Wer glaubt eher an Gott?

22.09.2011

Alles eine Frage des Denkstils: US-Psychologen wollen herausgefunden haben, dass intuitiv denkende Menschen eher an Gott glauben als solche, die auch ihre eigenen Intuitionen hinterfragen

Wer intuitiv denkt, glaubt eher an Gott oder ist eher religiös als Menschen, die erst einmal nachdenken, also nicht gleich den ersten naheliegenden Gedanken für bare Münze nehmen, sondern auch sich selbst gegenüber skeptisch sind. Das wollen US-Psychologen anhand von einigen Versuchen herausgefunden haben. Das Ergebnis klingt plausibel und wohl vertraut, auch wenn religiöse Menschen dem etwa entgegnen würden, dass sie auch durch Nachdenken zum Glauben gekommen sind, dass Wissenschaft, Rationalität und reflektiertes Denken nicht alles sind. Aber schon die bekannte Tatsache, dass mit höherer Bildung die Neigung zum Glauben sinkt, legt nahe, dass reflektiertes Denken nicht ohne weiteres überlieferte unglaubliche Erzählungen von Jungfrauengeburten, Himmelfahrten oder Transsubstantionen, Berichte von Wunder, Weissagungen und andere Zumutungen für die Vernunft übernimmt.

Die Psychologen der Harvard University weisen in ihrer Studie über die "Göttliche Intuition", die in der von der American Psychological Association herausgegebenen Zeitschrift Journal of Experimental Psychology: General erschienen ist, auf das erstaunliche Ergebnis einer 2007 durchgeführten Umfrage hin, nach der in den USA 92 Prozent der Menschen sagen, sie würden an Gott glauben, davon sind 72 Prozent der Überzeugung, dass dieser Glaube "absolute Gewissheit" ist. Weltweit sollen 87-93 Prozent der Menschen an Gott glauben, aber das schwankt doch erheblich. Damit wollen die Psychologen aber vor allem ihre These stärken, dass es eine primäre oder ursprüngliche Neigung gibt, an Gott zu glauben, während die Aufklärung erst später durch Reflektion erfolgt, vor allem aber, dass der Glaube an Gott eine Folge des vorherrschenden Denkstils ist. Und da gibt es die Intuitiven, man könnte auch sagen: Leichtgläubigen, von sich selbst Überzeugten und von der unmittelbaren Evidenz Verführten, und die Reflektierten, die zurücktreten und untersuchen, ob sie ihren Intuitionen auch trauen können.

Um das zu testen, wurden Versuchspersonen mehreren Tests unterzogen. So wurden in einem ersten Test 882 Versuchspersonen gefunden, die Fragen nach ihrem religiösen Glauben online beantworteten. Dann wurde mit dem Cognitive Reflection Test (CRT) geprüft, welchem Denkstil sie angehören. Dabei wurden drei einfache, aber verführerisch einfache mathematische Fragen gestellt. Beispielsweise diese Frage: Ein Ball und Schlagstock kosten zusammen 1 Euro und 10 Cent. Wenn der Schlagstock einen Euro mehr kostet wie der Ball, wie viel kostet dann der Ball? (Antwort )

Nach der Auswertung der Online-Umfrage und dem Test sind die Menschen, die öfter der intuitiv naheliegenden, aber falschen Lösung zuneigen, insofern religiöser, weil sie öfter Erfahrungen gemacht haben wollen, die zeigen, dass Gott existiert, oder sagen, ihr Glaube habe sich seit der Kindheit verstärkt. Das sei auch unabhängig anderer demografischer Faktoren wie politische Überzeugungen, Einkommen oder Bildung. Bestätigt wurde das Ergebnis in einem anderen Test, in dem ebenfalls die CRT-Fragen beantwortet werden mussten, aber auch verbaler und nicht-verbaler IQ. Ganz allgemein mit Intelligenz hat der Glauben demnach nicht zu tun, wohl aber wieder mit dem Denkstil.

In einem weiteren Versuch wurden die Menschen aufgefordert, eine persönliche Erfahrung zu beschreiben, bei der entweder intuitives oder reflektiertes Denken zu einem guten Ergebnis führte. Damit sollten die Versuchspersonen kausal beeinflusst werden, was sich offenbar auch ereignete. Wer ein erfolgreiches intuitives Denken beschrieb, war bei der Befragung nach dem Schreiben eher von der Existenz Gottes überzeugt als die anderen, die ein erfolgreiches reflektiertes Denken beschrieben.

Führt also intuitives, man möchte auch sagen: naives Denken, das natürlich keineswegs immer falsch sein muss, zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, an Gott zu glauben? Oder neigen die Gläubigen, um kognitive Dissonanz zu vermeiden, zum intuitiven Denken? Wie auch immer, die Autoren sagen: "Wie Menschen über die Preise von Bällen und Schlagstöcken denken oder falsch denken, spiegelt sich in ihrem Denken und letztlich in ihren Überzeugungen über die metaphysische Ordnung des Universums wieder."

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