Ein anderes Wirtschafts-Wissen brauchen wir!

07.08.2011

Im Lebensalltag brauchbare grundsätzliche und politisch strukturierte Wirtschaftskenntnisse – statt fades und isoliertes Wissen a la Betriebswirtschaftslehre

Das Wirtschaftswissen der Bevölkerung ist miserabel, ja. Aber es wird den Menschen vom falschen Ende her beigebracht. Eine brauchbare Wirtschaftsbildung muss bei der Gestaltungsfähigkeit des Einzelnen beginnen, bei seiner Rolle als Bürger, als politisches Wesen nämlich, das seine Wirklichkeit verändern kann, wenn es mag und sich mit anderen zusammentut. Dabei wäre diesem Einzelnen auch zu zeigen, was Wirtschaft heute mit ihm als Berufsarbeiter und Verbraucher macht, und dass man nicht bei allem besinnungslos zusehen muss.

Rund 15 Millionen Deutsche haben mittlerweile einen Riester-Vertrag, also eine private (= kommerzielle), vom Staat geförderte Zukunftsvorsorge. Aber: "Es ist vermutlich nicht überspitzt zu sagen, dass 15 Millionen Menschen in diesem Land Vorsorgeverträge laufen haben, deren wesentliche Grundlagen sie nicht begreifen", meint dazu kürzlich Rüdiger Jungbluth lapidar in der Zeit.

15 Millionen, die nicht wissen, was sie tun – das ist wörtlich zu nehmen, denn das ökonomische Wissen der Menschen ist dürftig.

Missverständnisse

Im April vorgestellten Eurobarometer 342 Consumer Empowerment wurden drei ganz einfache Fragen gestellt, die numerisch-finanzielles Basiswissen der Befragten erkunden wollten. Hier die Fragen:

  • Frage 1: Der gleiche Flachbildfernseher ist sowohl im Geschäft A als auch im Geschäft B im Angebot. Welcher ist günstiger?
    Geschäft A: der Preis ist 500 Euro, mit einem Rabatt von 10 %; Geschäft B: der Preis ist 400 Euro.
  • Frage 2: Welcher der folgenden Zinssätze wäre für Ersparnisse oder Sparkonten am besten?
    - 1 %, 2 %, 3 %, 4 %.
  • Frage 3: Eine Familie muss für eine Hypothek auf ihr Haus in Höhe von 50.000 Euro jährlich 6% Zinsen zahlen. Wie hoch sind die Zinsen für das erste Jahr?
    300 Euro, 3000 Euro, 5000 Euro, 6000 Euro.

Das sind ziemlich einfache und vor allem sind es alltägliche Fragestellungen. Allerdings: 38 Prozent der Deutschen konnten nicht alle drei Fragen beantworten. Noch schlimmer in Österreich, da waren es sogar 49 Prozent. "Die Ergebnisse zeigen", meint die EU-Kommission in der zur Studie publizierten Pressemitteilung, "dass der Kenntnisstand und die Kompetenzen der Verbraucher sich auf einem besorgniserregend niedrigen Niveau bewegen."

Da sollte sich die Kommission selbst bei der Nase nehmen, denn das Modell der von dieser forcierten Europäischen Verbraucherpolitik und das Modell von Wirtschaft generell geht von einem stets gut informierten und kenntnisreichen Verbraucher aus, der sich wacker durchs mühselige und unverständliche Kleingedruckte kämpft und alle Werbetricks locker durchschaut. Statt klare Spielregeln für Anbieter zu definieren und heikle Geschäftspraktiken überhaupt verboten zu bekommen, brauchen die Unternehmer vielfach nur informieren. Allerdings dürften solche Informationen vielen Verbrauchern unverständlich bleiben, sonst sähen die vorhin genannten Ergebnisse anders.

Bild: FBI

Katastrophales Unwissen

Auch nationale Studien kommen zu solchen katastrophalen Ergebnissen, etwa die des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Berlin (mit der Zeppelin University, Friedrichshafen). 50 Prozent der Deutschen kennen nicht einmal die aktuelle Arbeitslosenrate, 75 Prozent können nicht Prozentrechnen.

"Die Deutschen wissen zu wenig über wirtschaftliche Zusammenhänge und verschenken daher möglicherweise viel Geld", heißt es in dem Bericht des Handelsblatts, die Studie wird erst nach erfolgter wissenschaftlicher Publikation verfügbar sein, so Peter Kenning. An sich nicht so überraschend: Fernsehkonsum und Wirtschaftswissen korrelieren negativ (vgl. Kinder und Kommunikations- Elektronik).

Dann kommt die Wirtschaft in die Schule

Unternehmerverbände bemühen sich seit Jahren, mehr Wirtschaftswissen in die Schule zu bringen. Einerseits mit in die Schulen und in die ahnungslosen Hände von Pädagogen geschleusten freundlichen Lehrmaterialien, andererseits mit der Forderung nach einem Fach "Wirtschaft" in der Schule.

Man glaubt, die jungen Leute würden dann endlich "die Wirtschaft" besser verstehen. Damit verbinden die Unternehmer auch die Hoffnung, Menschen würden mit mehr Wissen auch mehr Einsicht in die "Notwendigkeiten" dieser Wirtschaft haben. Also ein Einsehen für Lohnverzicht, für Renteneinbußen, höhere Arbeitszeiten, Verständnis für Rationalisierungs-Kündigungen, für Preissteigerungen, und so weiter.

Was sie sich dabei vorstellen, ist eine auf das Niveau von Vierzehnjährigen heruntergebrochene Einführung in die Wirtschaftswissenschaften. Inklusive der Begeisterung für Aktienkurse und Wirtschaftsförderung (Gutachten der deutschen gewerblichen Wirtschaft 2010 ). Dazu hat sich nun endlich breiter Widerstand formiert (iböb – für eine bessere ökonomische Bildung).

Herkömmliche Wirtschaftsbildung ist leeres Wissen…

Herkömmliches Wissen über Wirtschaft berührt Menschen nicht sehr, junge Menschen schon gar nicht. Es wird als fad empfunden, als Ballast wie vieles andere in der Schule auch. Klar, wirtschaftliche Dinge sind nicht so lustig wie Facebook, Biertrinken und einen Hamburger essen. Allerdings: VWL- und BWL-Wissen ist für den Lebensalltag der meisten Menschen eine Art Leerwissen, so etwa wie die Kenntnis der Gebissstruktur von Krokodilen für uns Europäer eher belangloses Wissen ist.

Bildung ist immer dann langweilig, wenn man nicht viel damit anfangen kann, es für den Alltag auch nicht relevant ist, und vor allem nicht an der eigenen kleinen Lebenswelt ansetzt. Die wenigsten können auch deshalb mit Betriebswirtschaftslehre etwas anfangen, da eben nur ein paar Prozent der Schülerinnen und Schüler Unternehmer werden, und nicht einmal ein paar Promille Finanzminister oder Berater des Finanzministers.

…leeres Wissen und falsche Theorie

Auch das neoklassische Theoriemodell, das die Unternehmerseite, die Finanzminister und die meisten Funktionäre aus Gewerkschaften und sonstigen Verbänden unter "Wirtschaft" verstehen, taugt für den Alltag wenig. Es geht von völlig falschen, eindimensional plattgedrückten Realitäten aus, Informationen kosten nichts und darüber verfügen alle lückenlos, die Marktteilnehmer kennen ihre möglichen Nutzen sozusagen kommastellengenau, Gefühle gibt es am Markt und unter den Marktteilnehmern nicht, usw. Da viele an die Ökonomie glauben, hat sie eine normative Kraft des Faktischen gewonnen: Nur wenige trauen sich, etwas dagegen zu sagen. Im Mittelalter war es mit der Religion und den mit ihr liierten Fürsten nicht anders.

Die neoliberale (und religiöse) Variante der mechanistischen Ökonomie geht überdies von der Zwangsvorstellung aus, dass staatliche Aktivitäten Gift sind – der Staat darf nur Unternehmen fördern (ihnen die Entwicklungskosten für neue Güter zahlen) oder bei fehlgegangenen Spekulationen die Milliardenverluste zahlen (so wie jetzt bei der Finanzindustrie). Klar, wenn man den Staaten die Infrastruktur wegnimmt und eine kommerzielle Angelegenheit daraus macht, lässt sich wunderbar Geld verdienen. So hat man aus dem Fernsehen durch Kommerzialisierung eine Geldverdienmaschine gemacht, die wirtschaftlichen Interessen haben eh nur die Eingeweihten durchschaut. Und damit es dabei bleibt, soll auch kein kritisches Wirtschaftswissen in die Schule.

Die etwas verantwortungsvolleren Ökonomen wissen natürlich, dass ihre Grundtheorie ziemlich realitätsschwach ist, darum blühen schon seit vielen Jahren Ergänzungsvarianten, wie die Institutionenökonomie, die Verhaltensökonomie, die ökologische Ökonomie, usw.

Wie es anders ginge

Das Alltagswissen der Menschen ist heute gering. Bei den vielen Konsumgütern, die gekauft werden, kennen sich die meisten nur oberflächlich aus. Und was Inflation ist, das wissen sie oft nicht. Nicht nur wirtschaftliches, auch soziales Wissen fehlt häufig: vernünftige Konfliktlösung ist für viele ein Fremdwort, Lebensrisiken werden falsch eingeschätzt, Wahrnehmung wird oft durch "Gefühltes" ersetzt.

Übrigens hat hier die angeblich exakte Ökonomie einen interessanten emotionalen Begriff nachgeschoben, die "gefühlte Inflation", was ein ziemlicher Blödsinn ist, der auch vor den Statistikämtern nicht halt macht.

Das legt zwei Dinge nahe: in den Bildungseinrichtungen wäre zuerst alltagspraktisches Wissen zu vermitteln, und zum zweiten: die begrenzte Aufmerksamkeit der großen Mehrheit sollte nicht durch fades, belangloses Lexikonwissen vernichtet werden. Für Wirtschaftsfragen heißt das, sie müssen im Zentrum der Lebenswelt des Einzelnen ansetzen. Etwa an der Tatsache, dass viele mit ihrer Berufsarbeit recht wenig und einige Menschen unverschämt viel verdienen und dass das kein Naturgesetz ist, sondern ungerecht und eine Machtfrage. Dann am Sachverhalt, dass ein Kleidungsstück den Käufer zwar hundert, den Boutiquenbesitzer aber vielleicht nur 30 Euro kostet (ist auch kein Naturgesetz), und schließlich am Umstand, dass "gesund" auch ein "aufgeblähter Etikettenschwindel" (Foodwatch) sein kann, und so weiter.

Notwendiges Wissen über die gegenwärtige Wirtschaft

Ein solches kritisches Wissen über Wirtschaft ist notwendig, denn sonst bleiben die Betroffenen, die Menschen als Verbraucher, Arbeitnehmer und Kleinunternehmer, Marionetten eines für sie undurchschaubaren Systems. Und ein solches allgemein brauchbares Wirtschaftswissen – also: Kenntnis und Verständnis von Gesellschaft und Wirtschaft - muss davon ausgehen, dass Menschen ihre Wirklichkeit selbst gestalten können, demgemäß zuallererst politische Akteure wären, sofern sie sich nicht in die Politikverdrossenheit geflüchtet haben.

Foto Karl Kollmann, anonymer Straßenkünstler

Bürgerbildung ist die Basis von Wirtschaftsbildung

Bürger können im Prinzip entscheiden, wie Wirtschaft auszusehen hätte. Es sind die Menschen, die ihre Welt und Umwelt gestalten, oder eben Entwicklungen einfach treiben lassen. Das ist der unverzichtbare Grundstein jeglicher Wirtschaftsbildung, wenn sie mehr sein will als ein braves isoliertes, technisches Faktenwissen, das zusieht, wie ‚Marktwirtschaft‘ dabei von vielen Unternehmen oder Branchen (etwa der Finanzindustrie) als Kriegsschauplatz hergenommen wird, auf dem Konkurrenten straflos eliminiert und Verbraucher ebenso wie Arbeitnehmer manipuliert und korrumpiert werden dürfen und die Lebensgrundlagen, die hübsche "Natur" kaputtgemacht wird, um die Taschen Weniger zu füllen.

Aktive Bürger sind politisch

Zu den Interessen des politisch gestaltenden Bürgers gehört auch, dass die Betroffenen selbst entscheiden, ob sie eine kommerzielle oder eine gemeinschaftliche (kommunale) Versorgung mit Trinkwasser oder Energie haben wollen. So wie das jetzt eben in Berlin geschehen soll, oder wie es in Paris vor einem Jahr geschehen ist. Und die sich gegen von Oben verordnete Bahnhöfe mitsamt Grundstücksspekulation zur Wehr setzen wie in Stuttgart 21.

Die Kommerzialisierungen, die von der Europäischen Union in die Wege geleitet wurden, haben Infrastruktureinrichtungen zu Geldverdienmaschinen für private Investoren gemacht - selten gab es für Bürger Vorteile daraus. Langsam schwingt jetzt das Pendel etwas zurück, zu kommunalen Versorgern, da sich Bürger ihre lokale und regionale Gestaltungsmöglichkeit zurückerobern möchten. In seiner Kommune kann der Bürger nämlich Einfluss nehmen, bei einem Unternehmen nur dann, wenn er Mehrheitseigentümer ist, ein paar Aktien reichen dazu nicht aus, das ist ja die Tristesse der Kleinanleger.

Foto: Karl Kollmann

Um das noch einmal zusammenzufassen: kein klassisches braves politisches Wissen (z. B. wie die repräsentative Demokratie am Papier funktioniert) und keine traditionelle Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, sondern nur eine praktische politisch-ökonomische Bildung, die die Interessen von Gruppen offenlegt (z. B. von Bodenspekulanten), vermag hinreichend Kompetenz und Fähigkeit für das Alltagsleben als Bürger und von der Wirtschaft Betroffener zu geben. Ausgangspunkt eines solchen wirtschaftlichen Diskurses muss der Einzelne als Berufsarbeiter und Verbraucher sein. Nicht der theoretische EU-Verbraucher, sondern der Alltagsmensch, dem mit vielen Tricks und Werbeversprechen das Geld aus der Tasche gezogen wird. Die Menschen können sich dagegen zur Wehr setzen, wenn sie Gestaltungsfähigkeit gelernt haben, statt Markennamen, Werbesprüche, Duldsamkeit und frustriertes Hinunterschlucken.

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