Kompromisse unter Kompromissbereiten

26.08.2011

Wer den anderen für verhandlungsbereit hält, geht auch selbst leichter Kompromisse ein. Forscher wollen das im Konflikt zwischen Israel und Palästina nutzen

Es muss objektiv schlecht bestellt sein um den nun schon so lange schwelenden Konflikt im Nahen Osten. Die Spannungen, die sich immer wieder in Gewalt entladen und entladen werden, haben ihre Spuren hinterlassen. Zu viele Menschen haben persönlichen Verlust erlitten, für den zumindest faktisch die Gegenseite verantwortlich ist. Solche Verletzungen, deren Zahl eher noch steigt als sinkt, erschweren es ungemein, für alle tragbare Lösungen zu finden - selbst wenn sich beide Seiten über die Sachlage völlig einig wären (was derzeit in den Sternen steht).

Wie tief der Konflikt in der Volksseele beider Seiten verwurzelt ist, zeigt sich selbst in der Wissenschaft: Dass nämlich Psychologen an diesem Beispiel Grundlagenforschung betreiben können. Im Wissenschaftsmagazin Science berichten die Forscher aus Israel und den USA von ihren Erkenntnissen. Die Wissenschaftler wollten dabei das Problem bearbeiten, dass die Beendigung von Konflikten meist durch eine negative Einstellung der Gegner zueinander beeinträchtigt wird. Wie frühere Studien und die traurige Praxis gezeigt haben, ist es dabei sehr schwierig und langwierig, diese Einstellungen direkt zu ändern.

Schon deshalb bietet sich ein indirekter Weg an. Er beruht darauf, dass Menschen anderen Menschen ohne strikte, also mit veränderbaren Überzeugungen gegenüber eher zu Verhandlungen bereit sind und deren sonstige Verhaltensweisen auch weniger negativ sehen. Ein einsichtiger Verbrecher etwa wird weniger hart bestraft als ein uneinsichtiger.

Das liegt, wie frühere Forschung gezeigt hat, vor allem an einer Grundannahme, die den meisten Menschen eigen ist: Wenn jemand veränderbare Überzeugungen zeigt, unterstellen wir eher, dass sein Verhalten aus seiner aktuellen Motivation und Situation resultiert - statt aus einer permanenten Eigenschaft des Individuums. Damit verbunden ist auch die Überzeugung, dass sich ein bestimmtes Verhalten ändern lässt, wenn man nur externe Situation und interne Motivation zu ändern vermag. Wer hingegen eine fixe "Charakterschwäche" als Ursache erkannt haben will, setzt als Gegenmaßnahme lieber auf Strafe und Rache.

Wechselseitige Einflüsse

Lassen sich diese Erkenntnisse in irgendeiner Form auf den israelisch-palästinensischen Konflikt anwenden? Im Grunde ja, meinen die Forscher. Dazu untersuchten sie zunächst eine Gruppe von 500 israelischen Juden: Wie zu erwarten, korrelierten die individuelle Annahme einer veränderbaren Überzeugung der Gegenseite mit der Bereitschaft, selbst Kompromisse einzugehen. Doch handelt es sich um eine Kausalrelation?

Dazu ließen die Forscher einen Teil der Probanden einen Artikel lesen, der von den fixen Überzeugungen einer aggressiven Gruppe handelte, während der andere Teil über Aggressoren mit wandelbarer Überzeugung las. Dabei ging es nicht konkret um Palästinenser, trotzdem zeigte sich die letztere Gruppe in einer späteren Befragung den Palästinenser-Problem gegenüber signifikant aufgeschlossener.

Das Ergebnis erwies sich als nicht geschlechtsspezifisch - und es ließ sich auch bei einer Gruppe israelischer Palästinenser wiederholen, die zwar Bürger von Israel sind, aber von vielen Israelis als aggressive Minderheit mit Verbindungen zu den Feinden Israels angesehen werden. Nun könnte man palästinensischen Einwohnern Israels noch ein gewisses Eigeninteresse an einer Konfliktlösung mit "ihrem" Staat unterstellen.

Der Effekt ließ sich in einer vierten Studie jedoch auch an Palästinensern aus Ramallah wiederholen, der Zentrale des palästinensischen Autonomiegebiets. Über die Hälfte der Probanden gehörte dabei entweder Fatah oder Hamas an. Allein die Lektüre der mit dem eigentlichen Problem nicht in Zusammenhang stehenden Texte ließ auch den Anteil der Palästinenser signifikant steigen, die sich bereit erklärten, sich persönlich mit israelischen Juden zu treffen, um beiderseitige Ansichten zu diskutieren.

Die Psychologie weiß bereits, dass schon diese Bereitschaft auch das tatsächliche Verhalten beeinflusst. Zwar lässt sich aus der Science-Studie noch kein konkreter Handlungsplan ableiten - doch die Gewissheit, dass sich sogar die Überzeugungen von Israelis und Palästinensern auf diese Weise ändern lässt, stimmt die Forscher optimistisch.

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