Kultur der Barbarei

21.11.2011

Interview mit Werner Seppmann über die Zunahme von Gewalt und Irrationalismus in der Gesellschaft. Teil 1

Brutalisierung des Alltagslebens, Gewalt in den Medien, Drogenkonsum, Hooliganismus, Amokläufertum, Esoterik, die Renaissance politischer Mythen, Fremdenhass und neo-nazistischer Terror sind nach Meinung des Sozialwissenschaftlers Werner Seppmann Formen, in denen Menschen versuchen, auf zivilisatorische Krisenerscheinungen zu reagieren.

Die Menschen stehen den Unsicherheiten der ökonomischen Prozesse, die sie zu Variablen des Wirtschaftswachstums degradieren, ohnmächtig gegenüber - und kompensieren dies oft durch die Annahme schlichter Erklärungsmuster und unterkomplexer Weltanschauungen, was sich auch in höherer Gewaltbereitschaft oder selbstzerstörerischen Taten niederschlägt.

Ausgerechnet die übelste Form des Irrationalismus in Gestalt von faschistischen Mörderbanden scheint zudem von gewissen Segmenten des Staates aktiv unterstützt zu werden. Telepolis sprach mit Werner Seppmann.

Herr Seppmann, vor fast zwanzig Jahren ist die Erstfassung von Dialektik der Entzivilisierung erschienen, in dem Sie die zunehmende Brutalisierung des Alltagslebens und die Verbreitung irrationalistischer Denkmuster erforscht haben. Nun haben Sie Ihr Buch aktualisiert. Was hat sich seitdem geändert und was ist konstant geblieben?

Werner Seppmann: In den 1990er Jahren war es nicht nur Gewalt im Allgemeinen, nicht nur die aggressiven Ausbrüche im öffentlichen Raum, etwa randalierende Fangruppen in den Stadien oder destruktives Verhalten von Jugendlichen in den Schulen, die besorgte Fragen nach ihren Ursachen provozierten. Es war vor allem eine Zeit, in der in Deutschland rechtsradikaler Terror wieder zu einer Alltagserfahrung geworden war: Es brannten Asylantenheime und behinderte Menschen wurden attackiert.

Mindestens 166 Terroropfer

Nachdem Medien und Politik eine Zeitlang verlautbaren haben lassen, dass der rechtsextreme Terror ein vernachlässigbares Nebenphänomen wäre, wird jetzt klar, dass diese Ansicht auf einer hochrangigen Verdrängungsleistung basierte...

Werner Seppmann: Ohne Frage - die rechtsextremistisch motivierten Straftaten sind nicht verschwunden. Dies ist nicht nur in diesen Tagen durch die Aufdeckung der Mordtaten durch eine neofaschistische Terrorgruppe aus Ostdeutschland deutlich geworden. In diesen Komplex hinein gehört auch, dass immer wieder schwarze Menschen durch deutsche Kleinstädte getrieben und jüdische Friedhöfe geschändet, Obdachlose von rechtsradikalen Skinheads mit Benzin übergossen und angezündet werden.

Der gewaltbereite, rechtsextreme Block ist stabil geblieben, in den letzten Jahren wohl auch wieder gewachsen. Die NPD hat sich übrigens schon vor Jahren taktisch darauf eingestellt: Augenzwinkernd haben sich führende Funktionäre von Gewalt-Aktivisten distanziert, aber die Rolle der NPD als weltanschaulich-politisches Zentrum hat sich dadurch nicht geändert.

Es hat zu einer Enthierarchisierung des Rechtsextremismus und zur Herausbildung netzwerkartiger, teilweise nur lose miteinander verbundener Ebenen geführt. In diesem Kontext haben sich die Strukturen der gewaltbereiten Gruppierungen gefestigt - und die aufgeflogene Gruppe dürfte nur die bisher sichtbar gewordene Spitze eines rechts-terroristischen Eisberges sein. Es gibt in diesen Zusammenhang hartnäckige Gerüchte, dass Staatsschutzbehörden in diesem rechten Sumpf bis zur Ununterscheidbarkeit verstrickt sind.

Aber nicht weniger bemerkenswert sind die permanenten Versuche, die rechte Gefahr zu relativieren oder gleich zu ignorieren. Die Frage ist, ob sich nicht darin schon eine latente Komplizenschaft von Teilen des Staatapparats mit rechtsextremen Tendenzen manifestiert. Zum Beispiel kam nach offiziellen Angaben zwischen 2001 und 2007 kein Mensch aufgrund rechter Gewalt zu Tode, während es in diesem Zeitraum in der Bundesrepublik tatsächlich mindestens 31 Opfer rechter Gewalt gegeben hat.

Nach dem Stand Anfang November starben durch neofaschistische Gewalt von 1990 bis Mitte 2011 in der Bundesrepublik 156 Menschen - zu denen nun noch die mindestens 10 Morde der aufgeflogenen Terrorgruppe hinzu gerechnet werden müssen. Es ist wenig realistisch zu hoffen, dass dies schon die Schlussbilanz ist. Offiziell registriert wurden die ganzen Jahre hindurch nur ein Bruchteil der rechten Mordtaten. Selbst Opfer von Brandanschlägen auf Ausländerwohnheime blieben statistisch unberücksichtigt. Für einen Zeitraum von zwanzig Jahren mit tatsächlich mindestens 166 Todesopfern wurden vom Innenministerium lediglich 47 in ihren Auflistungen geführt. Ist es angesichts dieser Faktenlage falsch zu sagen, dass das Schweigen über die tatsächliche Größenordnung rechter Terror- und Gewaltopfer Methode hatte und konsequent betrieben wurde?

Nicht vergessen werden sollte bei den jetzigen Diskussionen über die Rolle von Informanten im Zusammenhang mit der ostdeutschen Terrorgruppe, dass 2003 ein Verbotsverfahren gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht aufgrund einer zu großen personellen Übereinstimmung von Informanten und Parteiaktivisten scheiterte. Für das Verfassungsgericht existierte der Verdacht einer Steuerung der Organisation durch den Verfassungsschutz: Beispielsweise waren in Nordrheinwestfahlen sowohl der Landesvorsitzender als auch sein Stellvertreter dessen Mitarbeiter.

Die Täuschungsmanöver über das Ausmaß rechter Gewalt funktionierten aber auch, weil der explizite rechte Terrorismus mittlerweile eine, die öffentliche Aufmerksamkeit absorbierende Konkurrenz bekommen hatte. Nicht nur der Medienkomplex konzentriert sich auf die relativ neuen Formen der Gewalt der Amok-Läufer. Sie hat es auch vor zwei Jahrzehnten gegeben - aber hauptsächlich in einem fernen Amerika.

Mittlerweile ist die Amokhandlung in der Nähe des eigenen Alltags angesiedelt und findet in der Nachbarstadt statt, in der Jugendliche in ihrer Schule ein Blutbad anrichten, oder im Nachbarland, in dem ein arbeitslos gewordener Lohnabhängiger wild um sich schießt. Regelmäßig wird dann öffentlich Betroffenheit demonstriert - und schnell wieder zu Tagesordnung übergegangen. Eine ernste Ursachenanalyse findet nicht statt.

"Verleugnung der Ursachen"

Aber sind bei solchen Taten verlässliche Erklärungen überhaupt möglich?

Werner Seppmann: Eine gewisse Skepsis darüber, ob die Ereignisse auf ihren Begriff gebracht werden können, ist tatsächlich verständlich. Denn auf den ersten Blick wirken die Mordexzesse der Amok-Täter wie Ausbrüche einer archaischen, vor-zivilisatorischen Gewalt. Diesen Eindruck haben auch die Terrortaten von Norwegen im Sommer 2011 hinterlassen. Es würde noch "nicht einmal eine Kategorie" existieren, um sie einordnen zu können, ließ der Spiegel seine Lesern wissen. Aber solcherart Realitätsverweigerung bringt selbst nur ein selbstzerstörerisches Existenzprinzip spätkapitalistischer Gesellschaften zum Ausdruck: Die Verleugnung der Ursachen für das Grauen wird zur Bedingung, um weiter so machen zu können, wie bisher. Die Energie, die aufgewandt wird, die Probleme zu verdrängen, fehlt bei dem Bemühen, sie zu lösen.

Nicht selten wird mit verharmlosender Absicht auch versucht, solche Ereignisse als die Handlungen von geistig verwirrten Einzeltätern zu deklarieren. Auch hier ist die Motivation zu erkennen, vergessen zu lassen, dass die Ursachen der Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft kommen und mit den Funktionsprinzipien entwickelter kapitalistischer Gesellschaften zusammenhängen.

"Ignoranz gegenüber dem strukturellen Gewaltkomplex"

Die Mitte der Gesellschaft ist jedoch ein recht weites Feld...

Werner Seppmann: Das stimmt fraglos, weshalb meine Beschäftigung mit den Entzivilisierungsprozessen in eine umfassende Gesellschaftstheorie und eine aktuelle Sozialstrukturanalyse eingebettet ist. Grundsätzlich ist eine differenzierte Betrachtungsweise aller anti-zivilisatorischen Tendenzen notwendig, bei der aber die verbindenden Elemente und die gemeinsamen Ursachenkomplexe nicht aus dem Blick geraten dürfen.

Schon die Äußerungsweisen der Gewalt sind vielgestaltig und vielschichtig. Zu ihnen gehören ja nicht nur die individuellen, unmittelbaren Aggressionsformen, wie die schon angesprochenen Amok-Handlungen, die Gewalt unter Jugendlichen, die keine Hemmschwellen mehr zu kennen scheinen, sondern auch strukturelle Gewalt. Beispielsweise in Gestalt arbeitsplatzvernichtenden Rationalisierungsstrategien.

Wenn aufgrund solcher Maßnahmen die Aktienkurse steigen, werden die verantwortlichen Manager großzügig belohnt, während die Betroffenen aus der Bahn geworfen werden und ihnen psychisches Leid zufügt wird. Angesichts der Massenhaftigkeit solcher Formen struktureller Gewalt, ist man fast versucht zu sagen, es sei von nebensächlicher Bedeutung, wenn ein durch seine trostlose Lebenslage zermürbter Jugendlicher, in einem Akt zielloser Aggression einen Passanten krankenhausreif prügelt.

Diese Zusammenhänge werden in Medien und Politik, aber auch in der Wissenschaft geflissentlich verdrängt. In den massenmedialen Distributionssphären macht zum Beispiel gerade das Buch "Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit" des Professoren Steven Pinker die Runde, der den ganzen Komplex struktureller Gewalt weitgehend ausblendet, um das 20. Jahrhundert einem dankbaren bürgerlichen Publikum als Hort relativer Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit verkaufen zu können. Aber selbst die Ignoranz gegenüber dem strukturellen Gewaltkomplex reicht nicht aus, damit Professor Pinker seinen Thesen zumindest einen Schein von Plausibilität vermitteln kann.

Explizit muss er auch noch die Phase der "Friedfertigkeit" auf die Jahrzehnte nach 1950 begrenzen und dabei solche Kleinigkeiten wie etwa dem Vietnamkrieg und die Dutzenden weiteren Interventionen der imperialistischen Hauptmacht in den Nachkriegsjahrzehnten weitgehend unberücksichtigt lassen. In seiner "Gewaltbilanz" taucht übrigens auch nicht auf, dass in Folge des amerikanischen Wirtschaftsembargos in den 1990er Jahren rund 500.000 irakische Kinder gestorben sind.

Selbstverständlich ist es für Professor Pinker bestenfalls nur eine Randerscheinung, dass die strukturelle Gewalt eines global hegemonialen Kapitalismus sich in der systematischen Unterentwicklung ganzer Regionen ausdrückt: Ein System des Hungers, der Unterernährung und ungesunder Lebensverhältnisse verschlingt Jahr für Jahr fast so viele Menschenleben wie der gesamte 2. Weltkrieg! Jean Ziegler hat das folgendermaßen ausgedrückt: Für die Menschen einer sogenannten 3. Welt, ist der Dritte Weltkrieg im vollen Gange. Das "Imperium der Schande" watet in Blut und Elend - und Professor Pinker intoniert das Lied einer fröhlich-friedlichen Welt! - Dabei ist angesichts des globalen und sich ausbreitenden Elends von besonderer Bedeutung, dass die intellektuellen und technischen Möglichkeiten im Übermaß vorhanden sind, um allen Menschen ein auskömmliches und würdiges Leben zu sichern.

"Neoliberale Umgestaltungsprozesse"

Was hat die Gesellschaft so verändert, dass scheinbar selbstverständliche zivilisatorische Standards zusammenbrechen und die individuelle Gewalt eskaliert?

Werner Seppmann: In Rahmen krisenhafter Umwälzungen der Sozialverhältnisse sind bei den Gewalttätern Frustration und Verzweiflung, ebenso wie Wut und Destruktionsbereitschaft über einen längeren Zeitraum gewachsen: Soziale Desintegration, psychische Defundierung und weltanschauliche Desorientierung haben sich so verdichtet, dass es nur noch eines Anlasses für den Ausbruch von schon lange vorher in der Phantasie durchgespielter Zerstörungshandlungen bedarf. Eine kritische Gegenwartsanalyse kann nicht übersehen, dass die neoliberalistischen Umgestaltungsprozesse in den letzten drei Jahrzehnten eine Spur sozialer Zerstörung hinterlassen haben. Sie haben zur Entwurzelung von Menschen beigetragen und sozio-kulturelle Auflösungsprozesse vorangetrieben.

Wenn Arbeitslosigkeit und Bedürftigkeit sich ausbreiten, bedeutet das auch eine Aushöhlung des normativen Fundament der bürgerlichen Gesellschaft, denn noch immer ist Leistungs- und Arbeitsorientierung der Dreh- und Angelpunkt personaler Stabilität. Aber es mehren sich eben auch die Fälle, dass die sozialisatorisch vermittelten und zu Selbstansprüchen geronnenen Leistungsimperative nicht realisiert werden können. Die Konsequenzen schon auf der unmittelbarsten psychischen Reaktionsebene sind Selbstzweifel und Orientierungslosigkeit.  

Aber ein Problembewusstsein über die sozialen Verwerfungen und gesellschaftlichen Krisenprozesse ist doch mittlerweile auch verbreitet...

Werner Seppmann: Das ist richtig. Trotz aller kritischen Gegenwartsbeschreibung im Detail, ist jedoch kaum davon die Rede, wie elementar der Neoliberalismus die sozialdestruktiven und anti-zivilisatorische Entwicklungstendenzen eines späten Kapitalismus verstärkt hat. Zu diesen antizivilisatorischen Entwicklungstendenzen gehört auch die schon angesprochene Verweigerung, sich mit den tieferliegenden Ursachen von Gewaltexzessen und Amokhandlungen zu beschäftigen.

Geschwiegen wird darüber, in welchem Maße die Alltagskultur in den Metropolenländer schon zu einer Gewaltkultur und in ihrer extremen Form auch zu einer Kultur der Barbarei geworden ist. Genau betrachtet, hat auch der norwegische Amoklauf nicht zu einem "Riss in unserer Zivilisation" geführt, wie ich es irgendwo gelesen haben, sondern die zivilisatorischen Bruchlinien nur deutlicher zu Tage treten lassen.

"Fehlen verlässlicher Orientierungsmuster"

Eine Grundtendenz Ihres Buches scheint mir die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Vergesellschaftungskrise und Zivilisationsverlust zu sein. Wie wirkt sich diese Vergesellschaftungskrise konkret auf die Lebensverhältnisse aus?

Werner Seppmann: Der Zusammenhang von sozialer Krisenerfahrung, irrationalen Reaktionsformen - darin eingeschlossen auch rechtsextreme Orientierungen - gilt zwar in der kritischen Gesellschaftswissenschaft als evident - ohne dass in der Regel die Vermittlungsprozesse von sozio-ökonomischen Strukturen und individuellen Verhaltensformen immer überzeugend dargestellt werden. Bei diesen Defiziten setzt mein Buch an.

Von fundamentaler Bedeutung ist, dass durch die von Neoliberalismus und der von ihm durchgesetzten Priorität der Kapitalverwertung viele Menschen auf elementare Formen des Überlebenskampfes zurückgeworfen worden sind. Angesichts krisenhafter Veränderungen in der Arbeitswelt, müssen viele immer mehr leisten, auch immer länger arbeiten, um über die Runden zu kommen. Besonders belastend dabei ist, dass herkömmliche Orientierungsmuster (beispielsweise, dass Leistungsfähigkeit und Qualifikation vor Arbeitslosigkeit schützen) nur noch selten gelten. Verdienste und Leistungen, welche die Menschen in der Vergangenheit erbracht haben, spielen in der ökonomischen Realität kaum noch eine Rolle.

Im Windschatten einer dem Neoliberalismus geschuldeten gesteigerten Konkurrenzdynamik, die wiederum Ausdruck der Verallgemeinerung einer profitorientierten Zweckrationalität ist und die mittlerweile in fast alle Lebensbereiche eingedrungen ist, werden die Individuen zunehmend zu einem Wettlauf gegen sich selbst gezwungen: Man muss immer weiter voranstreben (denn, so wird gesagt, "Stillstand ist Rückschritt"), auch wenn es ohne verlässliche Orientierungspunkte geschieht. Anspannung und Stress sind die Begleiterscheinungen - und wo sie dominieren, sind auch aggressive Reaktionsmuster nicht weit.

Unter dem allgegenwärtigen Existenz- und Bewährungsdruck erweist sich die zivilisatorische Hülle (also das, was Norbert Elias als sozial-pazifizierende "Selbstzwangapparatur" bezeichnet hat), als zu schwach, um ein Gegengewicht bilden zu können. Dadurch erhalten pathologische Reaktionsmuster (vom Alkoholismus bis zur Drogensucht, von der Gewalt bis zum Rassenhass) einen günstigen Entfaltungsraum. Die Konsequenzen eines zermürbenden sozialen Bewährungsdrucks bei gleichzeitigem Fehlen verlässlicher Orientierungsmuster manifestieren sich in Deutschland in einer Verzehnfachung der betrieblichen Fehlzeiten aufgrund der Diagnose Burnout, also der chronischen Erschöpfung und eines quälenden Gefühls des Ausgebranntseins alleine in dem Zeitraum 2004 bis 2010.

Zu einer Volksseuche hat sich auch die bislang versteckte Krankheit Depression entwickelt. Sie wird immer öfter diagnostiziert und erzwingt den millionenfachen Ausstieg. Die Betroffenen leiden unter Schlaflosigkeit, Apathie, Ängste, Panik- und Ohnmachtgefühlen. Aktuelle Forschungen sprechen davon, dass zwanzig Prozent der Bundesbürger unter Depressionen leiden.

Wie haben sich unter diesen Bedingungen die Lebensverhältnisse konkret verändert?

Werner Seppmann: Es sind vor allen Dingen die Unsicherheitsgefühle universal geworden - auch dort wo der soziale Abstieg nicht unmittelbar droht. Aber gerade bei denen, die etwas zu verlieren haben, führen die sozialen Verwerfungen und biographischen Ungewissheiten vermehrt zu sozialen Abstiegsängsten. Alleine schon die Vorstellung scheitern zu können, stellt eine erhebliche psychische Belastung dar. Auch durch den verbreiteten Zwang, sich immer wieder neu positionieren zu müssen, wird ein latentes Unsicherheitsgefühl erzeugt und die Entstehung fragmentarisierter und labiler Psychostrukturen gefördert.

Einmal arbeitslos geworden, ist die Gefahr einer Degeneration der auf der Subjekt-Ebene erreichten Standards eines rationalen Weltverhältnisses jedoch besonders hoch, weil die psychische Stabilität der Betroffenen angegriffen wird, partiell zerfällt und sich Tendenzen des Kontrollverlustes und der Selbstaufgabe bemerkbar machen. Integrations- und Selbststabilisierungseffekte - wie das in Zeiten des Prosperitätskapitalismus, also in den "wohlfahrtsgesellschaftlichen" Nachkriegsjahrzehnten der Fall war - sind selten geworden. Im Windschatten sozialer Abwertungs- und Demütigungserfahrungen hat sich ein Klima der Angst und der Sorge übrigens bis weit in ehemals gutsituierte Schichten hinein ausgebreitet: "Was bringt die Zukunft?", wird gefragt und selten wird dabei nur noch davon ausgegangen, dass es etwas Gutes ist.

Entwurzelung und Bedrohung und daraus resultierende psycho-soziale Pathologisierungstendenzen sind also nicht nur Unterschichtsphänomene?

Werner Seppmann: Nein. Zwar wird den Jugendlichen aus einer Londoner Migrantenfamilie aus der dritten Generation, ebenso wie dem Jugendlichen mit Hauptschulabschluss mit unmissverständlicher Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass für sie in den Normalitätszonen einer neoliberal auf Vordermann gebrachten Gesellschaft kein Platz mehr ist. Aber immer häufiger gibt es auch in den gesellschaftlichen Normalitätszonen, den Berufs- und Karrierewelten der Arrivierten, nur noch zwei konträre Existenzweisen: Man gehört entweder zur kleineren Zahl der Gewinner, oder ist gezwungen, im inferioren Bereich der Verlierer zu existieren. Wer dazwischen hängen bleibt, muss mit der beständigen Sorge vor dem Abstieg leben.

Im zweiten Teil des Interviews mit Werner Seppmann wird der Entwicklung des Irrationalismus von seinen harmloseren und alltäglichen Erscheinungsformen bis hin zum Neo-Nazismus und Anders Breivik nachgegangen.

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