Idioten Made In Germany

02.10.2011

Produzieren Politik und Wirtschaft Bildungsverlierer?

Klaus Norbert war früher Unternehmensberater und Coach für Führungspersönlichkeiten. Nun hat er ein Buch geschrieben, in dem er die politisch-mentalen Missstände dieser Republik schildert und auf YouTube zusätzliche musikalische Statements zu diesem Thema abgegeben.

Herr Norbert, Sie behaupten in Ihrem Buch, in Deutschland würde es vor Idioten und deren Blödsinn nur so wimmeln. Wen oder was finden Sie am blödesten?

Klaus Norbert: Am blödesten und zugleich schade finde ich, dass uns der Ursprung des Wortes "Idiot" kaum mehr bekannt ist. Vielleicht ist das schon die fatalste Bildungslücke, weil uns von allen Seiten eingeredet wird, welch wunderbare Demokratie sich im Nachkriegsdeutschland West etabliert hätte.

Mit "Idioten" im Titel von "Idioten Made In Germany" meine ich den Begriff, welchen man im alten Griechenland generell von unfreien Menschen hatten. "Idiotes", das waren die Sklaven, Handwerker, Arbeiter, Soldaten, Arme, Behinderte, und übrigens generell Frauen. In der einstigen "Wiege der Demokratie" wurden sie genauso verschaukelt und knapp gehalten wie heute der größte Teil der deutschen Bevölkerung, übrigens auch der vor kurzem noch umhegte Mittelstand. Die "Idiotes" hatten nichts zu melden, waren in jeder Hinsicht Bürger zweiter Klasse.

2.500 Jahre später sind die Maßstäbe natürlich subtiler. Mit Duldung der meisten regierenden Politiker in Bund und Ländern werden Schüler noch immer unterschiedlich "gefördert", also früh selektiert und auf starre Bahnen gezwungen. Es heißt, Geld springt über jede Mauer - wer aber keins oder zuwenig hat, muss jenseits der Mauer bleiben, das hatten wir doch lang genug. Was Wilhelm von Humboldt - der Bruder des legendären Naturforschers Alexander - unter Bildung verstand, und zwar die Menschwerdung durch die Erweckung von Geist und Sinnhaftigkeit, davon ist im Zeitalter von "Fördern und Fordern" nicht mehr viel übrig.

Bildung anno 2011 ist ein frecher Etikettenschwindel. Die "Menschwerdung" ist längst durchkommerzialisiert. Nicht sich selbst und die Welt, in der er leben wird, soll der junge Mensch kennen und verstehen lernen, sondern sich nur mehr "qualifizieren", und zwar für ein Dasein in ständiger, künstlich verstärkter Unsicherheit. Das ganze Gerede von Globalisierung, Nachhaltigkeit, lebenslanger Weiter-"Bildung" entpuppt sich als verbale Nebelkerzen. Schon die Jüngsten werden gezielt zu "Idioten", zu unfreien Menschen erzogen.

Die Eltern sind noch vor der Geburt ihrer Kleinen im Dauerstress, weil jeder einen Nobelpreisträger zur Welt bringen will. Mindestens. Und mit der Agenda 2010, insbesondere deren berüchtigtsten Teil, Hartz IV, haben Gerhard Schröder und Joschka Fischer zusätzlich einen dunklen Schleier über das Land gelegt. Nun bemüht sich nach Kräften die Regierung Merkel-Westerwelle, die Spaltung der Gesellschaft auch in Bildungsfragen voranzutreiben.

Annette Schavan hatte ihre Chancen als Bildungsministerin in Baden-Württemberg und in zwei Bundeskabinetten. Meine künftigen Hoffnungen auf sie sind gering. Vor der Spaltung in Sachen Bildung und deren Folgen, die sich in ganz Europa beobachten lassen, warnt ja auch der fantastische Deutsch-Franzose Stéphane Hessel, der mit 93 Jahren die Kampfschrift Empört Euch! geschrieben hat.

Als Münchner hätte ich diesem Büchlein einen noch drastischeren Titel gegeben. Ich hätte es "Schleicht´s Euch!" genannt und damit die vielen Bildungsaposteln gemeint, die nur eins im Sinn haben: Deutschland flächendeckend auf die Bildungskommerzialisierung vorzubereiten. Das Arme-Leute-Abi für die einkommensschwachen "Idioten", den Privatschulen-/Privatuni-Exzellenz-Hype für die Sprösslinge zahlungskräftiger Bürger 1. Klasse. Die endgültige Teilung Deutschlands wird nicht mit der Trennung von dumm und klug, sondern chancenarm und chancenreich betrieben.

Das Menschenbild von RTL

Wer ist denn idiotischer: Die "Idioten", welche die kulturellen und sozialen Verwerfungen zu verantworten haben und sie als alternativlos deklarieren, oder jene, die das auch noch glauben und sich gefallen lassen?

Klaus Norbert: Eine traurige Rolle spielen die sogenannten Leitmedien, insbesondere das Privatfernsehen. So hatte sich Helmut Kohl seine "geistig-moralische Wende" bestimmt nicht vorgestellt, als er 1984 Sat1, RTL & Co. die ersten Frequenzen zuteilte. Speziell das Menschenbild von RTL wirkt auf mich oftmals geradezu faschistisch. In den "Scripted Reality"-Formaten des Senders, den Pseudo-Dokumentationen, sehen wir bevorzugt angebliche Hartz-IV-Empfänger.

Grundsätzlich sind sie übergewichtig und schwer von Begriff. RTL muss ihnen mit Erziehungs-Nanny, Schuldenberater und anderen A-Sozialhelfern Beine machen. "Bildungsfern", vulgo blöd sind diese Kunstfiguren auch. Wer sich als Zuschauer genug darüber geekelt hat, kann abhotten bei Oliver Geissen und seinen endlosen "Beste-Sowieso"-Shows oder im "Dschungelcamp" oder bei "Deutschland sucht den Super-Star". Hauptsache, RTL-Superlative: die Dümmsten, Hässlichsten, Klügsten, Reichsten, Schönsten und Geilsten. Und das will der erfolgreichste Kommerzsender der Republik sein? Erfolgreich nur nach Zahlen - und das ist zuwenig.

Bildung in Deutschland ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft"

Welche Faktoren sind für die fatale geistige Entwicklung ausschlaggebend?

Klaus Norbert: Seit etwa zehn Jahren wird in Deutschland ein ständiges Klima der Angst, des Misstrauens und der Feindseligkeit geschaffen. Seit auch der Diplom-Ingenieur um seinen Arbeitsplatz fürchten muss, seit es den verhassten Investment-Banker genauso treffen kann wie die Inhaberin der Postagentur, seitdem hat der Mittelstand keine ruhige Minute mehr.

Fällt nicht auf, dass niemand mehr von "verfügbarem Einkommen" spricht? Wozu auch, wenn kaum mehr einem welches bleibt. Als Universal-Heilmittel für den lohngedumpten Arbeitsmarkt propagieren Politik und Wirtschaft sogenannte "Bildung". Wenn freilich der beste Bildungsabschluss - und nicht etwa Protektion und Vitamin B - über Wohl und Wehe auf dem Karriereweg entscheiden, weshalb sitzen und saßen dann an den Schalthebeln so viele Nichtskönner, adlige Doktortitel-Erschleicher, Abfindungsversager?

"Bildung" in Deutschland ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft: Quält-qualifiziert euch, ehe ihr den Mund aufmacht (haltet die Klappe). Seid mobil (also rastlos), bildet euch lebenslang weiter (bleibt manipulierbar) und beweist euch erstmal (begnügt euch mit Praktikanten-Löhnen). Wer noch vor zehn Jahren gesagt hätte, er suche einen Job, dem hätte man entgegengehalten: Job? Warum hast du keinen Beruf erlernt! Das macht das künstlich geschaffene, frostig-graue Klima, das Deutschland so sehr zurückwirft. Nicht "die Ausländer", nicht "der Muslim". Und schon gar nicht der RTL-Deppen-Klon von angeblich nebenan.

Welche Funktion nimmt das momentan grassierende Comedian-Unwesen bei dieser Entwicklung ein?

Klaus Norbert: Kalauernd gesagt: Wir müssen damit leben, dass Loriot gestorben ist. Keineswegs tragen die Comedians Schuld an unseren Verblödungsverhältnissen. Sie füllen doch nur die Heere der Fernseh- und Radio-Verantwortlichen. Mit Mario Barth etwa können Sie gute Gespräche führen, er liest auch. Und Olli Dittrich gilt sowieso als Tiefgeist. Wäre er vom Gemüt nicht so dunkel, gäbe er einen würdigen Loriot-Erben ab. Wenn sich die Medien alles weiterhin auf Hampelmann-Niveau trimmen und Günther Jauch als der "klügste Deutsche" verlobhudelt wird, dürfen wir uns nicht wundern, wenn das Niveau auf Unterkante Stammtisch bleibt.

Von Ihnen ist zu lesen, dass Sie viele Jahre als Berater für Großunternehmen im In- und Ausland tätig waren und als Coach namhafte Führungspersönlichkeiten betreut haben. Konnten Sie auf diese Erfahrungen für Ihr Buch zurückgreifen?

Klaus Norbert: Die Vorstandsvorsitzenden und auch die Spitzenpolitiker, die ich kennen gelernt habe, waren tatsächlich noch "old school". Markt-Brutalinskis waren darunter, ideologisch verbohrte Ex-Jesuiten. Aber der Bildungsgrad war jeweils enorm, übrigens auch der Sinn für Kunst und Humor. Trotzdem war es diese Garde, die heute 50-Jährigen und älteren "Entscheider", die den Durchmarsch der Jasager, der Gesichts- und Individualitätslosen zugelassen, ja vielfach gefördert hat. Dabei ist unsere Gesellschaft voll von prächtigen Menschen, die nur weithin unbekannt sind. Die Leitmedien-Kamarilla lässt sie nicht hochkommen. Denn nicht die Versager fallen bei uns durch den Rost, sondern die Könner. Die stören nämlich Erstere beim Herummurksen und Abkassieren.

Songs sind prägnanter als jedes Buch"

Sie sind ein Sachbuchautor, der zum Thema Bildung sogar Musik geschrieben und mehrere Songs bei YouTube veröffentlicht hat.

Klaus Norbert: Schauspieler, die auch singen, gibt es etliche: Manfred Krug, Uwe Ochsenknecht, Ulrich Tukur. Mich wundert aber, warum man keine singenden, komponierenden Schriftsteller kennt: Roger Willemsen? Juli Zeh? Richard David Precht? Ist denen nur volles Haar und Stimme, aber nicht Gesang gegeben? Die Möglichkeit, die Intellektualität eines Buches mit der Emotionalität von Musik zu vereinen, ist doch faszinierend.

Allerdings bin ich vorbelastet. Musik mache und schreibe ich länger als Bücher. Zudem sind Songs kürzer und prägnanter als jedes Buch, sie rocken auch mehr. Sie sind beweglicher, reisen schneller, dringen tiefer in die Sinne als bedrucktes Papier. Aber erst beides zusammen finde ich sexy: Buch und Musik, Kopf und Bauch, Herz und Hirn. Außerdem wollte ich nicht länger warten, bis den satten deutschen Altherren etwas in Sachen Bildung auf- oder einfällt: Hey, Maffay, Westernhagen, Grönemeyer, Kunze, Lindenberg - wie viele Liebeslieder denn noch?

Woody Guthrie hat´s richtig gemacht. Er wusste, dass man die größten Kontroversen am besten mit einfachen Worten und mitreißenden Refrains verpackt. Auf seiner Akustikgitarre hatte er diesen berühmten Aufkleber: "Diese Maschine killt Faschisten". Wer eine solche Humorfarbe pflegt, kann auch Klassiker schreiben wie This Land Is Your Land. Und ein solcher Stil fehlt bei uns. Gegen die Bildungs-Idiotie in Germany muss nicht nur angeschrieben, sondern auch angesungen werden. Bei mir macht Annette Schavan den Anfang. Mit ein paar Silben Ergänzung ist ihr Nachname sehr viel rhythmischer als ihre Bildungspolitik.

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