Die Unsichtbaren der französischen Nuklearindustrie

03.01.2012

Die "Sklaven" der Kernenergie, die in den 19 Atommeilern ihre Gesundheit aufs Spiel setzen

Über 22 000 nukleare "Nomaden" zählt das französische Atomstromland, welche nicht für den staatlichen Stromkonzern EDF arbeiten, sondern für Privatunternehmen, den "Sous-Traitant" (Sub-Unternehmer). Diese privaten Nukleararbeiter ziehen von Atommeiler zu Atommeiler, um gesundheitsgefährdende Wartungsarbeiten vorzunehmen - wie z.B. Brennstäbe an zu diesem Behufe vorübergehend abgeschalteten Reaktoren auszutauschen. Seit den 1980er Jahren hat die EDF nämlich den Dreh heraus: Man lagert die Risiken für offizielle EDF-Mitarbeiter ganz einfach aus und delegiert hochriskante Unterfangen - wie z.B. in die Abkühlbecken der Reaktoren zu tauchen - an Privatunternehmen aus.

Mittlerweile arbeiten fast genau so viele Nukleararbeiter für Privatfirmen wie für die staatliche EDF. Diese privaten Nukleararbeiter wurden von manchen Gesundheitsexperten abfällig "REM-Fleisch" getauft!

Nomaden in Campingcars

Menschliches Fleisch also, das die EDF nach Gutdünken verstrahlen kann? Es sind diese nuklearen Nomaden, die für die Wartung der 19 französischen Kernkraftwerke mit ihren 58 Reaktorblöcken sorgen und von Reaktorabschaltung zu Reaktorabschaltung reisen. Manche private Nukleararbeiter bleiben allerdings auch ganzzeitig vor Ort. Während der betroffene Reaktor zu Wartungszwecken abgeschaltet wird, bleiben die fahrenden Nukleararbeiter ebenfalls vor Ort und hausen in ihren Campingcars oder billigen Unterkünften. Bis zur nächsten Abschaltung irgendwo im französischen Nuklearland.

Es sind diese von der Öffentlichkeit kaum bis gar nicht wahrgenommenen privaten Nukleararbeiter, die laut den Kernkraftgegnern von Sortir du Nucléaire 80 Prozent der jährlich "erlaubten" Dosen an Radioaktivität abbekommen. Für EDF-Angestelle verbleiben solchermaßen "nur noch" 20 Prozent der Strahlenbelastung.

Ob es auch private Nukleararbeiter waren, die bei einem Unfall im September in einer Wiederaufbereitungsanlage in der Nähe der Atomanlage im südfranzösischen Marcoule beteiligt waren, der einen Toten und vier Schwerverletzte gefordert hat, ist nach wie vor unklar. Doch die französische Atomindustrie geizt nicht mit solcherlei Zwischenfällen.

Kernkraftwerk Fessenheim. Bild: Florival fr. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Ende November z.B. musste einer der beiden Reaktoren des ältesten Kernkraftwerkes Frankreichs, Fessenheim (Inbetriebnahme 1977!), für drei Tage abgeschaltet werden. Ein Knie in einer Röhre, durch die Wasserdampf zirkuliert, musste ausgetauscht werden.

Waren "Unsichtbare" an den jüngsten Zwischenfällen beteiligt? EDF wird die Unsichtbaren gewiss weiterhin im unsichtbaren Bereich belassen. Jedenfalls arbeiteten die Männer, die im September verletzt oder getötet wurden, für eine Filiale der EDF. Der Schmelzofen für wenig radioaktiv verstrahltes Material, der explodiert war, enthielt 67 000 Becquerel, wie die Präsidentschaftskandidatin der Grünen, Eva Joly, berichtete.

Fortschritt und Gefahren

Es ist auch die ehemalige Untersuchungsrichterin Eva Joly, die zur Zeit einen Kompromiss mit den Sozialisten zum Thema Ausstieg aus der Nuklearenergie verweigert, denn die Nuklearenergie sei "eine Energieform, die der Vergangenheit angehört". Daran festzuhalten sei "archaisch". Der Präsidentschaftskandidat des PS, François Hollande, will den Anteil der Nuklearenergie im französischen Energiepaket von derzeit 75% auf 50% reduzieren. Diese "progressive" Drosselung der Kernenergie soll bis 2025 vor sich gehen, wie er in der Tageszeitung Le Monde seine Vorstellungen zur energetischen Zukunft des Atomstromlandes darstellt.

Es ist bereits abzusehen, dass die Präsidentschaftskampagne 2012 von der Rolle der französischen Kernenergie nach Fukushima geprägt sein wird. Präsident Sarkozy klagt die Sozialisten und Grünen der "Verantwortungslosigkeit und gar des Staatsverrats" an, indem sie angeblich den Atomausstieg predigen:

Es ist nicht der Zeitpunkt zum Mittelalter zurückzukehren noch zur Epoche der Kerzen. (...) Sollen wir nunmehr das einzige Land sein, das dem Fortschritt den Rücken kehrt?

Sarkozy lobte an anderer Stelle die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, aber in Sachen Energiepolitik seien die Deutschen mit ihrem Ausstieg ebenso verrückt wie die französische Linke:

Seit wann besteht ein Tsunami-Risiko in Bayern?

Radioaktive Sklaverei

Kerzenbeleuchtung und bayerische Tsunamis hin oder her, während die Präsidentschaftskampagne 2012 offensichtlich bereits tobt, sorgen die größtenteils privaten Nukleararbeiter weiterhin klammheimlich und fernab von der Öffentlichkeit mit ihren Wartungsarbeiten in den Reaktoren für die Sicherheit der französischen Atomkraftwerke. Diese "Unsichtbaren" tauchen natürlich nicht in offiziellen Gesundheitsstudien und Statistiken auf, sind sie doch praktischerweise unsichtbar.

Obendrein werden diese privaten Nukleararbeiter schlechter bezahlt, sind schlechter ausgebildet und haben eine schlechtere Gesundheitsversorgung als ihre EDF-Kollegen. Denn während sich ein EDF-Kollege einer Gesundheitsversorgung durch Mediziner, die auf die gesundheitlichen Folgen der Arbeit in einer radioaktiv verseuchten Umgebung spezialisiert sind, erfreut, wird ein privater Nukleararbeiter von ganz normalen Arbeitsmedizinern versorgt. Schlimmer noch: Manche von der radioaktiven Belastung sichtlich überforderten Arbeitsmediziner bezeichnen die nuklearen Nomaden gar als REM-Fleisch, nach jener nicht mehr gebräuchlichen Messeinheit für die abbekommene Ionendosis, die von den Sievert abgelöst wurde.

Die Wissenschafterin Annie Thebaud-Mony, vom staatlichen Gesundheitsforschunginstitut Inserm meint, dass die Art und Weise, wie die privaten Nukleararbeiter eingesetzt werden, "im Herzen der französischen Gesellschaft eine neue Form von Knechtschaft und Sklaverei darstellt".

Zudem würde das praktische System der Auslagerungen an Privatunternehmen, dem Auftraggeber EDF jede direkte Konfrontation, sprich mögliche Forderungen von Seiten der nuklearen Nomaden, die kaum gewerkschaftlich organisiert sind, ersparen. Nur ein schwerwiegender Unfall würde wahrscheinlich den nuklearen Unsichtbaren dazu verhelfen, von Seiten der Politiker, der Öffentlichkeit und der EDF, endlich Aufmerksamkeit zu erhalten, wie die erboste Wissenschaftlerin die herrschende Ungleichbehandlung zwischen "regulären" EDF-Angestellten und den privaten Nukleararbeitern kritisiert.

Eine Million Euro Kosten für einen Wartungstag

Die Wartungsarbeiten an den temporär abgeschalteten Reaktoren, den sogenannten Arrets de tranche", werden zu 80% von privaten Nukleararbeitern vorgenommen. Bis zu 1000 zusätzliche nukleare Arbeiter werden während dieser Reaktorabschaltungen eingesetzt. Viele sind für den Reaktorstop von weither angereist. Die Wartungsarbeiten an den Reaktoren müssen unter zunehmenden Zeitdruck vorgenommen werden.

Waren früher für einen Reaktorstop zwei bis zweieinhalb Monate vorgesehen, so müssen jetzt die Nukleararbeiter die Wartungen in 40 Tagen abgeschlossen haben, kostet die EDF eine Reaktorabschaltung doch 1 Million Euro pro Tag. Also versucht der Stromkonzern die Abschaltungen so kurz wie möglich zu halten. Auf Kosten der Sicherheit, versteht sich. Wegen möglicher unerwünschter Nebenwirkungen wenden Sie sich bitte an die EDF.

Nukleare Schweigepflicht

Manche "Unsichtbare" wie Philippe Billard, einer der wenigen, der es gewagt hat, Gewerkschaftsmitglied zu werden und auch prompt von seinem privaten Arbeitgeber entlassen wurde, treten nun ans Licht der Öffentlichkeit. Billard hatte die Traute, auf seine zahlreichen verstrahlten Kollegen und die kläglichen Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Er selbst wurde ebenfalls mehrmals verstrahlt.

Wer allerdings in der Nuklearbranche arbeiten will, muss offenbar lernen, schön brav das Maul zu halten und sich schweigend ein klein bisschen verstrahlen zu lassen. Billard betont, dass die Sicherheit der Atomanlagen in den Händen der privaten Nukleararbeiter liege:

Denn wer diese Wartungsarbeiten macht, sorgt für die Sicherheit. Wir sind die Garantie der Sicherheit der Nuklearinstallationen! Je schlechter man uns behandelt und unter Druck setzt, desto schlechter wird auch der Job erledigt.

Die "kleinen" Verstrahlungen der privaten Nukleararbeiter werden, nebenbei bemerkt, vom französischen Gesetzgeber nicht als Arbeitsunfall anerkannt. Wie auch beweisen, dass eine Erkrankung durch eine Verstrahlung in eine Atomanlage verursacht wurde?

Nur drei Erkrankungen werden in Frankreich zur Zeit als radioaktiv bedingt anerkannt. Ein Umstand, unter dem die Veteranen der französischen Nuklearversuche (Die Verstrahlten der Republik) noch immer, falls sie noch am Leben sind, leiden. Diese Nichtanerkennung hilft praktischerweise dabei, die Gesundheitsstatistiken zu beschönigen, und weiterhin die Gefahrlosigkeit der französischen Atomenergie zu predigen. Eine ähnliche Taktik wurde laut Sortir du Nucléaire jahrelang in Sachen "Ungefährlichkeit" von Asbest praktiziert.

Die Atomgegner dieser Organisation befinden darüberhinaus, dass die zunehmende Privatisierung der Wartungsarbeiten an den Reaktoren unverständlich und sogar gefährlich sei, hätten doch die EDF-Angestellten vor Ort eine größere und oftmals jahrelange Erfahrung im Umgang mit "ihrem" Reaktor.

Angelegenheit des öffentlichen Dienstes?

Laut den Atomgegnern ist die nukleare Sicherheit der ganzen Nation selbstverständlich Angelegenheit des öffentlichen Dienstes, also des Staates. Seit der europäische Energiemarkt 2004 liberalisiert wurde, ist die staatliche Eléctricité de France (EDF) zu einer Aktiengesellschaft geworden, an welcher der Staat 84,48 % der Anteile hält.

Weiter in Teil 2: "Ein französisches Fukushima ist unmöglich"

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