Menschenfresser-Aliens erlösen Rap-Ganoven

22.09.2011

Ein englischer B-Movie lässt Aliens auf eine gewaltbereite Jugendgang treffen

Der Brite Joe Cormish hat bisher vor allem als Darsteller, Regisseur und Drehbuchautor diverser Fernsehserien gearbeitet. Sein erster Spielfilm Attack The Block, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, erregte in der Branche erhebliches Aufsehen. Der Sprung nach Hollywood scheint bereits vollzogen, Cormish wird als Drehbuchautor für die kommende Spielberg-Verfilmung von Tim und Struppi gelistet.

In Attack the Block tritt die in Ausbildung befindliche Krankenschwester Sam spätabends, während eines großen Feuerwerks, den Heimweg in ihre Wohnung in einem Londoner Problemviertel an, das von Jugendgangs beherrscht wird. Prompt wird sie von einem Haufen maskierter Hip Hop-Gangster überfallen. Aber noch während der Abwicklung der Straftat kracht ein offenbar notlandendes Alien in ein nebenan geparktes Auto.

Alle Bilder: Capelight.

Die Gang geht sofort zum Angriff über und schlägt das kreischende und zeternde Vieh in die Flucht. Damit nicht genug - die adoleszenten Gewalttäter sehen ihre Hood in Gefahr und verfolgen das außerirdische Wesen, bis sie es zur Strecke gebracht haben. Selbstverständlich wird der Kadaver zunächst verwendet, um die Mädchen zu erschrecken. Danach müssen erst einmal Drogen organisiert werden.

Während die kiffenden Problemkinder bereits Pläne schmieden, wie sie das tote Alien am gewinnbringendsten verhökern können, beginnt eine wahre Invasion durch schwarz bepelzte Aliens, die außer einem üblen Raubtiergebiss keine Gesichtszüge aufweisen.

Der vom Sieg über den ersten Außerirdischen und den Drogen beflügelte jugendliche Mob stürzt sich begeistert in die Schlacht; als Waffen dienen ein Samuraischwert, diverse Feuerwerkskörper und einige Küchenmesser. Wegen der riesigen Anzahl der die schockierten Menschen kurzerhand fressenden Monster wird aus der Attacke bald eine wilde Flucht, in deren Verlauf die Gang wieder auf die eingangs überfallene Krankenschwester trifft.

Die Regie vernachlässigt Logik und die genauere Zeichnung der Nebencharaktere im Verlauf der Handlung ein wenig, um sich auf die Erlösungsgeschichte um den erst fünfzehnjährigen Gangleader Moses zu konzentrieren. Der steht anfangs als wenig sympathischer Messerstecher vor seinem Opfer, wird aber durch seine auch während des Ansturms der Aliens von seinen Freunden nicht hinterfragte Anführerrolle zu der Erkenntnis gezwungen, dass aus Autorität zwangsläufig Verantwortung erwächst.

SPOILER

Das Finale zeigt den Geläuterten, wie er, nach seiner unvermeidlichen Verhaftung, lächelnd in der Grünen Minna sitzt, während draußen ein Haufen von ihm geretteter Menschen begeistert seinen Namen ruft. Das kann man pathetisch nennen, aber schließlich befinden wir uns in einem Coming-Of-Age-Drama.

SPOILER ENDE

Oder war es doch ein Gruselfilm? Oder gar eine Komödie? Attack The Block funktioniert auch auf diesen Ebenen. Das Script erspart uns billigen Slapstick, der Witz des Films ist ein trockener, der sich nie in den Vordergrund drängelt, sondern sich eher in ulkigen Details am Rande zeigt. In einer durchaus spannenden und bedrohlichen Sequenz erlegen beispielsweise zwei beherzte Freundinnen von Moses eines der Monster mit einer Tagesdecke und einem Schlittschuh.

Dieser zurückhaltende Umgang mit humorigen Elementen wirkt sich zugunsten des Horror- und Actiongehalts aus, der im Großen und Ganzen nicht ironisch gebrochen wird. Hier unterscheidet sich der Film deutlich von thematisch ähnlich gelagerten Filmen wie Bad Taste oder Mars Attacks. Auch der wegen einiger personellen Überschneidungen gern herbeizitierte Shaun Of The Dead kann hier nicht als Referenz dienen. Attack The Block bezieht sich nicht auf bestimmte legendäre Szenen von Genre-Klassikern, ist also keine Invasionsfilmparodie oder -hommage, sondern einfach "nur" ein Invasionsfilm, dessen Schöpfern Geschichte und Gebräuche des Genres allerdings durchaus bekannt sind.

Blutrünstig zeigt sich der Film nur in wenigen Szenen. Die Arbeit der Effekte-Abteilung konzentrierte sich offensichtlich auf die (vom ersten, ein wenig gummipuppenhaft wirkenden Alien abgesehen) erstaunlich gelungenen Kreaturen. Die Aufnahmen der Monster so zu bearbeiten, dass man außer einem tiefschwarzen Umriss nur die üblen Gebisse erkennen kann - diese aber sehr deutlich - ist beispielhaft für die Attitüde dieser Produktion: Wenig Aufwand, gutes Ergebnis.

Der geringe Etat macht sich hier nicht in schlechter Umsetzung aufwendiger Szenen bemerkbar, sondern eher in der Abwesenheit von Sequenzen, die sich gar nicht oder nicht überzeugend realisieren ließen. Natürlich hätte man gerne eine Massenszene gesehen, in denen die menschenfressenden Aliens über die Londoner Bürger herfallen - vermutlich hätte Cormish sie auch gerne gedreht. Vielleicht ist es aber die Weisheit eines Regisseurs, sich auf das Machbare zu beschränken, die bei einem Filmprojekt dieser Art den Unterschied zwischen Trash und einem guten B-Movie bedeutet.

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