War Games

17.09.2011

Der NATO-Spion - Teil 3

Bei Rupps Jahrestreffen mit seinen Führungsoffizieren der HV A hatten diese ihm bereits die großen Sorgen der sowjetischen Genossen in Verbindung mit RYAN ans Herz gelegt. Aber nichts in seinem Umfeld hatte auf die unmittelbare Vorbereitung eines NATO-Erstschlages hingedeutet, was er anhand der gesicherten Dokumente dokumentarisch zu untermauern versuchte. Im Herbst 1983 rückte nun die jährliche NATO-Übung "Able Archer" näher. Über seinen Kurier wurde ihm die Dringlichkeit der sowjetischen Befürchtungen nochmals nachdrücklich verdeutlicht. Auf einer Historiker-Konferenz in Odense1 referierte Rupp 2007 seine Eindrücke, auf denen die nachfolgende Darstellung mit freundlicher Genehmigung des Autors basiert.

Teil 2: Das nukleare Gleichgewicht

ABLE ARCHER 83

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem die sowjetischen Aufklärer unter Hochdruck nach Anzeichen für einen nuklearen Erstschlag Ausschau hielten, begann die NATO unter US-Führung ein Manöver, in dem ein solcher Erstschlag unter sehr realistischen Bedingungen geübt wurde. Bereits im Vorfeld des Manövers zeichnete sich ab, dass "Able Archer" dem Szenario folgen würde, das aus der Sicht Moskaus als die Vorbereitungsphase für einen atomaren Erstschlag erschien. Daher befürchteten die Sowjets, dass unter dem Deckmantel des regelmäßig wiederkehrenden Routinemanövers "Able Archer" der nukleare Überraschungsangriff vorbereitet werden sollte. Nach Meinung der sowjetischen Führung wurden diese Befürchtungen auch durch ungewöhnliche Neuerungen bei "Able Archer 83" bekräftigt.

Das 10 Tage dauernde NATO-Manöver begann am 2. November 1983 und umspannte ganz Westeuropa. Zweck der Übung war die routinemäßige Simulation einer koordinierten Freigabe von Atomwaffen und deren Einsatz. Alarmierend waren jedoch die neuen Elemente der Übung. So wurden nukleare Mittelstreckenraketen ins Feld geführt und zugleich wurde absolute Funkstille befohlen. Außerdem setzte man zum ersten Mal ein neues Kodierungs-Format für die Nachrichtenübermittlung ein. Zudem waren die Staatsoberhäupter der NATO-Mitgliedsländer erstmals in die Übung eingebunden, woraus man in Moskau auf eine ungewöhnlich hohe politische Bedeutung der Übung schloss. Die Sowjets gingen - fälschlicherweise - davon aus, dass die USA ihre höchste Alarmstufe "DEFCON 1" ausgerufen hatten, was für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff steht. Tatsächlich aber wurde "DEFCON 1" während "Able Archer" nur simuliert. Eine westliche Armada aus 87 Schiffen konnte vom Gegner nicht beobachtet werden, weil eine neuartige Technologie sie vor dem Radar tarnte.

Die sowjetische Führung war vom unmittelbar bevorstehenden US-Angriff überzeugt und hatte ihre eigenen strategischen Atomstreitkräfte in den Alarmzustand versetzt, zudem ihre Luftstreitkräfte in der DDR und in Polen alarmiert. Das kleinste Versehen, und die Katastrophe wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Current Intelligence Group

Im Brüsseler "NATO-Lagezentrum", dem "Allerheiligsten", in dem alle Nervenstränge der NATO zusammenliefen, begann nunmehr der wohl wichtigste Einsatz des Perspektivagenten "TOPAS". Zu normalen Zeiten sichteten die Mitglieder der (Current Intelligence Group) CIG bei Arbeitsbeginn am frühen Morgen die Meldungen, die während der letzten 24 Stunden von den Nachrichtendiensten der NATO-Mitgliedsländer eingegangen waren. Unter Rupps Vorsitz, den er auf wöchentlicher Rotationsbasis ausübte, wurde dann eine Zusammenfassung der wichtigsten Entwicklungen und nachrichtendienstlichen Erkenntnisse angefertigt, die anschließend an die entsprechenden NATO-Dienststellen und an alle Mitgliedsländer geschickt wurde.

Bei NATO-Stabsübungen wie WINTEX/CIMEX oder in Krisensituationen war die CIG ständig besetzt. Ihr Vorsitzender hatte in solchen Fällen die Aufgabe, den NATO-DPC (Verteidigungsplanungsrat), der normalerweise auf oberster Ebene tagte, regelmäßig über die eigene und die Feindlage zu unterrichten. So war Rupp in der hervorragenden Position, alle aktuellen Entwicklungen und Indikatoren, die eventuell auf einen nuklearen Überraschungsschlag der NATO hingewiesen hätten, rechtzeitig zu erkennen, dokumentarisch zu sichern und nach Ostberlin zu übermitteln. (Ein Alleingang der USA, an der NATO vorbei, wie etwa die gerade erfolgte Invasion auf Grenada, wäre für ihn jedoch nicht erkennbar gewesen.) Zugleich war er vollkommen in den alljährlichen, integrierten Verteidigungsplanungszyklus der NATO einbezogen. Damit standen ihm stets sämtliche diesbezüglichen Dokumente zur Verfügung, die er auch in ihrer Gesamtheit für die HV A sichern konnte - darunter auch das Dokument MC 161.

"NatoLeaks"

Da es so gut wie unmöglich war, den argwöhnischen Sowjets die Abwesenheit der Gefahr eines Erstschlages durch Beteuerungen zu beweisen, ging Rupp dazu über, systematisch alle CIG-Dokumente und Intelligence Memoranda aus dem Lagezentrum, samt aller anderen NATO-Dokumente über die aktuellen politischen Entwicklungen zu sichern und an die HV A zu schicken. Da er kein Dokument ausließ, egal wie wichtig oder unwichtig, und dazu auch noch seine persönlichen Einschätzungen mitlieferte, war die HV A auf dem gleichen Wissensstand wie er und sie konnte daher gegenüber den sowjetischen Partnern entsprechend deutlich Stellung beziehen.

Um diese Masse an Dokumenten zu liefern, fotografierte sie Rupp mit einer leicht zu verbergenden Minox-Kamera. Dringlichere Meldungen codierte er mit einem als Taschenrechner getarnten Gerät, das die Informationen zu einem akustisches Rauschen komprimierte, das unauffällig über einen öffentlichen Fernsprecher an eine speziell geschaltete Telefonnummer versendet wurde. Wie er das berühmte Dokument MC 161 kopieren konnte, das nur unter Bewachung gelesen werden durfte, verrät er aus Rücksicht auf Beteiligte bis heute nicht.

Minox A. Bild: Philippe Kurlapski. Lizenz: CC-BY-1.0

Auch von anderen HV A-Aufklärern kamen entwarnende Meldungen. Dennoch waren die Sowjets nur zögerlich bereit, selbst nach Beendigung von "Able Archer", sich zu "entspannen" und zum "normalen" Rhythmus des Kalten Kriegs zurückzufinden.

Blinde Weltmacht

Nach neuerer Darstellung wurden die USA erstmals bereits durch Militärbeobachter in der DDR darauf aufmerksam, dass sich der Warschauer Pakt auf einen atomaren Gegenschlag einstellte. So sei aufgefallen, dass etwa im Atomwaffendepot Himmelpfort die mobilen Abschussbasen fehlten, also im Gelände stationiert sein mussten. Aus diesem Grund soll Reagan vorzeitig seine Präsenz beim Manöver abgebrochen haben, um die Situation zu entspannen. Die Auslandsgeheimdienste hatten im Osten kaum Zuträger, das Ausmaß der sowjetischen Nervosität wurde ihnen erst im Nachhinein durch den KGB-Überläufer Oleg Gordiewsky bekannt. Tatsächlich mäßigte der insoweit nachdenklich gewordene Reagan, der sich zwischenzeitlich auch den politischen Spielfilm "The Day After" angesehen und drauf hin nach den Folgen eines Atomkriegs für die eigene Bevölkerung erkundigt hatte, seine Rhetorik. Die Pershing II, welche die Vorwarnzeit dramatisch verkürzte, ließ er dennoch stationieren.

Ronald Reagan und Oleg Gordiewsky. Bild: U.S. Federal Government

Die Bewertung der sowjetischen Nervosität wurde noch immer nicht zutreffend eingeschätzt. In der im Mai 1984 vom CIA-Sowjetologen Fritz W. Ermarth verfassten Studie "Implications of Recent Soviet Military-Political Activities" (Implikationen jüngster politisch-militärischer Aktivitäten der Sowjetunion) hieß es sogar: "Wir kommen zu dem Schluss, dass weder die sowjetischen Aktionen von einer ernsten Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Konfliktes mit den USA inspiriert sind noch die sowjetische Führung von einer solchen Bedrohung ausgeht." Die CIA-Studie tat alle Berichte über angebliche sowjetische "Kriegsängste" als anti-amerikanische "Propaganda" ab. Von Selbstbesinnung oder gar Selbstkritik, resümiert Rupp, lasse sich in der ersten offiziellen Auswertung der Krise durch die CIA jedoch keine Spur finden.

In seiner auf der offiziellen CIA-Website veröffentlichten Studie über die "Ryan / Able Archer" - Krise mit dem Titel A Cold War Conundrum (Stand 2007) bestätigt der CIA-Historiker Ben Fischer, dass die amerikanische Führung überhaupt nichts von der sowjetischen Alarmstimmung gewusst hatte und erst viel später von den Briten davon erfuhr, wie nahe man vor dem Dritten Weltkrieg gestanden habe.

Robert Gates, stellvertretender CIA-Chef während der "ABLE ARCHER"-Episode und später unter den Präsidenten George W. Bush und Barack Obama Verteidigungsminister, kam zu einem anderen Schluss als Ermarth, allerdings erst viele Jahre später. Nach dem Ende des Kalten Krieges und nach Einsicht in eine Reihe von Dokumenten aus jener Zeit, die Moskau zugänglich gemacht hatte, räumte Gates ein, dass die Situation damals "sehr gefährlich" war und die sowjetische Führung 1983 "geglaubt hat, dass ein Angriff der NATO zumindest möglich war". Der Fehler der US-Nachrichtendienste war laut Gates, "das wahre Ausmaß ihrer (der sowjetischen) Ängste nicht erfasst zu haben".

Eine weitere, noch immer geheime Untersuchung dieser Krise wurde von Nina Stewart für den "Außenpolitischen Rat des Präsidenten" angefertigt. Durchgesickert ist jedoch Stewarts Übereinstimmung mit Gates, die Sowjets hätten damals ernsthaft einen Angriff der USA befürchtet. Mit - so Rupp - typisch amerikanischer Arroganz und Selbstgerechtigkeit suche Gates jedoch die Schuld für diese schwere Krise nicht bei sich. Stattdessen mache Gates in seinem Buch "die sonderbare und bemerkenswert verdrehte geistige Verfassung der sowjetischen Führer" für die Ängste in Moskau verantwortlich. Auch andere Autoren aus dem NATO-Bereich schieben die Schuld für die beinahe Katastrophe auf die sowjetische "Hysterie" und "übertriebene Reaktion" Moskaus auf das angeblich ganz normale Verhalten der USA.

Wie ernst war es wirklich?

Aber, so fragt Rupp, gehört die Drohung mit begrenzten Atomkriegen zum normale Verhalten von Staaten? Eine Frage, die sich derzeit die Regierung in Teheran ganz intensiv stellen dürfte. Oder waren die amerikanischen Drohungen gar nicht ernst gemeint? Nur ein Scherz unter Freunden? Die sowjetische Regierung habe die aggressive Militärpolitik der neokonservativen Kriegstreiber wie Paul Wolfowitz, Richard Perle, Dick Cheney, Caspar Weinberger und George Herbert Walker Bush usw., die mit Ronald Reagan in die führenden Positionen der US-Regierung eingezogen waren, durchaus richtig verstanden. Rupp kommentiert, diese Leute hätten ihre Skrupellosigkeit selbst unter Beweis gestellt und den angedrohten, jedoch unprovozierten Angriffskrieg gegen den Irak auch durchgeführt. Als die Architekten des Irak-Krieges hätten die Neokonservativen in den letzten Jahren die Welt in Atem gehalten und zugleich Tod und Chaos über viele weitere Länder gebracht. Die Eroberung des Irak sei nur der erste Teil des von ihnen propagierten "globalen Krieges gegen den Terror" zwecks Festigung der weltweiten US-Hegemonie gewesen. Bei diesen US-Kriegsverbrechern handele es sich um dieselben Leute, die Anfang der 80er Jahre die Zerschlagung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts zu ihrem erklärten Ziel gemacht hatten. Und dafür seien ihnen alle Mitteln recht gewesen. Es gäbe Rupp zufolge keinen Grund für die Annahme, dass sie dies nicht ernst gemeint hätten.

Vor diesem Hintergrund könnten auch keine Abstriche an der Gefährlichkeit des Anfang der 80er Jahre von den Neokonservativen präsentierten Konzepts gemacht werden, mit dem sie sich für die Führbarkeit und Gewinnbarkeit eines begrenzten Atomkrieges mit taktischen Nuklearwaffen eingesetzt haben. Dieses Konzept hätten sie den entsetzten NATO-Europäern aufzwingen wollen. Dazu sollte die NATO-Doktrin vom Ersteinsatz von Nuklearwaffen infolge von größeren konventionellen Kampfhandlungen zu einer präventiven nuklearen Erstschlagsdoktrin umgewandelt werden. (Das NATO-Konzept vom Ersteinsatz von Nuklearwaffen ist übrigens heute noch fester Bestandteil des 1999 abgesegneten "Neuen Strategischen Konzeptes" der NATO.)

Bereits der ultrarechte General Curtis LeMay, der die u.a. atomare Bombardierung Japans geleitet und die Airforce inklusive dem Atombombengeschwader aufgebaut hatte, hatte seit den 50er Jahren keinen Hehl aus seinem Plan gemacht, die Sowjetunion durch einen Präventivschlag zu eliminieren. 1968 war LeMay als Vize-Präsidentschaftskandidat einer damals gegründeten dritten "American Independent Party" angetreten, in welcher er sich sogar offen für Atomkriege aussprach.

Curtis LeMay. Bild: U.S. Air Force

In Diskussionen mit Rupp schwärmten in den 1980ern die heutigen Neocons, wie mit einem Überraschungsschlag mit taktischen Nuklearwaffen die sowjetischen Kommando-, Kontroll- und Kommunikationszentren ausgelöscht würden und dass die Rote-Armee "wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf über den Bauernhof" laufen würde, ohne auch nur eine einzige Rakete auf die USA abzufeuern. Die durch die taktischen Atomwaffen verursachten Zerstörungen in der Sowjetunion wären verhältnismäßig gering, zumindest im Vergleich zu einem Angriff mit strategischen Atombomben. Wer auch immer im Chaos nach dem Angriff die sowjetische Befehlsgewalt bekommen würde, der würde vor der Frage stehen, ob er mit den ihm verbliebenen, nur noch sehr beschränkt einsatzbereiten Mitteln einen Gegenschlag gegen die USA führen sollte, nur um dann die ganze Wucht der strategischen US-Waffen abzubekommen, oder ob er kapitulieren und mit Washington verhandeln sollte.

Niemand in Moskau, so war die Überlegung der Neokonservativen, würde sich für in dieser Situation für einen Vergeltungsschlag gegen die USA entscheiden. Viel wahrscheinlicher sei es ohnehin, dass die sowjetischen Völker das allgemeinen Chaos und die weitgehende Eliminierung der politischen und militärischen Elite durch den Angriff nutzen würden, und das ungeliebte Sowjetregime hinwegzufegen. Die "kommunistische Bedrohung" wäre damit für Washington ein für allemal erledigt. (Wichtige Elemente dieser neokonservativen Pläne gegen die Sowjetunion ließen sich Rupp zufolge heute im Rahmen des von den Neokonservativen geplanten Krieges gegen Iran und dem dort angestrebten Regimewechsel wieder finden.)

Wichtig zum Verständnis der Reaktion der sowjetischen Führung im Rahmen der RYAN-Able-Archer Krise sei Rupp zufolge auch die Tatsache, dass die Neokonservativen sich nicht damit begnügten, über den begrenzten Atomkrieg zu reden, sondern ihn von 1981 an offensichtlich auch systematisch vorbereitet hätten.

Jagd auf Topas

Dass es im Bereich der NATO einen hochrangigen Spion geben musste, verriet bereits im Wendejahr 1989 der früh übergelaufene HV A-Oberst Heinz Busch, einst stellvertretender Leiter der HV A, dort verantwortlich für die NATO. Anfangs schenkte der BND ihm keinen Glauben, zu abenteuerlich klang die Behauptung, die NATO sein durchlässig wie ein Sieb. Doch der Oberst konnte mit Wissen von Dokumenten aufwarten, die von einem ihm persönlich unbekannten "Agent TOPAS" stammten. Die NATO initiierte daraufhin ihre bislang aufwändigste Fahndung nach dem hochkarätigen Agenten, bildete eigens Krisenstäbe. Als die Jagd ruchbar wurde, bot Moskau an, dem verdienten Spion Asyl anzubieten. Doch auch in der damals zerfallenden Sowjetunion war die Lage ungewiss, ebenso etwa auf Kuba. Jegliches Land, das dem NATO-Spion offiziell Asyl gewährt hätte, hätte mit Sanktionen rechnen müssen, etwa Streichung von Entwicklungshilfe etc.. Rupp hätte seiner Familie mit drei kleinen Kindern auch kein Leben auf der Flucht zumuten wollen.

U.a. Bundeskanzler Kohl sprach in Moskau das Thema "TOPAS" immer wieder an, MfS-Angehörigen wurden wie in einem schlechten Film suggestiv Geldkoffer gezeigt, eine sechsstellige Summe war ausgesetzt. Niemand griff zu. Lange suchten die Ermittler im militärischen Sektor der NATO, damit also an der falschen Stelle. Mit Genuss übersetzte Rupp für die NATO die Wasserstandsmeldungen des SPIEGEL über die Fahndung nach "TOPAS". Befragt nach seiner Meinung, was er an Stelle von TOPAS täte, meinte Rupp, dieser würde sich wohl den USA oder den Russen anbieten. Letzteres machte die CIA, die weiterhin um die NATO-Geheimnisse fürchtete, erst recht nervös.

"Topas" wurde schließlich 1993 durch die Rosenholz-Datei enttarnt, die vorgeblich durch einen grandiosen Geheimdienst-Coup in den Besitz der CIA gelangt war. Tatsächlich hatte sie ein käuflicher KGB-Mann trivial angeboten, wobei noch immer manches im Dunkeln liegt. Rupp wurde nun nachrichtendienstlich überwacht, jedoch in einer für einen Geheimdienstprofi nahezu beleidigenden Weise. Selbst das Telefon hörte sich Rupp zufolge auf einmal anders an. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Agent, dessen Auftraggeber HV A längst Geschichte war, mit dem Schicksal abgefunden. Bei einem Geburtstagsbesuch bei der Mutter in Deutschland griff die Polizei mit einem Aufgebot von 70 Mann zu.

Angesichts Rupps denkbar sensibler Position sowie seiner Zuarbeit für Westpolitiker erlebte die NATO die Enttarnung als einen Super-GAU. Während Wolfs bislang größter Coup, die Platzierung des Kanzlerspions Guillaume, in ein politisches Desaster gemündet hatte, konnte sich der sagenumwobene DDR-Spionagechef nunmehr öffentlich rühmen, den hochrangigsten Spion des Kalten Kriegs geführt zu haben, besuchte ihn sogar in der Gefängniszelle.

Während im Film Geheimagenten für das Verhindern des Atomkriegs das Mädchen, den Dank der Königin sowie eine üppige Pension bekommen, wartete auf den Anti-Militaristen eine Gefängnisstrafe von 12 Jahren. Auch Rupps Frau Christine-Ann alias "Türkis" wurde wegen Beihilfe zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht würdigte beim Strafmaß, dass Rupp nicht aus niederen Motiven wie finanziellen Interessen gehandelt hatte, sondern aus marxistischer Überzeugung. Auch hatte Rupp nie einzelne Personen verraten, sondern nur Dokumente und Einschätzungen weitergegeben.

Rezeption

Deutsche Journalisten taten sich lange schwer damit, Rupps Rolle in der RYAN-Krise anzuerkennen, zumal die sowjetische Nervosität von 1983 lange von beiden Seiten geheim gehalten und auch erst in den letzten Jahren nach und nach bekannt und verifizierbar wurde. In Portraits über Rupp in den Medien, etwa in der ARD-Dokumentation "Der Mann, der die NATO verriet", wurde sie daher lange nicht einmal erwähnt. Die Vorstellung, dass das verhasste Ministerium für Staatssicherheit einen kausalen Beitrag für die Erhaltung des Weltfriedens geleistet hat, galt bei deutschen Historikern als "No Go". Doch wie erwähnt, beurteilt ausgerechnet der damals stellvertretende CIA-Chef Robert Gates unter Bezugnahme auf nicht freigegebene Akten die lange bezweifelte sowjetische Paranoia von 1983 als sehr gefährliche Zeit, ebenso der offizielle CIA-Historiker Benjamin B. Fischer.

Der damalige Leiter der Ostabteilung der CIA, Milton Bearden, eine rustikale Natur, die klare Feindbilder kultivierte, gestand rückblickend der HV A eine friedenssichernde Rolle zu. Prof. Vojtech Mastny, der an der Kriegsakademie der US-Marine Strategie lehrt, stellt offen die Frage, ob die ostdeutschen Spione einen Nuklearkrieg verhindert hätten. Die Frage, wie brisant die Situation hinter den Kulissen wirklich war, beantwortet die Tatsache, dass einige der sowjetischen Geheimdienstler und Militärs ihre Überzeugung eines damals bevorstehenden Angriffs auch nach Ende des Kalten Kriegs zeitlebens beibehielten.

Mit drei Jahren Verspätung wurde im April 2010 auch im deutschen TV die britische Dokumentation 1983: Brink of Apocalypse (2007) über die RYAN-Krise gezeigt, wenn auch nur auf dem quotenschwachen Sender ARTE, in dem Rupp einen Ausschnitt seiner Geschichte erzählte. Auch der eher für konservative Weltsicht bekannte ZDF-Historiker Guido Knopp erkennt seit 2011 das Jahr 1983 als einen der riskantesten Zeitpunkte des Kalten Kriegs an.

Unruhestand

Für eine Begnadigung des verurteilten Spions durch den Bundespräsidenten hatten sich Prominente vergeblich eingesetzt, so etwa Günther Grass, Martin Walser oder ZEIT-Herausgeberin Marion Dönhoff, die ja selbst 1944 gegen ihre Regierung konspirierte, mithin eine moralische Entscheidung gegen das damals geltende Gesetz traf. 2000 wurde Rupp wegen guter Führung vorzeitig entlassen - gegen den Protest der USA. Als er für die damalige PDS als verteidigungspolitischer Experte fungieren sollte, scheiterte dies an öffentlicher Empörung, die Rupp jedoch nicht wirklich seiner Person zuschreibt, sondern der Propaganda gegen die PDS. Aus dieser Partei trat der überzeugte Marxist allerdings schon 2003 wieder aus, da diese sich inzwischen nicht mehr allzu sehr von den bürgerlichen Parteien unterscheide.

Der Veteran lieferte bereits aus dem Gefängnis Beiträge zu polit-historischen Büchern und kommentiert noch heute in kommunistischen Tageszeitungen u.a. die US-Außenpolitik, die er als ehemaliger NATO-Spezialist denkbar kompetent verfolgt, kennt er doch seine Pappenheimer wie Perle und Wolfowitz, die sich inzwischen als "Neocons" bezeichnen. Seinen früheren Führungsoffizier erkennt Rupp trotz Wegfall des DDR-Staates noch immer quasi als Vorgesetzten an. Hoffnung, publizistisch etwas zu bewirken, hat er kaum. Die Lügen, mit denen man der Öffentlichkeit den Jugoslawien-Krieg verkauft habe, seien in seiner Zeitung "junge welt" bis ins Detail seziert, damals jedoch von den Mainstreammedien nahezu ignoriert worden.

Straßen werden nach Rupp in absehbarer Zeit wohl nicht benannt werden, doch kann der einstige Top-Agent heute in Frieden mit seiner Familie durch die Trierer Weinberge wandern. Es hätte auch anders kommen können.

Der Autor dankt Rainer Rupp für ausführliche Gespräche sowie Überlassung seines im Text verwendeten Beitrags über KAL 007 und ABLE ARCHER 83.

Nach Redaktionsschluss dieses Beitrags erschien Anfang September 2011 ein von Rupp, seinem damaligen Führungsoffizier Rehbaum und dem MfS-Historiker Eichner herausgegebenes Buch "Militärspionage" (Edition Ost) über die DDR-Aufklärung in Bundeswehr und NATO. Eine Liste der von Rupp geleakten Dokumente findet sich hier.

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