Die Todesnacht in Stammheim

18.12.2011

Interview mit Helge Lehmann über blinde Flecken und Widersprüche in der offiziellen Darlegung der Todesumstände von Andereas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe

Am Morgen des 18. Oktober 1977 erwachte Deutschland mit der Nachricht, dass die Entführung der Lufthansamaschine Landshut durch ein palästinensisches Terrorkommando von der GSG 9 beendet sei und daraufhin die in Stammheim inhaftierten Führer der RAF, nämlich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord begangen hätten.

Jahrelang wurde der Kollektiv-Suizid unter anderem von Seiten der RAF-Anwälte wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele in Zweifel gezogen, heutzutage ist dieser - nachdem Stefan Aust sich multimedial dem Baader-Meinhof-Komplex angenommen hatte - common sense. Helge Lehmann stellt die offizielle Version der Todesumstände in seinem Buch Die Todesnacht in Stammheim nun wiederum in Frage. Telepolis sprach mit ihm.

Ach, wissen Sie, ich bin ITler

Herr Lehmann, in Ihrem Buch untersuchen Sie die Todesumstände von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Sie haben in Selbstexperimenten die Zellen und die Kommunikationsanlage nachgebaut, die Lautstärke der Pistolenschüsse gemessen, den jeweiligen Todeszeitpunkt neu berechnet, die verschiedenen Selbstmord-Szenarien nachgestellt und in Plattenspielern und Akten versucht, die betreffenden Schusswaffen so platzieren, dass diese bei einer Kontrolle nicht bemerkt würden. Finden Sie nicht, dass ihre Rekonstruktionsversuche als Ein-Mann-BKA etwas von Conan Doyle und MacGyver haben?

Helge Lehmann: Ach, wissen Sie, ich bin ITler, und da pflegt man methodisch und logisch vorzugehen, im Ernstfall nach der Devise try and error. Und eines der Probleme beim Umgang mit den Ereignissen der Todesnacht in Stammheim ist, dass das BKA solche Überlegungen und Untersuchungen eben nie angestellt hat.

Meine Versuche und Rekonstruktionen habe ich im übrigen nicht allein im stillen Kämmerlein durchgeführt. Bei jedem meiner Versuchsaufbauten hatte ich Fachleute an meiner Seite, die mich entsprechen berieten. So konnte ich bei der Rekonstruktion der Kommunikationsanlage gemeinsam mit einem Elektroniker arbeiten. Die Messung der Schusslautstärke ist allein gar nicht möglich, mindestens zwei Personen wurden hierfür benötigt. Um die Umgebung der Schussversuche möglichst optimal zu wählen, haben wir zeitweise zu dritt darüber diskutiert, um eventuell Unterschiede zum 7. Stock in der JVA Stammheim zu korrigieren.

Im übrigen habe ich keine Zellen nachgebaut, wohl aber mir die Baupläne von Stammheim aus dem Ludwigsburger Archiv besorgt. Damit war ich in der Lage, ein von der Bauweise entsprechendes Gebäude für die Schussversuche auszuwählen. Die Bauunterlagen über den verwendeten Beton zeigen darüber hinaus auch, dass Baader und Raspe bis ans Ende ihrer Tage vergeblich versucht hätten, mit ihren Anstaltsessbestecken Waffenverstecke in diesem Beton anzulegen. Und Schlagbohrer mit Diamantbohrköpfen wurden keine gefunden.

Bei der Ermittlung der Todeszeit hatte ich fachliche Unterstützung durch einen Arzt, in Fragen der verwendeten Waffen und der Spuren, die sie hinterlassen haben, beriet mich ein pensionierter Tatortermittler aus einer Berliner Mordkommission. So bin ich auch mit den Ergebnissen aus dem mir zugänglichen Aktenmaterial vorgegangen. Meine Indizienfunde wurden von meinem Co-Autor, Olaf Zander und dem Lektor des Verlages auf die Goldwaage gelegt. Es war über weite Strecken ein kollektiver Arbeitsprozess und dauerte insgesamt drei Jahre.

Die staatsoffizielle Darstellung der Ereignisse faktisch überprüft

Aber die Frage bleibt doch: Cui bono? Welches Interesse sollten die Staatsorgane an der Füsilierung der RAF-Oberen gehabt haben, während doch in den Reihen der RAF über eine mögliche Schädigung des Staates durch verdeckte Selbstmorde diskutiert wurde...

Helge Lehmann: Von verdeckten Selbstmorddiskussionen hat bisher wohl nur Peter Jürgen Boock berichtet. Dem allerdings glaubt mittlerweile noch nicht einmal mehr die Bundesanwaltschaft ein Wort. Es gab ja nicht nur eine Kontaktsperre nach außen, sondern auch eine unter den Gefangenen. Und die angebliche Kommunikationsanlage konnte technisch nicht funktionieren, wie ich im Buch belege.

Die Frage "Cui bono?" ist mir zu spekulativ, so haben wir nicht gearbeitet. Die Frage, ob es Selbstmord oder Mord war, ist ebenfalls nicht Gegenstand meiner Untersuchung. Ich habe stattdessen die staatsoffizielle Darstellung der Ereignisse faktisch überprüft und bin zu dem nachvollziehbaren Schluss gekommen: Die kann so nicht stimmen.

Eigentlich wäre es nun die Aufgabe professioneller Journalisten mit ihren Mitteln, den Dingen, die ich herausgefunden habe, nachzugehen.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen ein Buch darüber zu schreiben?

Helge Lehmann: Mein erster bewusster Kontakt mit dem Thema Todesnacht in Stammheim war 2006. Zu dieser Zeit suchte ich auf einem Flohmarkt eine Urlaubslektüre, wurde fündig und kaufte mir den "Baader-Meinhof Komplex" von Stefan Aust. Der Inhalt warf schon im Urlaub erhebliche Fragen auf. Vor allem der Abschnitt über die Todesnacht vom 17./18 Oktober 1977.

Wie konnten Anwälte der RAF-Gefangenen angeblich Waffen und Sprengstoff in den sichersten Knast der Welt einschmuggeln? Wie hätten sich die Häftlinge trotz der unglaublich vielen Zellenkontrollen über eine selbst gebaute Kommunikationsanlage verständigen können? Immer mehr Fragen stellten sich mir. Aust schreibt ja so, als ob er bei Gudrun Ensslin auf der Bettkante gesessen hätte. In seinem Buch sind allerdings keinerlei Quellen angegeben. So begann ich bereits im Urlaub, die mir unklaren Passagen zu markieren und fing direkt danach an, mir zu überlegen, wie und woher ich genauere Informationen bekommen könnte.

Die Recherche

Auf welche Quellen haben Sie dabei außer Ihre Eigenversuche zurückgegriffen?

Helge Lehmann: Zuerst besorgte ich mir Bücher zu diesem Thema. Die Liste der verwendeten Literatur findet sich auf der Webseite zu dem Buch. Das genügte natürlich nicht. Und so habe ich im Internet nach Archiven mit Akten zum Thema RAF gesucht. Das erste Archiv, dass ich besuchte, war das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS).

Bei meinem erstem Besuch dort erfuhr ich, dass die Schwester von Gudrun Ensslin, Christiane Ensslin, das Archiv mit den Aktenkopien des Rechtsanwalts Karl-Heinz Weidenhammer, einem Verteidiger der Stammheimer, aufgebaut hatte. In diesem sehr gut strukturierten Archiv konnte ich mir die ersten Akten aus dem Todesermittlungsverfahren kopieren und zu Hause auswerten.

Es folgten weitere Besuche beim HIS, aber auch im Bundesarchiv in Koblenz sowie dem Staatsarchiv in Ludwigsburg. Ich hatte außerdem die Möglichkeit, erstmals auf Aktenmaterial zurückzugreifen, das bis dahin einer 30-Jahre-Sperrfrist unterlegen hatte.

Im Laufe der Zeit gab es Kontakte zu Zeitzeugen, die mir zum Teil interessante Informationen und Hinweise für weitere Recherchen lieferten. Diese konnte ich dann mit den Büchern und den Akten abgleichen. Last but not least gibt es Film- und Tonmaterial, dass ich mir besorgte und in die Recherchearbeit integrierte.

"Die Zahl der Ungenauigkeiten ist hoch"

In welchen Punkten unterscheiden sich die Ergebnisse Ihrer Recherchen fundamental von der offiziellen Darstellung?

Helge Lehmann: Wie der Untertitel von meinem Buch bereits andeutet, muss die offizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren (TEV) im Zusammenhang gesehen werden. Die Liste der Indizien, in denen sich meine Ergebnisse von der offiziellen Darstellung und damit auch vom TEV unterscheidet, ist erschreckend lang.

Angefangen beim Waffenschmuggel über das Mehrzweckgebäude in die Zellen der RAF-Häftlinge, über die Kommunikationsanlage, mit denen sich die Häftlinge zum Selbstmord verabredet haben sollen, bis zu den Waffenverstecken hinter den Sockelleisten in den Zellen. Die Zahl der Ungenauigkeiten, Schlampereien, unterlassenen Tests, zum Beispiel mit den gefundenen Waffen und Projektilen, nicht berücksichtigten materiellen Spuren und Zeugenaussagen im TEV ist hoch.

Ich untersuchte die Schussentfernung bei Andreas Baader neu, ebenso auch bei Jan-Carl Raspe, bei dem die Ermittler kein Schussentfernungsgutachten angefertigt hatten. Ich stellte die Frage, wie kann bei Andreas Baader die von den Ermittlern zum tödlichen Geschoss erklärte Kugel nur noch eine so geringe Restenergie gehabt haben, dass sie direkt neben ihn auf den Boden fiel? Physikalisch eine Unmöglichkeit.

Recht ausführlich gehe ich in meinem Buch auf die Bestimmung der Todeszeit ein, die bereits in den 1970er Jahren hätte genauer bestimmt werden können. Im TEV sind bei der Untersuchung der Tatwaffen nirgends Fingerabdrücke gefunden worden. Weder an den Waffen von Andreas Baader oder Jan-Carl Raspe, noch an dem Anstaltsmesser bei Irmgard Möller, mit dem sie sich ihre schweren Verletzungen beigebracht haben soll. Ebenso konnten keine eindeutig als Schmauchspuren identifizierbaren Partikel an den Hautproben von Baader und Raspe nachgewiesen werden.

Die Telemat-Anlage zur Überwachung der III. Abteilung im 7. Stock war defekt, wie bei einer späteren Untersuchung festgestellt wurde. Es gab keinen Wartungsvertrag für diese computergesteuerte Überwachungsanlage. Trotzdem haben während der Kontaktsperre ab 5. September 1977, also nach der Schleyer-Entführung, angeblich Siemens-Techniker daran gearbeitet. Was genau gemacht wurde, ist nicht feststellbar.

Im TEV konnte ich keine Unterlagen finden, in denen ein Test der Schusslautstärke beschrieben ist. Da im 6. Stock laut der Vernehmungsprotokolle einige Häftlinge in dieser Nacht nicht schlafen konnten, hätte das zu dem Ergebnis geführt, dass diese Häftlinge die Schüsse gehört haben müssten. Auch bei der durch Erhängung zu Tode gekommenen Gudrun Ensslin finden sich eine Menge offener Fragen.

Die Liste der Indizien, die gegen die Darstellung im TEV sprechen ist wesentlich länger. Aber Sie sehen bereits jetzt: die Vorgänge in dieser Nacht müssen in einem neuen TEV untersucht werden und die verschlossenen Akten müssen endlich geöffnet werden. Vielleicht ist mein Buch ja ein Anstoß dazu, auch wenn bisher die Mainstream-Medien beharrlich geschwiegen haben.

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