Liest man digitale Texte anders?

11.10.2011

Der Neurolinguist Horst Müller prognostiziert das Ende der Lesekultur, aber er verheddert sich auch in manchen Ungereimtheiten

Zur Buchmesse kann man schon einmal das Verschwinden der Buchkultur zelebrieren, auch wenn keiner weiß, wie die Entwicklung weitergehen wird. In 500 Jahren, so sagte der Neurolinguist Horst Müller von der Universität Bielefeld schon ziemlich vorsichtig gegenüber dem Deutschlandradio, würden nur noch wenige Menschen lesen, die meisten könnten im Alltag und in der Arbeit darauf verzichten, etwas niederzuschreiben und zu lesen. Stattdessen werde man mit Maschinen reden, die, wenn sie Anleitungen geben, in Bildern zeigen würden, wie was zu machen ist: "Durch die digitalen Medien", so seine Prognose, "wird die Schrift verschwinden." Sie würde ersetzt durch komplexere Techniken.

Die Kultur - und der Markt - des gedruckten Buches ist freilich auch nicht viel älter als 500 Jahre. Das Verschwinden des Buches wäre vielleicht auch nur eine Rückkehr vor die Erfindung des Buchdrucks, allerdings auf einer ganz neuen technischen Stufe, weil die Kommunikation auch ohne gedruckte Schrift nicht mehr lokal, sondern global geworden ist. Während aber damals die mündliche Kultur durch die Schriftkultur verdrängt wurde, sollen jetzt die elektronischen Medien die Printkultur mit ihren kognitiven Errungenschaften verdrängen. Allerdings, so muss man erinnern, gab es auch immer die Kritik, dass die Schriftkultur die Menschen gehörig diszipliniert und neue körperliche und geistige Fertigkeiten erzwungen habe, was mitunter nicht nur als Sublimation, sondern auch als Entfremdung betrachtet wurde.

Schon alleine die Mühsal des Schreiben- und Lesenlernens ist eine Tortur, die keineswegs alleine auf kognitiver Ebene stattfindet, wie jedes Kind zu Beginn seiner Schullaufbahn lernen muss: Angefangen vom korrekten Halten eines Stifts bis zur Ausprägung der Feinmotorik, um eine leserliche, der Norm entsprechende Schrift hervorzubringen, bis hin zur stummen und einsamen Lektüre von langen, aus Buchstabenkolonnen zusammengefügten Texten, bei denen sich die Menschen aus der Gesellschaft zurückziehen. Hat das Formen der Buchstaben mit dem Schreibgerät vielleicht noch eine sportliche und ästhetische Komponente, so wirkt das Betrachten der Buchstabenwüsten ähnlich wie eine sensorische Deprivation, die eine halluzinatorische Kompensation, gerne Fantasie genannt, stimuliert.

In den Textwüsten der Schriftkultur

Müller bestätigt denn auch, dass Lesen erst einmal gegenüber dem Hören eine abstrahierende Tätigkeit ist: Beim Lesen geht unter anderem die Betonung bei der Aussprache, der Gesichtsausdruck des Sprechenden und dessen Gestik verloren. Das sind alles Hinweise darauf, wie ein Satz zu verstehen ist, der sich beim Lesen von Buchstabenketten erst erschließen muss. Allerdings ist Sprechen und Hören schon eine ziemliche Multitaskingaufgabe, während Schreiben und Lesen schon eine wesentlich monotonere Tätigkeit ist. Ist deswegen womöglich für die Angehörigen der Schriftkultur Multitasking im medialen Umfeld so erschreckend?

Das Gespräch mit dem Neurolinguisten ging vor allem darum, inwiefern sich digitales Lesen vom Printlesen unterscheidet, auch wenn hier Interviewer und Interviewter oft aneinander vorbei sprachen. Für Müller ist der Unterschied für ältere Gehirne wie dem seinen unbedeutend, wenn dies nach einem längeren Leseleben geschieht. Dann könne man sich sozusagen unbeschädigt "hocheffizienten Medien", also den digitalen, zuwenden. Das sei in jungen Jahren aber anders, wenn man nicht nur digitale Bücher liest, sondern "sogar direkt im Web basiert sich mit Texten beschäftigt".

Wenn man nämlich Texte auf dem Papier liest, so sei die Information "verarmt", der Text sei eine "öde Bleiwüste". Da müsse man sich erst "öffnen": "Es dauert, ein Buch zu lesen". Aber wenn man dies täte, dann könne man sich dem ganz widmen: "Alles, was bunt ist, was Aktion und Dynamik bedeutet, entwickelt sich im Gehirn", so schildert der Neurolinguist die Vorteile der abstrakten Wüste. Auf der Webseite sei hingegen das Bunte und Bewegte bereits vorhanden. Dazu kämen ablenkende Informationen wie der Akkustand oder eintreffende Emails. Das erschöpft dann offensichtlich die Fantasie, also den Mangel an Wahrnehmung, der durch selbst erzeugte Bilder kompensiert werden muss.

Die Lust am Haptischen und die Ablenkung durch das Bunte und Dynamische

Gefragt, ob bei einem eBook die Konzentration nicht ebenso möglich wäre, meint Müller, im Idealfall sollte dies gehen, aber es fehle die haptische Information, das Geräusch des Papiers, was man mit den Fingern macht etc. Dann sei das Lesevergnügen anders. Aber diese Unterscheidung zwischen digitalem und gedruckten Text ist doch ein wenig gefinkelt, weil man ja das eBook durchaus in der Händen halten und bedienen muss, Geräusche lassen entsprechend den Vorlieben anpassen. Eigentlich sei nur eine Sache der Gewohnheit, dann aber doch auch eine "multimodale Verbindung", die mehr "Spaß" macht, aber auch dazu dient, das Gelesene besser abzuspeichern. Allerdings wäre auch das Geräusch beim Blättern wieder eine Abwechslung, man fragt sich, was diese gegenüber anderen Ablenkungen auszeichnet?

Interessant ist, dass Müller zwar die Webseite mit dem Bunten und Dynamischen anspricht, man fragt sich allerdings was mit Bilderbüchern oder bebilderten Büchern ist, die ja auch bereits das Wüstenhafte des reinen Textes verlassen und für teils gehörige Ablenkung sorgen?

Wie Müller ausführt, werden bei Versuchen eher krasse Gegensätze aufgebaut, die dann natürlich die Unterschiede zwischen digitalen und gedruckten Texten übertrieben darstellen. So würden Gehirnscans von Menschen gemacht, die auf einem Bildschirm einen Text wie in einem Buch lesen, und von solchen, die einen Text in einer "animierten Webumgebung" lesen. Da lässt sich schon von vorneherein kein Unterschied zwischen digitalen und gedruckten Texten herauslesen, den es als solches, zumindest bei einem eBook, auch kaum mehr gibt. Auch Webseiten müssen Texte nicht mit animierten Grafiken umgeben, während in Büchern durchaus nicht nur Text, sondern eben auch Bilder sein können und es auch ganz wichtig ist, welches Layout die Seiten haben. Zum vertieften Lesen lädt keineswegs jede Gestaltung ein.

Stark verteilte Hirnaktivität

Müller sagt, bei solchen Versuchsanordnungen könne man feststellen, dass versierte Webleser eine "stark verteilte Hirnaktivität" hätten, was zeige, dass sie viele Aktivitäten bündeln. Es könnten also viele Aufgaben zu bewältigen sein, die nicht notwendig wären, um die allein durch die Schrift vermittelte Information aufzunehmen. Daher könnte das die Ressourcen von dem Leseprozess abziehen. Allerdings müssen Leser nicht nur in bebilderten Büchern, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften mit einer bewussten Durchkreuzung der konzentrierten Leseaufmerksamkeit rechnen, wenn ihnen ständig auch noch Werbung unterschoben wird.

Auch wenn das Lesen am Bildschirm immer mehr sozialisiert und trainiert werde, finde doch ein Abbau des Lesens statt, so der Neurolinguist schließlich. So würden Bedienungsanleitungen etwa für Drucker oder für komplizierte Militärmaschinen nicht mehr als Texte angeboten, sondern als eine Art Comic. Von den jüngeren Menschen sei "niemand mehr in der Lage, längere, zusammenhängende Texte zu lesen - oder möchte sie lesen". Das dürfte eine Übertreibung sein, zumal nie so viele Menschen nicht nur auf Universitäten gehen, wo sie am Lesen und Schreiben nicht vorbeikommen, sondern gerade auch im Internet schreiben und lesen.

Allerdings ist die Sprache schon vor dem Internet vereinfacht worden, was man im Rundfunk Durchhörbarkeit nennt und was Spiegel und Co. schon lange praktizieren: Möglichst keine Nebensätze mehr, und schon gar nicht die die komplexen und verschachtelten Satzstrukturen, wie sie während der Aufklärung noch gang und gäbe waren. Was für ein geistiges Abenteuer kann es sein, fast seitenlange, mäandrierende Sätze von Kant oder Hegel zu verfolgen und im Abschluss den Rückbezug zum Beginn zu finden. Und ebenso spannend kann es sein, einen Gedanken über verschiedene Aspekte hinweg zu einem Abschluss zu führen, ohne zwanghaft die Komplexität reduzieren zu müssen. Gut möglich, dass diese Lust am Text, die Lust am textuellen Abenteuer beim Schreiben und Lesen ausstirbt.

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