9/11: Wie Kritiker zu Zirkusdarstellern wurden

09.09.2011

Eine Analyse des ZEIT-Artikels "Ein Wahn stützt den anderen"

Im Umgang mit der Gegenöffentlichkeit des 11. Septembers hat sich in Deutschland ein Journalismus etabliert, der mit viel Überzeugung und reichlich suggestiven Momenten an die Mediennutzer herangetreten ist. Journalisten verloren teilweise Maß und Ziel, als sie im Rahmen ihrer Profession die alternativen Deutungsvarianten zum 11. September thematisierten. Die Berichterstattung über die sogenannten 9/11-Verschwörungstheorien ähnelte bisweilen einer Schlammschlacht. 9/11-Skeptiker kritisierten die Mainstreammedien im Internet, Leitmedien, die die Möglichkeit gehabt hätten, die Streitfragen zu versachlichen, ließen sich auf eine Berichterstattung ein, die kaum etwas zur Klärung beitrug. Die Bevölkerung, die, wie Umfragen verdeutlichten, großes Interesse an den Thesen der Gegenöffentlichkeit zeigte, hatte das Nachsehen.

Weite Teile der Bevölkerung wurden für ihre unerwünschten Fragen, die sie zum 11. September hatten, kollektiv in den Medien psychiatrisiert und aus dem öffentlichen Diskurs exkommuniziert. Die Analyse des ZEIT-Artikels Ein Wahn stützt den anderen verdeutlicht exemplarisch, welche Diskurswaffen im Kampf um die Deutungshoheit des 11. Septembers ergriffen wurden.

Für die Analyse wird auf die sozialwissenschaftliche Methode der Sequenzanalyse zugegriffen, mit der Texte (aber auch Filme) Schritt für Schritt, also sequenziell, analysiert werden. Durch diese Methode können grundlegende Sinn- und Tiefenstrukturen von Texten freigelegt werden. Da Sequenzanalysen recht langatmig und sperrig sein können, wird zugunsten der Lesbarkeit und der Verständlichkeit der Fokus auf die verdichtete Darstellung der Analyse gelegt. Die Analyse ist dem Buch 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit entnommen und erscheint hier in gekürzter Form, auszugsweise.

Als unzurechnungsfähig gebrandmarkt

Die Überschrift "Ein Wahn stützt den anderen" offenbart die Intention des Artikels: Die 9/11-Skeptiker sollen durch Psychiatrisierung ein Stigma erhalten. Der Begriff "Wahn" ist im psychiatrischen Umfeld angesiedelt und bezeichnet eine psychische Störung, wie sie z. B. bei Menschen auftritt, die unter einer Schizophrenie leiden. Menschen, die einem Wahn verfallen sind, betrachten ihren Wahn als Bestandteil ihrer Realität und bemerken dabei nicht, dass der Wahn nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Durch das Verb "verfallen" in der Unterzeile der Überschrift - "Warum die Linke den Verschwörungstheorien zum 11. September zuerst verfällt" - wird die Wirkung des Wortes "Wahn" verstärkt. Das Wort "verfallen" steht in einem direkten sprachlichen Zusammenhang mit dem Begriff "Wahn". Ein Mensch verfällt einem Wahn. Und wer einem Wahn verfallen ist, dem kann man nur noch schwer helfen. Die Person ist: "irre". Das Spielen der "Wahnsinnskarte" hat in dem Artikel Methode.

In Überschrift und Unterzeile kommt unmissverständlich eine der schlimmsten Waffen, die durch Sprache eingesetzt werden kann, zum Einsatz. Einem Menschen zu unterstellen, er leide unter einem Wahn, bedeutet, ihn von jeder Teilnahme an einem politischen Diskurs auszuschließen, der Mensch wird als unzurechnungsfähig gebrandmarkt. Der Artikel deklariert nicht nur eine Person für verrückt, sondern eine Vielzahl von Menschen: die "Linke" - wir kommen auf den Begriff noch zu sprechen - genauso wie tendenziell alle anderen, die den Inhalten der Verschwörungstheorien um den 11. September mehr Beachtung schenken als den Erklärungen der Mainstreammedien zu 9/11.

Interessant ist jedoch nicht nur das Wort "Wahn" in der Überschrift. Sie ist als Ganzes äußerst aussagekräftig. Offenkundig bezieht sich das Dossier auf die Verschwörungstheorien zum 11. September. Der Begriff "Wahn" wird von dem Autor referenzidentisch (im Bezugszusammenhang) mit dem Begriff "Verschwörungstheorie" gebraucht.

"Ein Wahn stützt den anderen" bedeutet "eine Verschwörungstheorie stützt die andere". Da der Autor Jörg Lau den Begriff Verschwörungstheorie durch den Begriff Wahn ersetzt, verweist der Artikelschreiber implizit auf die Unsinnigkeit (im reinen Wortsinne) von Verschwörungstheorien. Die Überschrift des Artikels bewirkt zweierlei: Zum einen werden die Verschwörungstheorien um den 11. September als "wirklichkeitsentrückt" eingestuft, zum anderen werden diejenigen, die an die Verschwörungstheorien glauben, als "Wirklichkeitsentrückte", also als "Wahnsinnige", stigmatisiert. Die Intention des Artikels wird deutlich: Ein Sympathisieren der Leserschaft mit den Zweiflern soll auf alle Fälle verhindert werden. Wer will sich schon mit "Wahnsinnigen" einlassen?

Die Linke und der Wahn

Betrachten wir die Unterzeile genauer: "Warum die Linke den Verschwörungstheorien zum 11. September zuerst verfällt". Aus ihr ist abzulesen, wie der Autor selbst eine fragwürdige Wirklichkeit konstruiert. Zunächst fällt auf: Mit dem Gebrauch der Phrase "die Linke" bedient sich der Autor einer Verallgemeinerung, die komplexitätsreduzierend ist. Einerseits wird die Internalisierung eines simplifizierenden politischen Verständnisses deutlich, welches sich in einer hochgradig ideologiebeladenen und geradezu trivialen Rechts-Links-Mitte-Auffassung manifestiert, die den dynamischen politischen Realitäten nicht gerecht wird.

Andererseits treten mit dem generalisierenden Begriff "Linke" inhaltliche Ungenauigkeiten auf, die geradezu synonymisch für die Handschrift des Artikels sind. In dem Artikel heißt es: "die Linke…verfällt". Wer ist die Linke? Alle, die nach einem idealtypischen politischen Modell links von der FDP eingeordnet werden können? Oder diejenigen, die als 68er bekannt wurden? Was auch immer der Verfasser nun als "die Linke" versteht, bleibt an dieser Stelle undeutlich. Deutlich wird jedoch, dass in dem ZEIT-Artikel große Gruppen von Individuen unter einem Hut zusammengepfercht werden, um sie politisch erfahrbar zu machen.

Zum Beginn der Analyse hat sich herausgestellt, wie der Artikelschreiber allen Personen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, einen Wahn unterstellt. Nun ist festzustellen, wie in dem Dossier den Linken ein Zusammenhang mit der 9/11-Skepsis unterstellt wird. Die Aussage, dass die Linken an den Terroranschlägen zweifeln bzw. den Verschwörungstheorien zuerst "verfallen", ist in ihrer verallgemeinernden Art nicht haltbar.

Legen wir den Kausalzusammenhang frei, der u. a. zu der Aussage des ZEIT-Journalisten führt. Das Kapitel über Mathias Bröckers (siehe Kapitel: Mathias Bröckers: Von der Wahrheitsbewegung geachtet, von den großen Medien verachtet) hat gezeigt, dass er einer der führenden Personen unter den 9/11-Skeptikern ist. Aufgrund seiner Vergangenheit kann man, wenn man mit diesen Begriffen unbedingt operieren möchte, Bröckers in einem politischen Spektrum "links" einordnen. Und es gibt andere, die an der offiziellen Version zweifeln, die wir ebenfalls "links" einordnen können.

Da es also "Linke" gibt, die an den Anschlägen zweifeln, sind nach Aussage des Artikels "die Linken" den Verschwörungstheorien "verfallen" bzw. "verfallen diesen "zuerst". Doch wie passt z. B. Alex Jones (siehe Kapitel: Alex Jones: Die lauteste Stimme der Gegenöffentlichkeit) in das Bild einer den Verschwörungstheorien des 11. Septembers zum Opfer fallenden Linken? Kann man Jones als links bezeichnen? Jones ist durch und durch Patriot, verhält sich eher wie ein "Rechter".

Oder spricht DIE ZEIT nur von den deutschen Linken? Im weiteren Verlauf des Artikels wird deutlich, dass der Artikel sich in der Tat nur auf die deutschen Linken konzentriert. Mit diesem verengten Blick klammert das Dossier aber die globale Ausbreitung des Phänomens der 9/11-Skeptiker aus. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, die Verschwörungstheorien um den 11. September seien nur ein deutsches Phänomen.

"Absurd"

Wir stellen fest: In nur 16 Wörtern reduziert der Verfasser des Artikels bereits drei Mal Komplexität - ähnlich wie manche Verschwörungstheorie! Aber weiter im Artikel:

Nichts verkauft sich derzeit auf dem Sachbuchmarkt so gut wie Verschwörungstheorien über "die Geheimnisse des 11. 9.". Keine These über die "wahren Hintergründe" der Anschläge ist zu absurd, als dass sich nicht ein renommierter Verlag fände, sie unters Lesevolk zu bringen. Am vergangenen Wochenende trafen sich im Tempodrom, im Herzen des Berliner rot-grünen Milieus, die führenden Pseudo-Experten aus aller Welt, um sich vor Hunderten von Zuschauern mit steilen Thesen über den "inszenierten Terrorismus" zu überbieten.

Im Lead des Artikels wird die Popularität der 9/11-Skepsis thematisiert, was an dem Verkaufserfolg entsprechender Publikationen und einer gut besuchten Konferenz der 9/11-Skeptiker in Berlin festgemacht wird. Der Passus wird geprägt von gedanklichen und sprachlichen Spitzmarken, an denen die Voreingenommenheit des Autors abzulesen ist. Die in der Überschrift und deren Unterzeile angewandte Methode der Degradierung der 9/11-Zweifler durch Absprechen ihrer Glaubwürdigkeit wird fortgesetzt.

Zunächst fällt der extensive Gebrauch von Anführungszeichen bei den Phrasen "Die Geheimnisse des 11. 9.", "wahren Hintergründe" sowie "inszenierten Terrorismus" auf. Die Anführungszeichen dokumentieren, dass der Inhalt, der in den Phrasen zum Tragen kommt, von dem Autor abgelehnt bzw. nicht anerkannt wird. Es liegt auf der Hand: Der ZEIT-Artikel vertritt die offizielle Wirklichkeitskonstruktion zu den Anschlägen und folglich werden Zweifel daran ausgedrückt, dass es andere, "wahre Hintergründe" oder "Geheimnisse um den 11. September" gibt als die von den Mainstreammedien publizierten.

Genauso distanziert sich der Artikel kategorisch von einem "inszenierten Terrorismus", was alleine bereits in Anbetracht der gesamten Stay-behind-Geschichte (siehe Kapitel zu Daniele Ganser) unverständlich ist. Im zweiten Satz taucht ein gern benutztes Wörtchen auf, das zu einer Art Leitwort in der medialen Mainstreamberichterstattung über die 9/11-Skeptiker geworden ist. Es handelt sich dabei um das Wort "absurd". Sprachwissenschaftler datieren den Ursprung des Wortes in das 16. Jahrhundert, abgeleitet aus dem Lateinischen "absurdus".

Man kann es mit widersinnig übersetzen (siehe z.B. Wikipedia). Durch die Verwendung des Wortes "absurd" wird textuell der negative Glaubwürdigkeitsstatus der Zweifler verdichtet. Der Begriff "absurd" verstärkt den negativen Eindruck über die Skeptiker, wie er bereits durch die Begriffe "Wahn" und "verfallen" suggeriert wird. Verschwörungstheorien kommen einem Wahn gleich, die 9/11-Skeptiker sind des Wahnsinns und ihre Äußerungen im Großen und Ganzen widersinnig, lautet die in dem Wort transportierte Botschaft.

"Lesevolk"

Kommen wir zu dem Wort "Lesevolk". Gerade in einem Kontext, in dem es um Herabsetzung, um Abwertung geht, muss man dem Begriff einen negativen Einschlag zuweisen. Auf der einen Seite steht das ungebildete Volk, das mit Literatur nicht umzugehen vermag, und auf der anderen stehen die Gelehrten, die dank ihrer ausgezeichneten Ausbildung und ihrer hohen intellektuellen Fähigkeit zwischen literarischer Qualität und literarischem Schund differenzieren können. Die Verwendung des Wortes "Lesevolk" verdeutlicht, dass DIE ZEIT mehreren hunderttausend Lesern in Deutschland und vielen Millionen Lesern auf der Welt, die mit den 9/11-Skeptikern bzw. ihren Thesen sympathisieren, mit Verachtung entgegentritt.

Der nächste Satz dient dem Autor dazu, eine Veranstaltung, die 2003 in Berlin stattfand und bei der zum ersten Mal in Deutschland die 9/11-Skepsis in größerem Umfang öffentlich zum Ausdruck gebracht wurde, mit in sein Thema einzubinden. Durch die Phrase "im Herzen des rot-grünen Milieus" entsteht erneut der Eindruck, als sei der Zweifel an den Terroranschlägen ein politisch ideologisiertes Phänomen. Der Satz in seiner Gesamtheit wird jedoch dominiert von dem Begriff "Pseudo-Experten".

Demnach sollen alle 15 Referenten der Veranstaltung mehr durch ihre Laienhaftigkeit als durch ihr Fachwissen geglänzt haben, was aufgrund der Biographien der einzelnen Teilnehmern (Guido Salvini ist beispielsweise Untersuchungsrichter in Italien und hatte sich in der Vergangenheit intensiv mit dem Terror in seinem Land auseinandergesetzt, um nur einen zu erwähnen) eine gewagte Behauptung ist.

Das Bild, das DIE ZEIT am Ende des Satzes zeichnet und das zugleich als sinntragendes Kernelement zu verstehen ist, knüpft an den negativen Dreh des Artikels an und erhöht die Wirkung des Begriffs "Pseudo-Experten": "[…] um sich vor Hunderten von Zuschauern mit steilen Thesen über den ,inszenierten Terrorismus’ zu überbieten", heißt es.

Artistische Kunststücke in der Manege

Diese Aussage erweckt den Eindruck, als handele es sich bei der kontroversen Veranstaltung um eine Zirkusvorstellung, bei der sich ein amüsiertes und wenig reflexionsfähiges Publikum an artistischen Kunststücken verzückt, die in der Manege aufgeführt werden. Die Redner bzw. nach Lau die "Pseudo-Experten" sind demnach nicht mehr als Zirkusdarsteller, die sich gegenseitig mit ihren Aktionen "überbieten".

Neben diesen zahlreichen Akten einer sprachlich-symbolischen Aggression, die wir bis zu dieser Stelle des Artikels ausgemacht haben und die relativ offensichtlich ist, steckt aber gerade in diesem Satz noch ein Akt der verdeckten Aggression. Selbst ein einfacher freier Mitarbeiter einer kleinen Zeitung lernt zu Beginn seiner journalistischen Gehversuche, dass in einem Artikel die journalistischen W-Fragen (Wer? Wo? Was? Warum? Wie? Wann?) zu beantworten sind.

Zwar handelt es sich bei dem Artikel um ein "Dossier" und nicht um einen nachrichtlichen Artikel, aber dennoch: Warum wird, wenn schon die Veranstaltung der 9/11-Skeptiker zum Gegenstand des Artikels wird, nicht auch ihr Titel genannt? Warum erwähnt DIE ZEIT beispielsweise nicht einige der Referatstitel wie "Staatliche Steuerung des italienischen Terrorismus", "Aspekte des Völkerrechts nach dem 11. September" oder "Das strategische Konzept hinter den US-Kriegsplänen"? Warum erwähnt der Artikel nicht den Auftritt von Cynthia McKinney, die wohl erste US-Politikerin und (ehemalige) Abgeordnete im US-Kongress, die öffentlich und mit Nachdruck ihre Skepsis an der offiziellen Version zum Ausdruck brachte?

In dieser Ignoranz von grundlegenden journalistischen Informationen liegt natürlich keine Inkompetenz. Für einen Journalisten der ZEIT wäre es nicht mehr als das kleine Einmaleins gewesen, den Namen zu erwähnen. Der Name der Veranstaltung lautet: "Unbeantwortete Fragen und die Forderung nach Antworten. Symposium zum 11. September 2001". Vielmehr ist davon auszugehen, dass DIE ZEIT ganz bewusst den 9/11-Skeptikern keine Möglichkeit zur medialen Öffentlichkeit bieten will - und wenn, dann nur in einer negativen, unsachlichen Umrahmung.

"Restlinke"

Mit dieser Informationsunterdrückung findet geradezu Zensur statt, da es mit zur Aufgabe von Journalisten gehört, die Öffentlichkeit über das, was sich in ihr zuträgt, zu informieren. Indem die Veranstaltung aber von vorneherein von Lau stigmatisiert wird und grundlegende Eckdaten ausgeklammert werden, untergräbt Lau ein Stück meinungspolitische Realität. Lesen wir das Dossier weiter:

Traditionell ist das politische Verschwörungsdenken eher eine Passion der Rechten. Heute aber ist ihm vor allem die Restlinke verfallen. Die Veranstalter des Berliner Symposiums distanzierten sich darum auch eifrig von der "rechten nationalistischen Szene". Dass sie eine solche Abgrenzung nötig hatten, verrät einiges über die schillernde politische Funktion ihres Denkens.

Das ideologieverhaftete Denken in einem Rechts-links-Spektrum ist für den Artikel kennzeichnend und wird auch in diesem Abschnitt erneut zum Ausdruck gebracht. "Traditionell ist das politische Verschwörungsdenken eher eine Passion der Rechten", schreibt der Autor und verkennt dabei, dass von jeher Personen, die - gebrauchen wir der ZEIT folgend erneut diese Begriffe - sowohl politisch links als auch als rechts einzustufen sind, sich mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt haben.

"Heute aber ist ihm vor allem die Restlinke verfallen." Anhand dieser Aussage spezifiziert der Artikel zum ersten Mal, was er denn unter dem eingangs des Dossiers gebrauchten Begriffs der "Linken" versteht. Die Restlinken sind es also, die dem verschwörungstheoretischen Denken "verfallen" (ein abermaliger Gebrauch des problembeladenen Begriffs). Nicht nur, dass der Begriff "Restlinke" unscharf und verwirrend ist (wen meint er damit genau: die 68er? Was ist mit den anderen sogenannten "Linken"?), bereits nun zum fünften Mal verallgemeinert der Artikel in einer unangemessenen Weise. Wie kann die Zeitung behaupten, dass die, also alle "Restlinken" Verschwörungstheorien verfallen?

Zugespitzt gefragt: Hat DIE ZEIT mit allen gesprochen? Korrekterweise hätte der Autor schreiben müssen: "Teile der Restlinke" bzw. "das Verhalten bestimmter Personen aus dem Kreis der Restlinken deutet darauf hin, dass […]". Der generalisierende Gebrauch der politisch hochgradig aufgeladenen Bezeichnung "Linke" verweist darauf, dass in dem Dossier der 9/11-Skeptizismus in den Bereich der Linkenkritik transferiert wird.

Die Veranstalter des Berliner Symposiums distanzieren sich darum auch eifrig von der "rechten nationalistischen Szene".

Der Kausalzusammenhang, der durch das Wort "darum" begründet wird, ist äußerst schwach. Er soll an den ersten Satz anknüpfen ("Traditionell ist das politische Verschwörungsdenken eher eine Passion der Rechten"). Genau genommen liegt hier gar kein Kausalzusammenhang vor. Ein schiefer Kausalzusammenhang entsteht erst durch die Konstruktion von Lau unter Verwendung des Wortes "darum" und einem damit einhergehenden künstlichen inhaltlichen Zusammenhang.

Die Veranstalter distanzieren sich nicht deshalb ("darum") von der "rechten nationalistischen Szene", weil sie glauben, dass das "politische Verschwörungsdenken traditionell eine Passion der Rechten ist", sondern weil sie wissen, dass es auch Personen aus den extrem national gesinnten Lagern gibt, die die Thesen der 9/11-Skeptiker vertreten. Man mag einwenden, dass die Analyse an dieser Stelle spitzfindig ist. Aber ein genaues Hinsehen verdeutlicht in diesem Abschnitt, wie subtil auch von renommierten Journalisten Zusammenhänge verfälscht wiedergegeben werden.

"Eifrig"

Allerdings muss dem ZEIT-Autor zugutegehalten werden, dass das "Darum" aus seinem Blickwinkel berechtigt ist, da das "Darum" auf seiner (falschen) Prämisse beruht, wonach eben das "Verschwörungsdenken traditionell eine Passion der Rechten" sei. Die Prämisse ist deshalb falsch, weil sich bei genauerer Betrachtung schnell erkennen lässt, dass sich sowohl in den USA als auch in Deutschland schon immer sowohl "Rechte" als auch "Linke" mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt haben.

In Deutschland gibt es diverse "linke Autoren", die schon in den 1970er- und 1980er-Jahren beispielsweise über echte oder vermeintliche Verschwörungen, in die Teile der CIA angeblich involviert waren, geschrieben haben. Doch das nur am Rande, analysieren wir weiter.

Die Veranstalter distanzieren sich also von "den Rechten". Aber warum lässt der Verfasser die Veranstalter dies "eifrig" tun? Warum nicht "deutlich" oder "entschieden"? Einerseits ist das Wort eifrig positiv konnotiert. Es kann z. B. synonymisch verwendet werden mit dem Wort fleißig. Andererseits wird das Wort aber auch sehr gerne in einem abwertenden und ironischen Sinne verwendet. Die Formulierung "eifrig distanzieren" erzeugt in dem veranschlagten sprachlichen Kontext Lächerlichkeit….

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Leitmedien und die Gegenöffentlichkeit des 11. Septembers

Marcus Klöckner 04.09.2011

Tendenziöse Berichterstattung prägt seit 10 Jahren die Mediendiskussion über die Hintergründe der Terroranschläge in den USA

Im Konflikt um die mediale Interpretation der Terroranschläge vom 11. September spiegelt sich ein beschämendes Maß an journalistisch-publizistischer Aggression wider. Kritiker, die zumindest zum Teil völlig legitime Fragen zu den Terroranschlägen in den USA stellten, wurden von Journalisten und Publizisten diffamiert. Die Sachfrage, nämlich ob die Anschläge vom 11. September zur Genüge aufgeklärt sind, haben bestimmte meinungsführende Journalisten versucht, durch einen Glaubenskampf aus dem öffentlichen Diskurs zu drängen. Denkverbote wurden verhängt, die Hinterfragung des 9/11-Terrors wurde zum Tabu. 10 Jahre nach den Anschlägen ist eine geteilte Medienlandschaft zu beobachten. Sachliche, genauso wie wenig um Differenzierung bemühte Presserzeugnisse erscheinen derzeit in den Medien.

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