Tanz den Ratzinger

04.09.2011

Die Konversion des Ex-Kulturchefs des "Spiegel", Ex-Alt-68ers und selbsterklärten Gonzo-Journalisten Mattussek

Beginnen wir mit einer Erinnerung an den 14. August 1943: An diesem Tage feierte der jüdische Schriftsteller Alfred Döblin im kalifornischen Exil seinen 65. Geburtstag. Eben jener Döblin, der spätestens seit seinem Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" (1929) zur Avantgarde der Weimarer Republik zählte und der durch sein Engagement in der linksgerichteten Gruppe 1925 auch politisch positioniert war. Alles, was Rang und Namen hatte, hatte sich an diesem Tage im kleinen Theatersaal von Santa Monica in der Nähe von Hollywood eingefunden, um dem vereinsamten Exil-Kollegen die Ehre zu erweisen. Auf der Gästeliste so illustre Namen wie Bertold Brecht und Helene Weigel, Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger und die Gebrüder Mann, von denen Heinrich sogar die Festrede übernahm. Doch dann geschah das Unerwartete, der Eklat.

In seiner Dankesrede beginnt Döblin plötzlich von Religion zu reden und endet mit dem persönlichen Bekenntnis, dass er bereits 1941 zum Katholizismus konvertiert sei. Konsterniertes Schweigen im Publikum. Man hatte den linken Avantgarde-Mitstreiter ehren wollen und fand sich plötzlich mit einem katholischen Konvertiten konfrontiert. Verstört verließen einige der Gäste den Festsaal. Der genaue Wortlaut der Konversions-Rede ist nicht überliefert. Doch existieren einige Dokumente der Empörung, die sie bei den Gästen auslöste. Darunter an prominentester Stelle ein Gedicht mit dem Titel "Ein peinlicher Vorfall", in dem Bertold Brecht seine Enttäuschung lyrisch verarbeitete. Vom Sturz des "gefeierten Gottes" ist dort die Rede, der auf der Bühne, die eigentlich den Künstlern gehört, einen mehrfachen Tabubruch begeht: die öffentliche Rede von "Erleuchtung" und das Bekenntnis zur Religion als schamloser, ja "unzüchtiger Kniefall", der die "irreligiösen Gefühle" seiner Zuhörer verletzt.

Brechts Strafgedicht drapiert das 0815-Repertoire der ästhetischen Religionskritik - Verrat am Intellekt, Flucht vor der Wirklichkeit - und schreckt auch nicht vor dem Pathologieverdacht zurück, wenn er den Katholizismus des herzkranken Döblin sarkastisch auf die "angina pectoris" als "große Bekehrerin" zurückführt. Für Döblin war damit die Ablehnung seines katholischen Spätwerkes eingeläutet. Und über den Einzelfall hinaus für die deutsche Nachkriegsöffentlichkeit eine Art Prototyp an Verachtung und Misstrauen installiert, mit denen religiöse Bekenntnisse und zumal katholische Konversionen prominenter Intellektueller zu rechnen hatten.

Religiöser Analphabetismus der Gegenwart

In diesen Tagen erleben wir nun ein Déjà-vu: Wieder macht ein religiöses Bekenntnis die Runde, wieder eine Konversion zum Katholizismus und wieder von einem aus der ersten Riege der Meinungsmacher. Diesmal ist es Matthias Matussek, Ex-Kulturchef des "Spiegel", Ex-Alt-68er und selbsterklärter Gonzo-Journalist, der in einem steilen Glaubenstraktat von seiner Konversion öffentlich Zeugnis ablegt und mit frischem Gotteseifer für seinen neuen Glauben zu Felde zieht. Ein kulturkritischer Rundumschlag: gegen die Cafeteria-Religiosität der Gegenwart, gegen das Reformgeschwätz nach dem zweiten Vaticanum, überhaupt gegen das Zeitalter des Relativismus, der Zerstreuung und Enthemmung in all seinen Facetten.

Dagegen setzt Matussek die Sonntagsmesse mit Kniefall, Andacht und Gebet, die katholische Gegenwelt aus erhabenem Ritualzauber und mit Bischof Dyba das Plädoyer für Randschärfe in Ritus und Dogma. Das ganze vorgetragen im hohen, erregten Ton des Neubekehrten und selbstberufenen Apostels. Also im Grunde ein peinlicher Vorfall, wie er im Buche steht. Und doch ist der typische Brecht-Reflex bisher ausgeblieben. Der Blick in den Pressespiegel stößt auf eine eigentümliche Zurückhaltung der mitunter prominenten Rezensenten. Hier und da ein Anflug von Unbehagen, aber im Grunde doch eher Respekt, ja Bewunderung für das kompilierte Wissen und für den Mut zur Parteinahme: Matussek der "Konterrevolutionär" und "Rebell des Glaubens". Man hört von lang anhaltendem Applaus auf den Lesereisen und sogar aus dem Vatikan, wo Bischof Cordes das Matussek-Traktat als "Impuls zum Apostolat" anpreist.

Man reibt sich die Augen und fragt: Befinden wir uns in einem Klimawechsel für religiöse Bekenntnisrede im öffentlichen Raum? Eine neue Toleranz gegenüber Konversionen von Intellektuellen? Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Es bedurfte erst der Intervention eines protestantischen Theologieprofessors vom Range eines Friedrich Wilhelm Grafs, der in seiner Rezension in der FAZ vom 6. Juli auf die fundamentale katechistische Naivität und Ahnungslosigkeit der Matussekschen Glaubenslehre und damit auf den entscheidenden Punkt aufmerksam machte: den grassierenden Analphabetismus der Gegenwart in religiösen Dingen.

Pop-katholischer Kniefall

In der Tat: Eigentlich peinlich ist nicht das pseudoscholastische Getue des Lebensabschnittskatholiken, der von Mao zu Christus zurückkehrt. Auch nicht der kindliche Bekenntnisneid gegen den Islam oder das antimoderne Ressentiment mitsamt seiner trivialen Erpressungs-Apokalyptik - "Wir werden beten lernen, alle!". Das eigentlich Peinliche des Vorfalls liegt in der Anmaßung und Selbstverliebtheit, mit der hier offenbar wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass ein, zwei private Momente religiöser Ergriffenheit und danach ein Wikipedia-Schnellkurs ausreichen, um als Apostel vor die Öffentlichkeit alias Gemeinde zu treten.

Gerade mit diesem Manöver aber erweist der Autor seiner Sache und auch seiner Kirche einen Bärendienst. Als Instant- und Selfmade-Apostel wird er unfreiwillig zum leibhaftigen Zeugen und Indikator der von ihm selbst angeprangerten Enterbung in religiosicis. Denn so fromm Matussek auch tut und so inbrünstig er auch die Knie beugt - es hilft nichts: Er bleibt ein Mitglied der Pop-Moderne, bleibt Autor und Journalist, der sein Material nach DJ-Art sampelt und der Aufmerksamkeit vor allem durch Tabu-Importe erzeugt. So wie die aktuellen Theorie- und Literaturstars vom Typ Žižek, Badiou oder Dath, die bereits seit geraumer Zeit Paulus und Stalin in die Diskurse einmischen. Und ebenso wie die E-Poiniere von DAF, die Anfang der 80er Jahre texteten: "Geht in die Knie und klatscht in die Hände, beweg deine Hüften und tanz den Mussolini ...!" Heute scheinen die Mussolini-Schocker ausgereizt, so dass nun offenbar Religion und Katholizismus als exotischer Provokationsersatz herhalten müssen. "Tanzt den Ratzinger" - so lautet der Rock der Stunde.

Noch ein Moratorium?

Und dennoch: Matusseks Hinweis auf die "Leerstelle Gott" trifft einen zentralen Nerv der Gegenwart. Ebenso die Frage: "Wie heute von Gott reden?" Genau auf dieses Wie kommt es tatsächlich an. Nicht nur, weil es das heimliche Schlüsselwort des Bertelsmannschen "Religionsmonitors" scharf stellt, wonach sich ein Anteil von über 30 % unter Protestanten wie Katholiken bezeichnenderweise für "irgendwie religiös" hält. Sondern vor allem, weil es unsere religiöse Lage in der Moderne nüchtern auf den Punkt bringt: Es ist eben alles andere als eine Kleinigkeit, seit mehreren Generationen problemlos ohne Religion, ohne Gott gelebt zu haben. Jedenfalls nichts, was sich per Handstreich über Nacht revidieren lässt.

Matussek macht es sich zu einfach. Er macht an der richtigen Stelle eine falsche, vorschnelle Bewegung. Mit diesem Vorfall aber rückt die Frage nach einem Moratorium in Sachen "religiöser Rede" auf die Agenda. Also eine religiöse Parallelaktion zur vieldiskutierten Energiewende? Warum eigentlich nicht. Man könnte sich an die Maxime erinnern, die Friedrich Schleiermacher im Jahr 1799 seinen berühmten "Reden über die Religion" voran stellte: "Mit dem Zögern anfangen!" Damals richtete sich das an die Gebildeten unter den Religionsverächtern. Heute wäre dies auszuweiten auf ihre allzu hastigen Liebhaber und Bekenner.

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