Genveränderte Tiere als Lebensmittel

09.08.2011

Noch ist kein transgenes Tier als Lebensmittel zugelassen, ein genveränderter Turbolachs könnte als Türöffner dienen, US-Politiker versuchen, dies zu verhindern

Noch ist kein genverändertes Tier zum menschlichen Verzehr legal im Handel. Seit 16 Jahren bemüht sich die Firma AquaBounty in einem Sisyphos-Verfahren, für einen genveränderte Lachs (AquAdvantage® Salmon - AAS) die Zulassung als Lebensmittel von der zuständigen US-Behörde, der Food and Drug Agency (FDA) zu erhalten. Der genveränderte Lachs soll doppelt so schnell wachsen und damit höhere Gewinne erzeugen. Allerdings geht es nicht alleine um diesen Lachs, weswegen die Behörden zögern, sondern er gilt als Türöffner. Sollte AquAdvantage für den menschlichen Verzehr zugelassen werden, dürfte eine Flut weiterer genveränderter Tiere auf den Markt gelangen - mit Folgen natürlich auch für den Rest der Welt.

In den USA dürfen schon jetzt auch geklonte Tiere und deren Nachkommen sowie Produkte von diesen ohne Kennzeichnung verkauft werden. Da bei geklonten Tieren das vollständige Genom reproduziert, aber dieses nicht verändert wird, gelten Fleisch und Produkte wie Milch als unbedenklich. Weil die Tiere sich nicht von herkömmlich gezüchteten unterscheiden, wäre ein Verbot, so die FDA, unwissenschaftlich und daher nicht haltbar. Bekannt ist, dass Nachkommen geklonter Tiere auch bereits in die EU gelangt und Produkte von diesen als Lebensmittel in den Verkauf gekommen sind (Trinken wír bereits Milch von geklonten Tieren?). Ein Bericht der EU-Kommission im Frühjahr warnte vor einem Einfuhrverbot, da dies als Protektionismus gelten würde (Lebensmittel von geklonten Tieren in der EU auf dem Markt). Kommission und Rat sind gegen ein Verbot von Lebensmitteln, die von Nachkommen geklonter Tiere stammen, und höchstens für eine Kennzeichnung von frischem Fleisch geklonter Rinder, das EU-Parlament wollte hingegen ein Verbot für alle geklonte Tiere durchsetzen, wäre aber auch mit einer Kennzeichnungspflicht für Produkte von allen Nachkommen geklonter Tiere zufrieden gewesen.

Größenvergleich zwischen einem transgenen Lachs und einem normalen Lachs im selben Alter. Bild: AquaBounty

Ein Kompromiss wurde Ende März nicht gefunden, weswegen es nun keine neue Regelung gibt. Der Verkauf von Lebensmitteln von geklonten Tieren bedarf weiterhin einer Erlaubnis, Fleisch und andere Produkte von deren Nachkommen können - und dies auch ohne Kennzeichnung - verkauft werden. Bislang wurde keine Zulassung für Lebensmittel von geklonten Tieren erteilt, angeblich auch noch kein diesbezüglicher Antrag gestellt. Das Verbot des Klonens zu Lebensmittelzwecken gilt noch bis 2015.

Bei Klontieren besteht der Verdacht, dass sie eher zu Krankheiten neigen, genetisch aber unterscheiden sie sich nicht von herkömmlich gezüchteten Tieren. Anders ist dies bei gentechnisch veränderten oder transgenen Tieren wie dem AquAdvantage-Lachs. Dabei handelt es sich um einen Atlantischen Lachs, der mit einem Wachstumshormon des Königslachses und einem regulatorischen Gen der Nordamerikanischen Aalmutter (Zoarces americanus) aufgepeppt wurde, das die Produktion eines Proteins zum Frostschutz steuert und mit dem das Wachstumsgen angeschaltet bleibt. Das Hormon soll dafür sorgen, dass der Atlantische Lachs in 16-18 Monaten, nicht wie sonst in 30 Monaten ausgewachsen ist. Kritiker befürchten vor allem, dass der transgene, schnell wachsende Lachs, sollte er in die Natur entkommen, die natürlich lebenden Lachsarten durch den "Trojanischen Gen-Effekt" verdrängen könnte (Trojanisches Gen). Deswegen wird auch damit experimentiert, genveränderte Tiere unfruchtbar zu machen. Zudem wird von Kritikern angeführt, dass von transgenen Tieren, die als Lebensmittel verwendet werden, gesundheitliche Risiken ausgehen könnten. Im Fall des AquaBounty-Lachses dürfte dies jedoch unwahrscheinlich sein. Das Europäische Patentamt hat für den transgenen Lachs jedenfalls schon 2001 die Vergabe eines Patents gegen den Einspruch von Greenpeace als zulässig erachtet (Genveränderte Turbolachse).

Im letzten Jahr sah es für die Firma schon einmal gut aus, die Genehmigung für den genveränderten Lachs von der FDA zu erhalten. Er wurde von der Behörde für den Verzehr als unbedenklich erklärt, weil er sich von normalen Lachsen nicht unterscheide (Durchbruch für Frankensteinfood von transgenen Tieren?). Jetzt hat allerdings erst einmal das US-Repräsentantenhaus der Behörde einen Strich durch die Rechnung gemacht und eine Genehmigung verhindert, indem der FDA das Geld für mögliche Zulassungen von transgenen Tieren gestrichen wurde. Nun kommt es auf den Senat an, ob er eine Zulassung des "Frankenfish" befürwortet.

Die Firma versichert, dass eine Gefahr für die Umwelt nicht besteht. Die Eier des transgenen Lachs würden in Kanada hergestellt werden, nur zu 99,7 Prozent sterile Weibchen mit drei Chromosomensätzen würden dann nach Panama zur Aufzucht geschickt, wo sie allerdings im Land in Becken, isoliert von natürlichen Gewässern, leben würden. Selbst wenn der Lachs entkommen sollte, würde er unter den tropischen Bedingungen von Panama eingehen. Und wenn einer tatsächlich überleben sollte, müsste er bzw. sie Tausende von Kilometern schwimmen, um zu anderen Lachsfischen im Norden zu gelangen.

In Nature Biotechnology haben nun William Muir von der Purdue University und Alison Van Eenennaam von der University of California Davis ihre Stimme für die Zulassung des transgenen Lachses erhoben und ihm Unbedenklichkeit in jeder Hinsicht bescheinigt. Angeblich haben beide Wissenschaftler nichts mit der Firma AquaBounty zu tun, aber sie wollen offenbar die Interessen der Biotech-Wissenschaft und der Biotech-Unternehmen unterstützen. Niemand würde in die Gentechniken investieren, so erklärt Muir, wenn es keine Chance auf Zulassung gebe. Ein zusätzliches Risiko gebe es nicht. Der transgene Lachs unterscheide sich nicht von Lachs, der in Fischfarmen gezüchtet wird oder wild aufwächst. Immer schon habe man Pflanzen und Tiere mit dem Blick auf gewünschte Eigenschaften gezüchtet. Gentechnik verändere daran nichts prinzipiell, sie verkürze nur die Zeit, die zur Herstellung der gewünschten Eigenschaften erforderlich ist. Zudem gebe es keine Gefahr nach der Theorie des Trojanischen Gens, da der transgene Lachs weniger fit sei, weswegen schon die natürliche Selektion für ein Aussterben sorgen werde. Auch für den Menschen sei er nicht riskant, dafür könne der in Fischfarmen gezüchtete, schnell wachsende Lachs mehr Menschen versorgen, was angesichts des weiterhin vorhandenen Bevölkerungswachstums wichtig sei. Nur kann man den Fisch nicht angeln oder fangen, sondern ihn müssen alle kaufen. Die Firma wird zur "Natur".

Vermutlich ist die Unbedenklichkeits-Argumentation für diesen transgenen Lachs, die gesellschaftliche Perspektive außer Acht lassend, richtig. Eine Gefahr dürfte von ihm nicht für die Umwelt und für den Menschen ausgehen. Aber natürlich wird er als Türöffner eingesetzt. Wenn einmal eine Genehmigung erteilt wurde, wird es wesentlich schwieriger, für andere transgene Tiere als Lebensmittel Verbote auszusprechen. Man könnte sich allerdings auch fragen, warum man hier für Verbote eintritt, während die Artenvielfalt mit oder ohne "Frankensteintiere" schrumpft. Und warum sollte eine von Menschen bewirkte natürliche Selektion unbedingt schlechter als eine natürliche sein? Die nicht absehbaren Folgen bringen schließlich auch den Zufall mit ins Spiel.

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