Der Kapitalismus der Trostlosigkeit

29.08.2011

Dem Kapitalismus ist der Feind und die Dynamik abhanden gekommen, er ist in eine Gesellschaft ohne Utopie und politische Alternative gemündet

Neue Zeiten benötigen neue Begriffe. Wenn sich die Dinge ändern, hinkt das Denken gewöhnlich zeitlich hinterher, bis es begreift, was geschieht. Zur Zeit, so scheint es, ist viel Ende und viel im Fluss, wir sehen die Nachkriegs-Epoche versinken und aus dem Ozean der Geschichte steigen neue Verhältnisse auf - oder sind es nur die totgeglaubten Gespenster der Vergangenheit? Den momentanen gesellschaftlichen Veränderungen seien hier drei Begrifflichkeiten gegenübergestellt, als reflexiver Versuch der Einordnung neuer Phänomene: der Kapitalismus der Trostlosigkeit, die Barbarische Moderne und die Entstehung der Komitativen Sphäre.

Der Kapitalismus der Trostlosigkeit ist ein Kapitalismus, dem der Feind abhanden gekommen ist. Nach mehr als 300 Jahren seiner Geschichte steht er plötzlich siegreich, aber auch alleine dar. In ehemals kommunistischen Ländern wie Russland oder China erlebt er eine ungeahnte Blüte und eine Arbeiterklasse, die ihm an die Gurgel will, existiert nicht mehr.

So allein auf weiter Flur und ohne das Korrektiv einer machtvollen Opposition beginnt der Kapitalismus mit andauernden und sich fortsetzenden Krisen sich selbst zu zerstören. Seine Lieblingsbeschäftigung, das permanente Verdampfen alter Verhältnisse und die permanente Revolution der Produktivkräfte, geht ungezügelt vonstatten, gleich einer Dampfwalze in Bewegung, aber ohne Fahrer. Trostlos ist dieser Kapitalismus zum einen, weil er nicht mehr wie noch in den 1960er Jahren seine Versprechungen von Wohlstand auch für das Volk wahrmachen kann. In den alten Industrieländern koppelt sich vielmehr die Produktion des Reichtums wieder ab von den Lebensbedingungen der Produzenten. Prekarität inmitten von Wohlstand ist das neue Damoklesschwert, das über den Überflüssigen des neoliberalen Zeitalters schwebt. Diese - wachsende Zahl - von "Minderleistern" können kaum mehr auf die Billigung der "Leistungserbringer" (Sloterdijk) hoffen.

Trostlos ist dieser Kapitalismus aber auch zum anderen, weil er wie ein Schwarzes Loch im Ideen-Universum quasi alle utopische Energie in sich aufgesogen und neutralisiert hat. Am Horizont des real existierenden Kapitalismus ist also nicht nur das Wohlstandsversprechen, sondern auch das Bild jedweder Alternative verblasst. Wenn Trost die Linderung des Leids ist, so gibt es an diesem Horizont keine Heilsversprechungen mehr. Dort wartet nur noch die Absurdität der "Riester-Rente".

Im Einzelnen: Seit der Herausbildung der kapitalistischen Wirtschaftsform im England des 18. Jahrhunderts war deren Dynamik kontinuierlich begleitet von Versuchen zu deren Negation, zumindest deren Bändigung. Kapitalismus war schon immer wie das Jin und Jang des Taoismus - mit seiner Kraft erzeugte er immer eine Gegenkraft. Die Dampfmaschine und die Fabrik erzeugten die Arbeiterklasse, und deren Organisationen - etwa die Sozialdemokratische Partei in Deutschland - waren sich bis in das 20. Jahrhundert hinein einig, dass der Kapitalismus überwunden gehöre. Denn der produzierte permanent durch seine zyklischen Krisen jene Zustände, die nach seiner Abschaffung drängen.

Daran arbeiteten quer durch die Jahrhunderte vor allem die Arbeiterparteien und in mehreren Revolutionen wird der Kapitalismus für kürzer oder länger suspendiert. Richtig erfolgreich ist dieses Unterfangen allerdings nicht, unter anderem, weil durch Sozialgesetzgebung und andere Regulierungen das Verdampfungsprojekt des unbegrenzten Kapitalismus etwas kanalisiert wird. Die Dampfwalze bekommt quasi einen Steuermann. Den Höhepunkt erreichte der regulierte Kapitalismus im Klassenkompromiss der 1960er Jahre, als auch die Vertreter der Arbeiter mit auf den Führerstand der Dampfwalze und dort ein wenig mit an den Schräubchen drehen durften.

Bedingungslose Hingabe

Anfang der 1990er Jahre war es damit vorbei. "Zauberland ist abgebrannt", sang Rio Reiser. Die Arbeiterklasse jedenfalls war längst schon zu einer lediglich "sozialen Klasse auf dem Papier" geworden, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu formulierte. Die SPD unter Gerhard Schröder verschrieb sich ebenso wie die englische Labour-Party dem Projekt, die Menschen fit für den real existierenden Kapitalismus zu machen.

Wo früher die Überwindung, dann die Zähmung dieser Wirtschaftsform auf dem Programm stand, folgte nun die bedingungslose Hingabe: Sozialdemokratie hieß von nun an die Forderung, jeder solle die gleichen Turnschuhe bekommen, ehe er den Wettlauf durch die aktuellen Verdampfungsphasen des Kapitalismus antrat. Dahinter und daneben gab es nichts mehr. Die fast obszöne Hingabe von Schröder und Ex-Vizekanzler Josef Fischer von den Grünen an das Kapital in Form von Direktoren- und Beraterpöstchen nach ihrer Politkarriere ist quasi die biographische Dimension dieser geistigen Kapitulation.

Im trostlosen Kapitalismus existieren die Arbeiter weiter fort, in Deutschland sind es immerhin noch rund elf Millionen, die vorwiegend mit Handarbeit ihr Geld verdienen. Sie teilen sich auf in die Arbeiteraristokratie, die schon mal durch lukrative Aufsichtsratsposten und gelegentliche Lustreisen vom Kapital korrumpiert werden. Dann in die Stammbelegschaften in den großen Automobilfirmen und den mittelständischen Betrieben: Sie profitieren noch von den erkämpften Errungenschaften der Vergangenheit wie vernünftige tarifliche Bezahlung, Urlaubsgeld und Kündigungsschutz, sind aber auf Gedeih und Verderb der Unternehmenslogik unterworfen - "man" steht ja im Wettbewerb mit anderen Nationen, Regionen und Standorten. Und schließlich das zunehmende Prekariat von Leiharbeitern und unsicher Beschäftigten, schließlich die "Entkoppelten" (so der französische Soziologe Robert Castel) der Hartz IV-Gefilde.

Doch diese Arbeiter stellen keine Bedrohung des Kapitalismus mehr dar und mit ihnen verbindet sich keine Utopie mehr. Es ist vielmehr der Kapitalismus selbst, der sich bedroht. Die Finanzkrisen und Börsenkräche scheinen sich mittlerweile in Normalität zu verwandeln, auch den ausgebufftesten "Wirtschaftsexperten" fallen keine Erklärungen zu den irrationalen Bewegungen der Finanzmärkte mehr ein. Selbst aus dem autistischen Lehrgebäude der neoliberalen Wirtschaftslehre entweichen keine Luftblasen mehr als billiger Trost. Flashmobs, Amokläufer, individuelle Massenmörder, brennende Stadtviertel und Plünderungen sind die postpolitischen Erscheinungen einer Gesellschaft ohne Utopie und politische Alternative. Und wo die Sozialdemokratie nur noch die neoliberale "Spar-Logik" bediente wie in Ungarn, stehen Kräfte bereit, um mit der Verzweiflung der Wähler ihr reaktionäres, ausländerfeindliches oder islamophobes, rassistisches und völkisch-nationales Süppchen zu kochen.

Reiten auf dem Tiger

Steht das Bild der Dampfwalze für die Unerbittlichkeit des "Verdampfungs"-Prozesses, lässt sich die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaftsweise mit dem Reiten auf einem Tiger vergleichen. Die chinesische Führung ist seit rund 30 Jahren auf den Geschmack gekommen - und was sich in China tut, zeigt die entfesselte Dynamik dieses Tigers. Demgegenüber erschien die realsozialistische Planwirtschaft schließlich wie eine schwerfällige und langsame Schildkröte, wenn auch die Aufbaujahre in der Sowjetunion der 1930er Jahre es locker mit kapitalistischer Dynamik aufnehmen konnten. Doch dieser Ritt auf dem Tiger ist voller Gefahren, der Preis für wirtschaftliche Dynamik ist hoch: Sind die Zügel zu locker, frisst der Tiger seine Reiter.

Vom großen Gesellschaftsexperiment des real existierenden Sozialismus ist nichts geblieben, mit Ausnahme von Nordkorea vielleicht versuchen nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks alle vormals sich sozialistisch definierenden Länder wie etwa Vietnam und nun auch Kuba den Tiger für sich nutzbar zu machen. Aus dem brodelnden Labor des real existierenden alten Kapitalismus im Westen ist dieser Fluchtweg nach links in Richtung Arbeitermacht und rationale Wirtschaftsplanung mittlerweile historisch überholt, die sozialistischen Blaupausen und Pläne sind endgültig verblichen. Auch der rechte Ausgang in Richtung "organisches" Wirtschaften im Rahmen einer "Volksgemeinschaft", in welcher der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit angeblich aufgehoben sei, ist seit der Katastrophe des Nationalsozialismus ideologisch und durch Leichenberge verbaut.

So erscheint uns heute der gebändigte rheinische Kapitalismus in seiner Form als "soziale Marktwirtschaft" - der mächtig eingezäunte Tiger - der 1960er und 1970er Jahre rückblickend quasi als ein verlorenes Paradies (das es freilich nur sehr bedingt war). Was also bleibt, wenn wir den gegenwärtige Blick auf die sich angesichts der "Schuldenkrise" in Euro-Europa vollziehende Spar-Diktatur des Kapitals richten ist - eine historisch einmalige ideologische Trostlosigkeit.

Ob eine erneute Regulierung des Kapitalismus das System wieder stabilisieren kann, ob die Arbeitermassen in den Fabriken Asiens den Weg der sozialen Emanzipation wie im Europa des 20. Jahrhunderts gehen, ob und wie sich die westlichen Demokratien angesichts der Krisen erneuern können und einen sich abzeichnenden völkischen, antisozialen Nationalismus wie etwa in Ungarn abzuwehren in der Lage sind, bleibt die Frage. Die Protestbewegungen der Jungen auf den spanischen Plätzen und anderswo aber benötigen bald Antworten auf ihre Fragen und Forderungen, auf dass die Trostlosigkeit der Hoffnung weicht.

Fortsetzung folgt

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