf der sie mittels rechtstaatlicher Methoden die Namen all jener erfassen wollen, die im Zusammenhang mit der Islamisierung deutsches Recht gebeugt haben.

"Effektives, mächtiges Informationssystem"

Welche Rechte gebeugt oder verletzt werden, wie dies so auf Nürnberg 2.0 formuliert wird, bleibt diffus. Die Anklage ist weltanschaulich gefasst: Auf der Plattform sollen Namen von Personen genannt werden, die "dem Vordringen des Islams in Deutschland (und anderen westlichen Ländern) Vorschub leisten". Staatsanwälte und Richter z.B., die Urteile "nicht nach deutschem Recht, sondern nach rechtlichen Aspekten der Scharia erheben bzw. fällen" oder " in ihren Urteilen bzw. Plädoyers einen deutlich erkennbaren "Migrantenbonus" einfließen lassen".

Registriert würden aber auch Personen, die "durch linke Ideologie aktiv die Zerstörung unseres Heimatlandes betreiben". Jeder, der den Islam irgendwie beschönigt, fällt unter Verdacht und ist Kandidat für die Registrierung. Dazu soll auch eine "Hall of Shame" eingerichtet werden.

Angesichts dessen, dass bei den Nürnberger Prozessen Todesurteile ausgesprochen wurden, ist das Projekt Nürnberg 2.0, das mit dem Hintergrund der Strafandrohung arbeitet, beängstigend. Das findet auch ein Kommentar im Blog von Mannheimer.

An den Pranger stellen, nennt man das nicht so?
Ich kann verstehen, wenn die Menschen die auf diesem Hirngespinst kranker Phantasten auftauchen Angst bekommen.
Rechtstaatlich? Sicher nicht! Widerlich? Mit Sicherheit!

Mannheimers Antwort darauf lässt aufhorchen, sie ist alles andere als beruhigend:

Wenn man sich in Zukunft also darüber informieren will, ob ein Politiker, Journalist o.ä. eher für oder gegen den Islam ist (keiner, auch wir informierten Islamkritiker kann ein solches wissen sofort aus dem Ärmel schütteln), wird sich Nürnberg 2.0 als effektives, mächtiges Informationssystem erweisen. Als Nebenprodukt seiner eigentlichen Intention, die dort genannten Personen nämlich vor einem deutschen oder internationalen Gericht anzuklagen.

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