Die Russen könnten überall sein - sogar auf dem Mond

14.10.2011

"Apollo 18" macht aus der Mondverschwörung einen Horrorfilm

In den letzten drei Jahrzehnten war der Mond nicht gerade der zentrale Gegenstand kultureller Verhandlungen. Seit dort nach 1972 keine Landungen der Amerikaner mehr stattgefunden haben, konzentrierten sich Astro-Fans und Science Fiction lieber auf planetare Ziele - allem voran den Mars. Doch seit kurzer Zeit steht der Erdtrabant wieder höher im Kurs: Letztes Jahr feierte die Mondastronautik ihren 40. Jahrestag, die Chinesen planen eine Expedition (und mehr!). Hinweise auf Bodenschätze und Überlegungen, den Mond zu einem Sprungbrett für weiter entfernte Ziele zu machen, rücken ihn nun auch wieder in den Fokus des fantastischen Diskurses.

Alle Bilder: Senator Filmverleih

Dass sich dieser Diskurs an den reichhaltigen Mythen, zu denen auch die Verschwörungstheorien um die wahren (oder eben gefälschten) Hintergründe der Mondlandungen gehören, bedient, ist Kulturgeschichte: Immer schon war Mond-Science-Fiction inspiriert von dem, was so zu sehen war am Himmel oder mündlich tradiert wurde über den Erdbegleiter. Seit Menschen dort gewesen sind, wurde die Mythenproduktion allerdings nicht durch empirische Belege zum Schweigen gebracht, sondernist sogar erst richtig in Gang gekommen.

Ein zentraler Mythos dreht sich um die Frage, ob die Apollo-17-Mission tatsächlich die letzte amerikanische gewesen ist - und vor allem warum? Dieser Frage widmet sich Gonzalo López-Gallegos Pseudo-Dokumentarfilm Apollo 18, der die "wahren Hintergründe" dieser bislang geheim gehaltenen Mondmission aufdeckt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: "Apollo 18" ist natürlich ein Spielfilm. Er stellt sich in die Reihe berüchtigter Found-Footage-Mockumentaries wie "Mann beißt Hund", "Blair Witch Project" und "[REC]", die das Marketing des Films auch allesamt als Kronzeugen für seine Ästhetik in den Zeugenstand ruft.

Erzählt wird in ihm die aus "jetzt veröffentlichten" Archiv-Aufnahmen montierte Geschichte der drei Astronauten Benjamin Anderson, John Grey und Nathan Walker, die zum Mond fliegen, um dort für das Departement of Defense (!) Apparaturen zu installieren. So lautet zumindest die ihnen bekannte Version der Mission.

Dort angekommen werden Anderson und Grey mit einem Landemodul auf der Mondoberfläche abgesetzt und beginnen mit der üblichen Arbeit: Proben sammeln, Fahne aufstellen, mit dem Mondmobil herumfahren und die mitgebrachten Geräte, zu denen auch Kameras mit Bewegungssensoren (!) gehören, aufstellen. Als die beiden am Morgen nach ihrem Eintreffen in der Kapsel aufwachen, überrascht sie ein Gesteinsbrocken, der aus seinem sorgfältig verschlossenen Behälter gefallen ist und auf dem Boden der Fähre liegt. Sie denken sich zunächst nichts dabei.

Mondsteinsonate

Zunehmend wird die Expedition von technischen Störungen behindert: Ständig fallen Funk und Energieversorgung aus. Das scheint aber alles noch zu den üblichen Problemen solcher Missionen zu gehören. Als die beiden allerdings feststellen, dass die außerhalb der Fähre aufgestellte Fahne verschwunden ist, machen sie sich sorgenvoll auf die Suche nach dem Grund, den sie dann tatsächlich in der Nähe und in Form einer russische Landekapsel finden.

Diese ist jedoch verlassen - der Leichnam eines der Lunanauten liegt in einem Krater in der Nähe: Sein Raumanzug ist zerrissen und in seinem Inneren befindet sich Mondgestein. Dieses Gestein wird im weiteren Verlauf der Filmhandlung noch eine tragende Rolle spielen.

Das ließe sich nun durchaus in einen zeitgemäßen Kontext setzen - nicht nur, was die Veröffentlichung von Geheimmaterial der US-Regierung angeht. Wovor sollte man sich heute schon fürchten, wenn man an den Mond denkt. Nach allem, was die Astronomie weiß, ist Leben dort kaum möglich.

Es gibt weder Wasser noch Luft, nur Staub und Steine. Die haben es allerdings "in sich". Enorme Vorkommen an Aluminium, Titan und Helium 3 (das spielte ja bereits in Duncan Jones' "Moon" eine handlungstragende Rolle) lassen einen nicht allzu fernen Race in Space erwarten. Das eingangs erwähnte Bemühen der Chinesen dürfte unter genau diesem Vorzeichen stattfinden.

SOS aus dem Weltraum

Das ist für die SF allerdings ein schon länger dauerndes Rennen. Etliches von "Apollo 18" erinnert an den Auftakt der Perry-Rhodan-Serie. Dass dort die Chinesen auch eine gewisse Rolle spielen, fügt sich durch den eben angeschnittenen Diskurs an die Erzählung des Films. Wie bei Rhodan sehen sich Russen und US-Amerikaner auf dem Erdtrabanten auf einmal mit einer weit größeren Konfliktpartei konfrontiert. Aus den Gegnern im Kalten Krieg, dessen Hauch "Apollo 18" mit zeitweise komischem Bemühen zu atmen versucht, wird so eine Zwangspartnerschaft angesichts weit größerer Gefahren.

Auch in "Apollo 18" werden die verdächtig(t)en Russen (wer sonst soll die Fahne gestohlen haben?) bald zu engen Verbündeten, die zusammen mit den Amerikanern auf der Erde längst wissen, wonach die Crew von Apollo 18 wirklich sucht. Es ist sogar ein gemeinsames Projekt, das die russische und die amerikanische Kapsel auf den Mond befördert hat. Mitten in der von Nixon initiierten amerikansich-chinesischen Ping-Pong-Diplomatie behauptet der Film also noch eine weitere Achse im Kalten Krieg, die ein amerikanisch-sowjetisches Bündnis im Weltraum gegen die Chinesen in Stellung bringt.

Politik im Mondstaub

Gonzalo López-Gallegos Film ist damit herrlich unhistorisch - ein typisches Was-wäre-gewesen-wenn?-Szenario der retrograden SF. Er bedient sich zur Bebilderung und Vertonung seiner im Grunde genommen als Anti-Verschwörungstheorie zu deutenden Verschwörungstheorie Material, das durch künstliche Verschlechterung seine Authentizität garantiert.

"Was wir über den Mond wissen, das wissen wir durch die Massenmedien", könnte Luhmann zu "Apollo 18" gesagt haben. Denn die "Wahrheit" entsteht nämlich erst in und hinter den Sinnen des Rezipienten. Alles im Film sieht aus, wie vieles, was wir schon zuvor einmal über den Mond gesehen haben: verwackelt und verwaschen. So konstruiert man Wahrheit - und nicht durch Bildschärfe.

Und das alles könnte aus "Apollo 18" auch einen hervorragenden Mockumentary-Horrorfilm machen, verstieße der Film nicht bloß oft genau dann, wenn es dramaturgisch hektisch wird, gegen seine eigenen ästhetischen Paradigmen. Dann wird beispielsweise der durch mehrere Kameras motivierte, multiperspektivische Blick aufs Geschehen auch innerhalb der russischen Kapsel möglich. Das fällt kaum auf, wenn man "Apollo 18" als Spielfilm sieht, als Pseudodokumentarfilm schärft er die Sinne für solche Widersprüche jedoch beständig.

Und was ist mit der (Anti-)Verschwörung? Durch seine Paratexte, insbesondere gesprochene Kommentare und Texttafeln am Anfang und am Schluss, behauptet der Film, dass immer schon etwas faul mit dem Mondfahrprogramm gewesen sei. Doch anstatt diese Fäulnis entlarven zu wollen - wie das unzählige Verschwörungstheoretiker zuvor schon getan haben - scheint er sich in ihr zu suhlen; und das im angenehmsten Sinne!

Was geschieht denn mit der tollsten internationalen, ja sogar inter-ideologischen Verschwörung, wenn sie über ein paar kullernde Mondsteine daher gelaufen kommt? Richtig: Sie gerät in beste Slapstick-Manier ins Wanken.

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