Prädikat: Nicht ausbildungsreif

14.12.2011

Nach einer Untersuchung der IHK soll rund die Hälfte der Jugendlichen nicht ausbildungsreif sein. Die Unternehmen tragen ihren Teil zu dieser Misere bei

Für Jugendliche heutzutage scheint es ein Leichtes zu sein, eine passende Lehrstelle zu finden. Die Unternehmen klagen über einen Fachkräftemangel, und um die zukünftigen neuen Mitarbeiter ist ein regelrechter Kampf entbrannt. So zumindest scheint es, wenn in den Medien über das berichtet wird, was derzeit auf dem Ausbildungsmarkt passiert. Doch neben den gut ausgebildeten Abiturienten oder Universitätsabsolventen gibt es noch eine ganze Reihe von Jugendlichen, die sich immer noch auf der Suche nach einer geeigneten Lehrstelle befinden.

Nicht ausbildungsreif lautet häufig die Bewertung. Wer jedoch genauer hinsieht, stellt schnell fest, dass auch die Unternehmen ihren Teil zu dieser Ausbildungsplatzmisere beitragen. Denn in den letzten Jahren wurden die Anforderungen an die Jugendlichen immer weiter in die Höhe geschraubt, so lange, bis sie von einem Teil der jungen Menschen einfach nicht mehr erfüllt werden konnten.

Die geeigneten Bewerber

Viele Unternehmen, so die Klage, hätten zwar eine ganze Reihe an Ausbildungsplätzen zu besetzen. Allerdings finden sie immer häufiger keine geeigneten Bewerber. Die Klagen der Personalchefs weisen auf ein durchaus ernst zu nehmendes Problem hin, das sich auch in den Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit (BA) widerspiegelt.

Im September dieses Jahres mussten 29.700 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. Allerdings sind im selben Zeitraum immer noch 18.000 Jugendliche ohne einen geeigneten Ausbildungsplatz geblieben. Ganz offensichtlich muss es ein Problem mit der Jugend geben. Denn anders scheint diese Diskrepanz nicht erklärbar zu sein.

Ein Großteil der Jugendlichen verfüge nicht einmal über grundlegende schulische Fähigkeiten, heißt es oft. Allein in der Region Kassel soll rund die Hälfte der Jugendlichen nicht ausbildungsreif sein. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der DIHK, sagte kürzlich:

Die Unzufriedenheit mit der Leistungsbereitschaft, der Belastbarkeit und der Disziplin mancher Schulabgänger steigt seit 2006 kontinuierlich an.

Die anderen Schwierigkeiten mit den Bewerbern

So das Ergebnis einer Umfrage unter den hessischen Unternehmern. Doch neben diesen fachlichen Vorwürfen an den Nachwuchs scheint es zumindest in einigen Köpfen auch andere Schwierigkeiten mit den jungen Leuten zu geben. Die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) sagt: "Jeder vierte Baden-Württemberger hat ausländische Wurzeln. Unter den Jugendlichen ist es sogar jeder Dritte." Sie sehe bestehende Vorurteile als Vermittlungshemmnis.

Bei ihrer Analyse wird die Integrationsministerin vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn bestätigt. So hat eine Befragung des BIBB ergeben, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund bei Einstellungsentscheidungen offenbar mit solch starken Vorbehalten konfrontiert sind, dass sich ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz aufgrund ihrer Herkunft erheblich verringern. Kein Wunder also, dass ein Teil der offenen Stellen nicht besetzt werden kann, wenn klar ist, dass Bewerber ausgesiebt werden, weil sie Türken oder Araber sind.

Die Soziologin Heike Solga an der Freien Universität Berlin sieht das Hauptproblem allerdings weniger in den Vorbehalten gegenüber Ausländern auf Seiten der Unternehmen. In einem Interview sagte Solga, dass sich die Betriebe seit langer Zeit darauf eingestellt hätten, dass sie es mit jungen Erwachsenen zu tun hätten. Diese jedoch verfügten über ein deutlich höheres Vorbildungsniveau als ihre jüngeren Konkurrenten von den Hauptschulen. Die Unternehmen müssten sich in der Zukunft auf mehr Bewerber mit einer geringeren Qualifizierung einstellen, so Solga.

Die Anforderung der Lehrmeister...

Eines der Hauptprobleme scheint daher in den deutlich gestiegenen Anforderungen der Lehrmeister zu liegen. "Die Ausbilder müssen sich darauf einstellen, dass sie den Berufsschülern mehr beibringen müssen", so Solga. Die Meister in den Betrieben können, wenn sie weiterhin gut ausgebildete Fachkräfte haben wollen, nicht mehr einfach darauf vertrauen, dass ein Großteil der Ausbildung von den Schulen übernommen werde.

Auch das immer wieder vorgebrachte Argument, bei den übrig gebliebenen Jugendlichen ohne einen Ausbildungsplatz handele es sich um den "Bodensatz der Gesellschaft", mithin um ein Problem, das nicht innerhalb der Unternehmen zu lösen sei, lässt sich bei genauerer Untersuchung nicht halten.

Denn es ist zwar richtig, dass derzeit nur etwa 18.000 Jugendliche ohne einen Ausbildungsplatz dastehen. Darüber hinaus allerdings befinden sich noch zusätzlich etwa 180.000 Jugendliche in der Warteschleife, weil sie ebenfalls keinen der begehrten Plätze ergattern konnten. Diese Gruppe wird in der Statistik jedoch nicht gezählt, da sie sich in berufsvorbereitenden Maßnahmen befindet und somit nach offizieller Lesart gar nicht auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist. Bei einem großen Teil dieser Jugendlichen handelt es sich sicherlich nicht nur um den immer irgendwie übrig bleibenden "Rest der Gesellschaft".

...und die Bereitschaft der Unternehmer

Dazu gehört auch ein großer Teil von jungen Menschen, die für ihre schulische und persönliche Entwicklung noch etwas mehr Zeit brauchen. Wenn die Unternehmen allerdings nicht bereit sind, diesen Menschen Zeit zu geben, ist dies auch einer der Gründe dafür, dass am Ende ein Facharbeitermangel herauskommt.

Wenn die Unternehmen in Deutschland weiterhin an gut ausgebildete Fachkräfte herankommen möchten, werden sie sich darauf einstellen müssen, dass sie in deren Ausbildung mehr investieren müssen. Das Argument, die Jugend sei nicht ausbildungsreif, ist aus dieser Sicht nur vorgeschoben und entlässt die Unternehmen nicht aus ihrer Verantwortung.

Solange sich an den Vorstellungen der Personlchefs nichts ändert, kann mancher Jugendliche daher auch in der Zukunft nur darauf hoffen, dass sich irgendwann auch für ihn ein Lehrmeister findet, der bereit ist, ihm eine Chance zu geben. Bis dahin bleibt diesen jungen Menschen nur die Möglichkeit, sich in Schulen und mit staatlichen Qualifizierungsmaßnahmen die Zeit zu vertreiben.

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