Wenn Mütter und Väter wie Banken handeln

21.09.2011

Melanie Mühl über ihr Buch "Die Patchwork-Lüge"

Melanie Mühl, eine 1976 geborene Feuilletonredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat beim Hanser-Verlag eine "Streitschrift" veröffentlich, in der sie beklagt, dass Familienzerfall heute weniger öffentlich bedauert denn als moderner Lebensentwurf gelobt wird. Doch, so der Klappentext, "hinter dem freundlichen Wort Patchwork verbergen sich familiäre Tragödien und private Katastrophen".

Frau Mühl, ist die schnelle Trennung ohne – wie Sie es formulieren – "vorher überhaupt nach einer anderen Lösung gesucht zu haben" ein gesellschaftlich-medialer Imperativ, eine Vergöttlichung der eigenen Launen, die religionsartige Züge angenommen hat?

Melanie Mühl: Beobachtet man einmal genauer, wer sich im Bekannten- und Freundeskreis so alles trennt, und welche Begründungen teilweise dafür ins Feld geführt werden, ja, dann könnte man tatsächlich diesen Eindruck bekommen. Das eigene Ich rückt immer stärker in den Vordergrund, deshalb fragen wir uns auch ständig: steht mir nicht ein besseres Leben zu? Bin ich eigentlich glücklich? Verpasse ich vielleicht irgendetwas oder irgendjemanden? Spätestens sobald man Kinder hat, sollten man sich allerdings andere Fragen stellen, denn am Ende sind es die Kinder, die den Preis unserer Ich-Optimierung zahlen.

Wie kamen Sie darauf, sich die im Buch geschilderten Degeto-Fernsehspiele, die Soaps, die Till-Schweiger-Komödien anzusehen?

Melanie Mühl: Ich wollte herausfinden, ob sich die Idealisierung des Patchworkmodells in den Printmedien – Stichwort Wulff – auch im Fernsehen und Kino beobachten lässt. Das Ergebnis: Ja, auch dort wird die Patchworkfamilie als ein bunter, lustiger Haufen dargestellt, der sich scheinbar im Dauersommerferienlager befindet. Die hässliche Seite, nämlich, dass der Patchworkkonstellation immer das Zerbrechen von Familien vorausgeht, wird ausgeblendet. Die intakte Kernfamilie begegnet einen im Fernsehen nur noch als Karikatur: in der Serie Die Simpsons.

Verwechselt man nicht Ursache und Wirkung, wenn man die Schuld auf Serien schiebt?

Melanie Mühl: Ich schiebe die Schuld gar nicht auf bestimmte Serien - dennoch: Wer behauptet, man könne sich in einer von Massenmedien geprägten Welt der Wirkung von Massenmedien entziehen, ist naiv. Die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen, nicht zufällig vertrauen wir keinem Sinn so sehr, wie unserem Sehsinn. Jeder weiß, dass etwa der Tatort wenig mit der Arbeit einer Polizeidienststelle zu tun hat, trotzdem bringen wir beides miteinander in Verbindung. Die Medien sind einerseits selbst Ausdruck des sozialen Wandels, andererseits treiben sie ihn auch voran.

Hat die organisierte Verantwortungslosigkeit nicht auch anderswo ihre Vorbilder – etwa bei juristischen Personen wie zum Beispiel Banken?

Melanie Mühl: Absolut. Die Spielermentalität nimmt teilweise groteske Züge an, als befänden sich die Akteure mitten in einem Computerspiel und nicht mehr in der realen Welt - aber die muss letztendlich für den Schaden aufkommen. Die banale Tatsache, dass unser Handeln stets Konsequenzen hat, fällt immer weniger ins Gewicht, stattdessen lautet der Leitgedanke jetzt: anything goes!

Viele Leute sehen heute nicht mehr fern. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen wie beispielsweise Mercedes Bunz. Sind Sie immun gegen den von ihnen geschilderten "Bildterror", der "uns mit dem Ungewöhnlichen konfrontiert, bis es gewöhnlich wird" oder erreicht er sie auf andere Weise?

Melanie Mühl: Um sich dem Einfluss der Medien zu entziehen, müsste man das Leben eines Robinson Crusoes leben. Das Fernsehen zum Beispiel ist allgegenwärtig, denken Sie an Bahnhöfe, Flughäfen, Einkaufspassagen, Cafés. Selbst, wenn Sie denken, sie sehen nie fern, tun Sie es doch, nur eben unbewusst.

In den 1970er Jahren setzten SPD und FDP maßgebliche Änderungen im Scheidungsrecht durch. Seitdem gilt ein "Zerrüttungsprinzip", dass dazu führt, dass Schuldige nicht mehr ermittelt werden und sich Opfer durch Zahlungsverpflichtungen bestraft sehen. Erzeugt das Scheidungsrecht auf diese Weise Anreize für sozialschädliches Verhalten?

Melanie Mühl: Nein, so krass würde ich es nicht formulieren; auf der anderen Seite sind natürlich einige Barrieren gefallen und Scheidungen scheinen so normal geworden zu sein, wie späte Ladenöffnungszeiten. Auf dem Schulhof lautet mittlerweile ein Seilspringreim: "Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden – wie viele Kinder wirst du kriegen?"

War diese Regelung in den 1970er Jahren, als Unterhaltszahlungen und die Sicherung des Lebensunterhalts noch kein Problem schienen, weniger problematisch als heute?

Melanie Mühl: Ja, das denke ich schon. Neunzig Prozent aller Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. Und obwohl diese häufiger einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, als Frauen in einem festen Familienverbund, sind sie überdurchschnittlich oft von Armut betroffen und auf Transferleistungen angewiesen wie Hartz IV. Alleinerziehenden Frauen fehlt es an Unterstützung.

Wird heute – Sorgerechtsprozesse mit eingerechnet - tatsächlich weniger "schmutzige Wäsche" gewaschen als früher?

Melanie Mühl: Nein, das glaube ich nicht, aber womöglich geben sich die Betroffenen mehr Mühe, die hässlichen Streitereien fernab ihrer Kinder auszutragen, da man mittlerweile weiß, wie furchtbar es für Kinder ist, in den elterlichen Konflikt mit hineingezogen zu werden. Allerdings muss man auch ganz realistisch sein, denn erlittene Kränkungen lassen sich nicht einfach abstreifen. In der Regel verlässt der eine ja den anderen. Und manchmal wird das Kind dann zum Werkzeug, mit dem sich der Verlassene am Ex-Partner rächt.

Manche Kritiker meinen, dass bei der Herausnahme des Ehebruchs aus der Strafbarkeit versäumt wurde, als Ausgleich die Möglichkeit angemessener vertragsrechtlicher Sanktionen einzuführen. Wären Eheverträge in denen – wie im Arbeits- oder Mietrecht – Kündigungsgründe oder Vertragsstrafen festgesetzt werden eine Lösung?

Melanie Mühl: Nein.

Auf der einen Seite fand in den letzten beiden Jahrzehnten das von ihnen geschilderte Patchwork-Phänomen Eingang in den deutschen Alltag, auf der anderen das der Ehrenmorde. Hängen die beiden zusammen? Eventuell dadurch, dass die Attraktivität der Ehe durch das neue Scheidungsrecht deutlich abnahm – außer in Parallelstrukturen, wo Ansprüche nicht mit dem Rechtsapparat, sondern via Selbst- und Sippenjustiz angedroht und durchgesetzt werden.

Melanie Mühl: Diese beiden Dinge haben meiner Meinung nach nicht das Geringste miteinander zu tun.

Sie beklagen in einem Satz "Tsunamis, Erdbeben, Hurrikans [und] Computersysteme, die keiner versteht. Was wäre Ihrer Ansicht nach ein Computersystem, das man wirklich versteht?

Melanie Mühl: Da müssen Sie einen Computerexperten fragen.

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