Dämonische Winkelzüge

Disagea 4 von Nippon Ichi / Flashpoint

Der vierte Teil der "Disgaea"-Serie setzt auf das bewährte Konzept der komplexen, rundenbasierten Strategie und einem auf Grinden ausgelegtem Rollenspiel. Auch das Setting der Anime-Geschichte im Dämonenreich bleibt der eigenen Tradition treu

Prinnies sind niedliche Wesen mit einer dunklen Vergangenheit. Sie werden im Jenseits für ihre Übeltaten zu Lebzeiten bestraft und müssen in einer Art Pinguinkostüm hart arbeiten. Seit dem ersten Disgaea sind sie so etwas wie ein Markenzeichen der Serie. In Disgaea 4 werden sie zum Spielball der politischen Verwicklungen, denen sich der Protagonist Valvatorez stellt. Dieser war einst ein gefürchteter Tyrann, wurde aber nach seinem Niedergang zum einfachen Ausbilder der Prinnies degradiert. Sein getreuer Diener Fenrich begleitet ihn und hat augenscheinlich nur ein Ziel: Valvatorez soll Herrscher der Unterwelt werden.

Die Geschichte ist wie bei vielen Nippon-Ichi-Spielen sehr Anime-lastig und hat dabei seinen ganz eigenen Humor. Sie nimmt sich selbst nie so ernst wie viele andere Strategie- und Rollenspiele und hat kein klares Gut-Böse-Schema. Irgendwie sind alle Charaktere durchtrieben und gleichzeitig liebenswert. Die Story mit ihren Wendungen und Antihelden ist typisch für die Serie und wird diesmal politisch: Valvatorez war zwar ein gefürchteter Tyrann, aber die Korruption der Unterwelt ist selbst ihm zuwider, weshalb er die Präsidentschaft anstrebt: "Yes, We Can!".

Spielerisch gibt es anfangs wenig Neues. Das in den Prolog integrierte Tutorial wirkt hinsichtlich der Strategieaspekte wie ein Remake der Intro von Disgaea 3. Das war allerdings bereits so komplex, dass die Übungskämpfe nicht nur Neulingen helfen, sich in dem recht eigenen Regelwerk zurechtzufinden.

Im Kern ist die "Disgaea"-Serie am ehesten vergleichbar mit Final Fantasy Tactics von Square Enix oder Nintendos Advance Wars. Allerdings ist das Kampfsystem deutlich vielschichtiger. So gibt es neben den normalen Angriffen und dem damit verbundenen Abwägen der individuellen Stärken und Schwächen viele weitere Faktoren, die das Geschehen beeinflussen: Benachbarte Charaktere können sich gegenseitig unterstützen und nacheinander ausgeführte Attacken auf denselben Gegner bringen einen mit jedem Treffer ansteigenden Bonus. Für beides spielt die Reihenfolge eine große Rolle. Ein Charakter kann durchaus zunächst einen benachbarten Mitstreiter unterstützen, bevor er sich an eine andere Position bewegt und selbst zuschlägt. Für einen optimalen Bonus innerhalb der Angriffsketten sollte der stärkste Kämpfer zuletzt aktiv sein.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Figuren, die in die typischen Rollenspiel-Kategorien Magier, Krieger, Fernkämpfer und Heiler fallen. Außerdem gibt es mit menschlichen und Monster-Charakteren zwei Grundtypen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Erstere können befreundete und gegnerische Figuren anheben und werfen. So kann der Spieler mit seinen Figuren höhere Felder erreichen, den Bewegungsradius einer Figur erhöhen oder Gegner einkesseln.

Letztere können sich in Waffen für ihre menschlichen Nachbarn verwandeln. Neu in "Disgaea 4" ist die Monsterfusion: Zwei gleichartige Monster verschmelzen und werden dadurch stärker und größer, haben somit auch einen erhöhten Angriffsradius. Das Ergebnis der Verschmelzung kann sich zudem wiederum in eine stärkere Waffe verwandeln.

Die Spiellandschaft ist in Quadrate unterteilt. Ein wichtiger strategischer Faktor sind farbige Felder, die mit Boni oder Mali verbunden sind. Die Wirkung gilt für alle eigenen und gegnerischen Figuren auf derselben Farbe gleichermaßen. Die Figuren können diese Effekte durch das Werfen oder Zerstören der passenden Farbblöcke verändern, wobei gleichzeitig alle Figuren auf den entsprechenden Farbquadraten Schaden nehmen. Durch geschicktes Platzieren der Blöcke entstehen Kettenreaktionen, die starke Widersacher empfindlich schwächen. Das Farbsystem brachte bereits in den Vorgängern einen Puzzle-Aspekt in das Strategiespiel.

Die zweite wesentliche Änderung im Kampfsystem betrifft Figurentürme, die durch das Hochheben von Mitstreitern entstehen. Bisher konnten diese Gebilde zwar gemeinsame Angriffe ausführen, waren aber als Ganzes unbeweglich. Jetzt darf sich der gesamte Stapel bewegen und selbsttätig entferntere Charaktere oder Gegenstände aufnehmen.

Die regulären Kämpfe im Verlauf der Story nehmen für einen ambitionierten "Disgaea"-Spieler weniger Zeit ein als das Drumherum. Da gilt es zusätzliche Fähigkeiten zu kaufen, frische Figuren mit neuen Charakter- oder Monsterklassen zu erstellen und natürlich - passend zur Politik - Senatoren zu bestechen, um die vorhandenen Möglichkeiten stetig zu erweitern.

Auch gibt es neben den normalen Story-Missionen zahlreiche Möglichkeiten zu kämpfen. Jeder Gegenstand hat sein Innenleben mit zahlreichen zufällig generierten Karten. Neben Erfahrungspunkten erhält der Spieler nach zehn bestandenen Kämpfen eine verbesserte Version des Objekts. Analog dazu können die Figuren quasi in einen ihrer Mitstreiter bereisen und mit diversen Kämpfen dessen Fähigkeiten verbessern.

Die Möglichkeiten werden im Verlauf immer umfangreicher. Zudem darf der Spieler jede bereits erledigte Mission erneut spielen um seine Figuren zu verbessern oder neue Strategien auf bekanntem Terrain zu testen. Wie seine Vorgänger lädt "Disgaea 4" zum schier endlosen Experimentieren und Grinden ein.

Neu sind diverse Online-Funktionen. So darf der Spieler eigene Karten erstellen und hochladen. Außerdem kann er Piratenschiffe erstellen, fremde Spielwelten entern und sich mit anderen Gamern duellieren.

Die Grafik ist zwar im Vergleich zu anderen PS3-Titeln nicht überragend, aber im Gegensatz zu der PS2-Optik von "Disgaea 3" schön und für ein Strategiespiel im Manga-Stil angemessen. Leider ist die Kamera für einige Szenarien nach wie vor zu unflexibel, sodass manche tiefer gelegene Felder aus keinem Winkel richtig einzusehen sind.

Wie alle Teile der Serie ist "Disgaea 4" etwas für geduldige Spieler, die sich mit der relativ komplexen Strategie anfreunden und nicht vor einem auf stetes Grinden ausgerichteten Level-System zurückschrecken. Diejenigen, die genau das mögen, finden zahlreiche Stunden Spielspaß, in denen sich immer wieder neue Möglichkeiten auftun. Ein gewisser Hang zu Animes hilft, auch wenn mit der Zeit die Story zum Intermezzo zwischen den zahlreichen Betätigungen wird.

"Disgaea 4" ist nichts für zwischendurch, aber auch nicht wirklich schwierig, da jeder in seinem Tempo spielen kann: Wer die Herausforderung liebt, beantragt stärkere Gegner im Senat, wer es ruhiger angehen will, verbessert seine Gruppe durch wiederholtes Spielen geschaffter Karten oder Nebenmissionen. Die Neuerungen im Vergleich zum dritten Teil sind verhältnismäßig gering, aber alleine durch die verbesserte Optik und den Feinschliff an der Spielmechanik wirkt "Disgaea 4" unter dem Strich insgesamt runder als der direkte Vorgänger und ist ein würdiger Nachfolger.

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