Deutschland ist noch immer Stromexporteur

28.09.2011

Die Energie- und Klimawochenschau: Vom Netzausbau und Atompfusch, von Import und Export sowie von Dürren, Hunger und schwindendem Eis

Es hat etwas Reflexartiges. Stromkonzerne und Netzgesellschaften lassen verlauten, dass sie ein paar neue Leitungen bauen wollen, und schon fordern nicht nur die großen Wirtschaftszeitungen "Opferbereitschaft" von den Bürgern. Der Netzausbau sei für den Umstieg auf erneuerbare Energieträger unerlässlich.

Dabei werden mal wieder jede Mengen Äpfel mit Birnen verglichen, denn der bisherige Protest, gegen den ohne viel Sachkenntnis polemisiert wird, richtet sich gegen ganz andere als die nun vorgestellten Projekte. Die Netzbetreiber TenneT (ehemals E.on), 50 Hertz (40 Prozent Vattenfall, 60 Prozent Elia), Amprion (25,1 Prozent RWE, Rest wird von einem Konsortium um die Commerzbank gehalten) und EnBW haben angekündigt, in die Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) einsteigen zu wollen.

Das wäre für Deutschland ein neuer und durchaus interessanter Schritt, weil HGÜ nämlich ideal für die Überbrückung größerer Entfernungen und außerdem leistungsfähiger ist. HGÜ-Kabel könnten also andere Projekte tendenziell überflüssig machen. Außerdem wurde gar die Idee ins Spiel gebracht, die Leitungen teilweise auf bestehende Masten zu installieren. Das käme nicht nur billiger, sondern würde auch etwaigem Protest der Anwohner aus dem Weg gehen.

Offen ist aber durchaus die Frage, ob diese Leitungen wirklich vor allem, wie versprochen, der Integration der erneuerbaren Energieträger dient. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion ist davon nicht überzeugt. "Es sei aber offensichtlich, dass die geplanten drei Trassen vor allem dem Absatz der Kraftwerke der Konzernmütter oder ehemaligen Eigentümer nutzen sollten", zitiert ihn die Nachrichtenagentur AFP.

Das deckt sich mit dem Misstrauen, das viele Anwohnerinitiativen gegen ältere Projekte hegen, die ebenfalls meist von Nord nach Süd gehen, aber den Bau kürzerer Überlandleitung mit Wechselspannung vorsehen. Im Norden, an der Küste, gibt es nämlich nicht nur viel Wind, sondern auch Pläne für manch neues Kohlekraftwerk. Solche sind insbesondere an verschiedenen Nordsee-Standorten geplant, weil dort die Belieferung mit Importkohle kostengünstig ist.

In Ostdeutschland, von wo ebenfalls Verbindungen in die Verbrauchszentren Süd- und Westdeutschlands geplant sind, gibt es hingegen Braunkohle in Überfluss, die Vattenfall noch möglichst lange weiter verfeuern möchte. Auch dort sind neue Kraftwerke geplant.

Aber dass es angesichts der veränderten Struktur der Stromerzeugung eines Netzumbaus bedarf, weiß man auch bei den Freunden der sauberen Energieträger schon lange. Die Deutsche Umwelthilfe hatte daher gemeinsam mit Anwohnerinitiativen, Naturschutzverbänden, dem Bauernverband, verschiedenen Organisationen der Solar- und Windwirtschaft, Unternehmen wie Enercon (Hersteller von Windkraftanlagen) und der EWE Netz GmbH (Netzbetreiber in Ostfriesland und Umgebung), dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW und diversen anderen das Forum Netzintegration gegründet.

In einem längeren Verfahren wurde diskutiert, wie die zahlreichen Interessen unter einen Hut zu bringen und der Netzausbau möglichst reibungslos zu bewerkstelligen ist. Zu den Vorschlägen gehören unter anderem neue Mindestabstandsregelungen zu Wohnhäusern und das Verlegen von Erdkabeln an sensiblen Teilabschnitten. Der Ende November letzten Jahres vorgelegte Plan N zeigte, dass es auch anders geht.

Interessanter Weise haben sich nur die großen Netzbetreiber trotz mehrfacher Einladung in diesem unter anderem mit Mitteln des Bundesumweltministeriums finanzierten Mediationsverfahren bisher einer Stellungnahme verweigert. Man kann fast den Eindruck bekommen, dass ihr Interesse an einem frühzeitigen Interessenausgleich eher begrenzt ist.

Atomstromimporte?

Ein weiteres schönes Beispiel, wie unkritisch viele Journalisten mit Zahlen und Statistiken umgehen, war unlängst rund um eine Pressemeldung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zu beobachten. Der Verband hatte offenbar versehentlich falsche Zahlen über den Stromimport aus der tschechischen Republik in Umlauf gebracht, die in den Medien als eine starke Zunahme von Atomstromeinfuhren gehandelt wurden. Um 673 Prozent sei der physische Stromfluss aus dem Nachbarland im ersten Halbjahr 2011 größer als im Vergleichszeitraum des Vorjahres gewesen.

Das Ergebnis war erwartungsgemäß. Viele Medien griffen die Story begierig auf. "Stromimporte schnellen nach AKW Aus nach oben titelte zum Beispiel die Nachrichtenagentur AFP oder "Deutschland hängt am französischen Stromtropf" interpretierte der Focus. Irgendwie scheint es einfach nicht schick zu sein, wenn der Atomausstieg klappt. Viel lieber werden die Nachrichten der Atomkraftfreunde aufgegriffen.

Dumm nur, dass dem BDEW einfach die Prozentrechnung etwas durcheinander gekommen war, wie er etwas kleinlaut eingestehen musste. Nicht um 673, sondern um lediglich 15,7 Prozent hatten die Flüsse aus der Tschechischen Republik zugelegt. Doch das war dann vielen Zeitungen kaum noch eine Meldung wert.

Der gleichen Richtigstellung des BDEW war auch zu entnehmen, dass Deutschland auch nach der Abschaltung von acht AKW, von denen zwei ohnehin seit Jahren nicht mehr am Netz waren, immer noch Netto-Stromexporteur ist. Der Überschuss war im ersten Halbjahr 2011 zwar kleiner als in den ersten sechs Monaten 2010 aber mit rund vier Milliarden Kilowattstunden immer noch ganz beachtlich. Das ist in etwa zwei Drittel der elektrischen Energie, die das bayrische AKW Isar 2 in dieser Zeit bei durchgehendem Volllastbetrieb geliefert haben könnte.

Die Anti-AKW-Kampagne .ausgestrahlt weist in diesem Zusammenhang daraufhin, dass es zwar stimmt, dass mehr Strom aus Frankreich und der Tschechischen Republik eingeführt als dorthin exportiert wird. Da dieser dort hauptsächlich in AKW erzeugt wird, kann er wohl auch ohne weiteres als Atomstrom bezeichnet werden. Allerdings habe dieser Überschuss auch damit zu tun, dass Deutschland durch seine Lage in der Mitte Europas mit neun Nachbarländern ein klassisches Transitland ist.

Pfusch im AKW Ringhals

Unterdessen ist in Schweden ein neues Kapitel der unendlichen Geschichte der Vattenfall-Schlampereien geschrieben worden. Die dortigen Aufsichtsbehörde hat letzte Woche für das AKW Ringhals in der Nähe von Göteborg die Wiederinbetriebnahmen ausgesetzt, wie Reinhard Wolff in der taz schreibt.

AKW Ringhals. Bild: Pieter Kuiper/public domain

Die Reaktoren waren in Revision bzw. wegen eines Unfalls abgeschaltet. Im Frühjahr hatte es am Reaktor Ringhals 2 einen Brand gegeben. Ende August war daraufhin dessen Notkühlsystem demontiert worden. Dabei fand man in den Rohren Abfälle von Schweißarbeiten, die dort bereits seit den 1980ern gelegen haben müssen und im Notfall die Filter hätten verstopfen können.

Nachprüfungen am Reaktor 4 ergaben daraufhin, dass auch dort Abfälle unbekümmert in den Rohren zurückgelassen worden und jahrzehntelang unentdeckt geblieben waren. Für die schwedischen Aufsichtsbehörden war damit das Maß voll. Nun dürfen die Meiler erst wieder ans Netz, wenn der Betreiber erstens erklärt, wie es zu diesem Pfusch kommen konnte, und zweitens ein Konzept für neue Routinen vorlegt, die ihn künftig vermeiden.

In Ringhals, rund 60 Kilometer südlich der westschwedischen Stadt Göteborg, stehen vier Reaktoren, die zwischen 1976 und 1983 ihren kommerziellen Betrieb aufnahmen. Mitte November 2006 war im AKW Ringhals ein Transformator explodiert, was zur Schnellabschaltung des Reaktorblocks 3 führte. Der deutsche Stromkonzern E.on hält an Ringhals eine Minderheitsbeteiligung von knapp 30 Prozent.

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Dürren noch lange nicht vorbei

Eis wächst wieder

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