Wintersemester: Programmiertes Chaos

04.10.2011

Etwa 500.000 Erstsemester kommen auf Universitäten und Fachhochschulen zu. Mitten im Organisationswirrwarr geht die Debatte um Studiengebühren weiter

Keine Wehrpflicht, doppelte Abiturientenjahrgänge, mehr Schüler mit Hochschulreife: Was allein diese Faktoren für die deutschen Hochschulen bedeuten, ist seit geraumer Zeit bekannt. Doch auf den Ansturm von mehreren hunderttausend Nachwuchsakademikern ist das Bildungssystem schlecht vorbereitet.

Bewerberansturm im Ländle

Die Plagiatsaffäre um die - generell nicht übertrieben aktive - FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin hat dem Ruf der Universität Heidelberg offenbar nur bedingt geschadet. Auf 325 freie Studienplätze im Bereich Rechtswissenschaften bewarben sich zum kommenden Wintersemester rund 3.500 potenzielle Nachwuchsakademiker.

Noch dramatischer sah es bei den Psychologen aus. Hier drängelten sich mehr als 4.300 Bewerber um 90 freie Plätze. Auch wenn sich viele junge Menschen gleich bei mehreren Bildungstempeln bewerben, gibt es günstigere Ausgangslagen, und in den nicht zulassungsbeschränkten Fächern zeichnen sich ebenfalls Probleme ab. Deutsche Philologie, Bildungswissenschaften und Europäische Kunstgeschichte stehen auf der Beliebtheitsskala weit oben.

In ganz Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Monaten zusätzliche Studienplätze, neue Studiengänge und Räume eingerichtet, längere Vorlesungszeiten ausgeschrieben und mehr Lehrkräfte eingestellt. Dass die Maßnahmen nicht ausreichen, ist absehbar, aber im Ernstfall hilft vielleicht ein verschärfter Numerus clausus oder die Gelassenheit der Angestellten.

Das ganze Unternehmen sei "quasi eine Operation am lebenden Patienten", hieß es aus Heidelberg, und Freiburg wollte sich gleich gar nicht aus der Ruhe bringen lassen. "Zu Semesteranfang müssen bei uns immer Notbetten aufgestellt werden."

Dabei ist eine Erleichterung der Situation nicht in Sicht. Im Gegenteil: 2012 verlässt auch in Baden-Württemberg ein doppelter Abiturientenjahrgang, für den seit Jahren angestrengte Konzepte entwickelt werden, die Gymnasien. Rund 93.000 Schülerinnen und Schüler erwerben dann ihre Hochschulreife. Wie viele direkt ein Studium aufnehmen wollen, weiß niemand mit Sicherheit zu sagen, perspektivisch könnten aber 78 Prozent von ihnen über kurz oder lang eine Universität oder Fachhochschule besuchen.

2008 versprach das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, dass ab 2012 jedes Jahr jeweils 16.000 zusätzliche Studienbewerber aufgenommen werden können. Mittlerweile wurde diese Zahl auf "bis zu 22.000" korrigiert. Die Universität Heidelberg stellt sich und ihren Studierenden deshalb mit Recht die Frage, wie sich die Situation in den nächsten Jahren entwickeln wird. Und antwortet vorerst:

Die Entwicklungen sind schwer vorauszusagen. Bislang hat nur ein Teil der Studierenden direkt im Jahr des Abiturs mit dem Studium begonnen, doch das könnte sich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht und dem Wegfall des Ersatzdienstes ändern. Daher ist im Bachelorbereich bis 2014 mit deutlich höheren Studienfängerzahlen zu rechnen. Das bedeutet zudem, dass in der Folge die Zahl der Bewerber für Masterstudiengänge ansteigen wird. Auch dieser Anstieg ist nur zu bewältigen, wenn die Universitäten mit den dafür notwendigen Ressourcen ausgestattet werden.

Universität Heidelberg

"Die Zeit drängt für proaktives Handeln"

Ende September gab die neue grün-rote Landesregierung in Stuttgart überdies einen Gesetzentwurf zur Abschaffung und Kompensation der Studiengebühren zur Anhörung frei. Die Campusmaut soll demnach zum Sommersemester 2012 wieder abgeschafft werden. Sehr zur Freude der Studierenden, doch die populäre Maßnahme hat ihren Preis, denn die Regierung muss den Ausfall in voller Höhe ersetzen.

Diese "Kompensationsmittel" könnten nach Berechnungen des Wissenschaftsministeriums bis 2015 auf 163 Millionen Euro pro Jahr ansteigen. Kein Vergleich zu den diversen Rettungsschirmen, aber doch eine immense Belastung des ohnehin geschröpften Landeshaushalts.

Mit dieser Situation muss sich auch die Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfallen auseinandersetzen. Hier wurden die Studiengebühren bereits zum Wintersemester 2011/12 abgeschafft. Die "Kompensationsmittel" belaufen sich auf gesetzlich festgelegte 249 Millionen Euro, so dass die Hochschulen trotz höherer Studentenzahlen keinen Rechtsanspruch auf zusätzliche Leistungen haben. Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD), die sagte: "Wir deckeln die Ausgaben nicht, wir garantieren mindestens 249 Millionen pro Jahr", hat für dieses Verfahren ihre ganz eigene Interpretation parat. Sie fordert ein stärkeres Engagement des Bundes und eine Ausweitung des Hochschulpakts, weiß ansonsten aber auch nicht recht, was aus der verfahrenen Situation werden soll, wenn statt der von der Kultusministerkonferenz prognostizierten 90.000 Erstsemester schon in diesem Jahr über 100.000 neue Nachwuchsakademiker in Nordrhein-Westfalen studieren wollen.

Vielleicht lässt man sie einfach nicht in die Hörsäle? An der renommierten Fachhochschule Niederrhein, bei der im (hier bereits laufenden) Wintersemester rekordverdächtige 11.800 Studierende - und damit 1.000 mehr als vor einem Jahr - eingeschrieben sind, hieß es vor wenigen Tagen für viele Interessenten: "Wir müssen leider draußen bleiben!"

In Hamburg sind die Studiengebühren erst in einem Jahr Geschichte. Die schwarz-grüne Regierung hatte sie bereits von 500 auf 375 Euro pro Semester gesenkt und die Rückzahlungsmodalitäten verändert. Nun sorgte der SPD-Senat für das endgültige Aus. Sehr zum Unwillen der letzten Befürworter, die darin - wie Hariolf Wenzler, Geschäftsführer der Hamburger Bucerius Law School - einen "Griff in die ideologische Mottenkiste der Altachtundsechziger" sehen. Auch die Freie und Hansestadt muss nun kompensieren, etwas mehr als 37 Millionen Euro pro Jahr, und einer völlig neuen Herausforderung gerecht werden, die auch hier, namentlich an der Universität Hamburg, unter dem Stichwort "Bewerberrekord" geführt wird.

Die beliebtesten Fächer sind u.a., wie in den vergangenen Jahren auch, Medien- und Kommunikationswissenschaft (3317 Bewerbungen auf 38 Plätze), Erziehungs- und Bildungswissenschaft (1451 Bewerbungen auf 145 Plätze), Betriebswirtschaftslehre (5720 Bewerbungen auf 430 Plätze), Volkswirtschaftslehre (1102 Bewerbungen auf 180 Plätze) sowie Psychologie (5041 Bewerbungen auf 202 Plätze) und Rechtswissenschaft (2719 Bewerbungen auf 305 Plätze).

Universität Hamburg

Jedes Land hat seine eigenen Probleme, die sich allerdings zu einer gesamtdeutschen Bildungsmisere verdichten. Der stellvertretende bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Swen Schulz rechnet bis 2015 mit einer Lücke von etwa 200.000 Studienplätzen, wenn der Hochschulpakt von Seiten der Bundesregierung nicht deutlich aufgestockt und so zum "Hochschulpakt Plus" wird.

Die Sozialdemokraten wollen die Vereinbarung, an der sie übrigens selbst mitgewirkt haben, nun ausweiten und verlängern, die Einrichtung von Master-Studienplätzen fördern und per "Abschlussbonus" eine bessere Betreuung und gute Lehre unterstützen. "Die Zeit drängt für proaktives Handeln", orakelte SPD-Mann Schulz.

Bayerische Staatsregierung unter Druck: Gleich drei Initiativen gegen Studiengebühren

Wenn es keinen Rekordzuwachs bei den Studienanfängern gäbe, wären Bayern und Niedersachsen ganz besonderer Beobachtung ausgesetzt. Denn nur in diesen beiden Ländern ist eine Abschaffung der Studiengebühren noch nicht unmittelbar in Sicht. So aber - und trotz diverser Abwerbungsversuche - gibt es auch hier deutlich mehr Erstsemester als in den Jahren zuvor, doch manche Bildungspolitiker und -initiativen machen sich bereits Sorgen, ob dieser Zustand von Dauer ist.

Im Regelfall würden sich die Gegner zusammenschließen und versuchen, mit einem gemeinsamen Vorstoß die maximale Durchschlagskraft zu erzielen. Nicht so in Bayern. Hier will es die Piratenpartei mit 25.000 Unterstützerunterschriften für ein Volksbegehren zur Abschaffung der Studienbeiträge versuchen. Derweil bemüht sich die SPD, deren designierter Spitzenkandidat Christian Ude die Abschaffung der Campusmaut gegebenenfalls als "erste Amtshandlung" betrachtet, um eine Massenpetition, weil ein Volksbegehren in diesem Fall nicht umgesetzt werden könne, da es in den bayerischen Staatshaushalt eingreife.

Auch die Freien Wähler setzten auf eine "Massenpetitionsinitiative", die nun in ein Volksbegehren münden soll. Der Piratenpartei möchte man sich nicht anschließen, weil sie sowohl Studien- als auch Verwaltungsgebühren abschaffen wolle. Die Freien Wähler haben es dagegen nur auf die Abschaffung der Studiengebühren abgesehen.

Dafür gibt es gute Gründe denn allein im Jahr 2010 sind 152 Millionen Euro Studiengebühren erhoben worden, obwohl seinerzeit noch 106 Millionen Euro Restmittel zur Verfügung standen. Zum Jahresende 2010 verfügten die bayerischen Hochschulen noch immer über 100 Millionen Euro - die sie einfach nicht ausgegeben hatten.

Hans Jürgen Fahn, Landtagsabgeordneter der FREIEN WÄHLER in Bayern

Die Grünen belassen es vorerst bei einer prinzipiellen Ablehnung. Es gab Zeiten, da bayerische Landesregierungen über einen solchen Schlingerkurs der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition achselzuckend hinweggesehen hätten. Doch die sind vorbei, denn nach der Abschaffung der Campusmaut in (fast) allen anderen Gebühren-Bundesländern wird man offenbar selbst in der bayerischen Staatskanzlei nervös. "Es kann nicht sein, dass wir Gebühren erheben und nicht wissen, wofür wir sie ausgeben", rumpelte Ministerpräsident Seehofer bereits im Juli und kündigte eine genauere Prüfung an. Bisher traten dabei keine konkreten Ergebnisse zutage, aber bei der Kabinettsklausur im November soll das Thema möglicherweise erneut auf der Tagesordnung stehen.

Schlüssige und verlässliche Ergebnisse für die angepeilte Bildungsrepublik hätten freilich längst erzielt werden können. Aber das gilt schließlich auch für überzeugende Strategien, wie organisatorisch, strukturell, personell und finanziell auf die steigenden Studentenzahlen reagiert werden soll, für die Aufstockung des Hochschulpakts oder für die Installation des ominösen "Dialogorientierten Serviceverfahrens" zur Vergabe von zulassungsbeschränkten Studienplätzen.

Bei der "Stiftung für Hochschulzulassung" datiert die neueste Pressemeldung aber noch immer vom 12. April 2011. "Qualität geht vor Schnelligkeit - Start des Dialogorientierten Serviceverfahrens wird verschoben", lautet die Überschrift.

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