Kalte Fusion als Technologie

03.11.2011

Teil 10: Der italienische Ingenieur Andrea Rossi hat angeblich einen 1-Megawatt-Generator verkauft

Im Januar 2011 ist an der Universität Bologna ein Generator vorgestellt worden, der angeblich auf Knopfdruck saubere Energie aus der Kalten Fusion von Nickel und Wasserstoff erzeugt (Kalte Fusion in der Black Box?). Seitdem war im Internet verfolgbar, wie ein potenzieller Durchbruch bei der Energieerzeugung seine Kreise zieht. Nun ist offenbar ein Reaktor, der ein Megawatt Wärmeleistung erzeugen kann, auf dem Markt. Die Einschätzungen liegen zwischen glattem Betrug und dem Anfang der Revolution des Energiesektors.

Teil 9: Kalte Fusion in der Black Box?



Die Geräte des 28. Oktober 2011

Andrea Rossi hat offenbar Wort gehalten. Am 14. Januar 2011 hatte er angekündigt, bis Oktober 2011 einen marktreifen 1-Megawatt-Generator gebaut zu haben. Damals hatten Wissenschaftler der Universität Bologna den Reaktor des italienischen Ingenieurs durchgemessen und waren auf eine Leistungsproduktion von 12 Kilowatt gekommen.

Am 28. Oktober nun hat angeblich ein nicht bekanntes Unternehmen den Megawatt-Prototypen technisch abgenommen und gekauft. Laut Abnahmeprotokoll hat der Reaktor fünfeinhalb Stunden lang ohne externe Energiezufuhr 470 Kilowatt produziert. Das ist zwar nur die Hälfte der versprochenen Leistung, reicht aber immer noch aus, um 470 Einfamilienhäuser mit Energie zu versorgen. Laut Rossi war eine Drosselung nötig, um, wie vom Kunden gewünscht, die Energiezufuhr abschalten zu können. Nach der Abnahme sagte er:

Denken Sie an die Hunderte Millionen Dollar, die in der Kernfusionsforschung ausgegeben worden sind bei dem Versuch, eine Leistungsziffer von 1,1 zu erreichen. Mit 470 Kilowatt ohne jeglichen Brennstoff haben wir heute eine theoretisch unendliche Leistungsziffer erreicht. Ich denke, das ist ein Durchbruch. Natürlich ist das nur der erste Schritt. Aber es ist ein sehr wichtiger erster Schritt.

Andrea Rossi

Rossi und sein Koautor Sergio Focardi von der Universität Bologna erklären die Energieproduktion durch die Kalte Fusion von Nickel und Wasserstoff. Ein Strahlenphysiker der Universtät Bologna hat bestätigt, dass auch diesmal wieder keine gesundheitsschädliche Strahlung nachweisbar war. Der Rest der Messungen lag jedoch vollständig in der Hand der italienischen Ingenieure des Käufers. Diese wurden systematisch von den ca. 25 eingeladenen Teilnehmern abgeschirmt, da der Käufer unbekannt bleiben will. Bekannt ist lediglich der Name des Ingenieurs, der die Abnahme gemacht hat, ein gewisser Herr Domenico Fioravanti.

Der Megawatt-Generator im Betrieb

Diese Intransparenz ist nicht nur wissenschaftlich unzufriedenstellend, wie der Insider und Archivar des Forschungsgebietes Jed Rothwell kommentiert

Die höflichen Skeptiker werden sagen, dass Rossi keinen unanfechtbaren Beweis seiner Behauptungen erbracht hat. Ich muss zustimmen. Er hätte das leicht tun können, hat sich aber dagegen entschieden. ... Wenn man das [Abnahmeprotokoll] glaubt, ist die Sache klar. Ein Messfehler ist ausgeschlossen. Ich glaube es, aber ich muss auch zugeben, dass es sich um ein gigantisches und teures Betrugsmanöver handeln könnte. Ich gebe zu, dass es dafür eine winzige Chance gibt. Es gibt keinen unabhängigen Beweis, dass das Dokument echt ist.

Jed Rothwell

Einer derjenigen, die Rossi einen Betrug unterstellen, ist der Fachjournalist Steve Krivit vom Branchendienst New Energy Times. Belege hat er jedoch auch keine. Wer Rossi beobachtet hat - was er in seinem Blog schreibt, wie er Experimente präsentiert und mit Menschen umgeht -, der bekommt den Eindruck eines hart arbeitenden Ingenieurs, der von einer Idee besessen ist, eine Technologie realisieren und dabei keine Geheimnisse preisgeben will. Er hat hohe Geldbeträge abgelehnt und sogar sein Haus verkauft, um den Megawatt-Reaktor zu entwickeln.

Sollte es irgendwelche Indizien für einen Betrug geben, würden auch die Wissenschaftler der Universität Bologna, die den Reaktor begutachtet und einen Forschungsvertrag mit Rossis Firma EON srl bzw. Leonardo Corporation unterschrieben haben, den Ruf der ältesten Universität Europas leichtsinnig aufs Spiel setzen. Für Giuseppe Levi von der Universität Bologna war das Experiment vom 28. Oktober 2011 ein "unabhängiger" und "weiterer Beleg, dass es funktioniert" (hervorgehoben durch Levi). Betrugsvorwürfe will er Telepolis gegenüber nicht kommentieren: "In der Wissenschaft gewinnen immer Fakten und die Wahrheit."

Mehrere Experimente dieses Jahr

Nach dem Experiment am 14. Januar 2011 war es zu einer Reihe weiterer, teils unabhängiger oder gescheiterter Tests gekommen. Am 29. März nahmen Sven Kullander von der schwedischen Uppsala Universit und Hanno Essén vom schwedischen Royal Institute of Technology (Interview) an einem Experiment in Bologna teil. Wie Levi zuvor hatten sie Gelegenheit, sämtliche Bauteile bis auf die etwa 50 Kubikzentimeter große Reaktorkammer zu inspizieren.

Da sie eine Energieproduktion von 25 Kilowattstunden gemessen hatten, schlossen sie jegliche chemische Energiequelle aus: "Die einzige alternative Erklärung ist, dass die gemessene Energie durch eine Kernreaktion entsteht." Im Juli tauschten sich Rossi und Wissenschaftler der Uppsala University über ein potenzielles Forschungsprojekt aus. Parallel hatte sich Rossi an die Forschungsabteilung der US-Raumfahrtbehörde gewandt. Tests, bei denen NASA-Wissenschaftler im September anwesend waren, sind laut New Energy Times jedoch gescheitert. Die NASA sieht in Low Energy Nuclear Reactions, der Fachbezeichnung für Phänomene wie der Kalten Fusion, den "derzeit interessantesten und vielversprechendsten [Technologiesektor]".

Andrea Rossi in einer Megawatt-Anlage. Bild: Massimo Brega/Focus/Focus.it

Der letzte Test vor der Abnahme, mit der Rossi demonstrieren wollte, dass der Reaktor auch ohne Zufuhr Energie produzieren kann, fand am 6. Oktober statt. Dass von diesem Experiment Messdaten vorliegen, liegt nur daran, dass der Journalist Mats Lewan von NyTeknik die angeschlossenen Messgeräte abgelesen hatte. Rossi wollte ursprünglich nur zeigen, dass der Reaktor stundenlang ohne Energiezufuhr heiß bleibt.

Dass er dieses auch tat und die Temperatur zeitweise sogar dramatisch anstieg ist für Rothwell Beweis genug für eine anomale Energieproduktion. Letzten Endes hat Rossi dadurch, dass er Tipps zur Verbesserung der Messanordnung nicht berücksichtigt hat, dazu beigetragen, dass auch dieses Experiment messtechnisch anfechtbar ist. "Das Experiment war näher dran, glaubwürdig zu sein, als je zuvor", folgert der Amerikaner Horace Heffner, "nur ein paar Änderungen hätten den großen Unterschied gemacht". Rossi ist kein Wissenschaftler - nichtmal Focardi kennt das Geheimnis, den geheimen Katalysator. Für Rossi zählt einzig und allein der Markt.

Wer ist der Käufer?

Laut Rossi ist die Pilotanlage mittlerweile dem Käufer übergeben worden. Eine zweite werde in drei Monaten an einen anderen Kunden geliefert. Nächstes Jahr will er mit seiner Firma 30 bis 100 Anlagen bauen. Wer eine kaufen möchte, solle sich melden.

Ursprünglich sollte der Test am 28. Oktober gemeinsam mit dem griechischen Konsortium Defkalion Green Technologies durchgeführt werden. Defkalion hatte auf einer prominent besuchten Pressekonferenz am 23. Juni 2011 sein Produkt zur Erzeugung "billiger und sauberer Wärmeenergie" auf der Basis von Rossis Erfindung vorgestellt. Defkalion und Rossi haben sich mittlerweile jedoch getrennt.

Möglicherweise kommt dadurch jedoch Wettbewerb auf, denn, obwohl Rossi behauptet, dass Defkalion die Technologie nicht besitzt, streben die Griechen auf den Markt. Ein eigener Megawatt-Reaktor soll noch dieses Jahr fertiggestellt werden und Anfang 2012 in Produktion gehen. Rossi hat mittlerweile Patentschutz für Italien, aber noch kein internationales Patent. Und er ist fest entschlossen, sein Geheimnis zu beschützen. Laut eigenen Aussagen entwickelt er ein Verfahren, das den Reaktorkern zerstört, wenn Unbefugte versuchen, ihn zu öffnen.

Derweil schießen Spekulationen ins Kraut, welche die Organisation ist, die den ersten Reaktor gekauft hat. Das Rätselraten geht in zwei Richtungen: Erstens enthält die veröffentlichte Excel-Datei, in der der Käufer die Messdaten ausgewertet hat, unter den Dokumenteigenschaften den Firmeneintrag "Manutencoop Facility Management". Als Unternehmen, das Klima-, Kühl-, Feuerschutzanlagen sowie elektrische und Beleuchtungssysteme für große Gebäudekomplexe anbietet, hat es großen Bedarf an günstiger Wärmeenergie, die sich natürlich auch in Strom wandeln lässt.

Die zweite Spur führt in Richtung Militär. Über Colonel Ingenieur Domenico Fioravanti, der die Abnahme für den Kunden gemacht hat, schreibt Rossi, er sei Ingenieur für die NATO mit 30-jähriger Erfahrung mit Wärmemessungen. NyTeknik-Reporter Lewan hat sich ausführlich mit Fioravanti unterhalten und bestätigt, dass dieser tiefe Kenntnisse über thermische Anlagen besitzt. Fioravanti war auch am Test des 6. Oktober als "Berater" anwesend.

Kommende Forschungsprojekte

Wenn Rossis Firma Einnahmen generiert, kann auch das zweijährige Forschungsprojekt mit der Universität Bologna beginnen. Die Gruppe um Professor Levi steht bereit, im ersten Jahr die Funktionsweise des Reaktor zu studieren und ihn im zweiten Jahr versuchen zu erklären. Auch sollen Verhandlungen mit der Universität Uppsala wieder aufgenommen werden. Wer als Käufer oder Journalist auf eine akademische Bewertung nach allen Regeln der Kunst warten möchte, wird also zwei Jahre warten müssen.

Die Bedeutung der ganzen aktuellen Entwicklung hat Terry Blanton auf der vortex-l Mailingliste treffend zusammengefasst:

Wenn es ein Betrug ist, wird es wahrscheinlich Rossis letzter sein. Es ist hier eine Menge Geld ausgegeben worden. Wenn nicht, sagt den Kids von Occupy Wallstreet, dass wir einen neuen Weg haben, sie warm zu halten.

Terry Blanton


Artikelserie "Kalte Fusion" von Haiko Lietz

Teil 1: Kalte Fusion wieder heiß
Teil 2: Die unerzählte Geschichte der kalten Fusion
Teil 3: Zur Theorie der kalten Fusion
Teil 4: Der Kampf gegen die kalte Fusion
Teil 5: Die Rückkehr der kalten Fusion?
Teil 6: US-Energieministerium empfiehlt weitere Erforschung der kalten Fusion
Teil 7: Lobbying für die Kalte Fusion
Teil 8: Kalte Fusion und die Zukunft
Teil 9: Kalte Fusion in der Black Box?
Teil 11: Kalte Fusion als Game Changer
Teil 12: Kalte Fusion auf dem Weg zum Markt

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