Kürzungen, unter denen die Gesellschaft leidet

18.10.2011

Peter Lehndorfer zum geplanten Stellenabbau bei Psychotherapeuten

Fast vierzig Prozent der Europäer leiden unter Angststörungen, Schlaflosigkeit und Depression und gelten als psychisch krank. In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der psychischen Erkrankungen verdoppelt. Seit dem Jahr 2005 sind die Schäden bei mangelnder Behandlung der Patienten in Deutschland um dreißig Prozent, auf 22 Milliarden Euro jährlich gestiegen. Dennoch sollen nach Plänen der hiesigen gesetzlichen Krankenkassen die Stellen von Psychotherapeuten um ein Drittel gekürzt werden. Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Peter Lehndorfer.

Herr Lehndorfer - die gesetzlichen Krankenversicherungen wollen die Kassensitze für Psychotherapeuten um mehr als ein Drittel reduzieren. Warum?

Peter Lehndorfer: In der Bedarfsplanung wird vorgegeben, wie viele Ärzte oder Psychotherapeuten sich in einer Region niederlassen dürfen. Wird diese Zahl überschritten, gilt die Region als überversorgt. Bei den psychotherapeutischen Praxen gelten nahezu alle Regionen in Deutschland als überversorgt, bundesweit liegen fast 6.000 von insgesamt 21.000 Praxen über der Grenze zur Überversorgung. Die Kassen wollen diese Praxen schließen, um ihre Leistungsausgaben zu reduzieren.

Wie kommen die Kassen auf diese Zahlen?

Peter Lehndorfer: Wie viele Psychotherapeuten sich wo in Deutschland niederlassen dürfen, hängt nicht davon an, wie viele Menschen psychisch krank sind, sondern wie viele Psychotherapeuten am 31.8.1999 für die Versorgung psychisch kranker Menschen zur Verfügung standen. Damals wurde die Gruppe der Psychotherapeuten neu in die Versorgung aufgenommen. Die Strukturen der psychotherapeutischen Versorgung waren zu diesem Zeitpunkt sehr unterschiedlich ausgeprägt, wodurch sich rein rechnerisch an vielen Stellen eine "Überversorgung" ergibt, die nun zu den Stellenkürzungen führt. Der tatsächliche Bedarf an Therapieplätzen wird durch diese veralteten Kennzahlen massiv unterschätzt.

Einen im Juli veröffentlichten Bericht der Barmer GEK stieg die Zahl der Depressionskranken in Deutschland zwischen 2000 und 2010 auf das Doppelte Wie passt das mit den Kürzungsplänen zusammen?

Peter Lehndorfer: Es passt gar nicht mit diesen Kürzungsplänen zusammen. In dem Spiegel-Artikel wird der aktuelle Krankenhausreport der Barmer-GEK zitiert, nach dem sich die Zahl der Menschen, die aufgrund von Depressionen im Krankenhaus behandelt werden, in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat. Der Barmer-GEK-Report bestätigt zugleich die langen Wartezeiten im Bereich der ambulanten Psychotherapie und die Schwierigkeiten, im Anschluss an eine stationäre Behandlung eine ambulante Weiterbehandlung zu finden. Die geplanten Kürzungen der psychotherapeutischen Sitze stehen daher in krassem Widerspruch zu dem deutlich gestiegenen Bedarf nach einer adäquaten psychotherapeutischen Versorgung. Durch die Verschlechterung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung werden in Zukunft noch mehr Menschen stationär behandelt werden müssen.

Wie lange wartet ein Patient jetzt im Durchschnitt auf eine Behandlung?

Peter Lehndorfer: In Deutschland warten Menschen durchschnittlich drei Monate auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten. Die Dauer der Wartezeit unterscheidet sich erheblich zwischen städtischen und ländlichen Regionen. In Großstädten warten Patienten zwei bis drei Monate auf ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten, auf dem Land fast vier Monate.

Und wie lange muss ein Kranker in Zukunft warten, bis er einen Termin bekommt?

Peter Lehndorfer: Wenn Sitze gekürzt werden, wird die Wartezeit länger und damit die Chance geringer, innerhalb einer angemessenen Zeit einen Behandlungsplatz zu finden. Die Wartezeiten verlängern sich dann vor allem in den Gebieten, in denen schon jetzt kaum Psychotherapeuten arbeiten. Auch in aktuell bereits schlecht versorgten Regionen stehen Kürzungen bevor.

Haben die Wartezeiten Auswirkungen auf die Behandelbarkeit und ergeben sich daraus eventuell höhere Folgekosten?

Peter Lehndorfer: Lange Wartezeiten führen dazu, dass die betroffenen Menschen entweder resignieren und die Suche nach einer Behandlung aufgeben oder sich stationär behandeln lassen. Beides hat erhebliche Folgen. Wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen sich nur deswegen stationär behandeln lassen, weil sie keinen ambulanten Behandlungsplatz finden, führt dies neben den erheblichen Mehrkosten auch zu betrieblichen Fehltagen, die man vermeiden könnte - wenn man im Krankenhaus ist, kann man ja nicht arbeiten gehen. Wenn psychische Erkrankungen lange unbehandelt bleiben, verschlimmern sie sich. Das Leiden der Patienten wird verlängert und die spätere Behandlung wird komplizierter und teurer. Auch das Risiko von langen Arbeitsunfähigkeitszeiten oder sogar Berentungen steigt. Jedes Jahr zeigen die Gesundheitsreporte der Krankenkassen, dass die Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen stets steigt. 2010 gingen rund zwölf Prozent aller Fehltage von Arbeitnehmern auf psychische Erkrankungen zurück. Sogar 37,7 Prozent aller Erwerbsminderungsrenten gehen mittlerweile auf psychische Erkrankungen zurück.

Wiederholt man hier eventuell Fehler, die man bei den Planstellen für Lehrer gemacht hat?

Peter Lehndorfer: Genau wie bei den Planstellen für Lehrer besteht bei der geplanten Kürzung der Psychotherapeutensitze die Gefahr, dass man wider besseres Wissens Kürzungen vornimmt, die in naher Zukunft zu Engpässen führen, unter denen langfristig die Gesellschaft leidet.

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