Facebook: Liebe in den Zeiten von Hornbach

20.09.2011

Eine "Liebe von Swann" ist es vielleicht nicht, was sich da auf der Facebook-Fanpage des Baumarkts "Hornbach" abspielte, eher die Farce darauf

In "Eine Liebe von Swann" als Teil des Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" beschreibt der französische Schriftsteller Marcel Proust, wie die Liebe des Lebemanns Swann zur Kurtisane Odette de Crécy sich durch die Wahrnehmung eines Kunstwerks ergibt, durch Eifersucht und andere Rückkopplungen immer weiter verstärkt, bis sie schließlich wieder abebbt.

Diese Wellen oder Schauder der Liebe müssen sich auch auf der Hornbach-Seite (HORNBACH YippieYeah) auf Facebook auch gekräuselt haben. Dort ist es ein Oliver, der in naiver Offenheit bekannt hat:

wer ist das mädchen das in trier öfters hinter der info steht mit dem piercing im gesicht und sie hat lange braun dunkel braune haare denn sie gefallt mir gut und ich würde sie mal gerne zum essen einladen

Eine Liebe in Zeiten von Schlagbohrern und Spreizdübeln: 166 Kommentare hat Olivers simples Liebesbekenntnis bislang gebracht. 166 Mitleidende, die versucht haben, Oliver auf die Sprünge oder auf seine "Odette" zu helfen. 166 Kommentatoren und Kommentatorinnen, die auf der Suche nach dem verlorenen Infoschalter zwischen Tischlerholzplatten und Kleineisenteilen sich ins Kleinklein baumarktlichen Liebeslebens stürzten. "Es ist Dein Projekt! :-) Pack es an", rät ein Dietmar. Christoph meint: "Geh hin und frage sie einfach - wer nicht wagt der nicht gewinnt." Und der von den bei Hornbach herrschenden Umgangsformen begeisterte Frank wundert sich: "Zum Essen einladen, soso. Da wird einem ganz warm ums Herz bei dieser zurückhaltenden Jugend von heute... ;-)."

Wie immer in der Liebe beziehungsweise damit zusammenhängenden Groschenromanen kommt irgendwann Hilfe von oben, in diesem Fall von "Hornbach YippieYeah" persönlich: "Arsch in Sattel und sprich sie an. Schlimmer als ein 'Nein' kanns ja nicht werden." Philosophisch fügt er an: "Jede Veränderung braucht einen Anfang!"

Endlich wird auch Herrgott Hornbach ungeduldig: "Ach Oliver... wir sind ja nicht Kai Pflaume ;-) Wenn du die junge Dame magst, sag ihr das. Das ist der beste Rat den du kriegen kannst." Und schließlich droht das Liebesaus, bevor Heißkleber und Laminiermaschine die beiden so richtig aneinander binden konnten: "Also so wird das nix Oliver...."

Aber wenn Du glaubst, es geht nichts mehr … Im dritten Akt meldet sich eine neue Stimme zu Wort. Eine Sajena hat unserem Oliver mitzuteilen:

Natoll eins A
Soll ausrichten das nächste mal bitte auch an WB (=Warenbereich) 5 :))
Dann weiß wenigstens der ganze Markt

Wie in jedem Rührstück ereignet sich das absolut Unwahrscheinliche: Sajena ist eben jene Angebetete vom Infoschalter. Jetzt geht selbst Oliver eine Energiesparlampe auf:

Sajena: Also soweit ich weiß befindet sich auf meiner weste auch ein Namensschild
Übrigens ich habe es zur Kenntnis genommen
Bin diese Dame von der Info
Nur so zur Info :)

Alles könnte jetzt so schön sein. Hätten wir in Zeiten postmoderner Liebe nicht den Glauben an die einfachen Mythen des Alltags verloren. Und hätte Oliver nicht diesen Satz in Facebook gepostet:

Mister Hornbach ich danke ihnen das sie mir so viele Tipps gegeben haben Hornbach ist einfach klasse

Doch nur ein Hornbacher Schießen? Doch nur virales Marketing? Sollten hier vielleicht nicht wahre Gefühle beworben werden, sondern einfach nur schnöde Gartenmöbel (garantiert ohne Tropenholz) und Elektrogeräte mit Gütesiegel? Schon im Jahr 2007 führte Hornbach eine Werbekampagne unter dem Titel Women at Work durch. Und auch hier taucht ein Oliver auf, der handwerklich begabten Frauen einiges zu bieten hat: "Mein Freund Oliver oder der Junge mit der li-la-langen Flöte."

Und zu allem Überfluss ist Sajena auch noch vergeben. Ihr Freund wäre "gar nicht begeistert". Und einen Ring soll die Frau vom Infoschalter auch tragen. Da wird Oliver wohl leer ausgehen und muss weiter nageln und sägen. Oder hämmern und sicheln. Oder sich ein Brett vor den Kopf zimmern. Hauptsache ist, dass aus der "Liebe von Swann" nicht die "Leiden des jungen Werther" werden. Denn beim Werther gab es statt Brett vorm Kopf eine Kugel in den Kopf. Und das hätten diese schöne Geschichte und Heimwerkerkönig Oliver nicht verdient.

Nachbemerkung. Die Facebook-Einträge, über die berichtet wurden, sind mittlerweile gelöscht worden. Die Pressestelle sagt, es handelte sich wirklich um eine echte Geschichte. Es habe zwar auch schon "so virale Aktionen" gegeben, nicht aber in diesem Fall. Aus diesem Grund hat man auch die Geschichte selbst inzwischen von der Seite genommen. Da es um echte Menschen und Mitarbeiter gehe, habe man sie schützen müssen. Und so kann man auf der Facebook-Seite lesen:

"Hallo Freunde, wir haben die "Lovestory" von der Seite genommen. Das Risiko, dass die Beteiligten Nachteile davon haben könnten, war uns zu groß. Das könnt ihr jetzt gut oder doof finden, aber wir haben hier auch eine Verantwortung, nicht nur unseren Mitarbeitern gegenüber. Toll, dass es euch allen so gut gefallen hat, aber es gibt wichtigeres als Belustigung auf Facebook. Nun sollten wir die Privatsphäre der Akteure achten. Wir sind uns sicher, ihr habt Verständnis dafür. Danke. YippieYeah."

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