Behinderte Ermittlungen

15.08.2011

Einer offiziellen Ermittlerin der 9/11 Commission wurde seinerzeit fristlos gekündigt - offenbar, da sie zu hartnäckig einer unerwünschten Spur gefolgt war

Zum bevorstehenden zehnten Jahrestag von 9/11 wird wieder über Versäumnisse bei den damaligen Ermittlungen diskutiert. Bis heute kaum bekannt ist, dass einer Ermittlerin der 9/11 Commission fristlos gekündigt wurde. Der zugrundeliegende Sachverhalt selbst ist schon mehrfach berichtet worden: Zwei der mutmaßlichen Attentäter, Khalid Al-Midhar und Nawaf Al-Hazmi, lebten vor den Anschlägen in Kalifornien. Die CIA wusste, dass die beiden sich im Land aufhielten und dass sie Al-Qaida-Mitglieder waren, hielt diese Informationen jedoch geheim. Nicht einmal das FBI wurde informiert.

In Kalifornien wurden die beiden von einem Mann namens Omar Al-Bayoumi tatkräftig unterstützt. Er gab ihnen Geld, suchte ihnen eine Wohnung und half in allen möglichen Angelegenheiten. Bayoumi hatte enge Verbindungen zu saudischen Regierungsmitarbeitern und kehrte kurz vor den Anschlägen nach Saudi-Arabien zurück.1

FBI-Ermittler vermuteten nach 9/11, dass Bayoumi, Midhar und Hazmi unter Kontrolle des saudischen Geheimdienstes gestanden hatten, der in diesem Fall mit der befreundeten CIA zusammengearbeitet hätte, welche die Männer angeblich als Doppelagenten anwerben wollte.2 Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, wird diese Vermutung inzwischen auch von Richard Clarke geteilt (Video), dem ehemaligen Antiterrorkoordinator der Regierung Bush. Wie erfolgreich der US-Geheimdienst dabei letztlich war (falls die Vermutung denn stimmt), ist bis heute unklar.

Zwei offizielle Ermittler der 9/11 Commission, Michael Jacobson und Dana Lesemann, recherchierten sehr gründlich die dubiose Rolle Bayoumis, sowie das klandestine Netzwerk, das ihn in den USA umgab. Doch als Dana Lesemann vom Direktor der Commission, Philip Zelikow, weitere Unterstützung forderte, sowie den Zugang zu wichtigen Dokumenten, blockte dieser ab - und feuerte sie schließlich sogar. Angeblicher Grund: Die Ermittlerin hatte sich ohne Erlaubnis Zelikows einen geheim gestempelten Bericht der 9/11-Kongressuntersuchung zum Bayoumi-Netzwerk verschafft.

Nach ihrer fristlosen Kündigung machte ihr Kollege Michael Jacobson weiter und fasste die gemeinsamen Erkenntnisse in einem Bericht zusammen, der schließlich Teil des 9/11 Commission Report werden sollte. Doch in letzter Minute erfuhr er, dass sein Teamleiter Dieter Snell und Direktor Zelikow sich trafen, um den Bericht umzuschreiben und dabei all die ernsten Anschuldigungen zu entfernen, die Bayoumi und das verdeckte Netzwerk betrafen, das den mutmaßlichen Attentätern geholfen hatte. Nach der Meinung von Snell und Zelikow sollte nichts davon auch nur im Abschlussbericht der Commission erwähnt werden.

Jacobson versuchte sich durchzusetzen, doch am Ende ging er einen Kompromiss ein: das explosive Material wurde nicht völlig aus dem Bericht getilgt, sondern stattdessen in den Anhang verschoben - wo es nur wenige Leser in den kleingedruckten Fußnoten finden würden.3

Doch warum hatte Zelikow seine eigenen Mitarbeiter behindert und sogar versucht, eine wesentliche Ermittlung zu unterbinden?

Bekannt ist, dass er enge Verbindungen zur Bush-Administration unterhielt und ein Vertrauter der damaligen nationalen Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice war, die ihrerseits zum engsten Zirkel um George W. Bush zählte. Auch ist bekannt, dass Zelikow im Jahr vor den Anschlägen im Übergangsteam für den neuen Präsidenten Bush gearbeitet hatte. Es ist außerdem kein Geheimnis, dass das Weiße Haus unter Bush und Cheney lange versucht hatte, eine unabhängige Untersuchung von 9/11 zu blockieren.

Doch es gab noch mehr, das aufhorchen lässt. 2002 etwa hatte Zelikow eine Nationale Sicherheitsstrategie im Auftrag des Weißen Hauses formuliert, die "präventiven Krieg" zur neuen Militärdoktrin erhob (Amerikanischer Internationalismus). Dieser Paradigmenwechsel schuf die intellektuelle Grundlage für den kommenden Irakkrieg. Einen Krieg, der eines der Hauptziele der Bush-Administration gewesen war - und der ohne 9/11 undenkbar gewesen wäre.

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