Im Bann des Artefakts

18.12.2011

"Trine 2" sieht fantastisch aus. Übertrifft es den Vorgänger auch spielerisch?

Fans von Puzzle-Platformern dürfen 2011 als guten Jahrgang verbuchen. Mit spektakulären Neuerscheinungen haben die Publisher bewiesen, dass die Grundformel - Hinderniskurse mit physikbasierten Rätseln und Geschicklichkeitsprüfungen - ganz unterschiedlich interpretiert werden kann. Portal 2 macht den Spieler zum Versuchskaninchen, das einen Ausweg aus dem höchst lebensfeindlichen Testlabor finden muss. LittleBigPlanet 2 bietet nicht nur knallbunte Fantasiewelten, sondern auch einen machtvollen Editor für individuelle Spielideen. Neben diesen AAA-Titeln haben auch mehrere Indie-Games das Genre bereichert: Das düstere Meisterwerk Limbo beispielsweise, das 2011 den Sprung von XBLA auf andere Plattformen schaffte, oder auch das meditative NightSky, Teil des neuen Humble Indie Bundle 4.

Ähnlich wie "Limbo" kommt auch "Trine" aus der Independent-Ecke. 2009 erschienen, wurde das Spiel des finnischen Entwicklerstudios Frozenbyte zum Überraschungshit - bis heute hat es sich mehr als 1,1 Millionen Mal verkauft. Mit dem Erfolg stiegen auch die Erwartungen an den Nachfolger "Trine 2". Frozenbyte reagiert darauf, indem es an einzelnen Stellschrauben dreht, die Grundkonstellation des Spiels aber beibehält. Erneut begleiten wir das ungleiche Heldentrio Amadeus, Pontius und Zoya in ein gefährliches Abenteuer: Das magische Artefakt Trine hat sie beauftragt, in den Wäldern des Märchenlandes nach dem Rechten zu sehen - dort tauchen seit neuestem nicht nur Horden von Goblins, sondern auch allerlei mutierte Pflanzen und Tiere auf.

Im Bann des Artefakts verschmelzen die drei Helden zu einer Person, der Spieler wechselt fortan per Tastendruck zwischen den Charakteren und nutzt ihre speziellen Fähigkeiten je nach Situation. So kann Magier Amadeus aus herbeigezauberten Kisten Treppen bauen, um damit hohe Mauern zu überwinden. Diebin Zoya ist eine erstklassige Bogenschützin und schwingt sich per Greifhaken über pfahlgespickte Gruben. Ritter Pontius schließlich ist ein bulliger Nahkämpfer, der seine Gegner gleich reihenweise in den Staub schickt. Wer das erste "Trine" gespielt hat, wird mit dem Komplementärsystem bestens vertraut sein und die zahlreichen Verbesserungen zu schätzen wissen.

Für die Physikrätsel hat sich Frozenbyte allerhand einfallen lassen. Da wäre zum Beispiel die heiße Luft, die an verschiedenen Stellen aus dem Boden strömt: Will man darin wie in einem Fahrstuhl nach oben schweben, muss man zunächst verschiedene Rohrbauteile suchen und zusammenmontieren. Auch Flüssigkeiten spielen in "Trine 2" eine wichtige Rolle: Wasserläufe lassen magische Pflanzen in Sekundenschnelle auf Baumhöhe sprießen, müssen aber zuvor über klug platzierte Plattformen umgeleitet werden; Lava- und Säurebecken wiederum sind nicht nur Hindernisse für die Helden, sondern dienen auch der "Entsorgung" lästiger Goblins. Frozenbyte hat die hauseigenen Physik-Engine für das Spiel komplett überarbeitet: Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

"Trine" wurde dafür kritisiert, dass es den Helden zu wenige Ausbaumöglichkeiten bot. Der Skill-Tree von "Trine 2" ist zwar immer noch nicht üppig, lässt aber eine höhere Spezialisierung der drei Charaktere zu. Pontius darf nun zwischen Frostschild, Feuerschwert, Sturmhammer und explosivem Hammer wählen; Zoya kann sich vorübergehend unsichtbar machen, was gerade in Bosskämpfen wertvolle Zeit einbringt. Voraussetzung für den Stufenaufstieg sind Erfahrungspunkte - die bekommt der Spieler, wenn er eifrig Monster metzelt, aber auch, wenn er mit gewagten Kletter- und Hüpfaktionen in entlegene Levelzonen vorstößt. Die Stufenpunkte lassen sich jederzeit von einem auf den anderen Helden umschichten: Das erweist sich als großer Vorteil, wenn man flexibel bleiben möchte, erfordert im Skill-Menü aber zu viele Klicks - Frozenbyte sollte hier mit einem Patch nachbessern.

Im Lauf des Spiels verfestigt sich das Gefühl, dass bei den Skills noch etwas mehr drin gewesen wäre - nicht zuletzt deshalb, weil der Magier mit seinen herausragenden Fähigkeiten ein deutliches Übergewicht besitzt. Auch die Lernkurve hätte gerne etwas stetiger ausfallen dürfen: In den ersten Kapiteln plätschert "Trine 2" vor sich hin, ehe der Schwierigkeitsgrad mit einem Mal deutlich ansteigt. Eine Hilfefunktion ist zwar aktivierbar, gibt aber oftmals nur sehr allgemeine Ratschläge. Gleichwohl halten sich die Frustmomente in Grenzen: An den letzten - und meist fair platzierten - Savepoint muss man erst zurück, wenn alle drei Helden das Zeitliche gesegnet haben - und selbst dann darf man die gesammelten Erfahrungspunkte behalten. Apropos Frust: Der ist im neuen Online-Koop-Modus durchaus gegeben, wenn man nicht per Headset, sondern per Ingame-Chat kommuniziert: Das Zusammenspiel scheitert dann häufig an Missverständnissen. Viel besser klappt das Ganze im Offline-Modus am heimischen PC: Maximal drei Spieler können via Tastatur und Gamepad kooperieren.

Wer von "Trine 2" eine ausgefeilte Story erwartet, wird zweifellos enttäuscht werden: Die Handlung erhebt sich nur unwesentlich über das flunderflache Niveau des Vorgängers. Atmosphärisch hingegen ist das Spiel über jeden Zweifel erhaben. Wenn Pontius zwischen haushohen Pilzen durch einen Urwald stapft oder Zoya durch eine Hexenbibliothek stöbert, dann wirkt das alles unglaublich lebendig und geheimnisvoll zugleich. Geschickt platzierte Lichtquellen verstärken nur noch die enorme Tiefenwirkung der Level, am liebsten würde man vom Weg abbiegen und in die verlockende Märchenwelt hineinschlendern. Als Spieler gerät man in einen fast schon hypnotischen Zustand - nicht zuletzt wegen des überaus beruhigenden Mittelalter-Soundtracks. Mit seinen abwechslungsreichen Rätseln, Kämpfen und Geschicklichkeitsprüfungen, der tollen Grafik und der Liebe fürs Detail zählt "Trine 2" zu den Game-Highlights des Jahres 2011. Bald soll es auch Konsolenfassungen des Spiels geben.

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