Facebook: die neue Kirche?

08.01.2012

Wie aus Freiwilligkeit eine Gemeinschaft der Zwänge entsteht

Mehr als 80 Prozent der Facebook-Nutzer haben ihren Klarnamen angegeben. Mark Zuckerberg weiß, warum: Sie teilen gern ihre Informationen. Fast schon ein christlicher Akt, unter Brüdern und Schwestern. Haben sie keine Angst vor dem Verlust des Privaten? Oder empfinden sie gar eine Lust an der persönlichen Preisgabe im Chor der Gemeinde? Die meisten kennen das Geschäftsmodell von Facebook im allgemeinen, kümmern sich aber nicht im einzelnen um die Verästelungen und Bündelungen der Datenwege, die an ihnen vorbeilaufen, während sie einspeisen. Sie wissen es, aber sie tun es trotzdem. Der Schleier der Intransparenz des Web2.0 filtert ihre Bedenken. Sie sagen: Wir können sowieso nichts dagegen tun.

Wie kommt es zu dieser traumatisierten Haltung? Sicher nicht allein dadurch, dass Zuckerberg, the boy next door, sagt: "Sie trauen mir, diese Idioten." Wieso verplauscht man sich im Web, nur um sich, kaum dass man (die Zeit) bereut hat, aufs Neue zu verplauschen? Der Sozialphilosoph Adorno hat schon für das 20. Jahrhundert Kommunikation negativ definiert: Alle reden, nur nicht miteinander. Ein indifferentes Rauschen. In der Kompression zu einer ubiquitären Raumzeit, die uns ortlos macht, ist Einsamkeit nur durch pausenloses Reden, die alte Angstbewältigung, zu ertragen. Ist da wer? Es ist die Selbstvergewisserung, wenn nicht Selbstverliebtheit des Narziss, der im Spiegel des Wassers und im Echo seiner Worte nicht erkennt, dass sein Gegenüber er selbst ist.

Im Netz können wir alles selbst: Wir edieren unsere Texte und Photographien, formieren uns zu Aufläufen und stürzen Regimes. Wir dürfen uns ermächtigen. Aber wie dem antiken Narziss Gesellschaft fehlt, ersetzen uns die Sozialen Medien etwas, das schon lange vom "Aneinander-vorbei-Reden" geprägt ist: die Familie. Die Psychoanalyse nennt diesen Vorgang Ichidealersetzung. Alte Ohnmachten werden durch stärkere eingetauscht. Alle dürfen an allem teilhaben in der losgelassenen Brüder- und Schwesternhorde. We live in a free Web Country. Wir. Das ist der Corporate Sound.

Einer langen Tagung kurzer Sinn: ein "Scribing" von Lucia Fabiani zum ITAFORUM 2011

Es ist wie in Kafkas "Schloss". Der Wunsch dazuzugehören, verlangt Hörigkeit. Man begehrt durch einen Klick Einlass und ist schon als Wiederholungstäter erkannt, nun auch per Foto. Und gibt es ein besseres Marketing als die Empfehlung durch unsere Freunde, die den "Gefällt-mir"-Button betätigen?1 Wer sind unsere Freunde? Nach einer Untersuchung kommen pro Nutzer auf 130 Facebook-Finde-Freunde 6,6 echte. Wer aber ist unser bester Freund? Wir selbst, siehe oben. Wir befinden uns im Vorhof der Werbung, wo, wie Vance Packard2 schon vor Jahrzehnten herausgefunden hat, umgänglich, vergnüglich und scheinbar wertfrei die Fragen beantwortet werden: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie will ich geliebt werden? Von wem? Was kann ich tun?

Auf einer vom Forschungsministerium organisierten Tagung zu IuK-Technologien schlug Karin Frick vor, statt die großen Datensammler als "Big Brother" zu verteufeln, lieber von "Big Mother" zu sprechen. Wir erhalten Rat im Netz, wenn wir krank sind und wenn wir einkaufen wollen. Wir werden umhegt und umpflegt. Frick vergaß hinzuzufügen, dass das unterschwellige Thema der sorgfältigen Betreuung und Beschenkung das wichtigste Einfallstor der Werbung ist, die uns allgemein-menschlich anspricht. Aber: "Du bist nicht der Kunde in diesem (Social Web)-Geflecht, der Kunde ist die Werbewirtschaft. Du selbst bist das Produkt."3

Gerne wird von der "Schnittstelle Mensch" gesprochen. Die eigentliche Schnittstelle jedoch, gegenläufig zu der des Übergangs von Realität in Virtualität, ist der Umschlag sozialer Beziehungen in Dinge, die handhabbar werden. Sei es, dass wir angeschlossen werden ans Netzwerk der Dinge in der ubiquitären Stadt , sei es, dass unser Denken zur Schaltkreisfunktion des kollektiven Weltgedächtnisses wird. Was suchen die neuronalen Forscher eigentlich im menschlichen Gehirn? Sie sollten außerhalb suchen. Schon Konrad Zuse ahnte: Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.

Wie alles anfing: der erste von Konrad Zuse erbaute Rechner (1938). Unter der Hardware: Staubsaugermotoren und Laubsägearbeiten. Bild: Privatarchiv Horst Zuse

Hilft es, uns als Teilnehmer an der "Gated-Web-Community" zu schützen, indem wir uns eine Fake-Identität zulegen? Die Datenschutzbeauftragte Marit Hansen weist darauf hin, dass solche Nutzer, indem sie sich in Sicherheit wiegen, beim Surfen um so unvorsichtiger werden. Sie werden allein dadurch manipuliert, dass sie glauben, nicht manipulierbar zu sein. Einschränkungen der Funktionen von Facebook auf kleinere Kommunikationsräume, um die Privatsphäre zu erhalten, muss sich der Nutzer erst im Dschungel der Bestimmungen erarbeiten, denn sie sind nicht im Sinne des Erfinders.

Aber diese Art von Wahlfreiheit ist zugleich ein nützliches Argument für Facebook. Wenn sich Datenschützer an der Weitergabe von Daten an Dritte stören, kontert Facebook, es seien schließlich die Nutzer selbst, welche die Daten hochgeladen und mit entsprechenden Öffnungsklauseln versehen hätten. Die Beweislast wird umgedreht: "Selber schuld!" Zwischen überforderten Datenschützern und einem hemdsärmeligen Innenminister rutschen die Global (Web-)Player hindurch. Für die Hemdsärmeligkeit gibt es Indizien. Dem Minister scheinen die Praktiken des gewerblichen Sammelns und Streuens von Daten nicht unrecht zu sein, weil sich die Sicherheitsbehörden "dahinter klemmen". Das ist das nächste Dilemma: Ist der Staat der adäquate Garant eines Datenschutzes, den zu verletzen er selbst geneigt ist, wenn es um seine eigenen Überwachungszwecke geht? "Staatstrojaner" - das Wort ist so apart wie der Code lang ist.

Vom Husten zum Tsunami

Die "Big Dater" heften sich - mit Hilfe von Cookies - an die Spuren unserer Netzreisen, und die Akkumulation von Daten setzt sich allmählich zu einem persönlichen Dossier zusammen. Das bezieht auch Nicht-Mitglieder von Facebbook ein, aber die Wirksamkeit der Methode besteht darin, bei Nutzerschichten anzusetzen, deren emotionales Surf-Motiv ein Hybrid aus Selbstverliebtheit und Gekränktheit ist. Wer kann jedoch behaupten, davon gänzlich frei zu sein? Demnach wäre es die potentielle Mehrheit, die wiederum freiwillig zur Erstellung ihres jeweiligen Sozial- und Psychoprofils beiträgt. Was dabei andere im Netz über einen verbreiten, überlagert allmählich das, was er selbst von sich kund tut, bis er unbewusst das Fremdbild übernommen hat. Sein ist Wahrgenommen-Werden. Das Online-Bild dominiert das Offline-Bild. Das Bild verschluckt die Realität.

Für einen Facebook-Ausstieg aus eigener Kraft ist es dann zu spät. Vor 80 Jahren schon hat der Soziologe Alfred Schütz ein gesellschaftliches Verhaltensmuster des Individuums skizziert, welches sinngemäß das Web-Zeitalter vorwegnahm: Ich gebe mich so, wie ich meine, dass die anderen mich sehen. Aber, müsste angeschlossen werden, im Resultat gibt es den Einen und den Anderen nicht mehr. Alle sind "generalisierte Andere" geworden. Alle sprechen dieselbe Weltsprache, den Jargon des "generalisierten Anderen". Bereits anlässlich der ersten Transatlantik-Telegrafenkabel, welche die Alte mit der Neuen Welt durch Beschleunigung der Übertragung zum globalen Dorf zusammenrücken ließen, schrieb H.D. Thoreau: "Vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten."4 Hat heute die ganze Welt den Husten?

Der BigBrotherAward, der Oscar für Datenkraken, ging 2011 in der Kategorie Kommunikation an Facebook; ein weiterer an Apple. Bild: Thorsten Möller / FoeBud

"Facebook gegen jedes Unrecht" verkündeten Transparente der "Facebook-Revolution" in den arabischen Ländern. Das Social Web bot die demokratische Plattform. Aber nicht der politische Inhalt, sondern "das Medium ist die Botschaft", so Marshall McLuhan. Die digitalen Tsunamis, die die Massen zur Aktion auf die Straße trieben, unterscheiden sich der Form nach nicht von Kampagnen im Zeitalter der "Mass Customization", Ernüchterung am "Tag danach" inbegriffen. Produktkampagnen sind am besten zu führen, wenn sie mit Kampagnen von Mensch zu Mensch unterfüttert und gesteuert werden. An dieser Stelle kamen Verschwörungstheorien auf. Steckt die CIA dahinter? Kaum, aber Verschwörungstheorien bestätigen sich jeweils selbst. Sie sind die vermeintliche Enthüllung einer Verhüllung. Aber die Enthüllung erliegt ihrerseits der Aura der Verhüllung: Der enttarnte "altböse Feind" (bei Luther der Teufel) bleibt mystisch und mächtig, um so bedrohlicher.

Und was wäre, wenn die CIA selbst das Gerücht ihrer Beteiligung gestreut hätte, auf dass es dementiert werde? Die Informationsangebote der Webs werden in einen unentwirrbaren Spiralnebel aus Aufdeckung und Desinformation hineingesogen. Es ist wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel. Die Täuschung ist schneller. Die Urheber oder Quellen der Neuigkeiten werden unkenntlich, indem Behauptungen von irgendwoher aufgestellt und durch Wiederholung oder Nachahmung bestätigt werden. Dieses Schema ist aus der Vorurteilsforschung bekannt. Das Schwert des arabischen Protestes richtete sich schließlich gegen die Massenbewegung selbst. Jeder Facebook-Demonstrant durfte sich als Teil des Ganzen fühlen, aber das Ganze entpuppte sich als eines: der Staat mit seinen Organen der Überwachung und Repression, welche die digitalen Spuren der Massenbewegung bis zu den "Drahtziehern" zurückverfolgten. Im Verhör waren deren Freunde den Vernehmern schon bekannt. Das Freunde-Finde-Spiel.

Der erste Nerd der Welt? Horst Zuse, heute Informatik-Professor, spielt 1949 an der Rechenmaschine Z4 seines Vaters. Bild: Privatarchiv Horst Zuse

Schließlich bieten die Sozialen Netzwerke drei Errungenschaften an, die über die bürgerliche Gesellschaft und die formale Demokratie hinausgehen:

  1. Überwindung von Scham und Peinlichkeit. Der Nutzer hat im Chatroom das Gefühl, nicht so schnell in verfängliche Situationen zu geraten. Niemand braucht sich zu genieren. Ein ungenierter Voyeurismus bildete auch den Startschuss zu Zuckerbergs Karriere (Facemash). Die Folgen sind unabsehbar, hat Norbert Elias doch gerade Scham, Peinlichkeit und die Intimität persönlicher Räume als Entstehungsmerkmale unserer Zivilisation ausgemacht.
  2. Die allgemeine Verfügbarkeit. Das Wissen, auch das Wissen über die anderen, ist sofort zur Hand und dient der Selbstbestätigung durch Kontrolle über das Tun der Gemeinde-Mitglieder. Die Technik beflügelt die Phantasie, bis sie allmächtig scheint. Es ist eine Unsterblichkeitsphantasie. Selbst wenn alle Stürze im Alter per Sensoren an die Zentrale gemeldet werden, wird der reale Prozess zunehmender Einsamkeit, Sterben genannt, durch die Virtualisierung des Lebens nicht leichter werden. Das Altern der Generation Facebook wird zum Trauma, die Virtualität plötzlich durchschlagend.
  3. Die Mach-Mit-Gesellschaft. Die Offerten des Mitmachens sind meist so strukturiert, dass das vom Anbieter Gewünschte herauskommt, und der Nutzer gibt auch hier spielerisch seine Daten zum Besten. Einen Höhepunkt des Interagierens ließ sich ein großer Frikadellenbrater einfallen: "Baue deinen Burger und werde berühmt." Wie dichtete Bertolt Brecht? "Nur die allerdümmsten Kälber bauen ihren Burger selber." Oder so ähnlich.
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