Zehn Jahre WTC-Conspiracy

11.09.2011

Ein Rückblick

"Verschwörungstheorien reduzieren komplexe Ereignisse auf eine einfache Ursache (Sündenbock) und werden deshalb oft als Mittel der Propaganda eingesetzt", hatte meine Notiz am Morgen des 11. September 2001 gelautet - für das Kapitel eines Buchs über Verschwörungen und Verschwörungstheorien, das ich einige Monate zuvor begonnen hatte. Anhand historischer Beispiele wollte ich darin in einer Analyse ihrer Struktur und Funktionsweise zu einer Art Meta-Theorie von Verschwörungstheorien kommen, und damit zu einem besseren Verständnis dieses universellen Phänomens.

Denn wie Verschwörungen - geheime Absprachen, diskretes Hintergehen, klandestine Aktivitäten - vom Liebes- bis zum Wirtschaftsleben, von zwischenmenschlichen Beziehungen bis zu denen unter Konzernen und Nationen, nahezu überall vorkommen, so häufig (oder noch häufiger) existiert auch der entsprechende Verdacht, die Spekulationen oder Hypothesen einer möglichen Verschwörung, eben Verschwörungstheorien. Nach dem Anruf eines Freunds, dass in New York etwas passiert war, saß ich dann wie alle Welt staunend vor dem Fernseher und vergaß angesichts der kaum fassbaren Ereignisse meine Arbeit.

Die Türme standen noch, als zum ersten Mal der Name Osama Bin Laden als möglicher Täter fiel, der in den folgenden Stunden vom möglichen über den vermuteten zum einzigen Verdächtigen mutierte. Am nächsten Morgen kam er als Hauptbeschuldigter in allen Nachrichten vor – und ich wunderte mich: einerseits ein Überraschungsangriff von kaum vorstellbarer Dimension, und andererseits weiß man umgehend wer dahinter steckt?

Mir fiel die Notiz vom Vortag wieder ein, in der "Sündenbock" und "Propaganda" unterstrichen waren. Ich gab den Namen des angeblichen Täters bei Google ein und stieß auf Who is Osama bin Laden?, einen Artikel über die Zusammenarbeit Bin Ladens und der CIA, den Michel Chossudovsky gerade online gestellt hatte. Das war das Ende meines bisherigen Buchkonzepts, und der Anfang der Telepolis-Serie WTC-Conspiracy, denn in den folgenden Tagen und Wochen entfaltete sich das, was ich strukturell und historisch untersuchen wollte, aktuell und live auf freier Wildbahn: der unaufgeklärten Verschwörung zu einem Massenmord folgte nahtlos ein unbewiesene Verschwörungstheorie der Schuldigen.

Offene Fragen

Dass aus den ersten "verschwörungstheoretischen Anmerkungen" die Serie "WTC-Conspiracy" werden sollte war kein Plan. Ich ging – aus heutiger Sicht wohl etwas naiv - davon aus, dass die Merkwürdigkeiten, die mir aufgefallen waren, auch bei anderen Journalisten nicht unbemerkt geblieben sein konnten und zum Gegenstand von Nachfragen, Recherchen und Berichterstattung werden müssten. Wie zum Beispiel die "Elefantenspuren" der Täter am Flughafen und die eindeutigen Fragen, die sie aufwarfen:

"Warum hinterlassen solche Superterroristen arabische Flugunterlagen in Mietautos? Warum buchen sie Inlandsflüge - für die keine Ausweiskontrolle besteht - unter ihren wirklichen Namen? Warum bleiben Taschen am Flughafen hängen, die Abschiedsbriefe enthalten? Wer sollte diese Briefe lesen, wenn die Tasche mit in die Maschine gekommen wäre? Wenn es echte Abschiedsbriefe an Angehörige waren, warum wurden sie nicht vor dem Abflug einfach in den Briefkasten geworfen? Warum gibt es keinen Bekennerbrief? Wer fädelt eine solche Mega-Aktion ein, ohne sich danach zu bekennen? Warum gibt es, wie sonst bei jedem großen terroristischen Anschlag, keinerlei politische Forderungen, kein Statement, rein gar nichts? Wieso droht der mysteriöse Dr. No, der hinter diesem James-Bond-artigen Terror steckt, nicht mit einer Fortsetzung, setzt Ultimaten, übt Druck aus? (Primatenpolitik und Denkverbote, 19.09.2001)

War es un-patriotisch, anti-amerikanisch, anti-semitisch oder verrückt, diese Fragen zu stellen? Nein – auch wenn es Vorwürfe solchen Kalibers in der Folge nur so hagelte, gingen sie an der Sache völlig vorbei und dienten nur dazu, den Botschafter zu erschlagen, weil man die Botschaft offenbar nicht hören wollte:

Es gibt viele, viele offene Fragen - angefangen von der offenbaren "Operation Schlafmohn" der Geheimdienste und der Flugsicherung, die erst, als es knallte, aus ihrem Koma erwachten - und es ist viel zu früh, auf alle sofort eine Antwort zu verlangen. Aber gestellt müssen diese Fragen werden, und zwar jetzt. Nicht, um die unübersichtliche Komplexität der Lage auf eine simplifizierende Verschwörungstheorie zu reduzieren - eben darin übt sich ja gerade der Mainstream der Medien -, sondern im Gegenteil: um im Dienst der Wahrheitsfindung dumm machende Simplifizierungen und ihre gefährlichen Konsequenzen zu verhindern.

Dieser eine Woche nach den Anschlägen geäußerte Vorwurf an die Rolle der Medien – dass sie über 9/11 nicht im Dienste der Wahrhheitsfindung berichteten, sondern eine dumpfe Verschwörungstheorie verbreiteten – war der eigentliche Grund, warum aus diesen ersten Kommentaren die Serie auf Telepolis und mittlerweile drei Bücher wurden. Bis heute und zumal zum Jubiläum verbreitet der Medienmainstream weiter eine unbewiesene Verschwörungstheorie ungeniert als unhinterfragbare historische Wahrheit.

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