Der Vatikan gegen die Gier

25.10.2011

Einerseits kritisiert die katholische Kirche moralisch die Geldgier, ist jedoch über den Konzern Weltbild auch mit Porno im Geschäft

Auch der Vatikan schließt sich den Kapitalismuskritikern an, die sich kaum mehr ihren Unterstützern erwehren können. Die "Märkte", was oder wer auch immer das sein soll, dürften nicht dämonisiert werden, aber sie seien kein Gut oder Ziel an sich. Notwendig sei eine "umfassende Reform" des Finanzsystems und ein "Primat der Politik". Das wurde bei der Vorstellung einer gewichtig auftretenden "Note" des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden (Iustitia et Pax) mit dem Titel: "Für eine Reform des internationalen Finanz- und Währungssystems aus der Sicht einer öffentlichen Autorität mit universaler Kompetenz" gesagt.

Wie es sich für eine Kirche gehört, wird vor allem moralisch argumentiert. Das hat Papst Benedikt auch stets gemacht, um die religiösen Werte zu stärken. Jetzt heißt es, dass "Egoismus und kollektive Gier" sowie - die Liberalen werden es nicht gerne hören - ein "Wirtschaftsliberalismus ohne Regeln und ohne Kontrolle" zur Krise geführt hätten. Das würde zu Feindlichkeit und Gewalt führen. Und, die Deutschen werden es nicht gerne hören, es dürften keine Staaten "auf Kosten anderer wachsen". Die Zocker an den Börsen - und die Geldgeber, die auf hohe Renditen setzen -, würden der Realwirtschaft und den ärmeren Ländern schaden. Die Märkte müssten wieder im Dienste der Menschen stehen, fragt sich nur, welcher Menschen.

Allerdings ist der Vatikan, der für einen "neuen Humanismus" eintritt, vielleicht nicht gerade die Instanz, die glaubwürdig für Moral auftreten kann. So wird der Vatikan-Bank Geldwäsche vorgeworfen. Überhaupt ist die Vatikan-Bank nicht gerade wegen ihrer Transparenz bekannt

Im Vatikan will man sich zwar nicht als ökonomische Experten aufspielen, aber es gibt doch Ratschläge. Gefordert wird die bekannte Finanztransaktionssteuer, um die Märkte zu entschleunigen. Der Finanzmarkt dürfe nicht mehr schneller wachsen als die Realwirtschaft. Vor allem aber müsse eine globale Kontrolle unter dem Schirm der Vereinten Nationen geschaffen werden, letztlich eine Weltzentralbank.

Das ist weit gedacht, würde auch eine Art einer wie auch immer demokratisch legitimierten Weltregierung beinhalten, um realisiert werden und wirkliche Kontrolle ausüben zu können. Das Vatikan spricht von "Rechtsstaat auf supranationaler Ebene". Und es würde wohl auch bedeuten, dass es einen Ausgleich zwischen den reichen und armen Ländern geben müsste. Es geht also um eine Utopie, die allerdings tatsächlich an der Zeit wäre, um das System der Ungerechtigkeit zwischen Staaten, aber auch innerhalb der Staaten zu beenden oder zumindest zu reduzieren. Das wird man aber nicht ohne harte Kämpfe erreichen können, die die haben, geben ungern, zumal wenn es ihren Lebensstandard einschränkt. Der "Geist von Pfingsten", der beschworen wird, der von "einer Menschheitsfamilie", hat die Kirche selbst nicht realisiert, geschweige denn, dass sie sich dafür eingesetzt hat. Aus Gründen der Selbsterhaltung hat man sich oft genug an die jeweilige Herrschaftsstruktur angelehnt. Das ist wohlbekannt und schon immer Anlass für Kirchenkritik gewesen. Das betrifft auch Papst Benedikt direkt, der die lateinamerikanische Befreiungstheologie systematisch behindert und ausgemerzt hat (Joseph Ratzinger und die „neoliberale“ Weltordnung).

Bild: buecher.de.

Was die Gier betrifft, scheint man in der katholischen Kirche auch nicht ganz heilig zu sein, was ja auch schon der Grund war, warum Luther gegen sie aufbegehrte. Der katholischen Kirche gehört beispielsweise der Weltbild-Konzern, der mit kirchenkritischen Büchern seine Schwierigkeiten hat, nicht aber mit Pornografie, wie beispielsweise der Vertrieb der Blue Panther Books demonstriert.

Weltbild ist ein Medien- und Versandunternehmen, das sich in seiner gesamten Geschäftstätigkeit nach christlichen Grundsätzen richtet. Die Gesellschafter der Verlagsgruppe Weltbild sind 12 katholische deutsche Diözesen, der Verband der Diözesen Deutschlands und die Soldatenseelsorge Berlin. "Weltbild muss wirtschaftlich arbeiten, ohne die ideellen Ziele aus den Augen zu verlieren", betont der Vorsitzende der Geschäftsführung Carel Halff.

Weltbild, mit einem Umsatz von zuletzt 1,6 Milliarden Euro, ist in letzter Zeit in Verruf geraten, da der katholische Konzern mit 50 Prozent an der Verlagsgruppe Droemer & Knaur und zu 33 Prozent an buecher.de beteiligt ist. Kritiker monieren, dass Droemer & Knaur nicht nur Pornografie vertreiben, sondern auch selbst produzieren. Normalerweise ist das kein Problem, für die katholische Kirche mit ihrer rigiden Sexuallehre aber sehr wohl. Schließlich ist wohl kaum im Sinne dessen, was Benedikt verkündet, wenn nach Verlagsangaben im Buch "Gute Mädchen tun's im Bett - böse überall" diese Haltung propagiert wird:

"Erotik ist der eingefangene Augenblick. Leben Sie ihn. Trauen Sie sich!" Jenseits der Missionarsstellung: Anne West macht Mut (und Lust!), neue Gefilde der Sexualität zu erkunden und zu tun, wovon Sie sonst nur träumen. Prickelnde und hoch erotische Shortstorys machen dieses Buch zu einer leidenschaftlichen Anleitung, Ihr erotisches Potential zu entdecken. Motto: Erlaubt ist, was Spaß macht – und womit beide Partner einverstanden sind.

Und auf buecher.de gibt es natürlich auch die entsprechenden Videos. Kein Problem, aber wohl für die Kirche, die beispielsweise Homosexualität noch immer als abwegig betrachtet, auch wenn sie diese mit dem Zölibat befördert. Da gibt es zum Beispiel zu sehen:

Zwei junge, attraktive Frauen - die Spanierin Alba und die Russin Natasha - begegnen sich an ihrem letzten Abend in Rom. Alba lädt Natasha auf ihr Hotelzimmer ein. Im Laufe der Nacht gehen die Beiden zusammen auf eine körperliche Abenteuerreise, während sich ihre Seelen anfangen zu berühren. Mehr und mehr wird dabei der Sex zum Vorspiel für den eigentlichen Seelenstriptease. Am nächsten Morgen stehen beide vor der Frage: War dies mehr als nur ein unvergesslicher One Night Stand? Für BEIDE Geschlechter ein sinnlicher Filmgenuss!

Da kann man sich schon die Zölibatären vorstellen. Aber darum geht es nicht, sondern um die Haltung, einerseits hohe moralische Werte zu propagieren und die Gier nach Profit zu verdammen und andererseits eben solch Geschäfte zu machen, zugegeben in diesem Fall nicht mit Spekulation, sondern in der "Realwirtschaft". Vielleicht gibt es deswegen ja auch Absolution.

Die Deutsche Bischofskonferenz vermeidet Klartext und gab zu den Vorwürfen folgende knappe Stellungnahme, nach der man sich nicht sonderlich beeindruckt zeigt:

Die Verlagsgruppe Weltbild ist das größte Buchhandelsunternehmen Deutschlands und steht deshalb in einer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung. Ihr Sortiment erfährt eine ständige Prüfung hinsichtlich der Wertbindungen der kirchlichen Gesellschafter. In diesem Sinn befasst sich der Aufsichtsrat auch regelmäßig mit dem Angebot der elektronischen Vertriebswege. Die Geschäftsführung wurde angehalten, ihrer Verantwortung in diesem Bereich konsequent zu entsprechen.

Gegenüber kath.net kündigte das Erzbistum München und Freising Konsequenzen an: "Wir nehmen das nicht einfach hin. Wir werden unsere Position der Geschäftsführung über Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung deutlich machen." Aber die katholische Kirche hat ja das Angebot der Beichte. Da kann man sich bezichtigen, aber weiter machen. So scheint dies auch zu geschehen, was die Fundamentalisten beunruhigt.

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