Wer sind die Taliban?

24.10.2011

Der verkannte Taleb. Über die Wertvorstellungen der Taliban und deren Nähe zur Bevölkerung. Interview mit Conrad Schetter

Conrad Schetter ist Forscher am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) und Experte für afghanische Ethnologie und Autor mehrerer Bücher. Telepolis sprach mit ihm darüber, warum die Wertvorstellungen der Taliban weit stärker mit denen der afghanischen Bevölkerung korrespondieren als mit denen, die die internationale Gemeinschaft oder die dortige Regierung anbieten.

Herr Dr. Schetter, wer sind die Taliban?

Conrad Schetter: Vor gut 14 Jahren im Oktober 1997, also einem Jahr nachdem die Taliban die Macht in Kabul übernommen hatten, war ich in Afghanistan unterwegs. Damals wurde ich zum ersten Mal mit Talibanen konfrontiert, die jedem Bild der "Steinzeitfundamentalisten", wie es in den Medien verbreitet wird, nicht entsprach: So befanden sich in einem Kleinbus, mit dem ich nach Kabul unterwegs war, ungefähr 15 pakistanische Studenten aus dem Punjab. Sie fuhren an die Front nach Nordafghanistan, um dort auf Seite der Taliban zu kämpfen, herumzuschießen und vor allem Panzer zu fahren, wie sie gerne erzählten.

Es handelte sich durch die Bank weg um Mittelklassekinder, die sicherlich religiös, aber nicht fanatisch waren. Sie hatten sich entschieden, diese Semesterferien nicht zuhause oder bei Verwandten im Ausland zu verbringen, sondern eben in den Dschihad - also in den heiligen Krieg - zu ziehen. Dieses Beispiel mag deshalb bereits verdeutlichen, dass der Begriff "Taliban" kaum auf eine uniforme Bewegung zutrifft. Zudem hat sich der Begriff Taliban in den letzten Jahren nicht nur gewandelt, er wird auch inflationär verwendet und beschreibt zunehmend die Verschmelzung von Stammeskultur mit radikalen Islamvorstellungen.

Welche gemeinsame Ziele und Werte vertreten die Taliban?

Conrad Schetter: Folgt man den Aussagen der afghanischen Regierung und der NATO, handelt es sich bei den Taliban um einige Tausend militante Islamisten, die aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet heraus operieren, mit al-Qaida eng verbunden sind, von der lokalen Bevölkerung nur eine marginale Unterstützung erfahren und die Errichtung einer Terrorherrschaft im Namen des Islams anstreben.

Dennoch möchte ich diesem sehr klaren Bild über die Taliban, das durch eine Feind-Freund-Logik geprägt ist, eine andere Lesart gegenüberstellen: die Taliban sind kein "Fremdkörper" in der Gesellschaft, denn ihre Wertvorstellungen korrespondieren weit stärker mit denen der Bevölkerung als mit denen, die die internationale Gemeinschaft oder die afghanische Regierung anbieten.

Der autonome Ehrenmann und die feindliche Welt

Sind die Taliban also Bestandteil der afghanischen Gesellschaftskultur?

Conrad Schetter: Die patriarchalische Stammeskultur spielt eine Schlüsselrolle. In Afghanistan erhält eine Person eine Legitimation im Hier und Jetzt nämlich in erster Linie über die Nennung seiner Vorfahren. Basis dieser Wertordnung ist, dass die Existenz des einzelnen Mannes, des Clans sich in ständiger Bedrohung befindet und gegen äußere Feinde verteidigt werden muss.

Um sich behaupten zu können, muss jedes männliche Stammesmitglied seine Autonomie vor vermeintlichen Übergriffen schützen. Übergriffe werden mit Gleichem vergolten, was als badal bezeichnet wird. Andernfalls droht der Mann, sein soziales Prestige zu verlieren. Badal entspricht daher in etwa dem alttestamentarischen "Auge um Auge". Es bedingt, dass über Generationen hinweg Fehden und Akte der Blutrache ausgetragen werden.

Soll man diese Tatsache dahingehend verstehen, dass die afghanische Gesellschaft sich um eine Achse zwischen Gut und Böse dreht?

Conrad Schetter: Diese Sicht der Welt als eine feindliche bildet den Rahmen, in dem sich jedes männliches Stammesmitglied bewegt, um den anerkannten Status eines ghairatman (also eines Ehrenmannes) zu erreichen. Um diesen Status zu erreichen muss er autonom, das heißt ökonomisch unabhängig sein, also über Landeigentum verfügen. Zudem muss er sich durch bestimmte Qualitäten von Männlichkeit - nang und turah - auszeichnen. Turah lässt sich mit Tapferkeit, Unerschrockenheit und Kampferfahrenheit umschreiben.

Zeichnet sich ein Stammesmitglied durch turah aus, zeigt er, dass er in der Lage ist, seine individuellen Interessen durchzusetzen. Das Konzept von nang ist komplexer. Nang bedeutet "Ehre". Um Ehre zu erlangen muss ein Stammesmitglied in der Lage sein, seinen Besitz - also seine ihm anvertraute Frau(en), sein Land, sein Haus - zu verteidigen. In diesem Ehrenkonzept spielt namus eine herausragende Rolle.

Namus verweist auf die Integrität der weiblichen Mitglieder, die unter allen Umständen gewahrt werden muss. Entsprechend dieses patriarchalischen Idealbilds werden Frauen als Eigentum der Männer verstanden. Die Frauen stellen damit die Schwachstelle im Konzept von Ehre dar. Sämtliche Anzeichen, dass ein Mann nicht in der Lage ist, seine ihm anvertrauten Frauen vor anderen Männern zu schützen, werden als Ehrverletzung empfunden und müssen geahndet werden.

Um der Vorstellung von Ehre zu entsprechen, muss ein Stammesmitglied zudem denjenigen Schutz (nanawat) gewähren, die ihn darum bitten. Die eigene Bitte um Schutz bedeutet aber jedoch - entsprechend des hohen Stellenwerts männlicher Autonomie - das Eingeständnis der eigenen Schwäche. Dadurch verspielt also der Bittsteller seinen Status als ghairatman und ordnet sich einem anderen Stammesmitglied unter.

Gegenwehr und Stammesbündnisse

Welche Bedeutung hat diese äußerst ausgeprägte Stammeskultur für die ausländischen Truppen vor Ort?

Conrad Schetter: Diese - auf die individuelle männliche Autonomie abzielende - Stammeskultur erklärt weshalb Einflussnahme von außen, die die Gesellschaft zu verändern drohen, immer mit Gegenwehr begegnet wird; jedoch kämpft jeder für sich und ordnet sich nicht einem Anführer unter, um seine Autonomie zu wahren.

Dementsprechend waren Eroberer stets damit konfrontiert, dass sich Stammesbündnisse und Stammesrivalitäten in ständiger Bewegung befanden. Dieses lokale Autonomiestreben der Stämme bedingte ihren oftmals mythisch verklärten Widerstand gegen äußere Einflussnahmen, wie die der Sowjet in den achtziger Jahren.

Auch die Staatswerdung Afghanistans und Pakistans im zwanzigsten Jahrhundert bestimmte der Konflikt "Stamm gegen Staat" und verhinderte, dass Staatlichkeit in den Stammesgebieten - vor allem entlang der afghanisch- pakistanischen Grenze - Fuß fassen konnte. So wird die Grenze bis heute alltäglich von Tausenden Menschen ohne Kontrolle überquert.

Die Stellung des Klerus in Krisenzeiten..

Welche Rolle spielt der Islam in dieser Stammeskultur?

Conrad Schetter: Aufgrund der Stammesvorstellungen - wie der von Blutrache oder wie der völligen Entrechtung von Frauen - dominierte bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein ein islamischer Volksglaube. Zudem erfolgte eine Abgrenzung zwischen Stamm und islamischem Klerus. So genossen einfache Religionsgelehrte keinen hohen gesellschaftlichen Stellenwert in der Stammesgesellschaft. Dementsprechend war ihre Rolle auf die Unterweisung im Koran und im Beten beschränkt.

Sie übten kaum Einfluss auf das politische Leben aus. Dies änderte sich allein in Konfliktfällen - gerade dann, wenn es galt, verfeindete Stämme gegen eine äußere Bedrohung zu vereinen. Denn da die Geistlichen außerhalb der Stammesordnung standen, übernahmen sie nun Schlüsselpositionen, um private Spaltung zu überwinden und kurzfristige Allianzen zu stiften. Sobald der Konflikt überwunden schien, verloren sie ihre herausragende Stellung.

..und der Aufstieg islamischer Würdenträger

Was hat sich heute an dieser Konstellation geändert?

Conrad Schetter: Eine der wesentlichen Folgen des Afghanistankriegs seit 2001 ist nun, dass es religiösen Würdenträger gelang, ihre Führungsrolle permanent in der Stammesgesellschaft zu verankern.

Wie ist dieser Zustand zu erklären?

Conrad Schetter: Um diesen Aufstieg islamischer Würdenträger zu verstehen, müssen die gesellschaftlichen Umbrüche, die der lang anhaltende Krieg verursachte, betrachtet werden. So löste die sowjetische Besetzung Afghanistans 1979 mit weit über fünf Millionen internationalen Flüchtlingen - also gut einem Drittel der damaligen afghanischen Bevölkerung - den größten Massenexodus seit dem Zweiten Weltkrieg aus.

Während das Gros der Flüchtlinge in Lagern auf pakistanischer Seite entlang der Grenze aufgefangen wurde, wanderte die Stammeselite in die Städte Pakistans, nach Europa oder in die USA ab. Damit schwand ihr Einfluss auf die Stammesbevölkerung. Nun übernahmen einfache geistliche - mullahs maulawis - mehr und mehr die Führungsrollen.

Kompensation durch den Dschihad

Wie konnten die Mullahs ihren Führungsanspruch festigen?

Conrad Schetter: Dieser Führungsanspruch konnte dadurch legitimiert werden, dass islamische Wertvorstellungen in den Flüchtlingslagern seit Anfang der Achtziger Jahre an Einfluss gewannen. Denn gerade unter den herrschenden widrigen Bedingungen konnten tribale Ehrvorstellungen kaum noch aufrechterhalten werden. So verloren die Flüchtlinge in den Lagern ihrer Autonomie und degradierten zu Almosenempfänger von Hilfsorganisation. Konkret konnten sie kaum noch den Idealen von nang und turah nachkommen und damit der Vorstellung des ghairatman entsprechen.

Was waren die Folgen der Zersetzung der etablierten gesellschaftlichen Ordnung?

Conrad Schetter: Als Kompensation zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildnisses boten sich die Vorstellungen an, die die islamistischen Widerstandsparteien propagierten, denen die Kontrolle über die Flüchtlingslager oblag. So avancierte niemand Geringeres als der Prophet Mohammed selbst zum Vorbild. Nahm ein Flüchtling den Heiligen Krieg - also den Dschihad - auf, wurde er zum Mudschahid. So konnte der Verlust der traditionellen Stammeswerte von nanawat, turah und badal durch die Annahme islamistischer Werte begegnet werden.

In ähnlicher Weise sollte eine strenge Wegschließung sowie eine Ganzkörperverschleierung der Frauen die räumliche Enge in den Flüchtlingslagern entgegenwirken, um das namus der Frauen und damit das nang, also die Ehre der Männer, zu wahren. So lässt sich zusammenfassen, dass unter den extremen Bedingungen der Flüchtlingslager Wertvorstellungen, die aus dem Stammeskontext entstanden waren und auf dem Gedanken der männlichen Autonomie basierten, durch ein vereinfachtes und militantes Islamverständnis kompensiert wurden.

(Teil 2, morgen)

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