Selbstständigkeit: keine Entscheidung für das große Geld, sondern gegen Hartz IV

27.09.2011

Wenn die Politik der Entwicklung hinterherhinkt: Gewerkschaften für Selbstständige, neue Arbeitsbiografien und Sozialversicherungssysteme

Für viele Freiberufler in den USA rentiert sich die große Freiheit bei der Selbständigkeit immer seltener. Daher organisieren sich und versuchen, über das klassische Modell einer Gewerkschaft ihre sozialen Belange durchzusetzen. Auch in Deutschland haben sich zwischenzeitlich Gewerkschaften für Freiberufler geöffnet.

In den USA arbeiten immer mehr Menschen als Freiberufler, weil für sie der übliche Karriereweg keine Alternative mehr darstellt. Für einige geht es dabei um die Verwirklichung selbstbestimmter Projekte. Für andere ist es schlicht die einzige Möglichkeit, überhaupt in Lohn und Brot zu kommen. Das hat dazu geführt, dass sich eine Gewerkschaft gegründet hat, die sich einzig um die Belange der Freiberufler kümmert. Im Angebot steht jedoch nicht der gemeinsame Kampf für höhere Löhne, sondern viel Grundsätzlicheres, der Aufbau einer Gesundheits- und Rentenvorsorge.

"Der Anstieg der freiberuflichen Arbeit ist die Industrielle Revolution unserer Tage", so überschreibt Sara Horowitz eine Kolumne im amerikanischen Magazin The Atlantic. Horowitz ist Gründerin und Vorsitzende der Freelancers Union. Die Organisation vertritt mehr als 100.000 Mitglieder. Auch in den USA ist die Zahl der freiberuflichen Arbeiter in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen.

Das große Problem dieser freien Mitarbeiter ist ihr Zugang zu sozialer Absicherung. Für manch' einen Europäer mag dies nicht unbedingt etwas Neues sein. Sind die Vereinigten Staaten doch bekannt dafür, dass selbst grundlegende sozialen Sicherungssysteme nur rudimentär vorhanden sind.

Was dabei vergessen wird, ist die in den USA lange Zeit übliche Absicherung durch den Arbeitgeber. Denn der durch Franklin D. Roosevelt eingeführte New Deal sorgte dafür, dass viele Arbeitgeber ihren klassischen Angestellten sowohl eine Krankenversicherung spendierten, als auch zusätzlich noch für deren Rente sorgten.

Der New Deal stellte für die Arbeiter einen wichtigen Schutz und Nutzen dar. Allerdings wurden diese Sicherheiten für traditionelle Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisse entwickelt. Der New Deal ist noch nicht so weit gediehen, dass er auch unabhängige Arbeiter beinhaltet. Für Freiberufler gibt es keine Absicherung von Arbeitslosigkeit in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Auch bestehen keine Sicherheiten gegen altersbedingte, rassistische oder sexistische Diskriminierung. Und wenn der Arbeitgeber nicht bezahlt, gibt es keine Unterstützung durch das Department of Labor.

Sara Horowitz

Gemeinsam ist man stärker

Viele Freiberufler scheinen auf den ersten Blick doch eher in hippen Cafés oder Coworking-Spaces zuhause zu sein. Die unsichere Beschäftigungssituation hat jedoch offensichtlich einen Denkprozess bei einigen ausgelöst. Für immer mehr stellt sich die Frage, wie sie sich gegen Krankheit absichern und ihren Lebensabend finanzieren können. Für die Freelancers Union gilt dabei das alte Gewerkschaftsideal: Gemeinsam ist man stärker.

So hat die Gewerkschaft dafür gesorgt, dass ihre Mitglieder eine finanzierbare Krankenversicherung abschließen können. Daneben unterstützt sie die Mitglieder bei der Altersvorsorge. Beides hat die Freelancers Union erreicht, indem sie über den Hebel der Mitgliederzahl entsprechende Verträge abgeschlossen hat.

Selbständige in Deutschland

Auch bei den deutschen Freiberuflern scheint sich etwas zu tun. Wenn auch in anderen Dimensionen. In der Gewerkschaft Verdi sind heute etwa 30.000 Freiberufler organisiert. Über diesen Weg versuchen sie ihre Situation zu verbessern. Die Hauptforderungen dabei unterscheiden sich wenig von denen der Freelancers Union in den USA.

Bild: Stefan Mosel; Lizenz: CC-BY-2.0

So fordert Verdi seit 2009, dass die Sozialversicherungssysteme den neuen Arbeitsbiografien angepasst werden müssen. Denn für immer mehr Freiberufler in Deutschland ist die Selbständigkeit keine Entscheidung für das große Geld, sondern vielmehr gegen Hartz IV. Daher prägen auch immer weniger die klassischen Selbstständigen, wie Ärzte oder Apotheker, die Gruppe der Freiberufler. Heute handelt es sich vielmehr um Arbeiter, die aufgrund ihrer unabhängigen Angestelltensituation besonders schlecht gestellt sind. Sie müssten daher, so Verdi, auf einer für sie tragbaren finanziellen Grundlage, in alle Sozialversicherungen einbezogen werden.

"Unsere derzeitige Politik reflektiert eine vergangene Ära"

Für die Politik scheinen die Freiberufler allerdings bislang weder in den USA noch in Deutschland eine besondere Rolle zu spielen. So beklagt sich Horowitz in ihrer Kolumne:

Wir müssen in diesem Land akzeptieren: so, wie sich die Arbeit von einem handwerklichen über einen industriellen zu einem wissensbasierten Schwerpunkt verschoben hat, so hat sich logischerweise der Schwerpunkt der Arbeiter hinterher verschoben. Unsere derzeitige Politik reflektiert eine vergangene Ära, die nicht zurückkehren wird. Wenn wir diese Verschiebung nicht berücksichtigen und akzeptieren, und wenn wir keine angemessenen Anpassungen an die Bedürfnisse dieser neuen Arbeiter machen, riskieren wir den Verlust der Vitalität von 42 Mio. Amerikanern.

Vergleichbares kann wohl auch für Deutschland gesagt werden. Derzeit wächst die Gruppe der Freiberufler stetig an. Bereits heute sind etwa 1,21 Millionen Arbeiter in Deutschland Freiberufler. Anfang 2000 gab es noch 917.000.

Auch die Berufe, in denen Freiberufler arbeiten, werden immer mehr. So ist es heute nicht mehr unüblich als Fahrer, Marktforscher oder auch als Consultant freiberuflich zu arbeiten. Die in Deutschland am schnellsten wachsende Berufsgruppe unter den Freiberuflern sind derzeit Pädagogen. Im Jahr 2000 gab es noch 104.000 freiberufliche Pädagogen in Deutschland. Heute sind es bereits 160.000.

Grund genug für die Politik, sich dieses Problems anzunehmen. In den großen Parteien jedoch scheint es für die immer größer werdende Zahl der Freiberufler und das daraus folgende Problem der nicht vorhandenen sozialen Absicherung, kein Konzept zu geben.

Nur für die klassischen freien Berufe, wie Künstler oder Journalisten, gibt es die Absicherung durch die Künstlersozialversicherung. Für den heute frei arbeitenden Consultant, Web-Designer oder Marketingspezialisten dagegen gibt es keine Möglichkeit, für seine Rente vorzusorgen. Es sei denn, er verdient so überdurchschnittlich, dass er genug Überschuss erwirtschaftet für die Zeit seines Ruhestandes.

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