Essen als Ideologie

26.12.2011

Uwe Knop zum Diäten-Wahn

Woche für Woche wird in den Medien eine neue Diät empfohlen, die Lebensmittelhersteller drängen mit immer mehr Light-Produkten auf den Markt und Bücher zum Thema schießen wie Pilze aus dem Boden. Dabei müssten die Konsumenten in Sachen Hunger einfach nur auf ihren Körper hören, Frust-Essen einstellen und nicht einem irrealen und für viele Menschen auch ungesunden Figurideal hinterherhungern, meint Uwe Knop, der für sein Buch Hunger & Lust die Ergebnisse von Hunderten aktuellen Studien ausgewertet hat und darin für eine "kulinarische Körperintelligenz" plädiert. Ein Gespräch mit dem Diplom-Ernährungswissenschaftler.

Herr Knop, Weihnachten und die kulinarische Festzeit stehen vor der Tür, inklusive massig Tipps wie man sich gesund in den Feiertagen ernährt. Schlemmen oder zügeln, auf Ernährungsratschläge hören - was empfehlen Sie?

Uwe Knop: Die vorweihnachtlichen Ernährungsratschläge sind oft nicht mehr als geschmacklose Bevormundungsversuche - die braucht kein Mensch. Vertrauen Sie beim Essen besser auf Ihren Körper. Essen Sie nur, wenn Sie wirklich Hunger haben und zwar nur das, was Ihnen gut schmeckt. Das gilt natürlich auch rund um die Feiertage.

Und besonders hinsichtlich des Sättigungsgefühls sollte die Feiertagsmaxime lauten: Essen Sie sich satt! Wenn Sie richtig Hunger haben und sich satt essen, dann sind die vermeintlichen Weihnachts-Verlockungen uninteressant. Essen Sie sich hingegen nicht satt, weil Sie bespielsweise denken, "ich werde ja noch so viel auf dem Weihnachtsmarkt schlemmen", dann züchten Sie sich ein unterschwelliges Hungergefühl, das sich seinen Weg in Heißhungerattacken bahnen kann.

Am Rande erwähnt: Die Feiertagszeit dauert nur ein bis zwei Wochen. Daher lassen Sie sich nicht von Ernährungsaposteln den Festtagsbraten madig machen, auch wenn Sie in dieser "lukullischen Hochphase" mal übers echte Hungerziel hinausschießen. Denn viel wichtiger ist ein körperorientiertes Essverhalten in den 51 Wochen zwischen Sylvester und Weihnachten.

Was machen die Leute heutzutage ansonsten noch beim Essen falsch?

Uwe Knop: Wer beim Essen die Signale seines Körpers ignoriert und stattdessen auf vermeintlich "gesunde Ernährungsregeln" hört, der macht was falsch. Denn Ernährungsregeln sind nicht mehr als statistisches Strickwerk ohne wissenschaftliche Beweiskraft - für den gesunden Menschen irrelevant bis hin zu gefährlich: Vorwiegend verstandesgesteuertes Essen kann Ihr natürliches System zur Regulation des Körpergewichts schwer durcheinander bringen. Vergessen Sie daher besser alles, was Sie über "gesunde" Ernährung zu wissen glauben - und achten Sie lieber auf die Signale Ihres Körpers: Vertrauen Sie beim Essen auf Ihre Gefühle Hunger, Lust und Sättigung. Essen Sie nur dann, wenn Sie echten, also körperlichen Hunger haben und zwar nur das, was Ihnen schmeckt und was Sie gut vertragen. Es ist weniger wichtig, was Sie wann essen - wichtiger ist, dass Sie sich beim Essen wirklich gut fühlen und genießen.

Was raten Sie Menschen, die abnehmen wollen?

Uwe Knop: Die wichtigste Frage, die sich jeder gesunde Abnehmwillige grundehrlich beantworten sollte, lautet: "Warum bin ich so schwer?" Oftmals ist nämlich nicht das biologisch notwendige Essen zur Lebenserhaltung die Ursache der überflüssigen Pfunde, sondern Probleme im Alltag, die zu hungerfreiem Essen führen. Wenn Sie beispielsweise aus eingefahrener Routine frühstücken, weil es ja so gesund sein soll. Oder aus Langeweile, Frust oder Einsamkeit Leckereien in sich hineinstopfen. Auch Stress mit Völlerei zu bekämpfen - all das ist hungerfreies Essen. Hier gilt die nächste Frage, nämlich warum man isst, obwohl man keinen echten Hunger hat und wann und warum man gewissermaßen seine Seele mit Essen "trösten" muss? Seien Sie daher achtsam beim Essen und enttarnen Sie die Auslöser dieses "kompensatorischen", des "Seele-fütternden" Essens. Beseitigen Sie diese Auslöser und einige Zusatz-Kilos purzeln sicher von ganz allein.

Jo-Jo-Effekt

Und was ist mit denen, die wirklich nur essen, wenn sie echten Hunger haben, aber trotzdem abnehmen möchten ?

Uwe Knop: Gerade diese Menschen sollten Ihr Vorhaben kritisch hinterfragen! Denn jeder Körper hat einen sogenannten Setpoint, das ist sein persönliches Wohlfühlgewicht, das maßgeblich durch die Gene festgelegt wird. Dieses individuelle Idealgewicht verteidigt Ihr Körper. Warum also wollen Sie abnehmen? Wenn Sie sich beispielsweise aus optischen Gründen von Ihrem natürlichen Setpoint runterhungern wollen, also etwa um dem künstlichen Körperideal unserer Gesellschaft nahe zu kommen, dann machen Sie sich auf einen lebenslangen Kampf gegen Ihren eigenen Körper bereit. Er wird sich mit allen Mitteln gegen die Zwangsreduzierung seines Wohlfühlgewichts wehren.

Grundsätzlich abzuraten ist von Diäten: sie versprechen Schlankheit - machen aber langfristig dick und krank und können zu Essstörungen führen. Mittlerweile ist klar: Diäten führen kurzfristig zum Abbau von Fett- und Muskelmasse. Aber nach Beendigung bewirken die Abspeckkuren genau das Gegenteil: Man wird prompt wieder schwerer - aufgrund der schnellen Fetteinlagerung. Das ist der bekannte Jo-Jo-Effekt. Damit schützt sich der Körper vor der nächsten Hungersnot.

Eine Frage, die mich als Fleischisten besonders interessiert: Macht die Dichotomie von gesundem und ungesunden Essen überhaupt Sinn?

Uwe Knop: Nein, überhaupt nicht. Das hat auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einem Interview zu meinem Buch klar gestellt: "Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn." Was für den einen gesund ist, kann bei dem anderen massive Verdauungsbeschwerden hervorrufen - zum Beispiel viel rohes Gemüse. Gesund ist das, was Ihnen schmeckt und was Sie gut vertragen. Hören Sie daher auf Ihren Körper, denn nur Ihr Organismus weiß, was für Sie gesund ist.

Wie ist man denn überhaupt auf den Diäten-Wahn gekommen?

Uwe Knop: Jede Gesellschaft hat ihre Ideale. In Mangelzeiten war es das Rubensideal und in heutigen Zeiten des Überflusses wurde das Magermodel medial zum Ideal stilisiert. Schlank bis dürr sein gilt als hip, dick sein hingegen als uncool bis hin zur gesellschaftlichen Ächtung. Das hat großen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung der Menschen. So hat insbesondere die Jugend häufig ein gestörtes Selbstbild: Das gefühlte, also fiktive Übergewicht wiegt schwerer als die tatsächlichen Kilos, ergab eine Studie des renommierten Robert-Koch-Instituts. Und weiter: Ein Drittel aller Mädchen zeigen bereits Anzeichen von Essstörungen. Daran sind Diäten nicht unschuldig, denn sie gelten als Einstiegsdroge in Essstörungen.

Haben Sie eine Vorstellung, wie viel Umsätze die Ratgeber- und Ernährungsindustrie mit dem Diätenwahn macht?

Uwe Knop: Die Diätindustrie allgemein gilt als Goldgrube: Weltweit wird der Umsatz mit Diät-Pillen, Light-Produkten, Pulver-Nahrung, Büchern und Kursen auf einen hohen, zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrag geschätzt. Diese Diätprodukte aber machen nur das Portemonnaie dünner - die Abnehmwilligen hingegen werden immer dicker, Stichwort Jo-Jo-Effekt. So einfach erhält sich ein System seine Zielgruppe.

Frühstück, Mittags- und Abendessen - ist dieser vom Erwerbsleben bestimmte Ernährungsrhythmus Teil des Problems?

Uwe Knop: Wenn die Menschen aufgrund dieses Ernährungsrhythmus vorwiegend hungerfrei essen, dann ist das ein Problem. Essen Sie daher Ihrer Gesundheit zuliebe besser nur dann, wenn Sie echten Hunger haben. Wann, das ist egal. Machen Sie sich frei von fixen Essgewohnheiten und eingefahrenen Routinen, die Ihre Körpergefühle missachten. Aber bitte nicht dogmatisch - Ausnahmen bestätigen die Regeln. Daher sollte jeder den Weg wählen, der am besten zu seiner persönlichen Lebensform passt.

Macht ihre Ernährungs-Maxime auch für Menschen Sinn, die übergewichtig sind und ein pathologisches Essverhalten (Frustessen) zeigen?

Uwe Knop: Wer unter Emotional Eating, also Frust-, Langeweile- oder Kummeressen leidet, der sollte seine Essgewohnheiten ändern. Meine Maxime macht dann insofern Sinn, da sie das natürliche Essverhalten und die Rückbesinnung auf den echten Hunger fördert. Und wer sein Hungergefühl kennt, der ist sich bewusst, wenn er hungerfrei ist - und kann die Ursachen erkennen und behandeln, die dieses pathologische Essverhalten hervorrufen.

Was sagt denn die Ernährungsfachwelt zu Ihren Thesen ?

Uwe Knop: Die DGE hat zu meiner These "auf den Körper vertrauen und nur essen, wenn man echten Hunger und worauf man Lust hat", eine begrüßenswerte Meinung: "Ganz grundsätzlich und für gesunde Menschen stimmt seine These vermutlich." Aber: Viele Menschen hätten genau diesen Zugang zum Hunger- und Sättigungsgefühl verloren, spekuliert die DGE. Was mich an dieser Erkenntnis jedoch wundert: Warum bieten die staatlichen Ernährungsaufklärer den Bürgern keine Hilfestellung an, diesen verlorenen Zugang zum Hunger- und Sättigungsgefühl wieder zu entdecken? Stattdessen werden Ernährungsregeln und -pyramiden unters Volk gebracht, die rationales Essen á la "5 mal am Tag Obst und Gemüse" fördern, die aber kaum jemand beachtet. Das wäre in etwa so, als würde man feststellen: Die Menschen haben den Zugang zum Messer- und Gabelgefühl verloren. Aber anstatt ihnen beizubringen, wie man mit Besteck isst, bietet man den Bürger das Essen als feinpürierte Trinkmahlzeit an, die vom Staat bezahlt wird, die aber keiner essen möchte. Das ist nicht nachvollziehbar.

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