Wikileaks und die Selbstverzwergung

02.09.2011

Wikileaks war eine umstrittene, aber große Idee: Informanten publizieren entlarvende Inhalte über die Mächtigen, ohne verfolgt zu werden. Jetzt hat sich die Plattform selbst erledigt in einem finalen Nebel aus Testosteron

Wer kennt nicht die Gallionsfigur des Whistleblowing? Der Australier Julian Assange galt lange Zeit als der Herrscher über die Enthüllungsplattform Wikileaks. Dabei kamen die wirklich gefährlichen Informationen nicht aus seiner Feder. Er garantierte nur für die Sicherheit und Anonymität der Informanten. Das klappte nicht immer. Zum Teil lag es auch an seiner Person selbst, behauptete zuletzt sein ehemaliger deutscher Pressesprecher Daniel Domscheit-Berg in seinem Buch über Wikileaks.

Um diese Festplatte und ihren Inhalt entspannte sich ein rechter Hahnenkampf, in dessen Verlauf sich beide Herren übler Vorwürfe und persönlicher Beleidigungen nicht enthalten wollten. Die Öffentlichkeit hielt den Atem an. Hatte der eine oder andere Beobachter schon länger den leisen Verdacht, dass der Australier dem ganzen Trubel um seine Person nicht ganz gewachsen scheint, wurde nun langsam offenbar, dass es mit der souveränen Beherrschung von elementaren Maßnahmen zum Informantenschutz und der Datensicherheit nicht zum Besten bestellt war.

Denn Assange hatte für einen britischen Journalisten das brisante Datenpaket mit allen Depeschen der amerikanischen Botschaften in einen versteckten Ordner hinterlegt und ihm ein Passwort per Zettel übergeben, das nur noch um ein Wort ergänzt werden musste. Nachdem die Webdienstleister Amazon und Paypal der Plattform Wikileaks ihre Dienste entzogen hatten, war die Webseite vom Netz. In Windeseile wurden die Inhalte des ganzen Wikileaks-Servers tausendfach kopiert auf sogenannte Spiegelserver - und damit auch der versteckte Ordner. Der Brite publizierte ein Buch über Assange und teilt darin sogar das Passwort mit, in dem Glauben, es wäre längst nicht mehr gültig. Seit einigen Tagen ist klar, dass es noch sehr gültig ist. Anders als vor einigen Monaten sind nun alle Depeschen mit den Klarnamen der Informanten öffentlich bekannt und es ist davon auszugehen, dass nicht wenige schon jetzt nicht mehr völlig gesund sein könnten (WikiLeaks-Leck).

Die Bedeutung des bekannten Logos von Wikileaks könnte nun anders verstanden werden

Nun wurde in den letzten Tagen Wikileaks, das Projekt des ehemaligen Hackers Assange, gehackt. Diese geschah wohl von offiziellen Stellen, weil sie verhindern wollen, dass darüber unredigierte Informationen publiziert werden. Denn in vielen Depeschen steht expressis verbis, dass die Quellen zu schützen sind vor Repressalien ("protect source"). Assange und seine Helfer haben offenbar übersehen, dass der Zwang zur vollen Wahrheit ein lebensgefährliches Spiel von fast erwachsenen Vorstadtkindern aus der westlichen Zivilisation mit dem Leben von hunderten Menschen ist, die geheimes Wissen aus der ganzen Welt an die Amerikaner gaben.

Damit ist der Nimbus von Wikileaks, der Enthüllungsplattform, für alle Zeiten pulverisiert. In der letzten Enthüllung wurden vor allem die Charaktere der ehemaligen Führungsfiguren enthüllt. Das ganze Geschehen als eine bodenlose Verantwortungslosigkeit zu bezeichnen, wäre eine zu starke Untertreibung für diesen Zickenkrieg von profilneurotischen Jünglingen, die ein unbarmherziges Schicksal in alte Körper steckte.

Weder der Vorstand des Chaos Computer Clubs, der Domscheit-Berg aus unerklärlichen Gründen vorführen wollte, noch der britische Journalist David Leigh haben sich in diesem Umfeld mit Ruhm oder Umsicht profiliert.

Verantwortung und Information

Es wird im Jahr eins nach Wikileaks zu sprechen sein über das Wort Verantwortung. Denn Informationen sind nicht einfach nur Dateien. Dieses Problem haben wir grundsätzlich auch im Zusammenhang mit Datenschutz oder der Vorratsdatenspeicherung. Es geht um das Recht der informationellen Selbstbestimmung. Wenn ein Mensch Informationen übermittelt, muss er die Chance haben, die Art und Weise und den Umfang der anschließenden Verarbeitung dieser Daten zu kontrollieren. Im geringsten Fall sollte jeder erfahren können, wer was von ihm oder ihr weiß, um einen Antrag auf Löschung zu initialisieren.

Das müsste in einer aufgeklärten Gesellschaft Konsens sein. Wenn besonders technikaffine Menschen, sei es in den Behörden oder in Hackerkreisen, meinen, sie könnten aus funktional-technischen oder ideologischen Gründen dieses Grundrecht der Bürger missachten, dann ist der Zeitpunkt gekommen, um gesamtgesellschaftlich die beiden Begriffe Verantwortung und Informationen zu diskutieren. Es ist nicht nachvollziehbar, dass 300.000 IP-Adressen pro Monat an die Verwertungsgesellschaften für Musik und Kinofilme übermittelt werden und gleichzeitig Politiker verlangen, dass der Datenschutz im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung für alle deutschen Bürger aufgeweicht wird, um Kriminelle zu verfolgen. Landesbehörden versuchen mangels Zugang zur amerikanischen Muttergesellschaft über die deutschen Nutzer auf Facebook durchzugreifen, um ihre Deutung eines völlig inadäquaten Datenschutzrechts zu manifestieren. Alle handeln mit vermeintlich guten Absichten. Aber der Volksmund weiß, dass "gut gemeint" nicht "gut gemacht" bedeutet.

Wer schützt aber die vielen Informanten, die Wikileaks nun der Verfolgung ausgesetzt hatte? Denn viel hilft nicht viel. Viele Information und viel Wissen sind nicht linear mit einem guten Leben oder einer hohen Verantwortung korreliert. Niemand muss so viele Daten und Fakten lernen wie die chinesischen Schüler. Trotzdem sind die Wissenschaftler dieses riesigen Landes nur zu einem verschwindend geringen Teil in der Elite der Universitäten vertreten - vor allem wenn man sie mit den Indern vergleicht, die in etwa ähnlich viele Menschen in ihrem Land haben. Eine Flut an Informationen hat per se wenige Aussagekraft.

Am Beispiel Wikileaks können wir lernen, dass Informationen in den falschen Händen und am falschen Ort zu einer Waffe werden. Wir können auch lernen, dass es nicht Wirtschaftsethik ist, was uns ins dritte Jahrtausend geleiten muss, sondern eine ethische Betrachtung darüber, ob ein Mehr an Information und Wissen überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sein sollte. Nicht ohne Häme zeigen viele Experten auf die automatischen Trading-Systeme der Hochfinanz und ihre Potenz, aus einer Mücke den sprichwörtlichen Elefanten zu machen. Gelassenheit und Ruhe hätten nicht nur den Aktienmärkten, sondern auch Domscheit-Berg und Assange zur Ehre gereicht.

Am Ende ist es nicht der Computer, der uns zur pathologischen Eile antreibt, sondern unsere eigene Dummheit. Sie besteht darin, das Bewerten von Inhalten nicht selbst zu übernehmen, sondern es anderen zu überlassen, das Wesentliche zu erkennen und Schlüsse zu ziehen. Diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen, kein Algorithmus, kein Journalist und kein Hacker. Denn alle haben uns gerade vorgeführt, dass sie angesichts von Hormonen und vermeintlichen Reputationsgewinnen nicht selten zum Zwerg werden. Dabei singen sie nachts am Lagerfeuer: "Und morgen hole ich der Wahrheit ihr Kind..."

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