"Männer werden mittlerweile auf sehr vielen Gebieten diskriminiert"

04.01.2012

Eckhard Kuhla über die "Genderideologie"

Nach der notwendigen rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau in den 1970er und 1980er Jahren hat sich in Medien und Institutionen ein "Radikalfeminismus" breit gemacht, der - als "Genderideologie" mit universitären Weihen versehen - nun über die einseitige Bevorzugung von Frauen die Basis für eine öffentlich akzeptierte Form der Unterdrückung von Männern schafft. Das ist zumindest die These des von Eckhard Kuhla herausgegebenen Buches Schlagseite - MannFrau kontrovers. Telepolis sprach mit dem Publizisten und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechterdemokratie AGENS, welche sich mit der Genderideologie kritisch beschäftigt und sich "für ein neues Miteinander zwischen Mann und Frau" einsetzt.

Herr Kuhla, Sie schreiben im Vorwort zu dem von Ihnen herausgegebenen Buch: "Der erstarkende Feminismus entwickelte sich zu einer radikalen Ideologie, die eine Schwarzweiß-Welt propagierte und mit Denkverboten belegte, eine simple Opfer-Täter-Polarisierung wurde gesellschaftlich durchgesetzt und fest installiert." Können Sie uns das näher erläutern? Was sind zum Beispiel die "Denkverbote", von denen Sie schreiben?

Eckhard Kuhla: Zunächst möchte ich zur Sprachregelung etwas sagen. Mit dem "erstarkenden Feminismus" meine ich den Radikalfeminismus. Dieser orientiert sich, wie jede Ideologie, an Feindbildern. Damit schafft er sich seine schwarz-weiße Welt: Frauen sind Opfer, Männer sind Täter. Diese undifferenzierte Opfer-Täter-Polarisierung bestimmt die derzeitige Geschlechterdebatte. Das Bedenkliche ist: Die Opfer-Täter-Polarisierung wird schlechthin als Tatsache dargestellt und nicht thematisiert. Theoretische Basis der Radikalfeministinnen ist die sogenannte Gendertheorie.

Die "Feminismus-Kritiker" in der Bundesrepublik werden heute schlicht und pauschal als "rechts" abgestempelt. Eine dringend notwendige Debatte wird so im Keim erstickt. Das hat die Arbeitsgemeinschaft AGENS in letzter Zeit mehrere Male erlebt. Ich gebe Ihnen folgende Beispiele: Da werden Veranstaltungen im Vorab boykottiert und Drohkulissen aufgebaut. Und wenn Veranstaltungen dann doch stattfinden, müssen Redner Begleitschutz bekommen oder am Saaleingang Sicherheitskräfte zur Identitätskontrolle postiert werden - in beiden Fällen sind das Folgen von feministischen Drohungen gewesen.

Diskursverweigerung und Drohkulissen sind schon schlimm genug, noch bedenklicher wird es, wenn feministische Gruppen oder Institutionen mit beruflichen Konsequenzen drohen. Das kann man im Falle Monika Ebeling feststellen. Sie bekam als Gleichstellungsbeauftragte wegen "nicht erlaubter Männerarbeit" Berufsverbot. Oder nehmen Sie die Ausladung des israelischen Historikers Martin van Creveld durch die Universität Trier. In seinem ersten Vortrag einer Vortragsreihe hat er einige Äußerungen gemacht, die nicht in das feministische Denkschema passten. Daraufhin wurde er von der Universitätsleitung für die weiteren Vorträge ausgeladen.

Und die Medien? Wie reagieren sie auf diese Verstöße gegen unsere Verfassung? Irritierend war für mich, dass diese Verstöße von den Medien in den benannten Beispielen kaum thematisiert wurden. Wenn man im öffentlichen Leben steht, hat man bei feminismuskritischen Äußerungen immer mehr Angst, Nachteile für Position und Karriere zu bekommen. Das führt auch auf dem Campus zu mobbing-ähnlichen Reaktionen. Das sind keine guten Zeichen für die Meinungsfreiheit in Deutschland.

Zu den Denkverboten selber: Das Wort "Denkverbot" ist eigentlich für den normalen Zeitungsleser in seiner Dimension kaum unvorstellbar. Denk- oder Redeverbote werden in der Regel von einer anerkannten Institution ausgesprochen werden - besonders in Diktaturen. Heutzutage, im Zeitalter des Monopols der herrschenden Meinung, besser: der "Politischen Korrektheit" , gibt es bundesweit verteilte Gruppen, die sich einfach, fast institutionell, diesen Monopolanspruch herausnehmen. Und die Medien greifen diese Geschehnisse geflissentlich auf, es entspricht ja dem Mainstream. Man könnte sich auch vorstellen, dass die sogenannte vierte Gewalt diese Verfassungswidrigkeiten an den Pranger stellt! Warum geschieht das nicht? Wo bleibt da die demokratische Meinungsfindung? Oder die Lust an der akademischen, öffentlichen Debatte?

Was ist Ihrer Einschätzung nach die größte Crux der Frauenbewegung?

Eckhard Kuhla: Unter "Frauenbewegung" verstehe ich die Frauenbewegung, die in den 1960ern und 1970ern durch Gesetzesänderungen die juristische Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau erreicht hat. Das war keine "Crux", das war eine historische Leistung! Die Frauenbewegung wollte gleiche Rechte und Startchancen für Männer und Frauen. Das hat sie weitgehend erreicht. Mit der erlangten Gleichberechtigung konnten Frauen sich - gerade in der öffentlichen Verwaltung - eine eigenständige Infrastruktur zum Beispiel mit Gleichstellungsaufgaben aufbauen. Das war eine gute Basis für den Radikalfeminismus. Es entstand eine Ideologie, die polarisiert und die Interessen von Frauen über die Interessen der Männer stellt. Man betreibt somit eine Politik der Frauenprivilegierung, das ist die Crux!

Gilt dies für alle Frauen in Deutschland? Wie steht es mit Frauen aus Migrantencommunities

Eckhard Kuhla: Wenn Sie die Frauenprivilegierung meinen, gilt das auch für alle Frauen. Unmerklich erweitern in letzter Zeit die Gleichstellungsbeauftragten ihre Zuständigkeiten auf die Benachteiligung von Minderheiten. Aus welchen Gründen auch immer die Minderheiten allmählich in das Blickfeld der Gleichstellung geraten, man sollte nicht dabei den Blick für die Relevanz der Mehrheiten verlieren.

"Es wird Interessenpolitik praktiziert"

Ist nach Ihrer Meinung die Gleichberechtigung von Mann und Frau komplett durchgesetzt oder sehen Sie noch einige Bereiche, in denen Frauen geschlechtsspezifischer Diskriminierung ausgesetzt sind?

Eckhard Kuhla: Es hängt davon ab, wie weit man "Gleichberechtigung" fasst. Laut Grundgesetz sind Mann und Frau, wie bereits erwähnt, gleichberechtigt. Das ist die Ebene des Grundgesetzes, die macht Gleichberechtigung für Mann und Frau für alle Verfassungsorgane zur Pflicht.

Mit dem Thema "Diskriminierung von Frauen und Männern" kommen wir in die Ebene der Politik. Fast alle Statements, Forderungen und Aussagen in der Geschlechterpolitik sind hier stark ideologisch bestimmt, oder konkreter: Es wird Interessenpolitik, beziehungsweise Klientelpolitik praktiziert. Hier einige Beispiele:

In der Gewaltdebatte werden Männer zu den alleinigen oder hauptsächlichen Tätern stilisiert. Frauen hingegen werden als die Opfer dargestellt. Viele Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Gewaltausübung im häuslichen Bereich auf beide Geschlechter etwa gleich verteilt ist. Nur die Formen der Gewalt unterscheiden sich. Eine wichtige Rolle spielt hier die Untersuchung des Geschlechterforschers Peter Döge "Männer - die ewigen Gewalttäter?" Er plädiert für eine differenziertere Betrachtung der Gewalt und spricht sich gegen das Klischee Männer gleich Täter und Frauen gleich Opfer aus. Damit beschreibt er einen klaren Fall von Diskriminierung der Männer.

Ein beliebtes Beispiel für die Diskriminierung von Frauen betrifft die These von der Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen, dem Gender Pay Gap. In den Medien wird seit langem gebetsmühlenartig wiederholt, dass Frauen 23 Prozent weniger als Männer verdienen. Das Statistische Bundesamt hat dagegen am 25.10.2010 eine Analyse veröffentlicht, in der sich der Verdienstunterschied auf 8% reduziert. Bei der Angabe der 23 Prozent wird - warum auch immer - kaum erwähnt, dass bei einer summarischen Betrachtung zwar Frauen im Durchschnitt weniger als Männer verdienen, aber der Grund darin besteht, dass sich Frauen häufiger für Teilzeit und für schlechter bezahlte Berufe entscheiden. Da liegt eindeutig keine Diskriminierung vor. Viel interessanter wäre die Diskussion über die Gründe, warum denn mehr Frauen in die Teilzeit und Billiglohnjobs gehen (müssen).

"Unterrepräsentanz bedeutet nicht Diskriminierung"

Frauen haben es aufgrund ihrer Gebärfähigkeit und dem potentiellen Arbeitsausfall wie auch Mutterschutzbestimmungen schwerer, als Festangestellte übernommen zu werden. -Basiert die Entscheidung für schlechtbezahlte Arbeit und Teilzeitjob ihrer Ansicht nach nun tatsächlich auf Freiwilligkeit?

Eckhard Kuhla: Die Behauptung, dass es in einer Familie Frauen schwerer hätten, eine Festanstellung zu ergattern, ist per se richtig. Sie impliziert aber die These, dass Frauen im Falle einer Festanstellung die gleichen Chancen haben müssen wie die Männer. Und warum? Diese Forderung macht nur Sinn, wenn - grob vereinfacht - ein hohes Frauenangebot auf eine niedrige Nachfrage seitens der Wirtschaft trifft. Ist das der Fall? Dabei sollte man grob differenzieren zwischen dem akademischen und dem übrigen Arbeitsmarkt.

Bei der Betrachtung der akademischen Angebotsszene stellen Experten fest, dass das Frauenangebot häufig - trotz überwiegend besserer Hochschulabschlüsse - vergleichsweise geringer ist als bei den Männern. Das liegt in der Tatsache begründet, dass Frauen in der Regel mehr ihren individuell geprägten Lebensentwürfen nachgehen. Im Gegensatz zu uns Männern nehmen sie sich die Freiheit, ihren eigenen Lebensstil vor fremdbestimmten Lebensentwürfen zu stellen. Ich persönlich beneide die Frauen um diese Lebenskultur, vorausgesetzt, sie haben sich diese Entscheidungsfreiheit selber erarbeitet.

Ergo: Im akademisch geprägten Arbeitsmarkt überwiegt die Freiwilligkeit der Berufswahl. Im Gegensatz zum nicht akademischen Arbeitsmarkt: Hier sind es häufig finanzielle Gründe, die die Frauen in die Teilzeit zwingen. Wenn man nach den Ursachen dafür forscht, so ist unter anderem unsere Steuerpolitik dafür verantwortlich, dass netto für das Familienbudget immer weniger übrigbleibt - im Gegensatz zu Frankreich.

Aber um noch einmal auf das Thema "Frauendiskriminierung" zurückzukommen: Man sagt, dass Frauen in Führungspositionen "unterrepräsentiert" sind. Aber Unterrepräsentanz bedeutet nicht Diskriminierung. Und zweitens: Wer definiert hier eigentlich "Unterrepräsentanz"? Die Zahl von Frauen oder Männern in Unternehmen - ganz gleich auf welcher Stufe - sollte von Angebot und Nachfrage bestimmt sein und nicht von ideologisch gesetzten Prozentsätzen. Im Maschinenbau oder in der Informatik gibt es weniger Frauen als Männer. Bedeutet das aber eine Diskriminierung von Frauen? Wohl kaum. Frauen haben einfach andere Lebensentwürfe und Präferenzen als Männer, sei es bei ihrer Berufswahl oder ihrer Karriereplanung. Warum kann man das nicht akzeptieren?

Eine offene Debatte über die Zukunft der Gleichstellungspolitik findet übrigens derzeit nicht statt. In dieser Debatte sollten folgende Fragen erörtert werden: Sollte sich die Gleichstellungspolitik auch für Männer öffnen? Wäre das finanzierbar? Brauchen wir überhaupt noch Gleichstellungsbeauftragte?

"Diskriminierungsfeld Scheidungsrecht"

Sehen Sie auf der anderen Seite Gebiete, auf denen Männer diskriminiert werden?

Eckhard Kuhla: Männer werden mittlerweile auf sehr vielen Gebieten in Folge - so meine ich - radikalfeministischer Politik diskriminiert! Auf der einen Seite gibt es sehr viele Hilfs- und Förderprogramme für Frauen, zum Beispiel in der Bildung oder im Gesundheitssystem mit Präventionsprogrammen undsoweiter. Und auf der anderen Seite gibt es nichts Entsprechendes für Männer. Und das, obwohl Männer nachweislich rund fünf Jahre früher als Frauen sterben, häufiger unter den Zivilisationskrankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislaufkrankheiten leiden und häufiger alkohol- und drogensüchtig sind. 90 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Mädchen werden flächendeckend gefördert, Jungen kaum, obwohl sie viel größere Probleme in der Schule haben als Mädchen. Sie haben schlechtere Noten als Mädchen, brechen die Schule öfter ab, gehen seltener ins Gymnasium. Junge Männer sind wesentlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Ein weiteres Diskriminierungsfeld mit erheblichen gesellschaftlichen Auswirkungen ist das Umgangsrecht für Scheidungskinder und Scheidungsväter. Das haben wir in unserem Buch detailliert behandelt. Die kaum vorstellbar hohe Zahl von rund 400 täglichen Scheidungskindern hat Folgen: Diese Kinder werden in 80 Prozent der Fälle der Mutter zugeteilt. Und von denen wiederum haben über die Hälfte nach einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater - mit erheblichen psychosozialen Langzeit-Folgen für die Kinder und die Väter. So sind schon jetzt erste Auswirkungen in den Kliniken zu erkennen: über 85 % der kriminell gewordenen Jugendlichen sind vaterlos aufgewachsen. In unserem Buch berichten Experten über weitere erschütternde, klinisch belegte Fakten.

Ein anderes Thema in unserem Buch ist die mittlerweile immer größer werdende Benachteiligung von Männern in der Stellenvergabe: Die gesetzlichen Maßnahmen der Gleichstellungspolitik diskriminieren Männer bei Einstellungen aller Art mit Regelungen wie "Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt" oder "Frauen werden solange bevorzugt, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent erreicht ist". In unserem Buch geben wir viele Beispiele besonders aus dem Hochschulbereich. Dort ist die reine Frauenorientierung in der Stellenvergabe am weitesten vorangeschritten. Viele qualifizierte Bewerber für Professorenstellen wandern deswegen in die Industrie ab. Und dann diskutiert man über eine Frauenquote, von der höchstens ein paar hundert Frauen profitieren würden!

Aber jetzt kommt das i-Tüpfelchen: Männer werden in der Summe strukturell diskriminiert, um das - so die Begründung - in der Vergangenheit angeblich von ihnen an Frauen begangene Unrecht wieder gut zu machen. Das nennt sich dann "positive Diskriminierung", welch menschenverachtende Formulierung - ganz zu schweigen von der Verletzung des Artikels 3 des Grundgesetzes!

"Versteckte Botschaften und Sprachverwirrungen"

Von wem geht diese geschlechtsspezifische Form der Unterdrückung aus?

Eckhard Kuhla: Es ist die institutionalisierte und ideologisch geprägte Frauenlobby in den Behörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Sie ist inzwischen quasi gesellschaftlich anerkannt. Wieso "quasi"? Wir haben immer noch ein erhebliches Defizit an flächendeckenden Debatten über die "Genderideologie". Feministische Papiere werden in der Politik einfach durchgewunken und in den Medien verbreitet. Gegenstellungnahmen kosten nur wertvolle Zeit für Rechtfertigungen, die "ich für andere Probleme besser einsetzen kann", so ein MdB im Gespräch zu mir.

Als Unterdrückung ist das Ganze wohl nicht angelegt, sondern eher als Entmachtung des Mannes. Und das ist Programm. Die Agitation oder korrekter: die Umsetzung des Programms geschieht mit subtilen Methoden eines Agenten-Netzwerkes, den Gleichstellungsstellen in Politik und öffentlicher Verwaltung und in den Radaktionsstuben. Da wird dann mit Hidden Agendas, also versteckten Botschaften und Sprachverwirrungen, sowie mit Wiederholungen von Falschaussagen ein kaum dokumentiertes - und damit nicht angreifbares - Programm gefahren. Und das ohne Störfeuer durch die Bürgergesellschaft, geschweige denn durch die Männer, die ja das erklärte Feindbild sind.

Warum ist das möglich? Erstens wegen eines geringem Vorwissens über die Gendertheorie und letztlich, weil Feminismuskritik ein politisch unkorrektes Verhalten darstellt. Eine kritische Äußerung kann bestraft bestraft werden mit empfindlichen Folgen bis hin zu Mobbing, Abmahnungen, ja sogar Entlassungen und gerichtlichen Verfahren.

"GenderideologInnen mittlerweile überall in den Medien"

Um welche Personen, Medien und Institutionen handelt es sich konkret bei den "Genderideologen"?

Eckhard Kuhla: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Die Genderideologie ist nicht so wie ein Parteiprogramm dokumentiert. Es gibt keine Institution mit GenderideologInnen, die man als die "Hohenpriesterinnen" bezeichnen könnte. Die gab es mal im "Genderkompetenzzentrum", was letztes Jahr beträchtlich verkleinert wurde, zum Zwecke einer neuen Aufgabenstellung! Übrigens war das eine der ersten Entscheidungen der damals neuen Frauenministerin, Frau Schröder, meines Erachtens eine Vertreterin der neuen Frauengeneration.

Was Personen anbelangt, so kann man festhalten, dass es GenderideologInnen mittlerweile überall in den Medien und in den Verwaltungen gibt. Offen sichtbar sind einzig und allein die Gleichstellungsbeauftragten in den Verwaltungen. Mit der gesetzlichen Frauenquote wird allerdings die Genderideologie auch Einzug in die Privatwirtschaft halten. Das wird dann die letzte Station auf dem Marsch durch die Institutionen sein.

"Da tickt eine Zeitbombe"

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen sind mit dieser "Männer- Diskriminierung" verbunden?

Eckhard Kuhla: Das ist das Hauptthema unseres Buches: Besonders tabuisiert werden in unserer Gesellschaft die gesellschaftspolitischen Folgen für die Scheidungsväter: Aus den meisten Scheidungsvätern werden - ebenso wie aus deren Kindern - psychosoziale Langzeitfälle, ohne - und das wird meistens nicht erwähnt - dass man Vätern eine Schuld nachweisen kann. Nach dem Scheidungsurteil müssen sie schuldlos Unterhalt an ihre Kinder bezahlen, die sie selten oder gar nicht mehr zu sehen bekommen. Das muss man sich mal vorstellen! Aus diesem Grund werden Scheidungsväter meistens zum Empfänger staatlicher Transferleistungen, das heißt aus ehemaligen Leistungsträgern werden Leistungsempfänger. Dies ist ein Problem der Väter. Die alleinerziehenden Mütter haben ihr Kind - im Gegensatz zu den Vätern. Die alleinerziehenden Mütter sind eine Ikone unserer heutigen Gesellschaft, diesen Müttern gilt die öffentliche Empathie. Und was ist mit den Trennungsvätern, von denen über 80 Prozent ihre Kinder nicht bei sich haben?

Jeden gerichtlichen Arbeitstag haben wir rund 400 Trennungskinder und Scheidungsväter mehr. Wohlgemerkt: Diese Zahl beinhaltet nur die Scheidungsfälle, ohne die Zahl der Betroffenen aus nichtehelichen Partnerschaften. Da tickt eine Zeitbombe. Über die möglichen Langfristfolgen bei den Trennungsvätern und den Trennungskindern gibt es keine Gender-Study an den über 200 mit Frauen besetzten Gender-Lehrstühlen in der Republik!

Ich wollte selber was gegen diese Auswüchse tun, als ich in meiner Kommune zwei Jahre lang versuchte, in der Stadtverwaltung das Tandem-Modell einzuführen. Das beschreibt eine Gleichstellungsstelle bestehend aus der Position einer Frauenbeauftragten und eines Männerbeauftragten. Ich scheiterte. Und wissen Sie warum? Die Männer im Stadtrat haben meinen Antrag verworfen! Das war eine bittere und auch unerklärliche Erkenntnis für mich. Das Tandem-Modell halte ich nach wie vor für richtig. Aber meine Vision ist es, langfristig eine regierungsamtliche Gleichstellung überflüssig zu machen. Eine aufgeklärte Bürgergesellschaft sollte das Problem durch Selbstorganisation regeln können.

Welche Folgen hat die Emanzipation der Frau in Ihren Augen für die Gesellschaft gehabt?

Eckhard Kuhla: Mit der Emanzipation wurden Frauen rechtlich mit Männern gleichgestellt. Damit erhielten Frauen alle Möglichkeiten, die auch Männer haben. Sie konnten endlich auf eigenen Füßen stehen und ihr Leben eigenständig gestalten. Die Emanzipation der Frau hat es Frauen ermöglicht, in Berufe einzusteigen, in denen bisher Männer dominiert haben. Die Emanzipation der Frau war notwendig und hat einen wichtigen Beitrag für das gleichberechtigte Miteinander von Mann und Frau geschaffen.

Die erreichte Gleichberechtigung wäre eine wunderbare Voraussetzung für Mann und Frau gewesen, sich - losgelöst von staatlicher Einflussnahme - in den neuen und globalisierten Arbeitswelten mit einem gesellschaftlichen Prozess ihre neuen Rollen zu finden. Aber es kam anders. Aus der Frauenemanzipation wurde eine Frauenprivilegierung, manche Politiker reden sogar von einem "Geschlechterkampf".

"Die Genderideologie polarisiert"

Halten Sie die von Ihnen so genannte "Genderideologie" für eine rein negative Entwicklung oder beinhaltet diese einen rationalen Kern?

Eckhard Kuhla: Ich kann keinen rationalen Kern in der Genderideologie erkennen. Der eigentliche Kern ist meiner Meinung nach die Annahme der Veränderbarkeit des menschlichen Geschlechts durch Kultur und Gesellschaft. Die Veränderbarkeit des Geschlechts konnte jedoch bisher wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Trotzdem findet diese Annahme beispielsweise ihren Niederschlag in der aktuellen Grundschulpädagogik vieler Bundesländer - ohne dass das in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Die Genderideologie wird eingesetzt in der Sexualerziehung mit der Theorie der "geschlechtlichen Vielfalt". Mit anderen Worten: Grundschulkindern wird ein Korb der geschlechtlichen Identitäten - also nicht nur zwei - angeboten, sie können sich dann ihre Identität aussuchen, begleitet von "gender-erfahrenem" Lehrpersonal. Das entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage - ganz zu schweigen von der moralischen Bewertung.

Da darf man doch fragen, wie das bei 6- bis 10-jährigen Kindern gelingen soll? Die mangelnde Werteorientierung in der deutschen Gesellschaft ist dafür verantwortlich, dass Kinder und Jugendliche immer weniger identitätsstiftende Vorbilder finden. Eine wunderbare Möglichkeit für eine staatliche Ideologie, hier prägend das Vakuum zu füllen. Das bezeichne ich als negative Entwicklung.

Außerdem polarisiert die Genderideologie - wie jede Ideologie. Die Menschen werden nicht nach ihrer Individualität, also nach ihren individuellen Interessen, Fähigkeiten und Präferenzen, betrachtet, sondern nach der Gruppenzugehörigkeit: nach dem "Geschlecht". Dabei werden "die Frauen" idealisiert, Männer hingegen als Mängelwesen dargestellt. Täglich lesen wir in den Zeitungen, dass Frauen friedlicher, kommunikativer, einfühlsamer undsoweiter sind als Männer. Man kann nicht ein gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau schaffen, wenn man das eine Geschlecht idealisiert und fördert, aber das andere Geschlecht als nicht förderungswürdig betrachtet.

"Bewusste Trennung in gute und schlechte Menschen"

Können Sie eine Abschätzung abgeben, welche Funktion das Binnen-I im Gleichstellungskampf der Frauen besitzt?

Eckhard Kuhla: Das Binnen-I ist eine geniale Lösung für das Ziel, beim Lesen die weibliche Form als alleinige Form im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Das große I wird mit der Zeit beim Lesen und Vorlesen unbewusst dem kleinen i gleichgesetzt. Ergo: bisher war der Genus Plural neutral, mit dem Binnen I wird er allmählich wunschgemäß weiblich. Also aus "die Bürger" wird "die BürgerInnen".

Anders ist es mit der "…innen"-Endung, sie ist bereits politisch korrekt in Politik und Medien eingeführt. Im "Gleichstellungskampf" ermöglicht diese Endung allerdings die bewusste Trennung in gute Menschen, sprich: Frauen, und schlechte Menschen, sprich: Männer. Zum Beispiel werden am Wahlabend nur die "Nichtwähler", aber nicht die "Nicht-Wählerinnen" erwähnt, was bei "Liebe Bürger und Bürgerinnen" selbstverständlich ist. Interessanterweise findet diese Doppelnennung im Umgangsdeutsch kaum Anwendung.

Das gehört auch zu einer Ideologie: Sie möchte alle Bereiche des Lebens umfassen, also nicht nur das Arbeitsleben, die partnerschaftlichen Beziehungen, sondern auch die Kultur, die Wissenschaft und nicht zuletzt die Sprache. Da sie alles umfassen möchte, sich in alles einmischen möchte, ist sie im wahrsten Sinne totalitär.

Wenn die Genderideologie tatsächlich totalitär ist, was folgt daraus? Sollte dann der Verfassungsschutz Radikalfeministinnen observieren?

Eckhard Kuhla: Nein, das wäre ein Armutszeugnis für unsere Demokratie. Abgesehen davon hätte ein Verfassungsrichter keine Handhabe für eine solche Überwachung. Der Radikalfeminismus arbeitet unter anderem mit verdeckten Botschaften, mit denen ich ihn nicht fassen und greifen kann. Die einseitige Frauenförderung ist nach Meinung der Experten eindeutig grundgesetzwidrig und das schon seit Jahren. Und die Betroffenen, die Männer, schweigen. So konnte ohne Widerstand eine kleine Gruppe von Frauen anfangen, die Bilder von "Mann" und "Frau" zu zerstören. Diese Bilderstürmerinnen werden aber keinen Erfolg haben, denn sie haben ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der "Wirt" ist in diesem Falle die Bürgergesellschaft, die bisher kaum Gelegenheit hatte, öffentlich auf breiter Basis Gleichstellung und Diskriminierung von Mann und Frau zu diskutieren.

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