"Wir wissen von jeder Kuh auf der Weide..

06.08.2011

...aber nicht, wer welches Geschäft gegen wen laufen hat". Börsenhändler Dirk Müller über die Spekulation mit Lebensmitteln

Die Lebensmittelpreise in der Welt steigen immer weiter. Laut einer Untersuchung der OECD müssten sich die Verbraucher in den kommenden 10 Jahren bei Weizen auf eine inflationsbereinigte Preissteigerung von etwa 20% einstellen. Bei Fleisch erwartet die OECD sogar eine Teuerung von 30%.

Als wichtige Gründe für diese Entwicklung gelten die Verwendung von Nahrungsmittel-Rohstoffen als Kraftstoffe oder die steigende Weltbevölkerung. Immer häufiger jedoch gerät die Spekulation mit Lebensmitteln ins Zentrum der Kritik. Auch der Frankfurter Börsenhändler und Buchautor Dirk Müller stellt heraus, dass die Investition in Lebensmittel einen großen Einfluss auf die Entwicklung an den Rohstoffmärkten hat. Telepolis sprach mit ihm.

Momentan wird wieder viel über Lebensmittelspekulation gesprochen. Sie gelten als jemand, der da eine klare Position vertritt. Wie sind Sie zum ersten Mal auf das Thema Lebensmittelspekulation aufmerksam geworden?

Dirk Müller: : In dem Moment, in dem man sich mit Investitionen in Rohstoffe beschäftigt, stößt man zwangsläufig auch auf das Thema Lebensmittelspekulation und -investition in Agrarrohstoffe. Dann setzt man sich auch mit der Ethik auseinander. Grundsätzlich frage ich bei jeder Kapitalanlage immer: Was stellt mein Geld eigentlich gerade an. Da bin ich bei den Investitionen in Lebensmittel sehr schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass mein Geld hier Schaden anrichtet. Wir sehen immer wieder die Bilder aus Afrika, und da muss man sich auch die Frage stellen: Welche Rolle spielt hier die Finanzwelt?

Wie funktioniert die Lebensmittelspekulation?

Dirk Müller: Es gibt zwei Dinge, die man dabei auseinander halten muss: zum einen die Spekulation mit Lebensmitteln, zum anderen die Investition in Agrarrohstoffe. Es ist völlig in Ordnung, wenn Bauern einen Teil ihrer Ernte bereits verkaufen, wenn sie noch auf dem Feld steht. Zwischen dem Bauern und dem Mühlenbetreiber wird ein fester Preis ausgemacht. Der Bauer und der Mühlenbetreiber können ihr Geschäft dadurch besser kalkulieren. Beide wissen, worauf sie sich einlassen.

Sie sprechen jetzt von den klassischen Rohstoffgeschäften, wie sie in Chicago oder Hannover an den Rohstoffmärkten seit langer Zeit getätigt werden und nie eine besondere Aufmerksamkeit erregt haben.

Dirk Müller: Genau. Solche Termingeschäfte gibt es auch heute noch. Da ist natürlich auch Spekulation mit dabei. Die brauchen wir auch in einem gewissen Maße.

Warum?

Dirk Müller: Weil nicht immer in dem Augenblick, in dem ein Landwirt einen bestimmten Teil seiner Ernte auf Termin verkaufen möchte, gerade auch ein Großhändler bereit ist, genau diese Menge abzunehmen. In diese Lücke springt dann beispielsweise ein Spekulant, der eben darauf hofft, den eben erworbenen Weizen in den nächsten paar Tagen gewinnbringend verkaufen zu können. Hier macht der Spekulant, der dem Markt Liquidität zur Verfügung stellt, durchaus Sinn.

"Mit dieser Stellschraube wäre die Spekulation sehr leicht zu zügeln"

Nun gibt es ja aber nicht mehr nur ein paar Spekulanten, die überschüssige Rohstoffe aufkaufen. Vielmehr werden da ganze Ernten gekauft und gewinnbringend weiter verkauft.

Dirk Müller: Richtig und wie im richtigen Leben macht immer die Dosis das Gift. Wir haben definitiv zu viel Spekulation und zu viele Spekulanten im Markt. Das führt dann zu extrem starken Preisschwankungen innerhalb kurzer Zeit. Längst bestimmen nicht mehr Angebot und Nachfrage der Bauern und Konsumenten die Preise, sondern eben Spekulanten und vor allem jene Finanzinvestoren. Beides müssen wir reduzieren.

Wie könnte man einer solchen übertriebenen Spekulation Herr werden?

Dirk Müller: Das ginge relativ einfach. Jeder Spekulant muss an den Terminmärkten eine Sicherheit, eine Margin, hinterlegen. Allerdings ist dieser Anteil nur sehr gering. Wenn dieser Sicherheitsanteil jedoch angehoben würde, würde sofort ein großer Teil der Spekulanten aus diesem Markt heraus getrieben, weil der Hebel ihrer Spekulation verkürzt und damit ihre Gewinne gesenkt würden.

So wie das beispielsweise beim Silbermarkt kürzlich geschehen ist?

Dirk Müller: Ganz genau. Da wurde innerhalb von fünf Tagen mehrmals die Margin angehoben, nur sehr leicht, um wenige Prozent. Das Ergebnis war, dass der Markt um 30% eingebrochen ist, weil die Spekulanten sich zurückgezogen haben. Wenn die Aufsichtsbehörde also die Möglichkeit hätte, eine zusätzliche Liquiditätssicherheit zu erheben, dann wäre das ein wunderbares Instrument.

Immer dann, wenn die Aufsicht zu der Überzeugung gelangen würde, dass zu viel Spekulation im Markt ist, könnte sie damit die Spekulation aus dem Markt nehmen. Wenn die Aufsicht feststellt, dass der Markt auszutrocknen droht, dann kann sie die Margin wieder etwas herab setzen. Mit dieser Stellschraube wäre die Spekulation sehr leicht zu zügeln.

Unglaubliche Anlegersummen bei den Lebensmitteln

Sie sprachen vorhin davon, dass es neben der Spekulation noch etwas anderes gibt, die Investition in Lebensmittel.

Dirk Müller: Genau! Spekulation ist das eine, Investition in Lebensmittel aber das andere. Wir sehen etwa seit dem Jahr 2000, dass unglaublich viel Geld in sogenannte Rohstofffonds investiert wird. Der Manager des Fonds kauft dann mit diesem Geld an den Warenterminbörsen in Chicago die selben Terminkontrakte wie der Großhändler in Indonesien. Das bedeutet: Je mehr Anlegergelder in diese Rohstofffonds hineinschießen, desto mehr Nachfrage nach diesen Rohstoffen entsteht. Dieses Volumen hat sich innerhalb von 10 Jahren von ca. 20 Mrd. auf etwa 350 Mrd. erhöht. Also eine unglaubliche Summe Geld, die da rein geflossen ist.

Das ist zusätzliche Nachfrage auf dem ohnehin schon angespannten Rohstoffmarkt. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Mit welcher Begründung dürfen Privatanleger, Pensionskassen, Banken oder Unternehmen Rohstoffe auf Termin kaufen, um sich diese dann virtuell in den Keller zu legen, die Preise hoch zu treiben und den Weizen dann teurer an die Hungernden in Afrika zu verkaufen? Das ergibt volkswirtschaftlich keinen Sinn!

Lagerhäuser, Spekulation und OTC

Inzwischen wird ja nicht mehr nur virtuell in Rohstoffe investiert. Einige Investoren gehen jetzt dazu über Rohstoffe auch real zu kaufen und physisch zu lagern. Macht das einen großen Unterschied?

Dirk Müller: Das ist nochmal ein großer Unterschied, weil es direkt dem physischen Markt entzogen wird. Auf der einen Seite treibe ich den Preis hoch und auf der anderen ziehe ich physisch die Rohstoffe aus dem Markt. Solche Lagerhäuser gibt es seit Anfang des Jahres im Metallbereich und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch für Lebensmittel die ersten eröffnet werden.

Im schlimmsten Fall wird dadurch die reale Produktion von Gütern verhindert, nur um sich an der Verknappung von Rohstoffen zu bereichern. Die Auswirkungen einer solchen Geschäftspolitik im Lebensmittelbereich kann man sich leicht denken. Das ist ein Skandal und gehört verboten.

Nun gibt es ja die Entwicklung, dass die Spekulanten ihre Geschäfte gar nicht mehr an den Börsen tätigen, sondern in sogenannten OTC-Geschäften (Over the Counter). Dort kann keine Margin eingeführt werden. Wie könnte man dort wirkungsvoll gegen Spekulation vorgehen?

Dirk Müller: Das ist richtig. Niemand weiß exakt, was dort passiert. Und genau das ist das Problem. Da werden riesige Mengen an Rohstoffen zwischen Fonds und Banken gekauft und verkauft und wir wissen gar nicht, wie groß dieser Markt eigentlich ist, weil er in großen Teilen schlicht nicht meldepflichtig ist. Wir wissen von jeder Kuh auf der Weide in Europa, wo sie steht und wieviel Milch sie gibt, aber wir wissen nicht, wer in Größenordnungen von Billionen Euro und Dollar gegen wen welche Geschäfte laufen hat.

Das findet alles in einem unregulierten Markt statt. Hier ist eine riesige Transparenzoffensive nötig. In den USA gibt es eine solche Meldepflicht zumindest in Teilen bereits. Der Dodd-Frank Act, der letztes Jahr in Kraft getreten ist, hat den Markt wesentlich transparenter gemacht.

Forderung nach Meldepflicht

Was könnte aus Ihrer Sicht noch getan werden?

Dirk Müller: Man kann den Handel über eine regulierte Börse vorschreiben. Dann blieben nur noch wenige individualisierte Verträge, die nicht über die Börse handelbar sind, die müssen dann zumindest meldepflichtig sein. Aber auch da muss eine Sicherheitsleistung gefordert werden.

Welche Chancen geben sie Ihren Forderungen in der Politik?

Dirk Müller: Das ist jetzt wieder ein ganz anderes Thema. Alles, von dem ich jetzt gesprochen habe und was auch nur teilweise umgesetzt würde, wäre bereits ein großer Erfolg. So naiv bin ich nicht zu glauben, dass sich so etwas leicht durchsetzen ließe. Das eine ist die Idealvorstellung, wie es sein sollte, und das andere ist die politische Realität. Aber in Amerika waren wir überrascht, dass der Gesetzgeber dort so weit gegangen ist. Ich würde mir für Europa wünschen, dass wir zumindest in diesem Punkt mit Amerika gleichziehen.

Welche Interessen sprechen gegen eine solche Entwicklung?

Dirk Müller: Natürlich die Interessen der Banken. Die profitieren davon in großem Maße. Weder die Hungernden, noch die Masse der Bürger, noch die Industrie haben einen Vorteil dadurch. Der Lobbyeinfluss der Finanzindustrie ist natürlich sehr groß. Hier wird man natürlich versuchen, eine Regulierung in diesem Bereich zu verhindern oder zumindest sehr gering zu halten.

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