Angst vor dem Absturz und der kulturellen Vielfalt führt zum Hass auf Minderheiten

13.12.2011

Nach dem Abschlussbericht der Studie über die "Deutschen Zustände" leben wir in explosiven Zeiten, weil Unsicherheit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtspopulismus und Gewaltbereitschaft verstärkt

Seit 10 Jahren erforscht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld die "Deutschen Zustände" nach den Zeichen und der Präsenz von "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" (GMF). Darunter werden neben Fremdenfeindlichkeit Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie verstanden, also Formen der Abwertung identifizierbarer Gruppen von Menschen, die nicht als gleichwertig betrachtet werden, weil sie irgendwie anders, fremd oder "unnormal" sind. Eingebettet wird die Frage, wie viel Vielfalt oder Multikulturalismus eine Gesellschaft akzeptiert oder aushält mit der, was eine Gesellschaft zusammenhält (siehe auch: Sind die Deutschen "ausgesprochen fremdenfreundlich" oder gibt es eine "anhaltend menschenfeindliche Situation" in Deutschland?).

Gestern wurde der abschließende zehnte Band der Studie vorgestellt, für die jeweils jährlich eine repräsentative Auswahl von 2000 Menschen telefonisch befragt wurden, und konstatiert, dass sowohl Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, beispielsweise gegenüber Sinti und Roma, als auch die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen und Behinderten zugenommen haben. Zurückgegangen sind hingegen die Islamfeindlichkeit nach einem Peak im Jahr 2010, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie. Gleichwohl sagen weiterhin mehr als 30 Prozent, sie fühlten sich durch die Anwesenheit der Muslime im Land manchmal wie Fremder (2010: 38,9%) und sind islamfeindliche Aussagen nun wieder auf dem Stand von 2003. Und 54 Prozent meinen, wer neu im Land ist, müsse sich erst mal mit weniger zufrieden geben (2010: 64,7%). Und 29, 3 Prozent sagen, man solle die in Deutschland lebenden Ausländer in ihre Heimat zurückschicken, wenn Arbeitsplätze knapp werden (2010: 24,%). Der Wunsch nach einer homogenen Wir-Gesellschaft zeigt sich daran, dass 47 Prozent der Ansicht sind, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. Das sind zwar weniger als 2002, für die Forscher ist die Veränderung aber nicht signifikant. Klar ist jedoch, dass die GMF keine Randerscheinung ist, sondern aus der Mitte der Gesellschaft, aus der vom Absturz bedrohten Mittelschicht, kommt (Die Verrohung der Mittelschicht).

Die GMF wird wie bei einer Krankheit auch als "Syndrom" bezeichnet. Das legt nahe, dass bei aller Vielfalt der Symptome unterstellt wird, es gebe eine gemeinsame Erklärung für GMF, was wiederum bedeuten müsste, dass es zufällig ist, wie sich die GMF bei den Menschen ausprägt, und dass bei einem Fehlen der Ursache das Syndrom nicht oder nur höchst marginal auftreten dürfte. Die Hypothese der Studien war, dass soziale Unsicherheit oder Desintegrationsängste die Menschen, da ihnen keine soziale Anerkennung zuteil wird oder sie zu wenig erhalten, zum GMF-Syndrom, also zur Abwertung von Menschengruppen bzw. zur eigenen Überhöhung, zur Gewaltlegitimation und zum Rechtsextremismus treiben kann. Letzterer geht einher mit einer Ablehnung der Demokratie und der Neigung zu einem autoritären System. Vieles erinnert etwa an die These vom autoritären Charakter.

Die Forscher gehen jedenfalls davon aus, dass das von ihnen untersuchte Jahrzehnt in allen Hinsichten - im politischen, sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Bereich und auch in dem der Lebensstile - als "entsichert" beschrieben werden könne und verweisen dabei etwa auf "Signalereignisse" wie den 11.9. und die Islamfeindlichkeit, Hartz IV und die Ängste vor dem Abstieg sowie die Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise. Für die Desintegration spreche, dass zwischen 2002 und 2006 die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor geringerem Lebensstandard oder vor der Zukunft zugenommen habe. 2011 sagen immerhin schon 56 Prozent, dass der Zusammenhalt der Deutschen gefährdet sei, und 74 Prozent sehen die Gesellschaft allmählich auseinanderfalle. Instabilität sei in der Dauerkrise zur Normalität geworden, das Vertrauen in die Politik und Demokratie sinke, während das Gefühl der Machtlosigkeit steige. Gleichzeitig herrsche eine "Mentalität der Besserverdienenden", die die soziale Spaltung verstärke, gleichzeitig breite sich eine "Ökonomisierung des Sozialen", in der Gruppen als nutzlos oder ineffektiv, also als minderwertig herabgestuft werden, wie dies auch der faschistischen Ideologie eigen war.

Die Ideologie einer homogenen Gesellschaft ist die größte Bedrohung

Belegt wird von der Auswertung der Umfrage, dass die Menschen, die Deutschland als überfremdet empfinden (50%) oder die zu viele kulturelle Unterschiede für einen Zusammenhalt als schädlich betrachten (37%), sich auch eher als benachteiligt oder krisenbedroht sehen: "Gefühle des Ausschlusses, der Vereinzelung und Desintegration gehen mit Verunsicherungen über den Zustand (der Gesellschaft) einher." Gleichzeitig sehen sich diese Menschen natürlich auch bedroht von den Anderen und Fremden, über die man sich stellt, um sie zu degradieren. Wer sich durch kulturelle Vielfalt bedroht sieht und der Ideologie einer homogenen Gesellschaft anhängt, wertet bestimmte Gruppen stärker ab und zwar alle, die von der Umfrage erfasst wurden. Interessant wäre gewesen, ob die Abwertung auch bestimmte Gruppen in herrschenden Eliten betrifft (Reiche, Banker, Politiker etc.), aber das war leider nicht die Fragestellung. Allerdings hätte sie das Bild abgerundet, denn eine Schlussfolgerung der Autoren lautet:

Erst die Ideologie der gleichförmigen Gesellschaft überführt die Bedrohung des Zusammenhaltes der Gesellschaft in die Ungleichwertigkeit.

Zuvor war die Rede von einer "homogenen Volksgemeinschaft", auf die der Begriff der "gleichförmigen Gesellschaft" wohl Bezug nimmt. Nimmt der aus Ängsten vor dem Zerfall der Gesellschaft und allgemein vor der Destabilisierung getriebene Anhänger einer "homogenen Volksgemeinschaft" eine höchst hierarchische und ungleiche Volksgemeinschaft in Kauf, was mit dem Hang zum autoritären Regime der Fall zu sein scheint? Oder richtet sich die Sündenbockstrategie bzw. die Strategie, durch Abwertung der noch Schwächeren sich selbst zu erhöhen, auch gegen die sozialen Machtstrukturen?

Immerhin billigen zwischen 10 und 20 Prozent Gewalt (19 Prozent stimmen der Aussage zu: "Wenn sich andere bei uns breit machen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist"), während 11 Prozent befürworten, dass man manchmal Gewalt einsetzen muss, um nicht den Kürzeren zu ziehen. Das Gewaltpotenzial sei zwar nahezu seit 2002 unverändert, es sei aber wieder ein leichter Anstieg seit dem letzten Jahr festzustellen. Zwar sind jüngere Menschen eher zur Gewalt bereits, die Billigung der Gewalt ist aber unter den Älteren höher. Das ergänzt sich also und zeigt, dass die Jungen mitunter das ausagieren, was sie sich die Älteren nicht zu tun trauen, aber für gut heißen. Dabei steigen Gewaltbilligung und -bereitschaft, je stärker die Menschen rechts orientiert sind. Das Gewaltpotenzial ist sogar in der politischen Mitte höher als bei denjenigen, die eher links oder links sind. Die Befürwortung von Gewalt hängt zudem direkt mit der GMF zusammen.

Tröstlich mag erscheinen, dass der Rechtspopulismus an Attraktivität eingebüßt hat, allerdings ist die Islamfeindlichkeit nicht zurückgegangen. Als bedenklich sehen es die Autoren, dass die zum Rechtspopulismus Neigenden fast durchweg sagen, dass sie keinen Einfluss darauf haben, was die Regierung macht, woraus gefolgert wird, dass die politische Entfremdung zunimmt und die parteipolitische Integration schwindet. Überdies sei hier die Protest- und Gewaltbereitschaft gestiegen. Es könnte also von dieser Seite her gefährlicher werden.

Erstaunlich ist, dass man bei Politically Incorrect oder bei der Ein-Themen-Partei Die Freiheit zu den Ergebnissen der Studie bislang ebenso schwiegt wie bei der NPD, obwohl die Studie doch vornehmlich die Szene analysiert, von der die Rechtspopulisten und die Rechten ihre Anhänger holen. Vermutlich gehen die von den Autoren gezogenen Zusammenhänge den Ideologen der Rettung des Abendlandes und der Islamfeindlichkeit doch zu nahe, zumal Rechtspopulismus heute eben heißt, vom Antisemitismus zum Antiislamismus übergewechselt zu sein, während man die USA, Israel und irgendwie den Kapitalismus schätzen kann, aber politisch wird es bei den Rechtspopulisten sowieso ziemlich dünn..

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Hochwertiger Kaffee und Espresso aus Costa Rica: Die Telepolis-Edition für unsere Leser

Anzeige
Anzeige

"Es wird wieder einen Crash geben"

Sahra Wagenknecht über Kapitalismus und Marktwirtschaft

Die berechnete Welt Eine kurze Geschichte des Quantencomputers Dein Staat gehört Dir!
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • Wissenschaft
  • >
  • Angst vor dem Absturz und der kulturellen Vielfalt führt zum Hass auf Minderheiten