Bringt mir den Skalp von Gwyneth Paltrow

22.10.2011

Symphonie der Seuche: Steven Soderberghs "Contagion" ist ein Epidemiethriller ohne Moral

"Act locally, think globally", das gilt in jedem Fall für Viren. Einzeln sind sie machtlos, gemeinsam sind sie stark. Und aus vielen kleinen machtlosen Dingern entsteht eine Epidemie. Man könnte von der Seuche also auch als von der unangenehmen Seite der Schwarmintelligenz sprechen. Um die geht es in diesem Film. Der durch die Luft übertragene Virus breitet sich rasend schnell aus und tötet seine Opfer innerhalb weniger Tage. So entfaltet Soderberghs neuer Film die vertraute Katastrophenphantasie. Ein richtig guter Film ist Contagion nicht, aber ein sehr interessanter. Und ein Film, nach dem man sich in Zukunft auf dem Klo die Hände etwas länger wäscht.

Alle Bilder: Warner Bros.

Fangen wir einmal mit Gwyneth Paltrow an. Sie ist bekanntlich schon lange Zeit öffentliche und öffentlichkeitswirksame Veganerin, schreibt aber Kochbücher mit Enten- und Burgerrezepten ("Meine Rezepte für Familie & Freunde") und guckt ihre wenigen Filmminuten entsprechend geschwächt, blutleer und verlogen aus der Wäsche. So wird sie denn auch das erste Opfer der Seuche. Das darf man erzählen, ohne dass sich jemand gestört fühlen muss, denn es passiert wirklich nach ziemlich kurzer Zeit. Dann taucht Paltrow nur noch in Rückblicken und Videomitschnitten von Überwachungskameras auf.

Eine der schönsten Szenen des Films ist dann die, in der Paltrow tot auf dem Obduktionstisch liegt. Dann wird ihr mit schönem Ritziiiiiiiiii-Motorsägegeräusch der Schädel aufgesägt und die Kopfschwarte nach vorne gezogen - plötzlich hängen Paltrow die blonden Haare unterm Kinn. Da guckt man ihr nun ins Hirn, von dem offenkundig nicht viel übriggeblieben ist - Veganertum? - und es fällt dann gleich auch der schönste Dialog des Films: "Oh my god. What's that?" - "Should I call anyone?" - "Call everyone".

Ein Netz aus Ansteckung, Gesundheitspolizei und Medienberichten

Dann geht es los. Kein offenkundig heroischer Film, jedenfalls nicht so plump wie bei den Emmerichs. Keine pathetische Orchestermusik. "Contagion" ("Ansteckung") glänzt zunächst einmal mit diversen Top-Stars: Kate Winslet, Marion Cotillard, Gwyneth Paltrow, Matt Damon, Jude Law und Lawrence Fishburne. Diese Menge braucht Soderbergh allerdings auch, denn "Contagion" ist ein apokalyptischer Seuchen-Thriller. Es geht um eine EHEC-ähnliche Epidemie, bei der die Menschen wie die Fliegen sterben.

Zwar zeigt der Film nichts, was man nicht schon in anderen Weltuntergangsfilmen wie "28 Days Later" und "Outbreak" gesehen hätte, trotzdem beeindruckt die handwerkliche Perfektion des Regisseurs. In einer so effektiven wie fantastischen Montagesequenz webt der alte Bilderschlamper einen ansehnlichen Bilderteppich, strickt ein Netz aus Beziehungen von Ansteckung, Gesundheitspolizei und Medienberichten über die ganze Welt - eine Symphonie der Seuche.

Das ist auch Globalisierungskino par excellence, bei dem schnell zwischen Tokio und New York hin und hergeschnitten wird und der Weg der Seuche visuell markiert: Erdnüsse, ein Computer, eine Kreditkarte, eine Hand auf einer Stange im Bus... In hohem Tempo bewegt sich der Film von Tag 2 zu Tag 133 - und erst am Ende wird aufgeklärt, was am Tag 1 geschah. Das Ganze ist sehr elegant und schön anzusehen - vielleicht liegt hier aber schon das Problem bei einem Seuchenfilm.

Spanische Grippe

Vor allem allerdings muss man fragen, was das am Ende alles soll? Zum Thema Epidemien hat der Film letztlich herzlich wenig zu sagen. Meistens verbirgt sich hinter ihnen sowieso nur Panikmache der Medien im Verbund mit der Dummheit und Untergangssehnsucht des Publikums. Einmal immerhin wurde es wirklich ernst: Als unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, im Winter 1918 die "Spanische Grippe" in Europa wütete, und laut Schätzungen 20 bis 50 Millionen Menschen dahinraffte.

"Contagion" wird zwar Paranoia-Kino, weil er die Reaktion des Staates zum Thema macht, weil sich die sozialen Strukturen im Chaos zunehmend auflösen. Es ist keineswegs Zukunftsmusik, was der Film für Wissenschaft und Gesundheitspolitik beschreibt: Politiker unterdrücken die Wahrheit und spielen die Gefahren herunter, Gesundheitsexperten bringen zuerst die eigene Familie in Sicherheit; Helfern ist das Mitleid schnell ausgegangen und irgendwann auch die Leichensäcke; Blogger lügen, um die Öffentlichkeit zu manipulieren - und die lässt das mit sich machen. Und an der Börse spekuliert man mit Pharma-Aktien.

Aber es folgt nicht wirklich etwas aus alldem. Soderberghs Aussagen sind interessant, aber sie bleiben Behauptung:

Ich denke nicht, dass ich bewusst daran arbeite, den Zeitgeist zu erfassen. Nur wäre man gleichzeitig ein Idiot, wenn man ihn ignorieren würde. Die Entscheidung ... für "Contagion" ist ein gutes Beispiel dafür, denn "Contagion" hat einfach verdammt viel mit den Menschen heutzutage zu tun. Das macht doch Künstler aus, dass sie eine Art Antenne dafür haben. Warum sind denn so viele Filmemacher aus der Weimarer Republik geflüchtet und nach Hollywood gekommen?

Manchmal geht es mir ähnlich. Ich wache auf, lese die Zeitung oder schaue Nachrichten und frage mich: Wohin steuert dieses Land, geradewegs in den Abgrund? Es ist ziemlich verrückt derzeit, der Ton ist so bösartig. Und ich weiß wirklich nicht, ob das nur eine Phase ist oder ein permanenter Niedergang.

Steven Soderbergh im Gespräch mit Harald Pauli im "Focus"

Soderbergh ist ein hochproduktiver Regisseur, dessen wirklich expermentelle Filme - "Full Frontal" - immer interessant sind. Und seine glatten Mainstream-Produkte wie "Ocean's Eleven" sind das auch. Prtoblematisch sind die Filme, die einen mittleren Weg repräsentieren: "The Informant" ging voll in die Hose, "Solaris" war langweilig, "Erin Brockovich" ist das auch und völlig überschätzt. Dagegen ist "Out of Sight" ein rechter guter Film und "Traffic" brillant. "Contagion" gehört in dieser Gruppe eher zu den besseren Filmen.

Fatale Fehler

Ein richtig guter Film ist "Contagion" aber trotzdem nicht, interessant ist er, weil sein grimmiger pessimistischer Realismus ein sehr klares Bild vom Zustand der amerikanischen Nation zehn Jahre nach 9/11 gibt.

Ein neues Wort, das wir im Film gelernt haben, heißt "Seuchen-Cluster". Offenbar analysieren Forscher bei Seuchen auffällige Häufungen in Clustern. Von viel Vertrauen in die Wissenschaft ist der Film aber nicht getragen: Die Gesundheitsbehörde macht fatale Fehler und ist im Grunde überfordert. Der rettende Impfstoff wird nur durch eine glückliche Verkettung von Umständen entdeckt: Ein Wissenschaftler widersetzt sich den Vorschriften, Präparate zu vernichten und experimentiert auf eigene Faust weiter, eine Ärztin testet den Impfstoff kurzerhand an sich selbst.

Da ist alles wieder da: Der plumpe amerikanische Heroismus, die Institutionen-Feindlichkeit, die wirklich daran glaubt, dass es Einzelne immer besser wissen - und Soderbergh bietet nur die gemäßigtere, klügere Variante dieser amerikanischen Dummheit.

Die ärgerlichsten Momente sind jene, in denen Soderbergh die Seuche dann doch noch puritanisch moralisiert: Auslöser von allem ist nämlich eine Kombination aus Fremdgehen, Glücksspiel und dem Verzehr von Schweinefleisch. Gwyneth Paltrow war also wieder mal schuld. Und natürlich eben doch Asien und mangelnde Hygiene.

Gut, wenn man Sündenböcke hat. Ihr Mann Matt Damon bleibt dagegen immun. Warum? Vielleicht, weil er der Betrogene ist, während seine Frau ihn betrogen hatte. Und weil er sein Kind, die Tochter Jory, von ihrem gleichaltrigen Verehrer - ein möglicher Virusträger - abschirmt.

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