Bauchgefühle reichen

06.09.2011

Die Energie- und Klimawochenschau: In Japan spitzt sich die Atomdebatte zu, während US-Republikaner Dürre, Finanzkrise und Klimawandel mit Beten bekämpfen wollen

Es geht auch ohne. Selbst in Japan. Am Wochenende liefen nur noch elf der 54 japanischen Atomkraftwerke, nach dem auch der Reaktor 1 in Ikata zur Revision abgeschaltet werden musste. Erst am 15. Dezember soll er wieder ans Netz, aber die Japan Times berichtet, es sei angesichts der neun Sicherheitsanforderungen noch unklar, ob diese Frist eingehalten werden kann.

Nach einer Meldung des Brancheninformationsdienstes IWR aus Münster waren übers Wochenende noch fünf weitere japanische Meiler und damit fast 90 Prozent aller dortigen Reaktoren abgeschaltet, aber dafür ließ sich in der japanischen Presse keine Bestätigung finden. Eine von der Nachrichtenagentur Reuters verbreiteten Liste der japanischen Reaktoren und ihren derzeitigen Betriebszuständen ist ebenfalls zu entnehmen, dass derzeit elf Reaktoren, die 20 Prozent der installierten Leistung repräsentieren, laufen.

Der überwiegende Teil der Anlagen ist während des März-Erdbebens abgeschaltet worden und wird derzeit einer verschärften Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Über Fukushima 1 hinaus sind wohl auch in einer Reihe von AKW in der Nachbarschaft durch das Beben Schäden entstanden, die nun behoben werden müssen. Eine Reihe weiterer AKW stand zur Zeit des Bebens bereits still, weil sie sich in der Revision befanden. Auch diese sind bisher nicht wieder ans Netz gegangen.

Auch Reaktor 1 des AKW Ikata wurde abgeschaltet. Bild: Newsliner/CC-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert)

Neuer Premier auf Atomkurs

Die Frage, ob und wann das geschehen soll, wird in Japan derzeit heiß diskutiert. Nach den Zahlen der Internationalen Atomenergieagentur hat das Land bis zur Reaktorkatastrophe am 11. März im AKW Fukushima Daiichi rund 29 Prozent seines Stroms aus seinen 54 AKW bezogen. Das Land müsste also, wenn die Reaktoren alle abgeschaltet bleiben, entweder ein gutes Vieretel der bisher benutzten elektrischen Energie einsparen oder sich schleunigst nach entsprechendem Ersatz umschauen.

Allerdings möchten Japans Stromkonzerne nur ungern von ihren Gelddruckmaschinen lassen. Da wundert es nicht, dass Japans neuer Premierminister Yoshihiko Noda schon am Tag seines Amtsantritts versuchte, die japanische Öffentlichkeit auf die Wiederinbetriebnahme der AKW-Flotte einzustimmen. Sein Vorgänger Naoto Kan hatte noch den Ausstieg gefordert.

Kan war zwar einer der unbeliebtesten Premierminister in der jüngeren Geschichte des Landes - was bei sechs Premiers in fünf Jahren schon eine gewisse Leistung ist -, aber mit seiner Forderung nach einem schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraftnutzung hatte er offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen. 68 Prozent der im Auftrag der Zeitung Asahi Shimbun Anfang August befragten Bürger gaben an, dass sie die Fortsetzung des Ausstiegs auch von Kans Nachfolger erhoffen.

AKW-Gegner planen Aktionswoche

Allerdings scheint die Angstpropaganda, die die AKW als unverzichtbar für die ökonomischen Gesundung des Landes erklärt, inzwischen zu verfangen. Laut einer jüngeren, erst am Freitag durchgeführten Meinungsumfrage der Zeitung Yomiuri Shimbun findet Noda für seine AKW-Pläne die Unterstützung bei einer knappen Mehrheit seiner Landsleute. Demnach befürworten 56 Prozent das Vorhaben, die stillstehenden AKW möglichst schnell wieder ans Netz zu bringen, 34 Prozent sprachen sich dagegen aus.

Einige Politiker fordern inzwischen, die Meiler noch vor Abschluss der laufenden Sicherheitsüberprüfungen wieder ans Netz zu nehmen, doch das stößt vielerorts auf Ablehnung. Japans Anti-AKW-Bewegung ist nach dem Erdbeben vor einem knappen halben Jahr erstarkt. Am kommenden Freitag startet sie eine Aktionswoche gegen die Renaissance der Atomkraft, wie die Schweizer WoZ berichtet.

Zusätzlichen Zündstoff für die japanische Atomdebatte liefert das ungelöste Entsorgungsproblem. Zum einen muss eine Lösung für kontaminierte Erde und Trümmer aus der Unglücksregion gefunden werden. Zum anderen hat Japan, wie auch Deutschland oder die USA, noch immer kein Endlager für seine abgebrannten Brennstäbe. Daher wird inzwischen diskutiert, langfristige Lösungen in den einzelnen Präfekturen zu finden.

Besondere Ängste gehen aber in diesem Zusammenhang mit der Ausweisung der Sperrzone um die havarierten Reaktoren in Fukushima Daiiche (Fukushima: Dauerhafte Sperrzone) einher. Anwohner und auch örtliche Behörden befürchten, die Region könnte zu einem großen Zwischen-, wenn nicht gar Endlager werden. Einen entsprechenden Vorstoß des zwischenzeitlich abgelösten Premierminister Kan hat es bereits gegeben.

Hurrikane und Taifune

Derweil hat es sich Taifun "Talas", von dem in der letzten Wochenschau berichtet wurde (Von Hurrikanen und Dürren), doch noch etwas anders überlegt. Statt weiter auf Tokio zuzusteuern oder gar etwas östlich gen Fukushima zu drehen, hat er einen weiter westlichen Kurs genommen. Wie japanische Zeitungen berichten, zog er am Sonntag über den Südwesten Japans hinweg und schwächte sich nördlich des japanischen Archipels schnell ab. In Korea kam er nur noch als ein besonders ergiebiges Niederschlagsgebiet an.

Die Bilanz in Japan ist allerdings schlimm genug. 27 Todesopfer sind zu beklagen, 51 Menschen wurden am Montag noch vermisst. Die Rettungsarbeiten wurden durch zahlreiche Erdrutsche und zerstörte Brücken erschwert. Wie schon im Falle "Irenes" eine Woche zuvor an der US-Ostküste scheint der größte Teil der Schäden durch Überschwemmungen angerichtet worden zu sein. Bei der chinesischen Nachrichtenagentur "Xinhua" gibt es einige Bilder der Folgen zu sehen.

Fünf-Tage-Windstärkenvorhersage für "Katia". Bild: NOAA

Der nächste Sturm

Während im US-Nordosten die Menschen noch mit dem Aufräumen und dem Beseitigen der Trümmer beschäftigt sind, die "Irene" hinterlassen haben, zieht mit "Katia" bereits der nächste Hurrikan heran. Allerdings sind die Vorhersagen derzeit nicht ganz so pessimistisch: Der Sturm wird zwar vermutlich auf ganz ähnlichem Kurs wie "Irene" die Küste hinaufziehen, zu dieser jedoch einen größeren Abstand halten. Wenn es gut geht, bekommen New York City und die Neuengland-Staaten diesmal nur die Ausläufer zu spüren. Beim US-Hurrikan-Center können die aktuellen Vorhersagen verfolgt werden.

"Katia" hatte sich bereits Anfang letzter Woche südöstlich der Karibik gebildet. Wie eine Zusammenstellung der Zugbahnen der letzten 22 Jahre zeigt, entstehen die meisten Hurrikane dort oder auch noch weiter östlich, zum Teil kurz vor der afrikanischen Küste. Von dort ziehen sie dann meist nach Nordwesten, um dann im Bogen nach Nordosten auf den Nordatlantik zu schwenken. Die wenigsten treffen dabei in der Karibik oder in Nordamerika auf Land.

Das Gebiet, in dem die Windstärke eines Tropischen Sturms erreicht wurde, ist farblich gekennzeichnet. Bild: NOAA

Da hilft nur noch Beten

Aber keine Ausnahme ohne Regel. So wählte im Oktober 2005 Hurrikan "Vince" den direkten Weg nach Nordosten und wurde zum ersten Sturm seiner Art, der seit Menschheitsgedenken Spanien und Portugal traf. Oder der Tropische Sturm Lee, der sich Ende letzter Woche über den Golf von Mexiko bildete. Zwar erreichte er keine Hurrikanstärke, aber den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi bescherte er reichlich Niederschläge.

Immerhin brachte er damit in einige Dürreregionen den langersehnten Regen. Nachbarstaat Texas, in dem die Dürre am schlimmsten und längsten herrscht, blieb jedoch weitgehend unberührt. Seit vielen Wochen wüten dort bereits Buschbrände. Dem Gouverneur Rick Perry, der im nächsten Jahr gerne für die Republikaner gegen Barack Obama antreten möchte, fällt dazu nicht viel mehr ein, als seine Bürger zum Beten aufzufordern.

Ansonsten ist er sich ganz sicher, dass es keinen Klimawandel gibt und die Wissenschaftler alles Betrüger sind. Den Nobelpreisträger und Ökonomen Paul Krugman brachte das am Sonntag in seiner Kolumne zu der Feststellung, dass "die Republikaner ... jetzt die Antiwissenschaftspartei" sind. Die Evolution werde angezweifelt, der Klimawandel geleugnet und selbst ökonomische Theorie verachtet. "Warum sollte man auch mehr als Bauchgefühle brauchen, um Dinge wie Finanzkrisen und Rezessionen zu analysieren", fragt er ironisch.

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