Pleite von MF Global entlarvt Finanzplatz London als verrottet

10.12.2011

Das Pyramidenspiel der Investmentbanken basiert maßgeblich auf der lockeren britischen Finanzmarktregulierung, die laut ThomsonReuters das unbegrenzte Jonglieren mit Kundengeldern erlaubt

Während der britische Premierminister Cameron den Finanzplatz London vehement verteidigt, tritt der führende Finanzinformationsdienst ThomsonReuters mit einer überraschenden Einsicht an die Öffentlichkeit, die bislang von den Mainstream-Finanzmedien ignoriert wurde: Dass sich nämlich die Finanzmärkte angeführt von der Wall Street zu einem unkontrollierten Pyramidenspiel entwickelt haben.

Diese Ansicht wurde bisher zwar von kritischen Finanzblogs wie "Zerohedge", "Naked Capitalim" (und auch von Telepolis) vertreten, naturgemäß aber nicht aber von den großen Finanzmedien. Die harsche Reuters-Analyse von Christopher Elias bedeutet insofern einen absoluten Dammbruch, der sich allerdings bereits seit der Lehman-Pleite von 2008 anbahnt.

Elias analysiert nun die Pleite des Wall-Street-Brokers MF Global, der von Ex-Goldman-Sachs-Chef und Ex-Gouverneuer Jon Corzine geleitet wurde. Der erklärte letzten Donnerstag zwar vor einem Ausschuss des US-Kongresses, dass die offenbar fehlenden rund 1,2 Milliarden Dollar an Kundengeldern auf für ihn undurchschaubare Weise (vom Tagesgeschäft habe er wenig Ahnung) erst in den letzten, chaotischen Tagen vor dem Zusammenbruch verschwunden wären. Er selbst "sei am Boden zerstört" und habe "keine Ahnung", wo die Gelder wären, und es tue ihm so leid.

ThomsonReuters ist allerdings anderer Meinung und behauptet, dass es sich beim Vorgehen von MF-Global, aufgrund dessen nun alle Kundengelder eingefroren sind, um eine an den Finanzmärkten allgemein übliche Praxis handle, die noch dazu rechtlich weitgehend legal sei.

Hintergrund ist ein Marktsegment, das zwar schon während der Lehman-Pleite zu unrühmlicher Bekanntheit gelangt war (Was führte zur Lehman-Pleite?), von den Regulatoren seither aber weiterhin kaum beachtet wurde: Der Repo-Markt ("Repo" von "Repurchase Agreement", Engl. für "Rückkaufvereinbarung"), der vermutlich das wichtigste Bauelement des weltweiten Schatten-Banksystems darstellt. Denn über den Repomarkt (siehe ausführlicher Collateral Damage – Unsichere Sicherheiten) können Wertpapiere unmittelbar in billige Liquidität verwandelt werden, indem sie pro forma verkauft und fix ein Rückkauftermin vereinbart wird. Auf diese Weise vergibt übrigens auch die EZB den Großteil ihrer Kredite an das Bankensystem, wobei sie – da vielen Banken offenbar die Sicherheiten für EZB-Kredite ausgegangen sind – seit Donnerstag die Bandbreite an EZB-fähigen Sicherheiten erheblich ausgeweitet hat und neuerdings auch (im Ermessen der nationalen Notenbank) vergebene Privatkredite als Sicherheiten annimmt.

Auch im privaten Repogeschäft bekommen die Geldgeber Wertpapiere übereignet, die sie erst am Rückkauftermin wieder bereitstellen müssen. Bis dahin liegt es in ihrem Ermessen, was sie mit diesen Papieren machen, deren Zins-Coupons allerdings beim Kreditnehmer verbleiben. Folglich liegt es nahe, sie ihrerseits auf die Reise zu schicken und gegen Liquidität zu tauschen, die wiederum für Investitionen zur Verfügung steht. Dem Kreditgeber, steht es nun frei, mit den übernommenen Wertpapieren ebenso vorzugehen, woraus sich ein enormes Leverage ergibt. Das alleine ist freilich weder geheim noch neu.

Was die MF Globale-Pleite jetzt aber gezeigt hat, ist nicht nur, dass die weltweit verfügbaren Sicherheiten mehrfach für Kredite verwendet werden können, sondern dass die Broker und Investmentbanken die Wertpapierbestände ihrer Kunden für eigene Zwecke riskieren dürfen, die eigentlich in Sicherheit auf streng separierten Kundenkonten liegen sollten.

Laut Reuters nutzte MF Globale dabei ein Schlupfloch der britischen Regulierung, um Kundenvermögen über die sogenannte "re-hypothecation" für eine eigene 6,3 Mrd.-Dollar-Investition in Schulden der Eurozone-Krisenstaaten einzusetzen. Das funktioniert nach einem einfachen Schema. So halten Investoren, die ihre Vermögen bei einer Investmentbank anlegen, in der Regel auch Positionen, die sie teilweise mit Krediten des Brokers finanzieren. Diese Besicherung von Investmentpositionen durch Wertpapiere wird "hypothecation" genannt, wobei die "re-hypothecation" bedeutet, dass die Investmentbank, die diese Sicherheiten annimmt, diese selbst für eigene Finanzgeschäfte einsetzen kann, etwa im Repogeschäft oder als Sicherheit für Derivativgeschäfte.

Reuters bringt das Beispiel eines Investors, der Vermögenswerte von 500 Mio. Dollar hält, aber nur über ein Nettovermögen von 300 Mio. Dollar verfügt, da er sein Portfolio im Ausmaß von 200 Mio. Dollar über einen Brokerkredit finanziert hat. Der Broker darf sich diese Wertpapiere in den USA völlig legal (laut der "Regulation T" der Fed und der Regelung "15c3-3" der SEC) im Ausmaß von bis zu 140% der Kundenfinanzierung aneignen und nach Belieben für eigene Finanzgeschäfte verwenden ("re-hypothecate"), in diesem Fall also bis zu 280 Mio. Dollar. Während also auch in den USA schon fast das gesamte Nettovermögen eingesetzt werden könnte, bestehen in Großbritannien dahingehend überhaupt keine Limits, sofern sie nicht extra mit dem Kunden vereinbart werden, was in der Regel nicht geschieht.

Dementsprechend haben die großen US-Brokerfirmen und Investmentbanken – so wie auch etliche europäische Universalbanken - weite Teile ihrer Kundenvermögen an Londoner Töchter ausgelagert. Diese Töchter generieren nun Finanzierungspools die für die eigenen Geschäfte der Bank bereitstehen, ohne dass auch nur die ohnehin laxen US-Regulierungsvorschriften beachtet werden müssen.

Der wunderbare Hebel

Laut Berechnungen des IWF hatten sich US-Banken bereits vor der Lehman-Pleite rund vier Billionen Dollar durch solche "re-hypothecations" finanziert, wodurch laut Reuters rund die Hälfte der Aktivitäten des globalen Schatten-Banksystems (also die Finanzgeschäfte, die sich außerhalb der Bilanzen des regulierten Bankensystems abspielen) auf derartige Geschäfte entfiel. Da die dafür als Sicherheiten dienenden Wertpapiere dabei aber mehrfach verwendet werden, schätzt Reuters, dass für dieses Finanzierungsvolumen nur rund eine Billion Dollar an Sicherheiten tatsächlich vorhanden ist.

Die US-Kunden von MF Global (darunter viele hochprofessionelle Privatinvestoren und Hedge Fonds) hatten dabei allerdings den Geschäftsbedingungen zugestimmt, die standardmäßig einer Re-hypothecation-Klausel enthalten, wonach MF Global das Recht eingeräumt wurde, alle Sicherheiten, die die Kunden für bestimmte Geschäfte bereitstellen, nach Belieben und ohne die Kunden zu informieren, für eigene Zwecke verwenden zu dürfen. Oft werden mit der im Repoverkehr erhaltenen Liquidität schlicht weitere Wertpapiere erworben, die wiederum in Liquidität verwandelt werden können. Dieses simple Spiel wird letztlich nur dadurch begrenzt, dass auf Wertpapiere ein Sicherheitsabschlag verrechnet wird, der das maximale Leverage begrenzt.

Laut Reuters sind die Summen, mit denen manche Banken arbeiten, gewaltig. Dabei erscheinen die 28,17 Mrd. Dollar, die Goldman Sachs laut Reuters in solchen Geschäften zuletzt eingesetzt haben soll, noch vergleichsweise bescheiden, immerhin kommen JP Morgan auf 546,2 Milliarden und Morgan Stanley auf 410 Milliarden Dollar.

Laut Reuters potenziere dieses System die Gefahr, die von Europa auf das globale Finanzsystem ausgeht. So würden US-Banken zwar nur 181 Milliarden Dollar an Anleihen der PIGS-Staaten halten, ihr tatsächliches Engagement sei aber ein Vielfaches höher. MF Global war offenbar nicht groß genug, um das gesamte Kartenhaus zum Einstürzen zu bringen. Sollte aber tatsächlich Kundenvermögen zur Finanzierung von Corzines eigener Wette auf die Eurozone verwendet worden sein, wäre laut Reuters zumindest anzunehmen, dass kaum ein Investor sein Vermögen wiedersehen werde.

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