Post-Privacy: Schwäche zeigen, Stärke beweisen

23.10.2011

Ein etwas anderer Workshop im Rahmen der OpenMind-Konferenz

Was ist so ziemlich das Letzte, das jemand, der etwas Erfahrung mit der Diskussionskultur der netzpolitischen Akteure und der Piraten hat, auf einer zukunftsvisionären Konferenz, veranstaltet von der Piratenpartei Hessen, erwarten würde? Bei all den gegenseitigen Anfeindungen, bis hin zu Shitstorms auf Twitter, und bei all den dahinterstehenden, teilweise fast schon fundamentalen Differenzen liegt mir eine Antwort sehr nahe: zurückhaltendes Lauschen von persönlichen Schilderungen, gleichberechtigt ausgehend sowohl von normalerweise eher ruhigen, als auch von besonders extrovertierten Menschen und durchzogen von oftmals geradezu andächtiger Stille.

Doch genau so würde ich die Atmosphäre beschreiben, die ich auf der OpenMind 2011 in Kassel auf einer von mir vorgeschlagenen Session zum Thema "Schwäche zeigen: 'Menscheln' in moderner Öffentlichkeit", erlebt habe, bei der ich auch auf meine psychische Krankheit zu sprechen kam.

Für mich fing alles mit einer Idee an, die in der Aussicht der bald beginnenden Konferenz langsam heranreifte. Ich kam auf den mir damals noch völlig abwegig erscheinenden Gedanken, diese Gelegenheit zu nutzen, etwas öffentlich anzusprechen, was ich viele Jahre lieber verschwiegen hatte: meine eigene psychische Krankheit. Doch die Motivation, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, stieg unentwegt und ich begann, mir ernsthaft Gedanken über die Gestaltung zu machen.

Der Moment, bevor ich mich vor die gut 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellte, war auch der letzte, bei dem ich wirklich unangenehm aufgeregt war. Einmal das Mikrophon in der Hand und die ersten, halb gestotterten Ansätze überstanden, verschwand die Anspannung schlagartig. So bat ich also darum, mir die Gelegenheit zu geben, gewisse Erinnerungen und Schlussfolgen aus meiner Krankheitsgeschichte in die häufig sehr dogmatisch wirkende Diskussion zur "Post-Privacy" einzubringen. Der Vorschlag stieß dann glücklicherweise auch auf das für einen Platz im "Fahrplan" der Konferenz erforderliche Interesse.

Als es dann schließlich soweit war, wir aber noch auf weitere Teilnehmer warten wollten, fiel mir die Ruhe auf, sicher auch bedingt durch die späte der Stunde (das vorgezogene Abendessen hatte den Workshop nach hinten verschoben) und die damit verbundene Dunkelheit. In dieser nunmehr von elektrischem Licht beleuchteten Tischrunde in einem überschaubaren Zimmer der Jugendherberge Kassel, wurde eine Atmosphäre erzeugt, die im Rückblick meinem inneren Bild einer Art Selbsthilfegruppe erstaunlich gut entspricht. Und das obwohl ich wirkliche psychotherapeutische Runden bisher eher bei Tageslicht erlebt hatte. Für einen kurzen Moment der Erheiterung sorgte es dann auch, als ich scherzhaft ansprach, wie mich diese Ruhe nervte, noch bevor es eigentlich losging.

Offenbaren der Krankheitsgeschichte als Chance

Als wir lange genug auf verspätete Teilnehmer gewartet hatten, begann ich dann aber gleich, von meiner Krankheitsgeschichte zu erzählen, davon, wie ich als Teenager darauf reagiert habe, die fachärztliche Diagnose einer schweren Zwangsstörung und einer mittelschweren depressiven Störung in den Händen zu halten, davon, wie das Jugendamt meinen Eltern und mir drohte, notfalls über das Amtsgericht eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik zu erwirken, davon, wie gut mir dennoch die Behandlung getan hat, wie sie, zusammen mit jahrelanger Psychotherapie und entsprechender Medikation, mich verändert und mir erst ermöglicht hat, letztendlich die Schule abzuschließen, ein Studium zu beginnen und der Mensch zu sein, der ich heute bin.

Wie ich zu Beginn angekündigt hatte, wollte ich aber auch noch ins Abstrakte überleiten. Daher begann ich, zu beschreiben, wie ich von der "Post-Privacy"- Diskussion mitbekam und vor allem welche Probleme ich damit hatte, dass ich es zunächst als Angriff auf diesen Schutzraum sah, welcher mir so wichtig war, als ich noch größte Probleme damit hatte, überhaupt mit anderen über dieses Thema zu reden. Aber gerade in letzter Zeit war mir eben auch der Gedanke gekommen, dass ein offenerer Umgang mit dieser Thematik sowohl mir selbst helfen und gleichzeitig eine Hilfe für andere sein könnte, um zu sehen, dass sie nicht alleine dastehen.

Zudem stellte ich mehr und mehr Überlegungen an, wie viel diese Gesellschaft - nicht nur in Bezug auf psychische Krankheiten - noch im Umgang mit Emotionen und individuellen Erfahrungen anderer zu lernen hatte. So vertrete ich auch die Ansicht, dass Mitleid leider oft nur aus einer Projektion eigener Wünsche und Hoffnungen, aber vor allem Sorgen und negativer Erfahrungen heraus entsteht. Wenn ein Individuum z.B. Angst davor hat, eine schwere Krankheit zu erleiden, wird es umso stärker mit denen mitfühlen, die mit diesem Schicksal tatsächlich umzugehen haben, weil es auch wollen würde, dass man in diesem Falle an es denkt und ihm hilft.

Was aber geschieht mit denen, die von Gedanken und Gefühle bewegt werden, die ein Großteil der Bevölkerung nicht im Geringsten nachvollziehen kann?

In vielen Fällen, fürchte ich, wird ihnen dieses Unverständnis zu Lasten gelegt werden, wird man sie verspotten und ausgrenzen. Es muss sich dabei aber nicht mal um Probleme handeln, eine in den Augen mancher "ungewöhnliche" Lebensweise reicht, wie viele von uns leider immer wieder spüren müssen, bereits aus, um folgenreiche Abwehrreflexe auszulösen. Hinzu kommt die Verdrängung sozialer sowie persönlicher Probleme oder auch nur Eigenheiten, mit der viele Menschen versuchen, vor den individuellen Mühen eines Paradigmenwandels zu fliehen.

Auf ähnliche Art und Weise versuchte ich auch in unserer Diskussion darzulegen, warum wir die Offenheit Einzelner nach unseren Möglichkeiten unterstützen sollten, wenngleich es mir wichtig war, klarzustellen, dass dies auf der Basis einer individuellen, freien Entscheidung geschehen sollte, die informationelle Selbstbestimmung also auch hier im Zentrum stehen muss. Ich wollte dann auch noch darauf eingehen, warum ich denke, dass es von Bedeutung für uns alle ist, dass sich auch unsere sogenannten Führungskräfte als Individuen präsentieren können, sowohl aufgrund der Symbolwirkung als auch deshalb, weil ich denke, dass nur so wirkliche Transparenz, die die Piraten richtigerweise einfordern, möglich wird. Aber dieses Thema würde nicht nur in diesem Text zu weit führen, es war mir auch vor Ort durch die vorherigen, emotionalen Schilderungen nicht mehr in konsistenter Form möglich.

Als der Vortrag sich dann durch eine Nachfrage eines Zuhörers wie von selbst öffnete und in eine sehr entspannte und respektvolle Diskussion überging, fingen auch immer mehr Leute an, sich zu "outen" und von eigenen psychischen Krankheiten sowie Erfahrungen mit Betroffenen zu erzählen, was ich als unschätzbar wertvolle Bestätigung für meinen relativ kurzfristigen Entschluss empfand. Es kam mir auch schlicht deshalb gelegen, weil ich in den vorangegangenen Sessions, vor allem der Runde zum Thema Feminismus/Equalismus, die ebenfalls erstaunlich konstruktiv verlief, bereits gemerkt hatte, dass nicht nur bei mir ein Mitteilungsbedürfnis besteht, weshalb ich mich auch nicht zu sehr in den Mittelpunkt stellen wollte.

Ein interessanter Aspekt war auch, dass die sich selbst als "datenschutzkritisch" bezeichnende Spackeria in den Worten von der oft als Leitfigur wahrgenommenen Julia "laprintemps" Schramm tatsächlich "beschlussfähig" anwesend war und sich dementsprechend ebenso persönlich wie abstrakt in die Diskussion einbrachte, was den Teilnehmer Gero, der sich bisher selbst als Datenschützer gesehen hatte, dazu veranlasste, diese Bewegung in einem ganz anderen Licht wahrzunehmen, da er die dargestellten Positionen ebenfalls teilen konnte. Ja, auf eine besondere Art und Weise schien es den "Spackos" tatsächlich gelungen zu sein, durch ihre eigene Offenheit sich so viel authentischer zu präsentieren, als sie in der bereits von festen Fronten durchzogenen, medialen Diskussion jemals dargestellt wurden.

The Empathic Civilization?

Einen für mich besonders interessanten Anstoß gab auch Julia selbst. Sie wollte nämlich ihre eigenen Krankheitserfahrungen nun überhaupt nicht als Schwäche bezeichnet sehen, für sie war es im Gegenteil ein Zeichen von Stärke, diese Erfahrung gemacht zu haben und sie nun mit anderen teilen zu können. Ich freute mich sehr über diesen Einwand, da diese Sichtweise mir einerseits nicht ganz fremd war, ich aber andererseits meine Krankheit durchaus häufig als Belastung sehe, wenngleich sie wie kaum ein anderer Faktor meine Persönlichkeit geprägt hat.

Die Kommentare in der anschließenden Abschlussrunde waren durchweg positiv, es wurden auch noch weitere persönliche Schilderungen vorgetragen, genauso war aber auch von einigen Anwesenden zu hören, dass sie selbst noch keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht hatten, es aber gerade deshalb spannend fanden, diese Einblicke zu bekommen.

Ich selbst weiß nicht, ob sich unsere Gesellschaft zu einer riesigen, auf gegenseitiger Akzeptanz beruhenden Art von Selbsthilfegruppe entwickeln kann, wie es der "Ctrl-Verlust" - Blogger "mspro" mit Verweis auf "The Empathic Civilization", dem neuen Buch von Jeremy Rifkin, im Rahmen dieser kleinen, aber für mich und sicher auch für die anderen unvergesslichen Runde während der OpenMind 2011 nahegelegt hat, doch der Bedarf und die Faszination einer solchen Utopie ist für mich nunmehr offenkundig.

Andreas Preiß, 20, ist Student der mathematischen Physik an der Universität Würzburg, gleichzeitig Mitglied der Piratenpartei Deutschland und im Netz meist unter dem Nickname "questionatic" unterwegs.

Der Artikel ist unter der Creative Commons - Namensnennung 3.0 (cc-by 3.0) veröffentlicht.

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