"Auf Schmerz programmiert"

06.11.2011

"Real Steel" ist die Gegenwart des Roboterfilms und die Zukunft des Boxerfilms

Wenn man nach Sportfilmen mit Robotern sucht, stößt man unweigerlich immer wieder auf eine Gruppe: die Kampfsport-Filme und insbesondere die Boxerfilme. Die Arena scheint der ideale Ort für die Begegnung von Maschine und Maschine zu sein: angefangen bei der TV-Show Robot Wars über Zeichentrickserien-Episoden wie The Simpsons: I, (Annoyed Grunt)-bot oder Futurama bis hin zu den in den 1980er- und 1990er-Jahren populären Robot Jox - Die Schlacht der Stahlgiganten-Filmen. Was macht die Menschmaschine so kampfeslustig?

Alle Bilder: Walt Disney

Real Steel spielt in der nahen Zukunft des Jahres 2020. Dort ist der ehemalige Boxer Charly Kenton (Hugh Jackman) mittlerweile zu einem drittklassigen Teilnehmer von Underground-Roboter-Boxkämpfen abgestiegen. Seit die Fernsehsender mitbekommen haben, dass es den Zuschauer allein um die größtmögliche Gewalt geht und erste humanoide Roboter sich genau darauf programmieren ließen, ist der Mann-gegen-Mann-Boxsport nicht mehr existent. Anstelle dessen finden nun Liga-Kämpfe zwischen Robotern statt.

Ungeschlagener Champion ist der von der Russin Ferra Lemkova (Olga Fonda) und dem Japaner Tak Mashido (Karl Yune) konstruierte "Zeus", der lernfähig ist, so dass er beim Kampf auf seine Gegner passgenau reagieren kann. Die abgewrackten Roboter Charlys boxen in einer ganz anderen Liga - in gar keiner, um genau zu sein. Sie findet man auf Hinterhofschrottplätzen: selten noch stehend, öfter aber in Einzelteile zerschlagen.

Als Charly eines Tages die Mitteilung erreicht, dass die Mutter seines mittlerweile 11-jährigen Sohnes Max (Dakota Goyo), den er selbst nie gesehen hat, gestorben ist, versucht er sich zunächst aus der Affäre zu ziehen und der Sorgepflicht aus dem Weg zu gehen. Dann merkt er, dass die ziemlich vermögende Tante des Jungen dessen Erziehung übernehmen möchte und beginnt ein Geschäft zu wittern: Für 100.000 Dollar überlässt er ihr das Kind, nimmt sich des Jungen jedoch zunächst für sechs Wochen an, damit Tante und Onkel sich noch einmal zu zweit in der Toskana vergnügen können. Während dieser Zeit nähern sich Vater und Sohn sukzessiven aneinander an. Ihr gemeinsames Interesse, Box-Roboter, ist dabei überaus hilfreich, zumal Max über viel Wissen und noch mehr Enthusiasmus auf diesem Gebiet verfügt, was Charly gerade recht ist.

Man - Mind - Machine

Wie bereits geschrieben, finden sich in der Kategorie Sportfilm fast ausnahmslos Roboterfilme, in denen die Maschinen gegeneinander kämpfen. Mal sind sie dabei autonom, zumeist jedoch ferngesteuert oder - wie in der "Robotjox"-Reihe - so groß, dass sie die sie steuernden Menschen sogar in ihrem Körper beherrbergen. "Real Steel" stellt gleich mehrere verschiedene Konzepte der Robotersteuerung vor.

Da wären zum einen die konventionellen, über Konsolen in der Nähe des Boxrings gesteuerten Kampfmaschinen, wie der beeindruckende, zweiköpfige "Two Cities". Eine mobilere und augenscheinlich günstigere Variante davon sind per Handfernbedienung gesteuerte Roboter, die zumeist in den Kämpfen Verwendung finden, an denen Charly beteiligt ist. Eine Modifikation dieser stellen sprachgesteuerte Roboter dar; gleich zu Beginn des Films erwirbt Charly das seinerzeit berüchtigte Auslaufmodell "Noisy Boy".

Am elaboriertesten erscheint das Selbstlernsystem, wie es "Zeus" benutzt, weil sich dahinter eine Künstliche Intelligenz verbirgt, die menschliche Eingriffe ins Kampfgeschehen weitgehend überflüssig machen soll. Diese Art Roboter sind die kulturgeschichtlich bedeutsamsten, weil sich aus ihnen die Armeen zusammensetzen, mit denen in der Science Fiction seit Karel Čapeks Theaterstück "R.U.R." regelmäßig die Menschheit versklavt und vernichtet werden. Dem entgegenzusetzen - und das ist das "Programm" hinter dem Film "Real Steel" und vielleicht sogar hinter dessen Titel - wären menschlichere Roboter; solche, in denen der Körper über der Kybernetik steht, die Taktik über der Technologie und der Verstand über der Künstlichen Intelligenz.

Verteidigung ist der beste Angriff

Glücklicherweise schleppt Max genau solch ein Modell an: Bei einem nächtlichen Streifzug über einen Schrottplatz auf der Suche nach brauchbaren Einzelteilen entdecken die beiden den Roboter "Atom", der - wie der Name schon verrät - aus einer ganz anderen Zeit zu stammen scheint: Sind die Außenaufnahmen von "Real Steel" ständig mit Windkrafträdern vollgestellt und skizzieren eine Zukunft, in der der Mensch wohl nun auch mit der Natur Frieden geschlossen zu haben scheint, so stammt "Atom" aus der Epoche davor, in welcher auch noch Menschen gegeneinander im Boxring angetreten sind und ihre Aggressionen nicht bloß in ferngelenkte Maschinen eingespeist haben.

Wie "Atom" steht ja auch Charly für diese alte Zeit: Er hat sich in der Liga bis ganz nach oben geboxt - oder bis fast ganz nach oben. Dann ist er abgestürzt und wurde - ein soziokulturelles Dauerthema der Hard-Core-Science-Fiction - beruflich durch den Einsatz von Maschinen überflüssig gemacht.

"Atom" ist ein Sparrings-Roboter, der über einen so genannten "Shadow Mode" verfügt: In diesem Modus wiederholt er in Echtzeit und instantan jede Bewegung, die sein Gegenüber ihm vormacht. Wie mit Hilfe von Spiegelneuronen kann er auf diese Art genauso gut Boxen wie Charly, ist aber nicht in der Lage die vorgemachten Bewegungen zu speichern, autonom zu kombinieren und anzuwenden. Er zwingt Charly also dazu, wieder mit dem Boxen anzufangen - sogar in der Arena, wo "Atom" dann jede Bewegung seines fernab stehenden Lenkers und Vordenkers im Ring nachvollzieht. Mit "Atom" kehrt also der Mensch zurück in den Boxsport, wenn auch nur als Schattenboxer am Spielfeldrand. Die Künstliche Intelligenz hat gegenüber solch natürlicher Intuition da natürlich einen schweren Stand.

Willkommen in der "bing"-Arena

Über die Annäherung vom Menschen an die Maschine organisiert "Reel Steal" auch die Annäherung vom Vater an den Sohn. Die Geschichte dieser Annäherung zählt zu den Standard-Plots des melodramatischen Hollywoodfilms und findet sich auch in der Science Fiction nicht gerade selten (eindrucksvoll etwa im Remake von "War of the Worlds" zu bewundern). Dass "Reel Steal" aus dieser Geschichte ein Dreieck konstruiert, in der nicht nur Mensch und Maschine, Vater und Sohn, sondern auch (Ex-)Sportler und Sport wieder zueinander finden - und das im Passepartout des ohnehin für einen klimaktischen Erzählaufbau bestens geeigneten Boxkampf - lässt Levys Film zu einer besonderen Perle sowohl innerhalb des Roboter- als auch des Boxfilms werden.

In gewisser Weise transponiert er damit das Sujet von Boxfilm-Legenden wie "Rocky" und "Raging Bull" auf ein zeitgemäßes Niveau. Trotz allem Pathos hält er sich jedoch angenehm zurück, wenn es um das Familienthema geht und unterlässt es beispielsweise, die Annäherung von Vater und Sohn zu einer platten "Reunion" zu missbrauchen (ja, nicht mal "Daddy" nennt Max seinen Vater am Schluss, sondern bleibt beim distanzierten "Charly"). Das wirkt untypisch vor allem vor dem Hintergrund, dass Steven Spielberg der ausführende Produzent von "Real Steel" ist, der ja bislang selten eine Gelegenheit ausgelassen hat, noch die abseitigsten Science-Fiction-Storys in seine WASPische Weltvorstellung zu pressen.

Vielleicht war die Richard-Matheson-Adaption "Real Steel" für ihn ja schon eine Art Fingerübung für den übernächstes Jahr unter seiner Regie angekündigten "Robopocalypse" nach dem gleichnamigen Roman von Daniel H. Wilson, in dem es wahrlich auch nur wenig Heilsames zu erzählen gibt. Wie dem auch sei: Der Film "Real Steel" ist eindeutig ein weiterer Beitrag zum bislang hervorragenden Science-Fiction-Jahr 2011 und ein kongenialer Wurf im Roboter- wie auch im Boxkampf-Film.

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