Für Deutsche gleichen typische Europäer eher Deutschen

15.09.2011

Menschen gehen nach einer Studie davon aus, dass das typische Mitglied einer Gruppe so wie sie selbst aussieht

Die europäische Einheit steht derzeit wegen der Schuldenkrise unter Stress. In der Eurozone wird damit gerungen, ob der Währungseinheit auch eine größere politische Einheit, zumindest eine gemeinsame Finanzpolitik folgen müsste. Dem Anschein nach gibt es allerdings nicht nur sehr viele EU-kritische Europäer, sondern auch nur eine relative schwache europäische Identität, was sich beispielsweise daran zeigt, wie sich die ein wenig stabileren nordeuropäischen EU-Länder von denen des Südens abgrenzen und das teils mit nicht vereinbaren Kulturen begründen.

Schön ist daher schon einmal die Frage, welche Menschen allein vom Aussehen als Europäer angesehen werden, also ob Angehörige verschiedener europäischer Länder - beispielsweise aktuell vielleicht Deutsche und Griechen - sich unbewusst Vorurteile gegenüber anderen Europäern hegen. Zwar wird etwa von den anti-islamischen Hütern der christlich-jüdischen oder abendländischen Kultur die übergreifende Einheit gegen den angeblichen Feind beschwört, gleichwohl herrscht selbst unter diesen ideologisch verschworenen Europäern nicht unbedingt Einigkeit, wer nun die Avantgarde der Europäer bildet. Die Nordeuropäer, inklusive die Deutschen, betrachten sich gern als europäischer und manchmal insgeheim auch als irgendwie besser, ehrlicher, fleißiger etc. Wer gehört zu uns, wer ist ein Fremder, der sich anpassen muss oder rausfliegen darf oder muss, ist ein heiß umkämpftes, politisch hoch besetztes und ebenso irrationales Thema.

Psychologen der Universität Bonn, der Universität Nijmegen und der Universität Lissabon haben für ihre Studie "Facing Europe: Visualizing spontaneous ingroup projection", die in der Zeitschrift Psychological Science erscheinen wird, nur einmal einen kleinen Blick auf die Frage: "Wer gehört zu uns?" geworfen, indem sie Deutsche und Portugiesen anhand von Bildserien von Gesichtern entscheiden ließen, welches eher "typisch europäisch" aussieht. 20 Minuten lang sollten sie bei 770 Gesichtspaaren schnell und ohne große Überlegung eine Entscheidung bei jeweils einem Paar von Portraitbildern treffen. Alle Bilder stammten von einem Bild eines männlichen Gesichts, das jeweils teilweise zufällig verändert wurde. Das Ausgangsbild war zu jeweils 50 Prozent aus Fotos von Menschen in Köln und in Lissabon gemorpht worden. Aus den von Deutschen bzw. von Portugiesen als stärker europäisch eingestuften Bildern wurde wiederum ein einziges gemacht und gefragt, ob es eher deutsch oder portugiesisch aussieht. Neben dem Versuch mit den Bildern sollten die Versuchspersonen unabhängig davon einstufen, ob sie Portugiesen bzw. Deutsche als europäischer betrachten.

Das Ergebnis ist wenig überraschend, aber dennoch beunruhigend erwartbar: Deutsche meinen, der typische Europäer habe deutsche Züge, ebenso ist das für die Portugiesen, egal ob Männer oder Frauen die Bilder beurteilten. Das trifft auch auf diejenigen zu, die nicht explizit Portugiesen bzw. Deutsche als typischere Europäer einstuften. Und die Menschen erkennen sich auch jeweils wieder in dem Bild, das aus den von ihnen als eher europäisch eingestuften Gesichtern montiert worden war. Wenn man in den Spiegel blickt, sieht man eben sich selbst, wobei auch nicht ganz unwichtig ist, woran sich denn die Deutschen und Portugiesen erkennen. Aber das ging in die Studie nur als Projektion des typischen Europäers ein, der für die Portugiesen eher dunkler, mit weiter auseinanderliegenden Augen aussieht, als für die Deutschen, die eine hellere Haarfarbe vorziehen. Deutsche betrachten sich als eher europäisch gegenüber den Portugiesen, während diese hier keinen Unterschied machen.

Zum Vergleich wurde derselbe Versuch mit denselben Bildern durchgeführt, wobei die deutschen bzw. portugiesischen Versuchspersonen aber jeweils zur Hälfte gefragt wurden, welches Gesicht eher australisch oder welches eher europäisch aussieht. Hier ließen sich keine unterschiedlichen Projektionen beobachten, was die Wissenschaftler darin bestärkt, dass Menschen, die in einer übergeordneten Gruppe (Europäer) leben, sich einer Subgruppe (Deutsche oder Portugiesen) zurechnen, die sie favorisieren, anhand bestimmter Zeichen erkennen und als typischer für die Gesamtgruppe betrachten, was auch implizieren dürfte, sich als "besser" anzusehen bzw. die Anderen als Minderheiten zu betrachten, die sich unterordnen müssen. Beim Vergleich zwischen nicht verbundenen Gruppen wie Europäern oder Australiern tritt dieser Effekt nicht in Kraft, was auch bedeuten dürfte, dass Konflikte zwischen Subgruppen explosiver sein könnten.

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