Fukushima: Wohin mit dem radioaktiven Müll?

12.10.2011

Bis Ende 2013 sollen die Zone um das havarierte AKW weitgehend dekontaminiert sein, die betroffenen Gemeinden zögern aber noch, Zwischenlager für die gewaltigen Abfallmengen einzurichten

Die Proteste in New York gegen die Wall Street scheinen auch nach Japan auszustrahlen und Atomkraftgegner zu bestärken. So gibt es immer kleine Protestkundgebungen und Demonstrationen, die über das Web oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda angekündigt werden.

Für die neuen Proteste von Bürgern, die weder in Parteien noch in Gewerkschaften organisiert sind und aus eigener Initiative zu Protestkundgebungen aufrufen oder an diesen teilnehmen, wurde auch eine neue Bezeichnung gefunden: "Amateurdemonstranten" oder "Amateurbürger". Das klingt schon etwas schräg, ist aber aus der Geschichte verständlich.

Wie die Zeitung Asahi schreibt, waren nach Ausschreitungen seit den 1980er Jahren in Japan Demonstrationen nicht mehr angesagt. In den letzten 10 Jahren, besonders seit dem US-Einmarsch in den Irak wurde in Form von Friedensmärschen oder Paraden demonstriert, an denen mitunter auch Tausende teilnahmen. Erst seit der Fukushima-Katastrophe kam es wieder zu Demonstrationen.

Der 70-jährige Kojin Karatani, ein Literaturkritiker, machte so nach dem 11. März zum ersten Mal wieder bei einer Demonstration mit. Er sagt, es hätten einerseits Menschen teilgenommen, die vor langer Zeit als Studenten demonstriert hätten, und andererseits jüngere Menschen, die allgemein wütend seien, nicht nur über der Atomenergie.

Radioaktiv verseuchter Müll? Nein, danke!

Die neue japanische Regierung hat angekündigt, bis Ende 2013 die Dekontaminierung der Zone um Fukushima abschließen zu wollen, direkt um das AKW selbst wird dies länger dauern, weil dort die Verstrahlung zu hoch ist.

Mit dem in Aussicht gestellten Termin soll den Evakuierten eine zeitliche Perspektive geboten werden, ab wann sie mit einer Rückkehr rechnen können. In den ausgewiesenen Sonderdekontaminierungsgebieten (Josen Tokubetsu Chiiki), in denen die Strahlungsbelastung mehr als 5 und bis zu 20 Millisievert im Jahr beträgt, werden Gebäude, Straßen, Wälder, Äcker etc. von Tepco und der Regierung dekontaminiert. Die abgetragene Erde und andere Materialen sollen in Zwischenlager verbracht werden. Die Gemeinden sollen die Dekontaminierung von Gebieten selbst durchführen, in denen die Belastung über 1 Millisievert pro Jahr liegt. Hier soll die Belastung innerhalb von zwei Jahren halbiert und unter einem Millisievert liegen, in den anderen Gebieten soll die Belastung bis 2013 für Kinder um 60 Prozent und für Erwachsene um 50 Prozent gesenkt werden.

Allerdings zögern bislang noch viele Gemeinden, solche Zwischenlager auszuweisen. Bislang haben dies nur 2 von 59 Gemeinden gemacht, auch wenn die meisten eine Abfallbeseitigungsstrategie planen. Zögerlich sind die Gemeinden nicht nur, weil Sorge wegen der Strahlung besteht, sondern weil weiterhin völlig unklar ist, in welches Endlager dieser nur leicht radioaktive Abfall schließlich kommen soll.

Erst einmal scheint die Regierung den betroffenen Gemeinden die Hauptlast zuschieben zu wollen. Hoch belasteter Abfall wie Schlamm, Abwasser oder Asche sollen in den Präfekturen entsorgt werden, in denen sie entstanden sind. Auch die Zwischenlager für kontaminierte Erde oder kontaminierten Bauschutt sollen die betroffenen Präfekturen zur Verfügung stellen, für deren Bau will aber die Regierung sorgen.

Karte des Wissenschaftsministeriums mit den Belastungswerten vom 18. September. Gebiete in rot haben mehr als 3 Millionen Becquerel pro Quadratmater, die in hellbraun weisen weniger als 10.000 auf. Bild: Japanisches Wissenschaftsministerium

Nicht nur die riesigen Mengen an Material, die irgendwo gelagert werden müssen, stellen ein Problem dar. 70 Prozent des Gebiets der Präfektur Fukushima ist Bergland. Jeder Regenfall, der dort niedergeht, spült radioaktiv belastete Blätter und Humus die Hänge herunter. Das heißt, einmal dekontaminierte Gebiete in den Tälern müssen wiederholt gesäubert werden. Betroffene Bürger fürchten, dass die Regierung deswegen das Ziel nicht einhalten können wird, die Belastungswerte unter einen Millisievert pro Jahr zu drücken. In der Stadt stiegen in zwei Distrikten, die im Sommer dekontaminiert worden waren, die Belastungswerte teils über diejenigen, die vor der Säuberung gemessen wurden.

In Fukushima 1 hat man derzeit Probleme mit den großen Mengen von kontaminiertem Kühlwasser. Während man weiterhin das Wasser aus den Reaktoren 1-4 entsalzt und reinigt, um es wieder verwenden zu können, haben sich auch in den Reaktorgebäuden 5 und 6, in denen es zu keiner Kernschmelze kam, weil sie bereits vor dem Erdbeben abgeschaltet waren, 17.000 Tonnen Wasser angesammelt.

Da man nicht mehr weiß, wie man es in Tanks oder anderen Behältern lagern kann, wurde damit begonnen, es zu versprühen. Nach Tepco stelle das kein Problem für die Umwelt dar, da auch dieses Wasser entsalzt und gereinigt worden sei. Die ersten 28 Tonnen wurden in die Wälder und auf einen Parkplatz in der Nähe des AKW gegossen. Auch das übrige Wasser soll in die Wälder und über die Baumstümpfe der gefällten Bäume gegossen werden, angeblich um möglichen Bränden vorzubeugen. Zudem soll mit dem Wasser auf Straßen und Sportplätzen verhindert werden, dass Winde radioaktive Partikel vom Boden in die Luft bringen.

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