Bei den Managergehältern zählt die Leistung wenig

05.10.2011

Ursache der sich auch bei Verlusten in die Höhe schraubenden Einkommen der Topmanager ist das so genannte Benchmarking und die Inzucht zwischen diesen und den Mitgliedern in den Aufsichtsräten

In den letzten 20 Jahren sind die Einkommen der Topmanager in den USA explodiert und haben so den Graben zwischen dem Mittelstand und den Reichen vertieft. Mittlerweile verdienen die Chefs einiger Großunternehmen schon mehr, als diese an Steuern zahlen (Das Steuersystem ist außer Kontrolle geraten). Auch in anderen Staaten wurde diese Entwicklung zum Vorbild genommen und ließen so den Abstand zwischen dem Durchschnittsverdienst der Angestellten und dem Einkommen der CEOs wachsen. Mitunter verdienen die Topmanager weit mehr als das 200-Fache des durchschnittlichen Angestellten. Auch in den USA lag das Verhältnis noch zu Beginn der 1900er Jahre gerade einmal bei 35:1, in Deutschland etwa bei 14:1.

Dass die Höhe der Managereinkommen kaum etwas mit der Leistung oder dem Erfolg des Unternehmens zu tun haben, liegt schon lange auf der Hand. Selbst wenn das Unternehmen wirtschaftlich absteigt, können die Einkommen wachsen, und dass die Manager, wenn sie ein Unternehmen nahezu zugrunde gerichtet haben, noch mit einem millionenschweren goldenen Handschlag verabschiedet werden, ist ebenfalls zur Genüge bekannt. In Teilen der Wirtschaft zählt also die viel propagierte Leistung wenig.

Soziologen hatten letztes Jahr in einer Studie bereits herausgefunden, dass der der Grund für die überdurchschnittlich schnell wachsenden Managergehälter weitegehend auf die seit 1970er Jahren beginnende Praxis des Benchmarking zurückgehen könnten. Die Gehälter werden nicht nach Leistung und Werdegang berechnet, sondern man vergleicht einfach die Managergehälter ähnlicher Unternehmen, bildet den Median und legt in der Regel bei einem neuen CEO noch etwas drauf. Und da es immer wieder Ausreißer (leapgrogger) gibt, die deutlich mehr erhalten, ziehen die Gehälter auch der übrigen nach. Damit ist ein Mechanismus eingerichtet, in dem es nur nach oben gehen kann, anfangs langsam, später immer schneller - jenseits aller realwirtschaftlicher Daten (Warum sind die Managergehälter in den letzten Jahrzehnten so in die Höhe geschossen?).

Wie die Washington Post berichtet, ist das Benchmarking für die Managergehälter erst seit 2006 bekannt geworden, nachdem die US-Börsenaufsicht SEC die Unternehmen aufgefordert hat, die Begründung offenzulegen, wie sie die Gehälter festlegen. 90 Prozent der Unternehmen setzen mittlerweile erklärtermaßen ihre Managergehälter auf oder über den Median der vergleichbaren Unternehmen, was eben die Managergehälter immer weiter nach oben treibt und die Kluft zwischen Managern und den übrigen Angestellten vertieft. So haben sich die Managergehälter der größten US-Firmen seit den 1970er Jahren mehr als vervierfacht, während das Gehalt eines typischen Angestellten um mehr als 10 Prozent gesunken ist.

Da die Mitglieder der Aufsichtsräte meist selbst Topmanager waren, wurde aufgrund dieser Inzucht die Spirale trotz Kritik von außen und seitens der übrigen Shareholder ungebremst nach oben getrieben. Auch die Auswahl der Vergleichsunternehmen erfolgt höchst unterschiedlich und willkürlich. So müssen nur größere Unternehmen, die mehr Gewinne machen und deren CEOs mehr verdienen, als Vergleichsgruppe herbeigezogen werden, um die Managergehälter nach oben zu treiben. Der durchschnittliche Vorstand eines börsennotierten Unternehmens betrachtet, wie die Washington Post schreibt, 33 Prozent der Mitglieder des Aufsichtsrats als seine Freunde, im für die Gehälter zuständigen Compensation Committee sollen es bis zu 50 Prozent sein. Man ist also unter sich - und man will sich gegenseitig nicht weh tun, sondern gönnst sich als Führungsklasse etwas, vermutlich weil man dort die Einstellung hat, dass denen, die es einmal geschafft haben, immer mehr zusteht.

Angeführt wird als Beispiel der CEP Narayan von Adobe Systems, der 2010 12,2 Millionne US-Dollar verdient, obgleich die Dividenden der Aktionäre negativ waren. Narayan, so hatte das Compensation Committee entschieden, sollte ein Gehalt im obersten Zehntel der Managergehälter in vergleichbaren Unternehmen erhalten. Ein anderes Beispiel ist Countrywide Financial. Der ehemalige CEO Mozilo, dessen Einkommen ebenfalls im obersten Zehntel der vergleichbaren Managergehälter lag, hatte mehr als 180 Millionen verdient, während er das Unternehmen in den 5 Jahren vor der geplatzten Immobilienblase an den Rand des Ruins führte. Mozilo hatte dann Linke und Neider dafür verantwortlich gemacht, Druck auf den Aufsichtsrat ausgeübt zu haben, um das Gehalt zu senken. Würde man das machen, so warnte der gute Mann, würden talentierte Unternehmensführer entmutigt werden.

Wie die Washington Post am Biotech-Unternehmen Amgen zeigt, hat CEO Sharer sein Einkommen auch 2010 steigern können, obgleich die Dividenden 2009 um 2 Prozent und 2010 um 3 Prozent gefallen sind und die vergleichbaren Unternehmen Gewinne verzeichnen konnten. Steve Silverman, einer der größten Einzelaktionäre bei Amgen, ärgert sich: "Er hat eigentlich nichts für das Unternehmen getan. Und trotzdem bekam er Gehaltserhöhungen." Tatsächlich scheint man Amgen unter der Leitung von Sharer kaum von Erfolgen sprechen zu können. Das Unternehmen musste Standorte schließen oder verkleinern, die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte von 20.100 auf 17.400. Dafür verdient Sharer 2010 15 Millionen US-Dollar. 2011 wuchs sein Einkommen um 37 Prozent auf 21 Millionen, weil der Vorstand beschloss, dass er im Verhältnis zur Vergleichsgruppe etwa so viel verdienen sollte wie das 75. Perzentil. Hat dieses "Prinzip", wenn schon nicht mit Leistung, dann doch etwas mit dem freien Markt zu tun, wie ihn die Neoliberalen als selbstkorrigierende Instanz anpreisen? Welche Leistungen erbringen Topmanager, die ihre Unternehmen in den Sand fahren und dennoch mit Einkommenssteigerungen von 30 Prozent und mehr belohnt werden?

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