Die gesellschaftliche Singularität ist nah

23.10.2011

Thesen über die Anpassung der Gesellschaft an das Computerzeitalter

Ich komme gerade aus Hannover, wo ich aufgewachsen bin. Quasi direkt aus meinem Elternhaus. Wenn ich zurückdenke - und das passiert, wenn man in seinem Elternhaus ist bisweilen - an meine Jugend, an mein altes Ich in meiner alten Welt, dann ist davon nicht viel übrig geblieben. Es war ein komplett anderes Lebensgefühl, ein anderes Bewusstsein von Welt und Zeit, in dem wir lebten. Wir telefonierten selten und nur kurz, weil das ja teuer war. Wir riefen aber keine Menschen, sondern Haushalte an. Und wenn der Mensch nicht im Haushalt war, hatten wir Pech gehabt. Es gab keinerlei kommunikativen Zugriff auf jemanden, der sich außerhalb seiner vier Wände aufhielt.

Wir schauten Fernsehen

Zunächst 3 Kanäle. Später kamen RTL und Sat1 hinzu. Und bald noch ein Kanäle mehr. Das war unser Fenster zur Welt. Die intensivste Form der Kommunikation war das Reisen. Wenn man mit seinem Wissen und seinen Gewohnheiten in eine andere Welt taucht, dann war das noch ein echter Kulturschock. Dann fließt das Wissen zwischen den Kulturen am heftigsten, wie aus einem berstenden Staudamm. Denn das waren nationale Grenzen damals: informationelle Staudämme. Und wenn man wieder zu Hause war, hat es sich angefühlt, als käme man gerade aus einem sehr langen Fantasyfilm. Ausland/Deutschland, das waren unterschiedliche Realitätsebenen, quasi Paralleluniversen.

Wir lebten in Deutschland. Ich weiß nicht, ob man das heute so einfach noch sagen kann. Es fühlt sich eigentlich nicht mehr so an. Natürlich leben wir immer noch auf deutschem Staatsgebiet und haben ein Stück Papier, auf dem steht, dass die Regierung der Meinung ist, dass wir hier auch hergehören, aber all das wirkt merkwürdig abstrakt und bedeutungslos. Deutschland hat sich längst abgeschafft und das ist gut so.

Wie krass der Unterschied von einst zu heute ist, merkt man am besten an den Anachronismen, die in der alten Medienwelt bis heute überwinterten. Es gibt immer noch den Reflex der Massenmedien, sobald irgendwo ein Unglück geschieht, dass die Opferzahl unter den Deutschen extra ausgewiesen wird. So nach dem Motto: "Erbeben in China. 12 Deutsche verletzt. Insgesamt 8000 Todesopfer." Auf den ersten Blick wirkt das für unsereins zynisch und auf den zweiten nationalistisch, fast rassistisch. Aber ich glaube, diese Deutung ist falsch. Es ist schlicht: aus der Zeit gefallen.

Die Massenmedien ticken anders. So auch Anfang des Jahres. Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten losbrachen, war die Ungleichzeitigkeit - vor allem zwischen Netzöffentlichkeit und Fernsehöffentlichkeit - extrem zu spüren. Die deutschen Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, reagierten kaum auf die hereinbrechenden Ereignisse. In meiner Twitter-Timeline schimpfte man über die deutschen Fernsehsender, die lieber ostdeutsche Backrezepte versendeten, als die Proteste auf dem Tahrirplatz zu zeigen.

Wir - die Netzöffentlichkeit

Wir hingen vor dem Internet, der Livestream von Al Jazeera lief die ganze Zeit im Hintergrund, einige ägyptische Blogger hatten wir auf Twitter abonniert und wir reloadeten CNN.com und die New York Times. Das war nicht die Sache einer deutschen Öffentlichkeit. Die Intendanten und Journalisten wiesen darauf hin, dass die Ereignisse sicher ihre Wichtigkeit hätten, aber eine Hauptmeldung in den Tagesthemen würde dafür ja reichen. Die deutsche Öffentlichkeit interessiert das eben nur so marginal.

Und vermutlich hatten sie damit sogar recht. Wir Netzleute sind nicht repräsentativ, wir sind nicht die Mehrheit, schon gar nicht der Fernsehzuschauer. In diesen Moment merkte ich, dass wir uns den arabischen Jugendlichen näher als dem durchschnittlichen, deutschen Fernsehzuschauer fühlten.

Imagined Communities

Bereits in den 80er Jahren hat Benedict Anderson gezeigt, wie vor allem der Buchdruck und die damit einhergehende Literalisierung die Möglichkeit der Nation erschuf. Die "Imagined Communities", wie er Nationalstaaten nennt, sind Gemeinschaften von Menschen, die sich größtenteils nie gegenübertreten, sich aber qua ihrer Vorstellungskraft dennoch einander bewusst sind.

Vor dem Buchdruck war die Zeit "homogen und leer", so Anderson Walter Benjamin paraphasierend. Statt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lebten die Menschen in einem undefinierten Jetzt und in der ständigen Erwartung des Jüngsten Gerichts. Mit dem Buchdruck und der damit aufkommenden Möglichkeit von Texten, die sich in großer Menge verbreiten, ist das erste Mal ein Bewusstsein für die Synchronizität der Zeit entstanden. Ich lese, was ein anderer liest, an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit. Massenmedien synchronisieren die Gehirne und machen es so möglich, das Konzept des "Inzwischen" zu denken. Sie erschaffen über sich ständig aktualisierende Berichte eine gemeinsame, synchrone Zeit, die es ermöglicht, dass große Gruppen von Menschen - ohne sich je kennenzulernen - einander vorstellbar werden. Die Nation - die Imagined Community - ist das Resultat dieser neuen Form von abstrakter Empathie.

Die Gutenberggalaxis geht ihrem Ende entgegen und wenn wir Anderson beim Wort nehmen, dann leben wir heute eben wieder in einer Achsenzeit. Das Internet rekonfiguriert unser Bewusstsein, unsere Imagination und unsere Empathie. Das nationale Bewusstsein wird abgelöst von etwas anderem. Nur durch was?

Die Welt ist in Aufruhr dieser Tage

Vor allem seit diesem Jahr sehen wir neue politische Bewegungen, Revolutionen, Proteste und Ausschreitungen mit einer neuen Qualität und mit einer Ausbreitung rund um die Welt. Als die Revolutionen in Tunesien und Ägypten erfolgreich verliefen und die weiteren Aufstände in Libyen, Jemen und Syrien aufbrandeten, redete man noch in typisch westlicher Selbstvergewisserung von der "Diktatorendämmerung". Die seit vielen Jahrzehnten unterdrückte arabische Welt schüttelt ihre Despoten ab. Nicht nur - aber auch - mithilfe der Vernetzungsleitung des Internets und westlicher Berichterstattung.

Als aber auf einmal in Spanien die Jugendlichen auf die Straßen gingen - einer eigentlich anerkannten Demokratie - und sie sich die Symbole und den Geist des Tahrirplatzes zu eigen machten, keimten die ersten Zweifel an der These auf. Seit aus Athen, Istanbul, Rom, Tel Aviv, Wisconsin und New York ähnliche Bilder empfangen werden, kann man eigentlich nicht mehr von Zufall sprechen. Hinzu kommen die Ausschreitungen in London, die Proteste gegen #S21 in Stuttgart, die aufmüpfige Tea-Party-Bewegung in den USA und nun zuletzt die #OccupyWallStreet-Bewegung, die sich als in die reale Welt übergesprungenes Mem langsam, aber sicher weltweit ausbreitet.

Es ist, als ob sich auf einmal, ad hoc, eine globale Bewegung gegen das System gebildet hat, die zwar jeweils unterschiedliche Interessen und Anlässe auf die Straße treibt, aber auf einer anderen Ebene einige Gemeinsamkeiten aufweist. Allen diesen Bewegungen ist gemeinsam, dass sie die jeweilige Regierungspolitik ganz oder teilweise vehement ablehnen. Für alle gilt, dass sie im Kern von internet-affinen Bevölkerungsgruppen vorangetrieben werden, die sich eben auch in erster Linie über das Netz - vergleichsweise spontan und sehr effektiv und ebenso heterogen - organisieren.

Ebenso ist für alle diese Proteste, Bewegungen und Ausschreitung wahr, dass es keine gemeinsame Ideologie gibt, die sie eint. Dass sie keinen Plan für das große "Danach" haben, keine Alternative zum System, weswegen sie - zumindest vorgeblich - nicht das System abschaffen wollen. "Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns!", war eines der Plakate der Demonstranten in Madrid.

Der gemeinsame Horizont besteht vor allem in dem diffusen Gefühl, dass etwas grundlegend falsch läuft. Keiner weiß so richtig, wo das Problem liegt, aber alle wissen: das System ist "broken".

Colin Crouch hat in den 90ern den Begriff der "Postdemokratie" in die politische Theorie eingeführt. Er beschreibt damit die Krise des demokratischen Systems und seiner Institutionen, die vor allem dadurch ausgelöst wird, dass sie immer stärker von Interessengruppen "gebypassed" wird. Vornehmlich bezieht er sich auf den professionellen Lobbyismus, der es immer stärker schafft, die politischen Interessen partikularer Gruppen an den Institutionen der Repräsentativität vorbei durchzusetzen. Er räumt allerdings auch ein, dass sich gleichzeitig auch das zivilgesellschaftliche Engagement in solche Parallelstrukturen ausgelagert hat. NGOs wie Greenpeace, Bürgerrechtsbewegungen oder Protestgruppen zu bestimmten Themen betreiben ihre Politik ebenfalls zunehmend an den dafür vorgesehenen institutionalisierten Strukturen der Demokratie vorbei.

Crouch kann sich nicht recht entscheiden, ob er diese Entwicklung nun als Bedrohung fürchten soll, oder als politische Evolution der Demokratie hinnehmen sollte. Was Crouch leider vermissen lässt, ist ein positiver Entwurf einer solchen "Postdemokratie". Heute ist das Phänomen allerdings so weit fortgeschritten, dass wir uns diese Frage durchaus stellen müssen:

Wie sähe eine Postdemokratie aus?

Dirk Baecker hat sich in seinem Buch "Studien zur nächsten Gesellschaft" über eine zumindest verwandte Frage Gedanken gemacht. Nach Baecker ist jede Einführung eines neuen Leitmediums in die Gesellschaft zunächst einmal eine "Katastrophe". Es entsteht ein Sinnüberschuss, der die Gesellschaft - ihre Strukturen und ihre Kultur - überfordert und für die sie immer erst Mittel und Wege finden muss, mit ihr umzugehen. Das war bei der Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks auch nicht anders. Zu all diesen "Katastrophen" des Sinnüberschusses haben sich kulturelle Techniken gebildet, nach denen die Anschlussoperationen an Kommunikation selektiert werden kann und damit Komplexität reduziert werden kann.

Für die Sprache mussten kategoriale Grenzen eingeführt werden, zwischen den Dingen und den Dingen und Menschen, den Geschlechtern und so weiter. Dies brachte die Stammesgesellschaft hervor. Die Schrift zwang den Menschen zum zielgerichteten Denken. Diese Teleologie brachte die frühen Hochkulturen hervor. Der Buchdruck brachte eine enorme Unruhe in das System, das wiederum mit einer Bewusstseinsphilosophie des unruhigen Gleichgewichts stabilisiert werden musste, die die Grundlagen für die "moderne Gesellschaft" legte.

Fraglich ist, wie die nächste Katastrophe, die Einführung des Computers in die Gesellschaft, diese verändern wird. Auch hier wird es kulturelle Anpassungsprozesse geben, wird die Gesellschaft einen Weg finden, um den Sinnüberschuss zu verarbeiten, um zur "nächsten Gesellschaft" zu werden, wie Baecker die kommende Organisationsform der Gesellschaft nennt.

Die moderne Gesellschaft hat zur Reduzierung der Komplexität außerdem Organisationen ausgebildet, die Stabilität und Sicherheit in der Unruhe versprechen. Eben auch jene Organisationen, die heute laut Crouch in ihrer Legitimation bedroht sind. Die neuen Sinnüberschüsse scheinen nicht mehr verarbeitbar, die Komplexität nicht mehr reduzierbar. Die Katastrophe beginnt - zumindest mit einer handfesten Krise. Dabei ist "Sinnüberschuss" noch zu euphemistisch. Die Katastrophe des Internets, die sich dadurch auszeichnet, dass jedes System, dem anderen Umwelt sein kann, dass alles mit allem jederzeit verknüpfbar ist, ist noch lange nicht bewältigt. Das Internet ist nicht einfach ein Mehr an Anschlussmöglichkeiten - es gleicht in seiner Potentialität die Bibliothek von Babel. Die Bibliothek die jeden Text, der überhaupt vorstellbar ist, beinhaltet, ist das augenscheinliche Telos dieser Entwicklung.

Es scheint so, als ständen wir genau an dieser Schwelle. Die Gesellschaft wird als Ganzes eben erst mit dieser neuen Komplexität konfrontiert. Diese Komplexitätsdiskrepanz ist der Grund für die enorme Unruhe und das allgemeine Gefühl, dass die derzeitigen Systeme fehl am Platz sind - dass sie nur unzureichend den Willen und den Möglichkeiten der Organisation seiner Bevölkerung entsprechen. In ihren positiven Möglichkeiten und ihrer Unkalkulierbarkeit und Unreduzierbarkeit wird die Gesellschaft Mittel und Wege finden müssen, sich in einer höheren Ordnung der Komplexität zu rekonfigurieren, die jenseits der Regierung und des Parlamentarismus liegen.

Dirk Baecker hat versucht, eine Antwort zu geben, was die stabilisierende Kultur sein wird, die der nächsten Gesellschaft erlaubt, die Komplexität zu reduzieren. Seine Antwort- die "Form" nach George Spencer-Brown - ist allerdings unbefriedigend.

Wenn die Organisationen und Institutionen der Gesellschaft am Ende sind, was wird sie dann ersetzen? Werden wir einfach neue Institutionen bauen? Werden wir mit mehr Transparenz und Mitbestimmung und Konzepten wie Liquid Democracy die Probleme lösen, wie die Piratenpartei glaubt? Wird sich das System durch etwas Bankenregulierung und eine Transaktionssteuer retten lassen, wie die Aktivisten von #OccupyWallStreet zu glauben scheinen? Die Frage bleibt also:

Seite 1 von 3
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (27 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

Cover

Die Tiefe des Raumes

Ökonomie und Wissenschaft des Fussballspiels

Postmediale Wirklichkeiten Datenschatten Kriegsmaschinen
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.