Liquidierung von Atomexperten

Während die iranische Regierung durch die Rekrutierung von ausländischen Atomexperten versucht, ihr Nuklearprogramm zu beschleunigen, stehen umgekehrt der israelische Geheimdienst Mossad und die amerikanische CIA im Verdacht, das Nuklearprogramm durch Sabotagemaßnahmen (Stuxnet- und Duqu-Virus) und die Liquidierung von iranischen Atomexperten zu sabotieren.

Bereits mehrere iranische Atomwissenschaftler wurden durch Killerkommandos liquidiert: Dr. Ardeshir Hosseinpour, ein Experte für Elektrodynamik von der Malik Ashtar Universität in Isfahan, starb im Januar 2007 durch eine Gasvergiftung. Physik-Prof. Massud Ali Mohammadi starb im Januar 2010 in Teheran durch eine ferngezündete Bombe. Physik-Prof. Madschid Schariari von der Schahid-Beheschti-Universität in Teheran wurde im November 2010 ebenfalls durch eine Bombe getötet. Außerdem wurde der Elektronikexperte Dariusch Resaei im Juli 2011 in Teheran erschossen.

Fereydoun Abbasi-Davani von der Imam-Hossein-Universität in Teheran, ein Experte für die Isotopentrennung und Lasertechnologie, wurde bei einem Anschlag im November 2010 schwer verletzt. Der Atomwissenschaftler Sharam Amiri verschwand im Juni 2009 während einer Pilgerfahrt nach Mekka, tauchte ein Jahr später in den USA wieder auf und kehrte schließlich in sein Heimatland zurück. Außerdem wurde der iranische Luftfahringenieur Reza Baruni, ein Spezialist für den Bau von Drohnen, im August 2010 durch eine Bombe getötet. Zuletzt kam der iranische Raketenexperte Brigadegeneral Hassan Tehrani Moqadam von der Imam-Hussein-Universität ums Leben, als sich am 12. November 2011 eine Explosion auf dem Militärstützpunkt in Bidganeh ereignete. Ob es sich um einen Sabotagakte oder einen bloßen Transportunfall handelte blieb zunächst unklar (Große Explosion bei Pasdaran-Stützpunkt).

Außerdem kamen fünf russische Atomexperten, die in Buschehr arbeiteten, am 20. Juni 2011 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, als ihre Tu-134 der "RusAir" in Petrozadowsk eine Landung versuchte: Banjuk Gennadi Fedorowitsch, Valeri Lyalin, Sergei Rizhow, Nikolai Trunow und Andrei Tropinow. In der Presse tauchten anschließend Spekulationen über eine Verwicklung des israelischen Geheimdienstes Mossad in den Flugzeugabsturz auf, allerdings gibt es dafür keine Beweise, zumal das Atomkraftwerk in Buschehr ein Leichtwasserreaktor ist, der ausschließlich zivilen Zwecken dient.

Der iranische Vertreter bei der IAEO, Ali Asghar Soltanieh, beschwerte sich über die Veröffentlichung von Detailinformationen über das iranische Atomprogramm durch die IAEO. Dadurch würden die iranischen Atomwissenschaftler zu "targets for physical elimination by Israel and US intelligence services".

Angesicht der israelischen Drohungen gegen einzelne Atomwissenschaftler und das ganze Nuklearprogramm sollte man meinen, dass den ausländischen Atomexperten allmählich der Boden im Iran zu heiß werden würde. Dafür gibt es bisher keine Anzeichen. Sollten allerdings bei einem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran russische bzw. ex-sowjetische Atomexperten zu Tode kommen, könnte das ernsthafte Folgen haben.

Perspektiven

Nach unterschiedlichen Schätzungen benötigt die iranische Regierung mindestens noch ein oder zwei Jahre, um einen atomaren Prototyp herzustellen, und weitere Jahre, um daraus eine militärisch einsatzfähige Waffe zu entwickeln. Eine atomare Aufrüstung des Irans würde das militärpolitische Gefüge im Nahen Osten erschüttern und wäre eine Bankrotterklärung der internationalen Anti-Proliferationspolitik. Aber durch die gegebenen internationalen Konstellationen und mit dem verfügbaren politischen Instrumentarium ist die "Mullah-Bombe" möglicherweise nicht zu verhindern.

Der IAEO-Gouverneursrat vertagte nach Lektüre des aktuellen Berichtes am 17. November eine Entscheidung erst einmal um weitere sechs Monate und gab der iranischen Regierung bis zum nächsten Ratstreffen im März 2012 - wieder einmal - Zeit, alle offenen Frage zu seinem umstrittenen Atomprogramm durch hinreichende Erklärungen zufriedenstellend zu beantworten. In einer IAEO-Presseerklärung hieß es dazu:

The resolution expresses deep and increasing concern about the unresolved issues regarding the Iranian nuclear program, including those which need to be clarified to exclude the existence of possible military dimensions. It also stresses the need for Iran and the Agency to "intensify their dialogue" aiming at the urgent resolution of all outstanding substantive issues for the purpose of providing clarifications regarding those issues.

The resolution urges Iran once again to comply fully and without delay with its obligations under relevant resolutions of the UN Security Council, and to meet the requirements of the IAEA Board of Governors. Expressing continuing support for a diplomatic solution, the resolution calls on Iran to engage seriously and without preconditions in talks aimed at restoring international confidence in the exclusively peaceful nature of Iran’s nuclear program.

Durch den umstrittenen IAEO-Bericht vom 8. November wurden nicht nur die militärischen Aspekte des iranischen Atomprogramms erneut beleuchtet, sondern insbesondere die internationale Nuklearhilfe angesprochen. Dadurch gerät vor allem die russische Regierung unter internationalen Druck, obwohl sie nur teilweise für die Aktivitäten der ex-sowjetischen Atomexperten im Iran in den letzten zwanzig Jahren verantwortlich zu machen ist.

Die russische Iranpolitik steht vor einem Dilemma: Die Kreml-Regierung ist gegen einen Militärschlag, wofür es gute Gründe gibt. Sie lehnt aber auch eine Konfliktlösung auf friedlichem Wege durch einen Handelsboykott weitgehend ab, da ein Embargo ihren nationalen Wirtschaftsinteressen zuwiderliefe und man in Moskau nicht die amerikanische Destabilisierungspolitik gegenüber Teheran unterstützen will. Aber an eine Konfliktbewältigung durch bloßes Einlenken des Mullah-Regimes in Folge eines wohlwollenden Zuredens als dritte Möglichkeit können nur naive Geister glauben. Andererseits haben russische Politiker wiederholt deutlich gemacht, dass eine atomare Aufrüstung des Irans nicht in ihrem nationalen Sicherheitsinteresse wäre. So stellt sich für den zukünftigen Präsidenten Wladimir Putin die Frage: "Was tun?"

Die israelischen Regierungen haben in den letzten Jahrzehnten bereits zweimal (Suez-Krise 1956/57 und die drohende Eskalation im Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973) eine internationale Nuklearkrise provoziert, das sollten sie nicht beliebig oft wiederholen: Zeitgleich zum jüngsten israelischen Säbelrasseln gegenüber dem Iran und angesichts der Bestandsprobleme der eigenen Streitkräfte warnte der russische Generalstabschef Nikolai Makarow am 18. November 2011 in einer Rede vor der so genannten "Gesellschaftskammer": "

Unter gewissen Umständen schließe ich nicht aus, dass lokale bzw. regionale bewaffnete Konflikte in einen umfassenden Krieg "mutieren", in dessen Verlauf auch Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS).

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