"Unser Ziel ist die Demokratisierung des Medienwesens"

17.08.2011

In Lateinamerika und der Karibik haben neun Nachrichtenagenturen einen neuen Verband gegründet

Die Union lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen (ULAN) ist Teil einer länderübergreifenden medienpolitischen Bewegung südlich der USA. In dem Maße wie sich die Staaten der Region politisch und wirtschaftlich zusammenschließen, wurden auch gemeinsame Presseorgane gegründet. Der Sender Telesur etwa soll ein Gegengewicht zu der US-amerikanischen Sicht auf die Geschehnisse bieten, die von CNN und anderen Medienkonzernen verbreitet werden. Das Projekt Radio des Südens weitet diese mediale Süd-Süd-Zusammenarbeit sogar auf afrikanische Staaten aus. Telepolis sprach mit Sergio Fernández Novoa. Er ist Vizepräsident der argentinischen Nachrichtenagentur Télam und erster Vorsitzender des neuen Verbandes ULAN.

Anfang Juni wurde in der venezolanischen Hauptstadt Caracas die Union lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen (ULAN) gegründet, ein Zusammenschluss von neun Agenturen. Welchen Zweck verfolgt dieser Verband?

Fernández Novoa: Das gemeinsame Ziel der Mitgliedsagenturen ist die Demokratisierung des Medienwesens in Lateinamerika. Derzeit ist es doch so, dass all jene, die ökonomisches Wachstum mit sozialer Gerechtigkeit in Einklang bringen wollen, gegenüber den Mächtigen in Wirtschaft und Medien im Nachteil sind. Das zeigt sich vor allem in der Berichterstattung der großen Medienkonzerne gegen die entsprechenden Regierungen. Der neue Verband versucht, dieser in Lateinamerika wirklich sehr starken Medienfront etwas entgegenzusetzen, indem wir unsere Anstrengungen verbinden.

Wer sind die Mitglieder?

Fernández Novoa: In dieser ersten Phase sind es staatliche Agenturen. Das Ziel ist aber, auch private und nicht-kommerzielle Medienprojekte einzubinden, die sich für eine demokratischere Medienordnung einsetzen.

In Beiträgen zur Gründung der ULAN war viel von medialen Angriffen auf Linksregierungen in Lateinamerika die Rede. Geben Sie uns ein Beispiel?

Fernández Novoa: Emblematisch für uns in Argentinien ist in diesem Zusammenhang der Konflikt mit den Großgrundbesitzern um die Regierungsresolution 125, die darauf abzielte, angesichts der Weltmarktentwicklung die Exportsteuern für Soja und andere Produkte anzuheben. In der völlig einseitigen Berichterstattung gegen die Regierung und für die Agrarunternehmer hat sich gezeigt, dass die Interessen von wirtschaftlichen Gruppen und Medienkonzernen in meinem Land inzwischen weitgehend deckungsgleich sind.

Wenn es also kein neues Mediensystem gibt, wenn neue Akteure keine Chancen erhalten, werden Regierung und weite Bevölkerungsteile ihrer Stimme kaum Gehör verschaffen können. Eben das ist ja auch dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales im Konflikt mit der Opposition im Osten des Landes geschehen, oder dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, als er versuchte, Privilegien bestimmter mächtiger Gruppen anzutasten. Und ohne ein Instrument wie den lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur hätten wir kaum etwas über den Putsch in Honduras Mitte 2009 gehört.

Der mediale Komplex

Was aber kann die ULAN in dieser Situation beitragen?

Fernández Novoa: Mediale Pluralität, Fachleute und Medienschaffende, die über das Geschehen von vor Ort berichten, ohne Vorurteile und redaktionelle Vorgaben, die sich an wirtschaftlichen Interessen orientieren. Allein durch die Anzahl der Mitglieder sind wir in weiten Teilen Lateinamerikas und der Karibik präsent und diesen Vorteil sollten wir nutzen und zur Informationsfreiheit beizutragen. Das heißt auch, dass wir unsere Kräfte zusammenschließen. Während der regionalen Fußballmeisterschaft Copa América haben wir von Télam unsere Fotos allen anderen Agenturen zur Verfügung gestellt, so dass alle mit den großen Konkurrenzunternehmen aus dem Norden mithalten konnten. Das ist ein kleines und erstes Beispiel.

Kommen wir auf den politischen Kontext zurück. Wie erklären Sie sich die zahlreiche Kritik westlicher Medien gegen progressive Kräfte in Lateinamerika?

Fernández Novoa: In der Vergangenheit war immer wieder von dem militärisch-industriellen Komplex die Rede. Heute ist der mediale Komplex Teil dieses Konglomerats. Deswegen ist der schier unglaubliche Abhörskandal um das Imperium von Rupert Murdoch in Großbritannien relativ glimpflich ausgegangen. Was wäre wohl geschehen, wenn ein öffentliches Medium oder Vertreter der Zivilgesellschaft solche Abhörstrukturen aufgebaut hätten? Viele verstehen nicht, dass im aktuellen Verlauf der Geschichte private Konzerne mächtiger sind als Regierungen. Und viele wollen freilich nicht, dass man das versteht. Das ist wichtig anzufügen.

Ist es aber nicht auch so, dass Journalisten etwa in Europa und den USA die politischen Prozesse in Lateinamerika und der Karibik oft nicht verstehen? Ist es nicht ebenso wichtig, den Dialog zu suchen?

Fernández Novoa: Durchaus, und diesen Dialog suchen wir im Rahmen des internationalen Zusammenschlusses von Nachrichtenagenturen. Dort werben wir für einen Austausch ohne Vorurteile und auf gleicher Augenhöhe. Dieser Austausch unter Kollegen kann viele Dinge zu verstehen helfen. Weshalb etwa in Lateinamerika Privatkonzerne einer wirklichen Informationsfreiheit durch ihre stetig wachsende Macht im Wege stehen. Und weshalb der Staat im gesellschaftlichen Interesse handelt, wenn er regulierend einschreitet und die Informationsfreiheit über private kommerzielle und nicht-kommerzielle, gemeinschaftliche und öffentliche Kanäle sichert.

Heute bietet uns der technologische Fortschritt Möglichkeiten wie nie zuvor. Die Frage ist, wer diese Möglichkeiten nutzt: Medienkonzerne, die ihren Profit weiter ausdehnen wollen? Oder ein Staat mit der Rückendeckung einer starken Zivilgesellschaft?

Öffentliche Medien sind für die Demokratisierung der Medienlandschaft essenziell

Sie haben gesagt, dass es sich bei den Gründungsmitgliedern der ULAN um staatliche Agenturen handelt. Wie können sie einen mangelnden Abstand zu Regierungen vermeiden?

Fernández Novoa: Eine Debatte über die Beziehung zwischen Regierungen und öffentlichen Medien ist wichtig, vor allem, wenn wir das Zusammenspiel mit den privaten Medienkonzernen sehen. Grundsätzlich sollte jeder Journalist einem professionellen Vorgehen verpflichtet sein, gleich in welchem Medium er arbeitet. Wir müssen uns aber von der Vorstellung trennen, dass die führenden privaten Medienkonzerne – besonders in Lateinamerika – für objektive und unabhängige Berichterstattung stehen und die öffentlichen Medien Sprachrohre der Regierungen sind. In unseren Ländern wird dieser Mythos von den Mediennutzern selbst immer stärker in Frage gestellt. Jedes Medium, privat oder staatlich, folgt einer bestimmten politischen Linie, ja selbst die angeblich unpolitischen Redaktionen. Es ist die Verpflichtung gegenüber dem Leser oder Zuschauer, offen darzulegen, wer was sagt, die Herkunft der Information offen zu erklären und eine Quellenvielfalt zu wahren. Das gilt für alle Medien.

Und wie geht es nun mit der ULAN weiter, was sind die nächsten Schritte?

Fernández Novoa: Wir werden gemeinsame Programme und Projekte entwickeln, weil wir davon überzeugt sind, dass die öffentlichen Medien für die Demokratisierung der Medienlandschaft essenziell sind. Die Mächtigen der Wirtschaft und transnationale Medienunternehmen werden diese Aufgabe nicht wahrnehmen weil dies ihrem Profitstreben im Wege stehen würde. Nach der Gründung des Verbandes haben wir in Havanna, Kuba, einen ersten Kurs für Kolleginnen und Kollegen der neun beteiligten Agenturen organisiert. Weitere Veranstaltungen sind in Uruguay, Brasilien und Ecuador geplant.

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