Open Mind

Institutionalisierte Wissenschaft Reloaded

Ein Gedankenexperiment

Die Promotionsbetrüger aus Politik und Wirtschaft, mit denen sich die deutschen Universitäten seit Anfang des Jahres dank der unermüdlichen Arbeit der Plagiatdokumentare von GuttenPlag und VroniPlag herumschlagen müssen, werden von der Wissenschaft relativ einmütig als Anomalien dargestellt - als Menschen, die beträchtliche kriminelle Energie aufwenden, um ein eigentlich gutes und gut funktionierendes System wissenschaftlicher Qualifikationen zu ihrem Vorteil zu verdrehen.

Und rein zahlenmäßig dürften es tatsächlich Anomalien sein. Ich bin - nach zehn Jahren wissenschaftlicher Ausbildung und weiteren zehn Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit unerschütterlich überzeugt davon, dass die meisten Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft in der institutionalisieren Wissenschaft tätig sind, aufrichtig handeln und sich ihr Ansehen und ihre akademischen Weihen ehrlich verdienen. Aber dass eine besondere kriminelle Energie nötig ist, um das System auszuhebeln, glaube ich nicht.

Denn die institutionalisierte Wissenschaft selbst - konkret, das System der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle - versagt hier auf eine vorhersehbare, in diesem System selbst angelegte Art und Weise. Von diesem System, seiner Entstehung und seiner denkbaren Überwindung handelt dieser Beitrag, der zunächst, ganz im Sinne der openmind 11, auf der ich ihn erstmalig vorgetragen habe, als unfertiges und weiterzudenkendes Gedankenexperiment und als Utopie und nicht als konkreter Handlungsvorschlag gedacht ist, von dessen tatsächlicher Umsetzung die institutionalisierte Wissenschaft aber sehr konkret profitieren könnte.

Zunächst müssen wir uns noch einmal klarmachen, dass es einen Unterschied zwischen Wissenschaft als Prozess und Wissenschaft als Institution gibt. Der wissenschaftliche Prozess, der Zyklus aus Hypothese und Experiment, beruht auf einem einzigen zentralen Wert: der bedingungslosen Verpflichtung zur Suche nach der Wahrheit. Diese Suche nach Wahrheit braucht an sich keine Institutionen. Sie findet statt in den Köpfen von Individuen und entwickelt sich im Austausch und der kollektiven systematischen Überprüfung von Ideen.

Austausch und Überprüfung von Ideen

Allerdings gibt es eine Reihe praktischer Gründe, die dafür gesorgt hat, dass der Austausch und die Überprüfung von Ideen heute überwiegend in wissenschaftlichen Institutionen - Universitäten, Forschungsinstituten, Forschungsabteilungen von Firmen, Wissenschaftsverlagen usw. - organisiert sind. Der wichtigste Grund ist sicher, dass Forschung viel Geld kostet, und dieses Geld muss aufbewahrt und verteilt werden.

Damit die institutionalisierte Wissenschaft funktionieren kann, muss sie aber mindestens drei überlappende Probleme lösen, die nur indirekt mit der Wissenschaft als Prozess zu tun haben:

Sie muss den Zugang zu den Institutionen (und damit zur Beteiligung an der wissenschaftlichen Diskussion und der Überprüfung von Ideen) regeln.

Sie muss die interne Struktur der Institutionen so gestalten, dass die (notwendigerweise begrenzten) Ressourcen effektiv verteilt werden können.

Sie muss die Dokumentation und den Austausch von Ideen und Forschungsergebnissen regeln.

Diese Probleme müssen im Interesse des Forschungsprozesses selbst so gelöst werden, dass wissenschaftsfremde (ökonomische, politische und soziale) Einschränkungen eine möglichst kleine Rolle spielen:

Der Zugang zum System muss theoretisch für alle offen sein, das einzige Auswahlkriterium darf die wissenschaftliche Qualität der Arbeit sein, die ein Anwärter abliefert.

Wo Entscheidungen über die Verteilung von Ressourcen getroffen werden müssen, muss das auf der Grundlage wissenschaftlicher Qualität geschehen.

Ideen und Informationen müssen so dokumentiert werden, dass sie für alle (innerhalb und außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft) auffindbar, zugänglich und weiterverwendbar sind.

Über diese Punkte dürfte innerhalb der institutionalisierten Wissenschaft wenig Uneinigkeit herrschen. Bei ihrer Umsetzung gibt es aber deutliche Defizite. Unter anderem zeigen die Promotionsbetrüger aus Politik und Wirtschaft, wie leicht es im Prinzip ist, sich unqualifiziert und unverdient Zugang zum System zu verschaffen: Mit der Promotion hätten alle der enttarnten Hochstapler im Prinzip die Möglichkeit gehabt, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, und in einem der Fälle, die sich aktuell in der formellen Überprüfung befinden, dem der Potsdamer Honorarprofessorin Margarita Mathiopoulos, ist das ja auch geschehen.

Die Gerechtigkeit beim Zugang zur institutionalisierten Wissenschaft wird nicht nur durch klare Fälle von Betrug verzerrt, sondern auch durch Intransparenz bei der Besetzung von Stellen, die zwar keinesfalls der Normalfall ist, für die aber jeder aktive Wissenschaftler mit ein paar Jahren Berufserfahrung Beispiele aus dem eigenen Umfeld nennen könnte. Und Betrug und Intransparenz gibt es natürlich auch bei der Verteilung von Ressourcen.

Auch der Austausch von Ideen ist nicht so frei, wie er sein könnte und müsste. Er findet hauptsächlich über kommerzielle Wissenschaftsverlage statt, die Gewinnmargen haben, von denen andere Branchen nur sehnsüchtig träumen können. Das führt zu hohen Kosten, die nicht einmal jeder Akteur innerhalb, geschweige denn außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft zahlen kann, und es führt zu zeitlichen Verzögerungen, die teilweise durch die inhärente Langsamkeit des traditionellen Verlagswesens verursacht werden, teilweise aber auch durch Embargos im Rahmen spektakulärer Präsentationen von Forschungsergebnissen.

Zum Teil ergeben sich diese Probleme aus der Unvollkommenheit der menschlichen Natur, und dagegen lässt sich nur bedingt etwas tun. Zum Teil handelt es sich aber um Probleme, die aus Designfehlern des Systems entstehen und an denen ließe sich durchaus etwas verändern.

Die institutionalisierte Wissenschaft ist bis heute auf die Informationstechnologie des Mittelalters ausgerichtet

Die wissenschaftlichen Institutionen, die wir heute kennen, sind ja eine relativ neue Erscheinung. Die ersten Universitäten entstanden im Mittelalter, also zu einer Zeit, als die Bedingungen für eine allgemein zugängliche und transparente Dokumentation von Forschungsleistungen und für den freien Austausch von Ideen sehr mühsam waren. Ideen konnten nur über Briefe und Manuskripte (anfangs handgeschrieben, später auch gedruckt) ausgetauscht werden, die mühsam von Ort zu Ort transportiert werden mussten. So ließen sich natürlich auch die Leistungen einzelner Wissenschaftler schwer bewerten.

Für eine solche Situation bietet ein standardisiertes System von akademischen Graden eine Lösung. An einem solchen Grad lassen sich Qualifikationsniveau und wissenschaftliche Güte eines Wissenschaftlers ablesen, ohne dass dessen Forschungsleistungen in ihrer Gesamtheit bekannt sein müssen. Die entscheidende Eigenschaft von Magister- und Doktorgraden war ja zunächst die mit ihnen verbundene Lehrbefugnis: Wer einen solchen Grad von einer Universität verliehen bekam - ob Magister oder Doktor hing vom betreffenden Fach ab -, durfte damit auch an anderen Universitäten lehren.

Die akademischen Grade waren ein praktischer, den technologischen Möglichkeiten und kulturellen Rahmenbedingungen des Mittelalters angepasster Weg, um den Zugang zur institutionalisierten Wissenschaft insgesamt und zu bestimmten Stufen innerhalb der universitären Hierarchien zu regeln.

Dass Ideen über den Umweg kommerzieller Verlage ausgetauscht wurden, dürfte zu Beginn ähnlich praktische Gründe gehabt haben. Nachdem mit dem Buchdruck die Publikationsformen der wissenschaftlichen Monographien, Annalen und Fachzeitschriften entstanden, lag das Monopol für deren Herstellung und Vertrieb automatisch in den Händen von Druckereien und Buchhandlungen (aus denen sich die Verlage entwickelten).

Je unübersichtlicher, komplexer und internationalisierter die Forschungslandschaft aber wurde, desto wichtiger wurde die Funktion formalisierter akademischer Grade. Diese hat in Europa im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses[1] ihren Höhepunkt erreicht: Eines der wichtigsten Ziele dieser radikalen Reform der europäischen Universitäts- und Forschungslandschaft war es, eine maximale personelle Mobilität innerhalb eines gemeinsamen Europäischen Hochschul- und Forschungsraums zu garantieren, in dem Studienleistungen und Abschlüsse ohne inhaltliche Überprüfung europaweit anerkennungsfähig gemacht wurden.

Auch die Rolle der Verlage wuchs immer weiter. Sie übernahmen nach und nach zusätzliche Funktionen, die nichts mehr mit der Herstellung und dem Vertrieb von Fachliteratur zu tun haben - sie sind heute an der Ernennung von Herausgebern und wissenschaftlichen Beiräten für Fachzeitschriften und Buchreihen beteiligt, sie organisieren die Qualitätskontrolle, die der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit vorausgeht, und in letzter Zeit haben sie angefangen, auch die Beurteilung des Wertes und der Wichtigkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen in Form zu übernehmen (durch die Erstellung von Zitationsdatenbanken (citation indices) und der Berechnung von Einflussfaktoren (impact factors).

Dabei hat sich bezüglich der Dokumentation und des Austauschs von Forschungsergebnissen über die letzten zwanzig Jahre eine radikale Veränderung angebahnt: Das Internet entstand, und mit ihm die Möglichkeit, Informationen unmittelbar, kostengünstig und ohne Einmischung von Verlagen oder anderen kommerziellen Akteuren zu dokumentieren, aufzufinden und weltweit miteinander auszutauschen.

Trotz dieser Umwälzung ist unsere institutionalisierte Wissenschaft im Großen und Ganzen bis heute auf die Informationstechnologie des Mittelalters ausgerichtet, auf der sie ursprünglich aufbaut. Die Erkenntnis, dass mit den Informationstechnologien des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts die althergebrachten und lange bewährten Spielregeln außer Kraft gesetzt sind, greift erstaunlich langsam um sich.

Informationstechnologien haben bereits zu neuen Entwicklungen geführt

Nach Konsequenzen, die in ihrer Radikalität mit den Entwicklungen unserer Informationstechnologien mithalten würden, sucht man deshalb vergeblich, es gibt aber eine Reihe aktueller Entwicklungen, die direkt oder indirekt mit den schnellen und vernetzten Formen der Bereitstellung und des Austauschs von Informationen zusammenhängen, die durch diese Technologien ermöglicht werden.

Im Bereich der Forschung sind das unter anderem die folgenden Praktiken:

Open Access, also die freie, nicht künstlich beschränkte Bereitstellung wissenschaftlicher Publikationen im Internet, durch die die traditionelle Unterscheidung zwischen regulären Veröffentlichungen und sogenannter "Grauer Literatur"[2] verwischt (und in einigen Disziplinen fast aufgehoben) wird;

Open Peer Review, also die fast ungeprüfte Veröffentlichung wissenschaftlicher Publikationen in einer vorläufigen Form, der dann ein öffentlich zugänglicher und öffentlich dokumentierter Begutachtungsprozess folgt, nach dessen Abschluss die Autoren der Publikation unter Einbeziehung der geäußerten Kritik eine endgültige Fassung der Veröffentlichung erstellen[3];

Open Data, also die frei zugängliche Bereitstellung nicht nur von Publikationen, sondern auch von Rohdaten verschiedenster Art, manchmal in Verbindung mit komplexen Abfragealgorithmen, die eine direkte Zusammenfassung und Aufbereitung dieser Daten nach frei wählbaren Parametern ermöglichen[4];

Open-Source-Lizenzen und -Repositorien, mittels derer nicht nur die zur Erhebung und Analyse wissenschaftlicher Daten erforderlichen Softwarepakete frei verfügbar werden, sondern auch die für konkrete Analysen verwendeten Skripte und Programme nachvollziehbar und überprüfbar sowie weiterverwendbar und erweiterbar dokumentiert werden können.

Auch im Bereich der wissenschaftlichen Qualifikationen gibt es Entwicklungen weg von der monolithischen und geschlossenen Tradition hin zu mehr Vernetztheit und Transparenz:

die vom Bologna-Prozess vorgesehene modularisierte Lehre und kumulativ erbrachte, europaweit anerkennbare Prüfungsleistungen, durch die prinzipiell ein beliebig häufig vollziehbarer nahtloser Wechsel zwischen Universitäten möglich wird und durch den die wissenschaftliche Ausbildung in ihrer Ausrichtung und ihrem zeitlichen Verlauf zumindest theoretisch stark individualisiert wird;

kumulative Promotionen und Habilitationen, bei denen die entscheidende Prüfungsleistung nicht in einer Monografie, sondern in der Gesamtwürdigung einer Reihe von (schon veröffentlichten) Fachaufsätzen des Anwärters besteht.

Grundzüge eines neuen Systems institutionalisierter Wissenschaft

Bei der tatsächlichen Umsetzung all dieser Praktiken gibt es die verschiedensten Probleme, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will. Grundsätzlich ist klar, dass es sich um positive Entwicklungen in dem Sinne handelt, dass sie an den überkommenen Beschränkungen der institutionalisierten Wissenschaft rütteln und damit dem eigentlichen Prozess der Wissenschaft mehr Spielraum und eine größere Bedeutung zukommen lassen. Es lohnt sich deshalb in jedem Fall, diese Entwicklungen mit aller Kraft voranzutreiben.

Es lohnt sich aber trotzdem, darüber nachzudenken, ob diese Praktiken nicht schon im Ansatz unzureichend sind. Sie bleiben nämlich weit hinter den Möglichkeiten zurück, die eine radikal neu gedachte institutionalisierte Wissenschaft bieten würde. Letzten Endes bewegen sich diese Praktiken nach wie vor in den Bahnen, die durch die traditionell gewachsene Forschungslandschaft vorgegeben sind. Drei Beispiele will ich kurz herausgreifen.

Erstens, Open Access: Es wird teilweise Energie darauf verwendet, Verlage von der Notwendigkeit und positiven Wirkung dieser Entwicklung zu überzeugen; dabei ist ihre Monopolstellung bei der Verteilung von Informationen, die der einzige Grund war, sie überhaupt je an dieser Verteilung zu beteiligen, weggefallen.

Zweitens. Open Peer Review: Wenn der Begutachtungsprozess nach der Veröffentlichung stattfindet, warum sollte es dann überhaupt eine "endgültige" Version der Veröffentlichung geben und warum sollten die "Gutachten" in diesem Verfahren anders behandelt werden, als andere Schriften, die sich kritisch mit veröffentlichten Forschungsergebnissen befassen? Der einzige Grund scheint mir zu sein, dass man hier in traditionellen Kategorien denkt, bei denen die Veröffentlichung von Ergebnissen einen herausgehobenen Stellenwert gegenüber der fortlaufenden Dokumentation von Ergebnissen einnimmt. Für diesen Stellenwert gibt es aber ohne Verlage, Papier und die Notwendigkeit zur physischen Verteilung gedruckter Zeitschriften keinen Grund mehr.

Drittens, kumulative Promotionen: Warum wird hier eine Kommission bestellt, die eine Zusammenstellung bereits veröffentlichter Fachaufsätze noch einmal begutachtet? Die Aufsätze haben doch vor der Veröffentlichung bereits eine Fachbegutachtung durchlaufen, vielleicht liegen sogar schon veröffentlichte Reaktionen anderer Wissenschaftler vor. Der einzige Grund für die Bestellung einer Kommission ist auch hier weggefallen - nämlich der, dass Examensarbeiten traditionellerweise nie das Licht der Fachöffentlichkeit erblickt haben und deshalb extra begutachtet werden mussten.

Ein radikal neu gedachtes System der institutionalisierten Wissenschaft könnte sich von all diesen Traditionen völlig lösen, und in etwa wie folgt aussehen. Wissenschaftler würden jeden Schritt ihre Forschung sofort in einem allgemein zugänglichen Dokumentationssystem und in einem standardisierten Format veröffentlichen, in Form von kleinen, wiederverwendbaren Datenstrukturen, die alles Mögliche beinhalten können - Ideen, Hypothesen, Instrumente zur Datenerhebung, Rohdaten jeglicher Art, Algorithmen zur Analyse dieser Rohdaten, Interpretationen, informelle oder formalisierte Modelle usw. Jeder dieser Datenstrukturen wären Metadaten beigefügt, die den oder die Urheber, das Einstellungsdatum und Verknüpfungen zu bereits bestehenden relevanten Datenstrukturen enthalten. Diese Datenstrukturen würden die kleinsten Einheiten des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses bilden, sie würden ab dem Moment ihrer Veröffentlichung der gesamten Wissenschaftsgemeinde zur Verfügung stehen.

Ein "Fachaufsatz" oder eine "Monografie" wäre in diesem System nur noch eine Art Bericht, der eine Reihe dieser Datenstrukturen strukturiert zusammenfasst und auf eine bestimmte Hypothese bezieht. Anders gesagt, es gäbe keine Fachaufsätze im eigentlichen Sinne mehr und auch die Idee der Autorenschaft würde sich nicht mehr vorrangig auf alleinstehende zusammenfassende Werke beziehen, sondern auf die einzelnen Datenstrukturen. Die "Autoren" eines Berichts wären alle Wissenschaftler, deren Datenstrukturen in diesem Bericht verwendet wurden (wobei das System selbstverständlich festhalten würde, wer einen solchen Bericht zusammengestellt und von wem deshalb entscheidende Aspekte wie die Auswahl und Interpretation von Forschungsergebnissen vorgenommen wurde.

Die Begutachtung von wissenschaftlichen Arbeiten ("Peer Review", egal ob offen oder nicht) gäbe es nicht mehr, stattdessen hätte jeder Wissenschaftler die Möglichkeit, seine Kritik an den Datenstrukturen oder den zusammenfassenden Berichten direkt als eigene Datenstruktur ins System einzustellen und entsprechend zu verknüpfen. Es hätte auch jeder Wissenschaftler die Möglichkeit, einen eigenen Bericht zu erstellen, der eine aus seiner Sicht bessere Auswahl der vorhandenen Daten trifft und eine bessere Interpretation liefert. Sofern ein solcher Bericht sich nur minimal von einem existierenden Bericht unterscheidet, würde er einfach als ein Update dieses Berichts mit einer entsprechenden höheren Versionsnummer abgelegt; unterscheidet er sich stark, gilt er als eigenständige "Veröffentlichung".

Ein solches System wäre im Prinzip eine konsequent zu Ende gedachte und einheitlich implementierte Version der Open-Data-Idee, die die traditionellen Kulturtechniken der Veröffentlichung, der Begutachtung und sogar der Autorenschaft im herkömmlichen, monolithischen Sinne aufgibt, da sie keinerlei Mehrwert für den wissenschaftlichen Prozess darstellen.

Das System böte darüber hinaus auch die Möglichkeit, die in ihm abgelegten Einheiten emergent zu bewerten: Jeder Datenstruktur würde kumulativ ein Wert zugewiesen, der sich daraus ergibt, wie häufig die betreffende Struktur produktiv wiederverwendet wurde bzw. wie häufig sich andere Datenstrukturen auf sie beziehen. Dort, wo in der institutionalisierten Wissenschaft die Bewertung von Forschungsergebnissen nötig ist - etwa bei der Evaluation von Personen und Instituten oder bei der Mittelzuweisung -, könnte dieser kumulativ zugewiesene Wert das bisherige System von (manchmal recht beliebig ausgewählten) Gutachtern ersetzen oder zumindest als Korrektiv ergänzen.[5]

Ein solches System, das ja eigentlich zur effektiveren und transparenteren Dokumentation des wissenschaftlichen Prozesses da wäre, könnte die Funktion der bisherigen Qualifikationsstufen ganz nebenbei mit übernehmen: Durch die Verknüpfung jeder Datenstruktur mit ihrem Urheber (oder ihren Urhebern) ließe sich zu jedem beliebigen Zeitpunkt das komplette Forschungsprofil jedes einzelnen Wissenschaftlers aufrufen und sowohl quantitativ (von der Menge bzw. der insgesamt erreichten Punktzahl her) als auch qualitativ (von der Art der eingestellten Datenstrukturen) erfassen.

Solche Profile wären für die Einschätzung der wissenschaftlichen Qualifikation deutlich geeigneter als das bisherige System von akademischen Graden; man könnte dieses System aber sogar übertragen, indem man bestimmte qualitative und quantitative Kriterien festlegt, bei deren Erreichen das System automatisch den entsprechenden Grad vergibt. Wer in einem solchen System einen Titel aus rein karrierefördernden Gründen erwerben wollte, könnte das tun, müsste dafür aber nachvollziehbar hochwertige Forschungsleistungen ins System einspeisen, sodass die Wissenschaft in jedem Fall davon profitieren könnte.

Anatol Stefanowitsch ist Professor für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg. Er bloggt im Sprachlog über Sprache und Sprachen und im Gemeinschaftsblog DE PLAGIO über Integrität und Redlichkeit in der Wissenschaft.

Der Artikel ist unter der Creative Commons - Namensnennung 3.0 (cc-by 3.0) veröffentlicht.

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